Mittwoch, 3. Januar 2018

Brief 468 vom 13.12.1942


Mein liebsterErnst!                                        Konstanz, 13.12.42

Nanu, schon wieder mit Schreibmaschine geschrieben, wirst Du sagen, kann sie nicht mehr mit der Hand schreiben? Aber weißt Du, es ist so, ich schreibe ja sowieso gern Maschine, das weißt Du, und außerdem kann ich da so schreiben, wie ich denke. Beim Handschreiben laufen mir immer die besten Gedanken weg, ehe ich sie aufs Papier bringe. Das gibt dann so kurz, fade Briefe. Und außerdem ist mir heute die Zeit kurz. Die Kinder haben Dir ja schon heute Nachmittag geschrieben und Dir mitgeteilt, dass ich erst heute Abend dazu komme, weil ich eine Arbeitsjacke für Vater ausgebessert habe. Wie ich Dir gestern schrieb, fängt Vater ja morgenvorübergehend woanders an, bis wieder Arbeit da ist. Da möchte er eine ordentliche Jacke anziehen. Die er bis jetzt gehabt hat, ist auch nicht mehr einwandfrei. Die zweite Jacke hatte ich schon einige Zeit zum Ausbessern hier, konnte sie aber noch nicht fertig machen. Es war ziemlich viel daran zu tun, bei 3 Taschenfast die Hälfte erneuern, vorn den ganzen Verschluss erneuern, die Ärmel waren unten hin usw. Ich habe mich nun heute gleich hingesetzt und habe von früh bis Nachmittag 4 Uhr genäht. Natürlich, gegessen habe ich dazwischen auch. Dann habe ich Jacke gleich noch zu Vater runter geschafft. Ich hatte es ihm gestern Abend versprochen. Er hat sich sehr gefreut und hat mir gleich noch ein Pfund Mehl mitgegeben. Gestern hat er mir auch Marken dagelassen für noch ½ Pfund Mehl. Das hat mich wieder gefreut.
Gestern Abend, als Vater Heim ging, bin ich noch mit bis an den Briefkasten gegangen. Ich hatte die Taschenlampe mit und konnte Vater ein wenig leuchten. Es war nämlich neblig und die Straße ein Bisschen glatt. Wie Vater mir sagte, ist er am vergangenen Montag, als es auch so glatt war, an der Ecke von der Schneckenburger Straße hingefallen. Darauf wollte ich es doch nicht ankommen lassen. Er hatte gestern noch den Dreifuß mitgenommen, da er sich Schuhe besohlen will. Da hätte ihm das Einsen ja schon ins Kreuz geschlagen. Um die Ecke ist ja die rutschigste Stelle. Dann geht es besser. Er hat sich auch sehr bedankt, dass ich mitgegangen bin.
Als ich heute von Vater wieder rauf kam, hatte Helga schon den Abendbrottisch gedeckt. Es war zwar zum Essen noch ein Bisschen früh, aber gefreut habe ich mich doch, dass sie so aufmerksam war. Wir haben erst noch eine Sendung im Radio gehört, wo Soldaten für Soldaten spielten und sangen. Vielleicht hast Du es auch gehört. Es hieß: „10 Eichkater, 10 Kuriere von Rhew“. Das war eine prima Sendung, die uns allen sehr gefallen hat. Sowas könnten sie öfters bringen. Dann haben wir Abendbrot gegessen. Hinterher haben wir das Radio ausgedreht, Jörg hat gemalt, Helga hat gehäkelt, ich habe gestrickt (am 3. Handschuh) und dabei zwei Märchen vorgelesen. Es war sehr gemütlich. Vorhin sind die Kinder nun ins Bett gegangen.
Nach längerer Zeit hatten unsere beiden Nebenparteien wieder mal Sonntagslaune. Außer heftigem Geschrei haben die oberen getrampelt und die unteren die Türen zugeschlagen. Das gab ein Getöse, dass es bis zu uns rüber klang. Ich weiß nicht, dass da Keiner gescheit ist?!? Ich an Ihrer Stelle hätte gar nicht darauf gehört, was die anderen schreiben, hätte mein Radio angedreht und gedacht, leckt mich fett. Ich muss doch nicht extra drauf hören, was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Oder ich hätte mich angezogen und wäre fortgegangen. Aber die Leute müssen wissen, was sie machen. Als ich von Vater heim kam war glücklicherweise der Friede wieder im Haus eingezogen.
Heute Morgen hat die Überraschung mit der Zwiebacktorte geklappt. Ahnungslos kamen die Kinder raus. Erst hat´s Helga gesehen. Ich hab ihr aber einen Wink gegeben, sie soll erst mal still sein. Aber ihre Augen haben doch fröhlich geleuchtet. Dann kam Jörg aus dem Bett, und als er die Torte sah, ist er mir gleich an den Hals gesprungen. Helga dann auch und Beide haben sich gefreut. Das hat mir dann großen Spaß gemacht.
Ganz friedlich ist zwar der Tag nicht vorüber gegangen, ich habe Beiden mal ein Bisschen Wichse geben müssen, weil sie sich gar zu arg gezankt haben. Aber die Wichse hat alles wieder bereinigt und nach dem Gewitter war eitel Sonnenschein, der auch bis heute Abend gehalten hat. Sie waren fröhlich bis ins Bett.
Das war nun unser Sonntag, zu dem nur gefehlt hat ein Brief von Dir. Der ist, wie auch gestern, nicht eingetroffen. Aber vielleicht kommt morgen einer oder evtl. sogar zwei. Freuen tue ich mich jedenfalls mal drauf. Enttäuscht kann ich dann immer noch sein. Aber Du bist ja so ein lieber Schreiber, da brauche ich ja meist nicht so lange warten, oder eigentlich überhaupt nie lange.
Unser Bub hat heute wieder mal die ganze Stube belegt gehabt, erst mit Soldaten und dann mit der Eisenbahn. Er hat sehr schön gespielt. Helga hat mal ein Bisschen mitgespielt, aber nicht lange, denn sie wusste nicht, was sie eigentlich dabei tun soll. Das ist ja sowieso kein Mädchenspielzeug, und dann lässt sich Jörg auch nicht gern dreinreden. Sie hat dann lieber an einem Blüschen für ihre Puppe gehäkelt. Das passt besser zu ihr.
Jörg hat Dir ja heute in seinem Brief versprochen, jeden Tag an Dich zu schreiben. Das musst Du nicht ganz wörtlich nehmen, denn solche Ausdauer hat er da nicht drin. Helga nimmt die Sache schon ernster, wenn sie was versprochen hat und sie schreibt auch gern an Dich. Bei Jörg glaube ich aber, dass ihm bald allerhand Ausreden einfallen, warum er nicht schreiben kann. Dass er Dich trotzdem lieb hat, weißt Du ja, nicht wahr? Seine Schulaufgaben macht er ja ordentlich, aber wenn es mal viel ist, seufzt er doch „nicht mal spielen kann man“. Dass die ferien verkürzt wurden, hat ihn auch sehr erbittert. „Feige Kerle sind das,“ meinte er, „die paar Tage, die wir nun noch Ferien haben.“ Jörg ist auch sehr geschäftstüchtig. Wenn er seine Eisenbahn mit in den Vorraum nimmt, darf nur mitspielen, wer, wer ihm was dafür bringt. Das ist eine Ausnahme, wenn er´s mal so macht. Jetzt hat er schon ein ganz kleines Holzauto und eine kleine, leichte Holzeisenbahn, sowie eine Laubsägearbeit „Siegfried am Amboss“ zusammen. Ich glaube, es war noch was, aber das Hauptsächlichste habe ich genannt. Helga bringt nun sowas überhaupt nicht fertig, sie ist wieder ganz anders. Aber ich glaube nicht, dass es was schadet, wenn ein Junge so ist. Nun lass mich wieder schließen, sonst recht das Blatt nicht mehr. Ein Stück vorher ist leider der Bogen etwas zerrissen. Das musst Du entschuldigen, da bin ich an der Maschine hängen geblieben. Ich grüße und küsse Dich wieder recht fest und ganz herzlich Deine Annie.

P.S.: Vater bat mich heute,, ich möchte Dir noch herzliche Weihnachtsgrüße bestellen, was ich hiermit tue. Unseren Weihnachtsbrief wirst Du doch hoffentlich erhalten haben. Auf jeden Fall wünsche ich Dir auch heute nochmals ein frohes Weihnachtsfest, Du mein lieber Mann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen