Mittwoch, 3. Januar 2018

Brief 488 vom 3.1.1943


Mein liebster Ernst    !                                                                              Konstanz, 3.1.43

Als ich gestern Abend mit Vater noch ein Stück mitging bis zum Briefkasten, um den Brief an Dich einzustecken, hatte der Regen, der den Tag über herrschte, aufgehört, nur stürmte es noch. Dadurch war der Boden schon fast abgetrocknet. Als wir heute Morgen entdunkelten, war ein herrliches Bild zu sehen. Es hatte ziemlich geschneit und alles hatte eine Schneehaube auf. Jörg konnte es gar nicht erwarten, bis er Schlittenfahren konnte. Er war auch fast den ganzen Tag bis um ½ 6 Uhr draußen. Dabei musste er sich zwei Mal umziehen, da er patschnass war. Aber gefallen hat es ihm. Er kam auch mit ganz roten Backen herein. Helga hatte es nicht so gut getroffen. Sie ist nämlich unser kleiner Patient. Ich wollte Dir gestern nur noch nichts davon schreiben, weil ich nicht wusste, wie es sich entwickelt. Sonst hättest Du Dir umsonst Sorgen gemacht. Helga hat sich erkältet. Ich weiß nicht, ob schon früher oder gestern beim Baden bzw. vorm Baden. Sie ist nämlich ein paar Mal nackend im Waschhaus herum gerannt und es zog doch gestern überall. Ich habe wohl gleich geschimpft und sie ins Bad gesteckt, aber da wollte sie erst auch wieder nicht liegen sondern sitzen, was doch auch nicht gut ist. Ich habe, nachdem die Kinder fertig und oben waren, gebadet. Als ich fertig war und rauf kam, sagte Helga, es tue ihr an der linken Seite unterm Arm weh, sie könne gar nicht richtig Luft holen. Sie hat bald geheult. Ich habe sie dann gleich aufs Sofa legen lassen. Das heiße Bad hatte sie ja hinter sich. Ich habe einen Brustwickel gemacht, ihr heißes Zitronenwasser und später Lindenblütentee gegeben und dann hat sie richtig geschwitzt. Nachdem ich vom Briefwegschaffen heim kam, habe ich sie wieder ausgepackt, umgezogen, frischen Wickelgemacht und dann konnte sie schlafen. Fieber hatte sie fast keins. Sie hat auch die Nacht gut durchgeschlafen und heute Morgen tat es ihr nur noch weh beim ganz tief Luft holen. Ich habe die Wickel weiter gemacht, habe ihr auch Milch mit Bienenhonig gegeben, natürlich ganz heiß. Das Fieber ist heute Abend auch nicht höher als 37,3 gewesen. Gegessen hat Helga auch mit gutem Appetit und sie ist auch sonst ganz munter. Ich lasse sie aber noch solange im Bett, bis das Stechen ganz weg ist. Auch hinterher soll sie noch 1 – 2 Tage daheim bleiben. In der Schule entschuldige ich sie. Du brauchst Dir also keine Sorgen zu machen. Ich glaube nicht, dass es schlimm wird. In diesem Falle würde ich natürlich sofort den Arzt holen. Aber das wird sicher nicht nötig sein. Während ich hier schreibe, sitzt Jörg in der Stube und liest Helga Märchen vor. Das hat sie sehr gern. Ich habe ihr gesagt, dass das Lesen beim Liegen nicht so gut ist. Sie könnte sich auch nur die Augen verderben.
Für Jörg hat das Kranksein von Helga eine gute Seite. Ich habe ihm gesagt, dass er, solange Helga auf dem Sofa liegt, in Deinem Bett schlafen kann, damit er nicht ganz alleine im Zimmer ist. Darüber ist er natürlich gar nicht böse, sondern er freut sich mächtig und ist ganz stolz. Wegen ihm könnte Helga noch mehrere Tage in der Stube schlafen.
Nachher wollen wir zum letzten Mal den Baum anbrennen. Dann sind die Kerzen abgebrannt und neue kann man ja jetzt nicht mehr drauf tun. Es genügt ja auch so.
Heute Morgen haben wir sogar Kuchen gehabt. Vater hatte uns gestern Abend welchen zum Probieren mitgebracht. Einen kleinen, runden Kuchen und ein großes Stück Stolle, das 3 richtige Stücke ergab.
In der vergangenen Nacht habe ich gar nicht so ruhig geschlafen, weil ich immer ein Bisschen drauf gehört habe, ob Helga nicht ruft. Ich hatte ihr gesagt, sobald es etwas schlimmer werden würde, soll sie rufen. Da war ich immer so halb im Traum und halb im Wachen. Um 2 wache ich ganz auf und denke, jetzt habe ich doch den Wecker zu stellen vergessen. Jörg muss doch in die Schule. Also stelle ich den Wecker auf ½ 7. Um 5 Uhr wache ich wieder auf, da fällt mir ein, dass ja Sonntag ist. Also wieder abgestellt. Zuletzt wusste ich bald selber nicht mehr, was richtig ist. Die Kinder haben sich sehr amüsiert, als ich es ihnen erzählt habe.
Morgen habe ich große Wäsche. Eigentlich wollte ich gestern schon anfangen, aber es wurde dann nicht daraus, denn durch das Einkaufen und das Baden wurde es zu spät. Eingeweicht hatte ich schon am Freitag. Wenn Helga im Bett liegt, kann ich ja auch nicht den ganzen Tag unten sein. Ich habe es nun so gemacht, dass ich mir die kleinen Sachen schon oben im Topf gekocht und nur im Waschhaus gespült habe. Die Bettwäsche und die Sachen vom Vater nehmen dann doch nicht den ganzen Tag weg. Gar so viel ist es diesmal nicht, da Vater keine Bettwäsche gebracht hat und die Kinder ja auch meist bunte Sachen anhaben, die man jede Woche wegwaschen kann. Helga ist ja auch schon verständig und wird nicht gleich ungeduldig, wenn ich nicht immer bei ihr sitzen kann.
Eigentlich hatte ich Dir ja versprochen, heute mehr zu schreiben. Aber es wird auch nicht mehr, als gestern. Vielleicht freut es Dich auch so. Die Kinder warten schon auf mich, dass ich die Kerzen anzünden soll. Ich will sie nicht so lange warten lassen, denn Jörg soll heute beizeiten ins Bett, denn er muss um 8 Uhr in der Schule sein.
Lass mich deshalb schließen und nimm recht herzliche Grüße und ganz viel Küsse entgegen von Deiner Annie.

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