Dienstag, 16. Januar 2018

Brief 491 vom 7.1.1943


Mein lieber, guter Ernst!                                                                         Konstanz, 7.1.43

Zuerst muss ich mich entschuldigen, dass ich gestern nicht geschrieben habe. Ich bin nicht dazu gekommen. Da will ich Dir vor allen Dingen von unserem gestrigen Tagewerk berichten. Du weißt ja, dass die Kinder viele Bücher haben. Zu Weihnachten haben sie auch wieder welche bekommen. Wohin damit? Das ist eine wichtige Frage, denn es soll doch nichts liederlich herumliegen. Und sie Sachen nur irgendwo hinstecken, dass man sich fürchten muss, den Schrank, oder was es sonst ist, aufzumachen, so liederlich sieht es aus, das ist mir auch nichts. Also habe ich hin und her überlegt. Gestern kam ich zu einem Ergebnis. Ich habe die braune Truhe von Mama ausgeräumt, wo die eingemotteten Sachen drin waren und habe sie den Kindern zur Verfügung gestellt. Wir haben die Bücher rein getan. An jeder Seite einen Stoß Bücher, in der Mitte die kleinen Hefte und vorn an die Truhenwand die ganz großen Bücher. So kann man jederzeit sehen, wo das Buch, das man sucht, ist. Und es ist alles versorgt. Die eingemotteten Sachen habe ich mit in eine andere Truhe getan. Durch Wegnahme der Bücher ist ein Brett des Regals in der Küche frei geworden. Dahin sind die neuen Spielsachen gekommen und es ist sogar noch etwas Platz. Den kleinen Kindertisch haben wir auf den Speicher gestellt, da ja die Kinder doch nicht mehr daran sitzen können. An der linken Seite des Kinderzimmers sieht es jetzt so aus: 1 Kinderstuhl mit Puppe, dann die große Truhe von Dir auch mit 2 großen Puppen drauf, dann der Schrank und hinten die Büchertruhe mit der Puppenwiege drauf und den kleinen Puppenbetten daneben.
Es sieht bald so aus, als ob Helga nur Spielsachen hätte, aber Jörg hat seine meist im Regal in der Küche.
Als wir mit Umräumen fertig waren, habe ich aufgeräumt, Essen gekocht, nach dem Essengebügelt, hinterher Sachen ausgebessert. Dann habe ich Abendbrot gemacht, wir haben gegessen, ich habe alles aufgeräumt und dann habe ich wieder gestopft. Es war schon gegen 12 Uhr, als ich ins Bett kam. Jörg kam gestern Abend auch heim und brachte ziemlich zerrissene Handschuhe mit. Er war den Weberbuckel runter gefahren und an einer Telegrafenstange gelandet. Dabei waren die Handschuhe gründlich kaputt gegangen.
Helga war heute doch noch nicht in der Schule. Gestern war sie auf, aber da das Stechen etwas zunahm, habe ich sie wieder in den Liegestuhl legen lassen und wir haben Wickel gemacht. Heute Morgen habe ich die große Badewanne raufgeholt, Helga hat ein heißes Bad machen müssen und hinterher habe ich sie ins Bett zum Schwitzen gesteckt, was sie auch gründlich besorgt hat. Seitdem spürt sie fast nichts mehr, auch nicht beim Tiefluftholen, nur ab und zu mal ein vereinzeltes Stechen. Das ist nicht schlimm, aber ich will vorsichtig sein. Erst soll sie ganz gesund werden, darum halte ich sie auch morgen noch im Bett. Ich habe nochmals gründlich in dem Buch von der Krankenkasse nachgelesen. Danach könnte es sich bei Helga um eine ganz leichte, trockene Rippenfellentzündung handeln. Dabei tritt noch kein Fieber ein und die Krankheit macht sich einzig durch ein Stechen in der linken Seite bemerkbar. Das ist an sich nicht schlimm, wenn man es nicht hängen lässt, dass es sich zu einer nassen Rippenfellentzündung entwickelt, wobei dann Husten und auch Fieber dazu kommt. Es kann sein, dass es sich nicht einmal um eine leichte Rippenfellentzündung handelt, aber ich will lieber vorsichtig sein. Ich habe Wickel, heißes Bad und auch Schwitzen durchgeführt, wie es vorgeschrieben ist, und der Erfolg gibt mir ja Recht. Als Vater vor 2 Jahren auch so Stechen in der Seite hatte, es ihm aber viel schlechter ging, als Helga, die ja dabei ganz fidel und lustig ist, musste er auch nur kalte Wickel machen und für den Husten bekam er Hustensaft. Den gebe ich ja Helga zum Vorbeugen auch noch.
Als Jörg heute sah, dass Helga gebadet werden sollte, hat ihn das gleich angemacht und er meinte, ich sollte die Badewanne da lassen, er wollte heute Nachmittag auch baden, er ginge da lieber nicht raus. Das hat er auch getan. Nach dem Essen hat er gleich Schulaufgaben gemacht und dann hat er fast 1 Stunde gebadet. Ich habe ihm immer warmes Wasser zugegossen. Das hat ihm prima gefallen.
In dieser Woche hat es verschiedene Lieblingsessen der Kinder gegeben. Am Montagmittag Grießbrei mit Zucker und Zimt, am Abend Kartoffeln mit Butter, Quark und Bräkelsalz, am Dienstagmittag Kartoffelstückchen mit Fleisch, am Abend Kartoffelpuffer und Brot, Am Mittwochmittag Rahmkartoffeln mit Ei, am Abend Spätzle und Soße, heute Mittag rohe Klöße und Soße, am Abend gebratene Klöße und Brot.
Ich möchte Dir recht herzlich danken für Deinen Brief vom 26.12.,  den ich heute erhielt. Ich freue mich schon, wenn du etwas ausfindig gemacht hast, wodurch die Beförderung der Briefe schneller geht. Da erhalte ich doch immer schneller Deine lieben Zeilen.
Da hast du schon richtig gedacht, als Du meintest, ich würde Dir nicht böse sein, wenn Du auch mal eine Schachtel Pralinen gegessen hast. Du sollst aber auch die anderen Sachen nicht alle herschicken. Dir tut es auch gut, wenn Du mal sowas hast. Wenn Du schon was schicken willst, dann tut es auch ein kleiner Teil. Ich möchte doch, dass Du Dir nicht alles absparst. Du bist dort sowieso in einer so miesen gegen, das ganze Russland ist ja scheinbar so. Da kannst Du auch mal eine kleine Freude vertragen und wenn es nur in Form von ein paar Pralinen oder Schokolade ist. Also, nicht wahr, mein lieber Schatz, spar Dir nicht immer alles ab.
Du erzählst mir in Deinem Brief von einem Bild, das Du in einem Soldatenheim gesehen hast, von einem Posten vor einer großen, russischen Weite. Das Bild kommt mir bekannt vor. Ich weiß nicht, habe ich es irgendwo mal gesehen, oder hast Du mir in Deinem Urlaub davon erzählt. Ich kann es mir jedenfalls ganz richtig vorstellen. Wenn ich von Russland höre, da denke ich auch immer an das Buch „Das vergessene Dorf“. Darin wird doch diese Weite auch richtig geschildert. Das Land ist so groß, dass Dörfer glatt vergessen werden, dass noch Volksstämme dort wohnen, von denen fast niemand eine Ahnung hat. Man kann sich das hier in unserem Land gar nicht vorstellen.
Die kleine Tischkarte von der Weihnachtsfeier habe ich mit aufgehoben.
Wir haben heute einmal unsere Abzeichen sortiert und gebündelt je nach der Sorte. Man kommt sonst in der Masse nicht mehr durch. Die doppelten haben die Kinder bekommen. Die haben jetzt doch ihren eigenen Kasten, da sie eine ganze Schachtel von Leipzig bekommen haben. In unserer Abzeichenschachtel waren auch zwei ganz kleine Glöckchen drin. Durch diese Glöckchen bin ich auf den Hahn in dem Buch „Jürnjacob Swehn, der Amerikafahrer“ gekommen. Wie er ihm eine Glocke umgehängt hat und wie der sich nachher ganz verrückt gebärdet hat. Das habe ich den Kindern erzählt. Die haben so sehr lachen müssen und Helga meinte, da lachte sie sich noch ganz gesund. Ich habe ihnen schon Manches daraus erzählt. Das gefällt ihnen besser, als das daraus vorlesen. Man kann es ihnen so besser verständlich machen. Es hat ihnen jedes Mal gefallen, und Helga will es bald mal lesen, wenn sie größer ist.
Nun mein liebster Ernst, lass mich schließen. Es ist auch schon wieder spät, ¾ 11 Uhr. Ich grüße und küsse Dich ganz herzlich, Deine Annie.

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