Mein liebster Ernst ! Konstanz, 01.01.43
Gestern, am letzten Tag des Jahres, bin ich leider nicht zum
Schreiben gekommen. Ich war am Nachmittag im Kino. Es wurde „Der große
Schatten“ gespielt. Es war wunderbar. Als ich wieder aus dem Kino kam, standen
die Kinder da, um mich abzuholen. Wir sind dann noch ein Bisschen durch die
Stadt gegangen, haben auch noch ein Viertel Gebäck geholt zum Knabbern, und
haben bei der Musik der SA-Kapelle ein wenig zugehört. Dann sind wir heimgegangen.
Da haben wir Abendbrot gegessen. Später kam dann Vater. Wir haben uns in die
Stube gesetzt, haben „Mensch ärger Dich nicht“ gespielt. Hinterher gab es
Kuchen und Kaffee. Dann legten sich die Kinder ein Bisschen aufs Sofa.
Geschlafen haben sie ja nicht, aber sich ausgeruht. Vater hat gelesen und ich
noch ein Bisschen gestopft und mit den Kindern gesprochen. Ich hatte ihnen doch
erlaubt, das erste Mal mit munter bleiben zu können. Da war die Freude groß.
Weißt Du, es ist auch nichts, nur mit Vater hier zu sitzen. Das ist so ruhig
und eintönig. Durch das Spielen war es schon schöner. Um 12 Uhr haben wir dann
ein Glas Wein getrunken, einen Wermutwein., der schön schmeckt. Den Kindern
hatte ich ihn halb mit Wasser verdünnt und Zucker reingetan. Wir haben nochmals
den Weihnachtsbaum angezündet, haben vor allem an Dich und auch an Kurt und
unsere anderen Verwandten gedacht. Wir haben auch immer Dein Bild vor uns
stehen gehabt. 1/1 1 sind die Kinder schlafen gegangen. Sie waren auch ziemlich
müd.
Nun muss ich Dir noch von meiner größten Freude schreiben.
Als wir gestern Abend heim kamen, war Dein Brief für Neujahr im Briefkasten.
Ich habe mich riesig gefreut. Und die vielen schönen Glückszeichen, die Du
aufgemalt hast. Ganz fein, und nicht so, wie Du schreibst, dass sie nichts
wären. Du hast uns eine große Freude damit gemacht, Du lieber Kerl. Gern habe
ich die Erinnerungen an frühere Neujahre gelesen und habe mir alles wieder
vorstellen können. Bei dem Neujahrsfest im Steinbruch waren Euch doch früh die
Schuhe steif gefroren, nicht wahr? Auch das Neujahrsfest, als wir unterwegs
waren, gehört zu den schönen Erinnerungen. Also vielen Dank für den schönen
Brief. Und dass er gerade zur rechten Zeit angekommen ist, das hat mich
besonders gefreut.
Heute Morgen erhielt ich Deinen lieben Brief vom 24.12. Es
tut mir sehr leid, dass Du Dich noch an der Weihnachtsfeier der Gruppe hast so
ärgern müssen. Warum war für Dich keine Platzkarte da? Wer hat das wieder
verbockt? Ich kann mir Deinen Ärger vorstellen. Mir ginge es auch so. Wenn sie
Dir auch eine kleine Entschädigung für den Ärger gegeben haben, ungeschehen ist
er nicht zu machen. Ein schöner Beginn des Weihnachtsfestes war es jedenfalls
nicht. Hoffentlich haben Dich am Weihnachtstag unsere Päckchen gefreut, dass Du
nicht ganz ohne weihnachtliche Stimmung sein musstest. Ich werde ja sicher bald
darüber von Dir hören.
An den Geburtstag Deiner Mutter haben wir hier auch gedacht,
ebenso an den Sterbetag. Dass Du wegen des Steines an Kurt schreibst, ist
richtig. Er könnte sonst meinen, wir wollten ihn übergehen. An Papa schreibe
deshalb nur auch einmal, denn man weiß ja nicht, wie oft ein Grab erneuert
werden kann, ob es jetzt, im Krieg, Steine gibt usw. Danach muss man sich erst
erkundigen.
Ich freue mich, dass es Dir nichts ausmacht, wenn ich mit
der Schreibmaschine schreibe. Du wirst ja inzwischen gesehen haben, dass die
Briefe mit der Maschine immer umfangreicher waren, als die handgeschriebenen.
Ich denke immer daran, wie unzufrieden Du mit den kurzen Briefen warst, die ich
mal eine Zeit lang geschrieben habe. Aber es ist so, wenn ich alles, was ich
jetzt so schreibe, mit der Handschreiben will, da vergehen ein paar Stunden und
Du weißt ja, meine Zeit ist immer knapp. Ja, wenn ich nur die Hausarbeit hätte,
aber so habe ich noch zu nähen und auch Schuhe zu reparieren. Stricken sollte
ich auch. Vater hat auch wieder einige Strümpfe anzustricken. Seine Jacke (die
zweite Arbeitsjacke) ist auszubessern usw. Langweilig wird es mir also nicht.
Und ein paar Minuten zum Ausruhen brauche ich auch mal. Sonst halte ich nicht
durch.
Heute haben Dir die Kinder ja wieder geschrieben. Mit den
vielen Küssen von Jörg wirst Du ja sicher wieder auskommen. Die lange für eine
Zeitlang.
Heute machen wir´s uns in der Stube wieder ein Bisschen
gemütlich. Das Radio ist auch drüben. D.h. ich bin bis jetzt nicht nüber
gekommen, aber nachher soll es doch noch ein Bisschen werden. Zur Feier des
Tages habe ich den Kindern versprochen, mit ihnen einige Spiele zu machen. Das
kommt sonst selten vor und freut sie sehr. Eigentlich wollten wir schon gestern
Abend noch mehr spielen, aber Vater hatte keine Lust dazu. Nur zu einem „Mensch
ärger Dich nicht“ ließ er sich bewegen.
Ich danke Dir auch, dass Du ein Päckchen mit Mehl an mich
abgesandt hast. Hoffentlich kommt es auch wieder gut an. Mehl kann ich ja immer
brauchen. Das ist ja nie überflüssig.
Wir haben doch die beiden Bücher von Papa bekommen
„Gottesferne“ ich habe es mal angefangen, das wird Dich sicher interessieren,
wenn Du es später mal lesen kannst. Mich hat es sehr gepackt. Es handelt sich
da um einen Streit zwischen dem Bischof von Würzburg und der Stadt.
Jörg steht schon bereit, um den Brief fortzubringen. Es ist
inzwischen schon ¼ 5 Uhr geworden. Wir haben heute spät gegessen, da wir erst
nach 9 Uhr aufgestanden sind. Dadurch ist der Tag etwas verschoben. Um ¾ 10
frühstück, um 2 Mittagessen.
Nun, lieber Ernst, schließe ich. So viel Küsse, wie Jörg,
schicke ich Dir ja nicht, aber auch ganz herzliche und viele liebe Grüße von
Deiner Annie.
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