Mittwoch, 3. Januar 2018

Brief 485 vom 30.12.1942


Mein liebster Ernst    !                                               Konstanz, 30.12.42

Gestern Abend hatte es mit schneien begonnen. Heute Morgen lagen einige Zentimeter Schnee. Das gab einen Jubel bei den Kindern, das kannst Du Dir denken. Ich hatte gestern Abend mit ihnen ausgemacht, dass wir zusammen in die Stadt gehen wollten. Erstens wollte ich noch für Dich den Illustrierten Beobachter besorgen, den es diesmal nicht eher gab und dann wollte ich Geld holen. Diesmal stand es schon ab 30. Zur Verfügung. So sind wir mit 2 Schlitten losgezogen. Oft habe ich sie gezogen, manchmal sind sie so hinterher gelaufen und haben sich nach einem Anschwung drauf geworfen. Jeder kleine Buckel unterwegs wurde auch ausgenutzt zum runterrodeln. Ich habe dann erst die Zeitung und dann das Geld geholt. 30 Mk. habe ich noch eingezahlt, so dass wir jetzt 626.- haben. Als wir beim Gruner vorbei kamen, sah ich Segeltuchfäustlinge. Ich dachte, das wäre was für die Kinder, damit sie nicht gleich ihre gestrickten Handschuhe ganz kaputt machen beim Schlittenfahren oder spielen. Leider hatten sie keine mehr oder wollten sie nicht verkaufen. Das kann man beim Gruner nie genau wissen. Ich bin dann noch zum Kaufhaus Schulz gegangen und habe da danach gefragt. Und ich hatte wirklich Glück. Zwar waren die Handschuhe nicht aus Segeltuch, sondern aus dunkelblauem Stoff, aber sie waren auch noch gefüttert und erfüllen auch so ihren Zweck. Da kamen Viele angelaufen, die welche haben wollten. Man glaubt gar nicht, wie sich sowas rumspricht, wenn es etwas gibt. Dabei waren die Handschuhe sogar noch punktfrei. Aber sie wurden nur für Kinder verkauft. Nun haben unsere Beiden auch welche. So werden sie Wollhandschuhe geschont, denn Wolle ist jetzt ein seltener Artikel.
Wir sind dann noch zum Tengelmann gegangen. Da habe ich wieder eine Flasche Weinbekommen. Dann sind wir zum Metzger, da habe ich ausnahmsweise mal Leber erwischt, die die Kinder doch so gern essen. Heute Mittag hat´s die bei uns noch gegeben. Dann sind wir heimgegangen. Am Nachmittag habe ich noch etwas mit der Maschine genäht, Jörg war oben im Hausgang und hat mit seinen Spielkameraden Walter und Richard seine Eisenbahn aufgebaut und mit ihr und seinen Soldaten gespielt. Erst waren sie im Vorraum, aber da kamen die großen Jungen aus der Nachbarschaft und haben sie immer gestört. Helga hatte Besuch von Ingrid, die ihre französische Puppe mit hatte, die sie zu Weihnachten von ihrem Vater erhielt und die natürlich auch Yvonne heißt, wie Helga ihre. Da wurde dann erst mal verglichen, welche schöner war. Aber sie haben sich geeinigt, dass alle beide schön seien. Helga ihre ist größer und Ingrid ihre hat dafür gleich einen kleinen Kofferschrank mit Sachen. Da gleicht sich´s aus. Helga hatte das eine Plus, dass sie sogar noch eine ukrainische Puppe hatte. Das ist natürlich was Besonderes.
Helga schreibt jetzt wieder an einem Brief für Dich. Jörg hatte sich´s auch schon vorgenommen, aber seine Freude am Schreiben ist nicht so groß. Er hat Dir lieber mal seine Weihnachtsgeschenke aufgemalt. Jörg zieht sich gerade nochmals die Schuhe an, denn er und Helga wollen doch noch mit zum Briefkasten gehen. Bei Schnee ist das noch eine besondere Freude.
Nun lass mich heute schließen. Ich weiß nichts mehr zu berichten. Ich grüße und küsse Dich recht herzlich, Deine Annie.

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