Montag, 29. Januar 2018

Brief 504 vom 21.1.1943


Mein liebster Ernst!                                                       Konstanz, 21.1.43

Ich weiß nicht, wie ich schreiben soll, „oh weh, Du musst 5 Mk. bezahlen“ oder „hurra, unser Sohn kann schwimmen“. Das kann er nämlich jetzt wirklich. Erst fing er auch heute mit dem Schwimmgurt an. Später war er eine Weile aus dem Wasser. Da wollte er zur Helga hin schwimmen. Ich sagte ihm, dort liegt dein Schwimmgurt. Er aber meinte, er wolle es einmal so versuchen. Er ging ins Wasser und schwamm los. Erst einige Züge, und zuletzt ist er über die ganze Bassinbreite geschwommen. Ich habe mich riesig gefreut und er war ganz stolz. Jetzt hat er es also auch geschafft. Ich denke, dass er jetzt seinen Ehrgeiz darein setzen wird, bald im Tiefen schwimmen zu können. Den ganzen Abend hat er von diesem großen Ereignis gesprochen.
Noch etwas muss ich Dir heute schreiben. Das ist aber nichts so freudiges. Ich war heute mit dem Vorschaltwiderstand beim Mayer. Es war nichts daran kaputt, nur ein Schräubchen war scheinbar locker geworden, denn jetzt geht er wieder tadellos. Nun sagte mir aber der Mayer, ich sollte zusehen, ob mir niemand in Frankreich einen neuen besorgen könnte, denn die vordere Platte, wo die Stecklöcher dran sind, wird spröde und bröckelt schon teilweise ab. Lange würde er wahrscheinlich nicht mehr halten. Das kommt scheinbar von der Hitze. Ich dachte nun, ob Du nicht einmal versuchen könntest, durch Dr. Thomas einen, oder wenn es geht, noch 2 Vorschaltwiderstände besorgen zu lassen. Er könnte sie mir hierher schicken und ich würde ihm sofort das Geld zusenden. Alle Markenzeichen, die auf dem Karton waren, habe ich Dir auf einen Zettel aufgeklebt. Vielleicht könntest Du ihm die mit hinschicken, damit er weiß, um was es sich handelt. Es wäre ja sehr schade, wenn es keine mehr gäbe, weil uns dann der Apparat nicht nützte. Hoffen wir, dass wir Glück haben.
Nachdem ich schon Deine lieben Briefe bis zum 10. Habe, kam heute Dein Brief vom 6.1. an.
Ich bin Dir bestimmt nicht darum böse, dass wir seinerzeit zur Resi hin gegangen sind. Ich habe lediglich festgestellt, dass wir immer viel zu viel Rücksicht auf andere Leute nehmen. Ich weiß ganz genau, dass Du es nur gut gemeint hast. Du meintest eben, sie sei vielleicht jetzt viel allein. Aber wie ich Dir seinerzeit schon sagte, glaub mir, sie hat mehr Bekannte wie ich. Außerdem ist das jetzt ja vorbei und die Hauptsache ist ja, dass wir viele schöne Tage mit einander verlebt haben. Und das haben wir doch, nicht wahr? Man hofft, so ein Urlaub käme bald wieder, aber damit wird es wohl noch gute Weile haben. Zu sehr darf man sich einen Urlaub gar nicht ausmalen, sonst wird das Warten viel zu schwer.
Ja, es ist wirklich manchmal komisch. Man meint, nur etwas ganz Besonderes könnte den Kindern gefallen. Aber darauf kommt es ja gar nicht so an. Siehst Du, als wir uns jetzt den einen Kasper selber gemacht haben. Das war eine Freude. Und er ist doch nichts Besonderes. Und dass Deine Puppen große Freude gemacht haben, das hast Du ja aus den Briefen der Kinder, besonders von Helga, gelesen.
Über das „heimlich tun“ Deines Vaters mit Kurt ärgere ich mich schon lange nicht mehr. Weißt Du, ich meine sicher, er wolle ihm noch etwas heimlich zustecken zum Mitnehmen. Dass er mir davon nichts sagt, das nehme ich ihm ganz bestimmt nicht übel. Du weißt ja, neugierig bin ich nicht. Er hätte ja auch ruhig mit Kurt gehen können. Nur sein verändertes Wesen kränkte mich erst etwas. Aber das ist lange wieder vorbei.
Verschiedene Urkunden hast Du auch wieder erhalten. Das ist fein. Man freut sich über jedes, was man noch erhalten kann. Es geht ja jetzt auch ziemlich weit zurück.
An Papa habe ich heute 2 Päckchen geschickt, eines mit einer Flasche Wein. Ich hatte diesen bei Tengelmanns zugeteilt bekommen. Ich glaube, „Saarpfälzer Ruwer“ heißt er. Im anderen Päckchen sind einige Schachteln Zigaretten und etwas Gebäck. Nicht viel, aber mehr hatte ich nicht. Ich habe dazu eine Karte geschrieben. Einen längeren Brief, als Antwort auf seine Schreiben, will ich morgen oder übermorgen schreiben.
Beim Baden war es heute wieder fein. Das Schwimmen ist immer so schön. Zuerst hat mir etwas der Rücken wehgetan. Ich habe gemerkt, dass wir jetzt mehrere Wochen nicht da waren. Ingrid war auch mit. Helga und sie sind immer zusammen geschwommen oder ins Flache gesprungen. Ich bin mehr bei Jörg geblieben. Der steht ja jetzt auch nicht mehr so rum und friert, sondern schwimmt immer. Sein Üben hat ja jetzt auch seinen Lohn erhalten. Er hat einen mächtigen Stolz, dass er nun auch schwimmen kann und nicht mehr so rumkrabbeln braucht. Als wir heim kamen, hatten wir einen mächtigen Hunger. Ich habe gleich Abendbrot gemacht. Wir hatten selber gemachte Nudeln. Die haben gut geschmeckt. Am Mittag gab es weiße Bohnen. Die gibt es morgen nochmal, denn es sind so viele übrig geblieben. Aber die Kinder essen sie auch gern, da macht es nichts aus.
Jetzt will ich mich noch eine Weile ans Stricken setzen, sonst muss Dein Vater zu lange warten. Morgen will ich den Tag auch dazu benutzen, nur am Morgen fahre ich zum Kleiderkarten holen.
Nun lass mich schließen. Bleib mir ganz gesund, mein liebster, bester Ernst und sei ganz herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

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