Freitag, 8. Dezember 2017

Brief 462 vom 7./8.12.1942


Mein lieberMann!                                         Konstanz, 7.12.42

Heute Morgen habe ich Dir ja schon etwas geschrieben. Es ist eigentlich nicht mehr viel zu berichten. In der Hauptsache habe ich heute gestopft. Am Nachmittag bin ich noch schnell in die Stadt gefahren und habe eingekauft. Als ich heim kam, war Helga schon von der Schule da und auch Jörg war in der Küche. Erst war er im Vorraum beim Spielen mit dem Richard und seinem Schulfreund Karl, den er bestellt hatte. Es war heute kein schönes Wetter, bei Tag war leichter, am Abend dicker Nebel. Man ist froh, wenn man daheim ist. Wir haben bald Abendbrot gegessen als ich daheim war, dann hat Helga an Dich geschrieben und Jörg hat mir Wolle aufwickeln geholfen. Ich habe einen weißen Unterrock aufgetrennt, den Mama gestrickt hat, da ich ihn doch nicht hätte verwenden können. So habe ich wieder einen Wollvorrat da. Nachher hat Jörg noch ein Bisschen auf meinem Schoß gelegen, denn wenn er auch schon groß ist, Zärtlichkeit kann er doch vertragen.
Später haben wir dann mit der Mundharmonika Weihnachtslieder gespielt. Das gefällt den Kindern sehr. Nun liegen sie schon längere Zeit im Bett.
In dieser Woche haben wir jeden Nachmittag was vor. Morgen geht es nähen, die Kinder wollen mit; am Mittwoch zum Zahnarzt, Helga und ich haben was kaputt und bei Jörg lasse ich nachsehen; am Donnerstag geht es baden, am Freitag haben die Kinder turnen und am Samstag sollen sie mit dem Großvater in die Stadt gehen. Das ist doch ein großes Programm.
Vorhin war Vater da. Er hat aber Augen gemacht, als die Tür am Schränkchen dran war. Er wollte erst was aussetzen und meinte, er hätte sie von der anderen Seite dran machen wollen, aber ich konnte ihm gleich beweisen, dass das nicht wahr ist. Dann schaute er, ob ich die Bänder eingelassen hatte, das war aber auch geschehen. Da hat er es dann aufgegeben.

                                                                                                             8.12.42
Guten Morgen liebster Mann!

Zwar, so spät stehst Du ja auch nicht auf, es ist nämlich schon Vormittag. Ich bin gerade mit Reparieren von Schuhe fertig. D.h., alle sind es noch nicht, aber auf die restlichen 2 Paare müssen ganze Sohlen. Dazu bin ich heute noch nicht gekommen. Ich habe nur auf drei Paar Flecken draufgesetzt. Mit ganzen Sohlen muss man sparsam sein, die kommen nur drauf, wenn es unbedingt nötig ist.
Vorhin erhielt ich Deinen lieben Brief vom 24. Du armer Kerl, kriegst Du jetzt auch Kopfweh. Ich kenne das und weiß, dass man da keine rechte Lust zum Schreiben hat. Deshalb danke ich Dir auch, dass Du mir trotzdem einen Gruß geschickt hast.
Den Brief von und an Nannie habe ich noch nicht gelesen, ich will lieber erst fertig schreiben, damit der Brief noch rechtzeitig fort kommt.
Von dem einen Theater hast Du also genug. Das glaube ich gern, lieber kein Theater, als eine Vorstellung, bei der man in jeder Beziehung enttäuscht ist.
In unserer Zeitung stand heute der beiliegende Artikel über die Weihnachtsaufführung von „KdF“. Helga sagte, ich sollte ihn Dir mitschicken und das unterstreichen, wo sie mitgespielt hat. Das habe ich auch getan.
Nun lass mich schließen, ich muss noch ans Mittagessen denken. Wenn unsere Lauser heimkommen, haben sie Hunger.
Viele, viele Grüße und Küsse von deiner Annie.

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