Sonntag, 2. Juli 2017

Brief 367 vom 30.6./1.7.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 30.6.42

Immer ist es jetzt spät abends, wenn ich zum Schreiben komme. Aber bei Tag habe ich jetzt immer ziemlich zu tun. Heute Morgen habe ich Geld geholt, eingekauft. Ich hatte dir doch geschrieben, dass wir vor einiger Zeit Holzkläpperle für Jörg gekauft haben. Die waren inzwischen schon wieder kaputt. Heute habe ich für Helga ein paar gute bekommen können. Nach diesem Muster habe ich nun die Oberteile für Jörg´s Kläpperle gemacht, so dass er sie auch wieder anziehen kann. Er hat sich gefreut, als er heute Mittag heim kam, ebenso natürlich Helga. Am Nachmittag habe ich 4 Pfund Johannisbeeren gepflückt. 2 Pfund habe ich Zwischenlage zu einem Griespudding verwendet, der unser Abendbrot darstellte, die anderen 2 Pfund habe ich gerade vorhin zu Marmelade eingekocht. Vorm einkochen habe ich noch unsere Wäsche gewaschen, denn ich bekam den Waschhausschlüssel schon etwas früher. Das habe ich gleich ausgenutzt. Morgen früh muss ich doch für Vater die Rente holen. Da vergeht auch einige Zeit. Da habe ich dann nur noch seine Wäsche zu waschen und unsere aufzuhängen.
Als ich beim Johannisbeeren pflücken war, rief ich die Kinder und fragte, ob sie Zeit hätten. Als sie bejahten, sagte ich zu ihnen, dann sollten sie mal so viele Johannisbeeren essen, wie sie können. Da haben sie sich aber an die Büsche gekauert und gegessen. Als sie nicht mehr konnten, hat Jörg gleich eine Tüte geholt und hat sie für sich und Helga gefüllt. Er hat gedacht, die Gelegenheit muss er ausnutzen. Bis jetzt haben wir ca. 10 Pfund Johannisbeeren geerntet, ohne die, die wir so vom Strauch gegessen haben. Es sind aber noch ziemlich viel drüben. Das ganz kleine Stachelbeerbäumchen trägt dieses Jahr auch ca. 2 Pfund Beeren. Ich habe es kräftig stützen müssen. Mit den Erdbeeren ist es so ziemlich fertig. Es hat etwas über 30 Pfund gegeben.

1.      Juli
Heute sind es nur noch drei Tage bis zu deinem Geburtstag. Hoffentlich hast du wenigstens unseren Brief bekommen, dass du an diesem Tage nicht ohne einen Gruß von uns bist.
Ich muss nun in die Stadt fahren und schließe deshalb. Ich grüße und küsse dich recht herzlich Deine Annie.

Brief 366 vom 29./30.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 29.6.42

Heute erhielt ich deinen lieben Gruß vom 17.6., in dem du mir von deiner Arbeit erzählst. Das interessiert mich immer wieder und ich freue mich, wenn ich ein wenig weiß, was du so am Tag tun musst.
Du schreibst, dass du den Brief an Papa, in dem du ihm deine Meinung sagen wolltest, nicht geschrieben hast. Das ist vielleicht ganz gut so, denn bis du Papa´s Brief erhältst und Papa dann deinen, vergehen einige Wochen. Während dieser Zeit ist meist zwischen Papa und mir schon wieder geschrieben worden und die Situation ist eine andere. Einmal steht es besser, einmal schlechter, gleichbleibend ist es doch nie. Ich kann auch nicht zu allem ja und amen sagen, wie es Papa gern möchte. Er ist in das Fräulein vernarrt, oder sie hat ihn so eingewickelt. Das bleibt sich ja gleich. Eine „Gute“ bin ich auch nur so lange, solange ich nicht dort bin oder ihm entgegen trete. Dass er aber mit jedem Brief meinen Schmerz um Mama immer wieder aufreißt, das merkt er nicht. Ich könnte jetzt manchmal noch heulen und kann es nicht begreifen, dass sie wirklich tot sein soll, da kommt Papa dauernd mit dem Fräulein und will sie einem aufdrängen.
Es ist jetzt schon wieder ¾ 11 Uhr. Den halben Nachmittag war ich im Garten, habe die Brombeerranken ein bißchen geordnet, denn die wachsen jetzt ganz wild nach allen Himmelrichtungen, später habe ich Unkraut raus gemacht. Hinterher habe ich von dem Bäumchen mit den großen Stachelbeeren 4 Pfund abgemacht. Das sieht man aber gar nicht, dass welche weg sind, so viel Stachelbeeren hat es wieder. Auch an den anderen Sträuchern und Bäumchen. Ich bin ja so froh drum, denn wenn wir keinen Garten hätten, könnte ich gar nicht an Marmelade denken. So habe ich auch heute Marmelade gekocht. Auch zum so essen haben wir jetzt immer Beeren. Und das verdanken wir alles dir, mein lieber Ernst. Jetzt kann man wirklich froh sein, wenn man einen Garten hat.
Am Nachmittag habe ich wieder Nudeln selber gemacht. Den Kindern schmecken sie auch gut und wir haben auch ab und zu etwas zum Abendbrot, denn der Gries reicht ja nicht den ganzen Monat.

                                                                                                                                    30.6.42

Ich nehme jetzt den Brief mit, wenn ich das Geld holen gehe. 20.- zahle ich auf unser, und je 3.- auf den Kindern ihr Buch ein. Ich hätte ja mehr übrig, aber ich will etwas behalten, damit wir, wenn Erna kommt, auch mal mit fortfahren können.
Heute Nacht habe ich wieder einmal von Dir geträumt. Ich habe dich dort besucht. Erst habe ich lange Zeit suchen müssen, denn du warst gar nicht da, und dann haben wir uns nur kurze Zeit gesehen. Aber wie froh war ich schon darüber. Die Sehnsucht ist mir jetzt noch geblieben. Es ist, als ob du gerade erst wieder fortgefahren wärst. Lieber Ernst, behalte uns lieb. Ich grüße und küsse dich ganz fest, Deine annie.

Brief 365 vom 28.6.1942


Mein liebster, bester Ernst!                                                    Konstanz, 28.06.42

Der Sonntag ist vorbei. Heute waren wir nicht zuhause. Eigentlich hatten wir baden gehen wollen, aber es war nicht recht warm und so sind wir lieber nach der Mainau gelaufen. Wir haben uns auch die Rosenblüten angesehen und sind sonst noch herumgestiefelt. Wenn man so an den Leuten vorbei geht, hört man die verschiedensten Sprachen. Das sind alles Leute, die hier schaffen. Ein Betrieb war auf der Mainau, nicht zu sagen. Wir wollten dir eigentlich von dort eine Karte schreiben, aber da hätten wir uns lange anstellen müssen, um eine zu bekommen. Gegen 5 Uhr sind wir zum Schiff gegangen. Erst kam ein Sonderschiff, das nahm vor allem die mit, die in Meersburg nach Friedrichshafen umsteigen mussten. Da waren die Hälfte weg. Wir anderen wurden auf das nächste Schiff vertröstet, das gleich komme sollte, aber ¼ Stunde Verspätung hatte. Dann ging die Drängelei wieder los. Endlich waren wir im Schiff. Ich habe 1.Klasse genommen, damit wir wenigsten oben im Freien sitzen konnten, wo es dann sehr schön war. Eigentlich wollten wir in Meersburg die Fahrt nochmals unterbrechen, aber von der einen Drängelei hatten wir genug. Es war auch gut so, wir sind gegen ¼ 8 Uhr heim gekommen, haben in Ruhe Abendbrot gegessen, und nun sind die Kinder beim Ausziehen. Da muss ich dir gerade noch etwas erzählen. Du weißt vielleicht, dass die Kinder früher nie einschlafen konnten, wenn das Radio lief. Seit wir nun den neuen Apparat haben, der lauter spielt, und bei dem man auch das Gesprochene gut versteht, ist es gerade das Gegenteil. Da hören beide zu und schlafen bald ein. Jedes Mal sagen sie abends, dass ich so laut einstellen soll, dass sie alles verstehen.
Auf dem Schiff haben wir heute einen Mann gesehen, der weit über 2 Meter groß war. Alle Leute hat er weit überragt. Es hat mir nur leidgetan, dass einige Leute sich über ihn unterhalten und gekichert haben, dass er es hören musste. So jemand muss schon ein dickes Fell bekommen, denn überall fällt er auf.
Gestern Abend war Vater hier. Er brachte mir ¼ Karamellbonbons mit, die ich mit aufhebe. Er hat dann einen Geburtstagsbrief an dich geschrieben. Ich habe ihm 3 Pfund Stachelbeeren und 1 Pfund Erdbeeren mitgegeben. Die Stachelbeeren habe ich ihm so vorgerichtet, dass er sie nur noch waschen muss. Da wird er doch eher fertig.
Nun gehe ich gleich schlafen. Die Luft hat müde gemacht. Ich grüße und küsse dich recht herzlich und denke immer an dich, Deine Annie.

Brief 364 vom 27.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 27.06.42

Gestern habe ich tatsächlich nicht an Dich geschrieben. Am Morgen musste ich Lebensmittelkarten holen. Dann bin ich in den Garten gegangen und habe auf das eine abgeerntete Beet Kraut gesetzt. Dann habe ich grüne Stachelbeeren, etwas Johannisbeeren und Erdbeeren gepflückt. Die Stachel- und Erdbeeren habe ich am Nachmittag zu Marmelade gekocht, während wir die Johannisbeeren zum Mittagessen gegessen haben. Am Abend habe ich, nachdem die Kinder im Bett waren, noch die Küche geputzt. Heute wollte ich damit fertig sein, denn ich musste in die Stadt, um die Lebensmittelkarten anzumelden. Gestern bin ich absichtlich nicht gleich gegangen, weil ich wusste, dass es heute bei Tengelmann Karamellbonbons gibt. Da muss ich doch zusehen, dass ich etwas bekomme, denn Jörgs Geburtstag kommt doch immer näher. Ich hab auch ¼ Pfund bekommen.
Heute am Vormittag habe ich noch ein wenig genäht, nachdem ich heim gekommen bin. Dann habe ich Essen gekocht. Während wir gegessen haben, ist Vater gekommen und hat nach Deiner Adresse gefragt. Er will Dir noch zum Geburtstag schreiben. Einstweilen soll ich Dir Grüße von ihm ausrichten. Ich will nachher noch Beeren abmachen. Auch für Vater ein paar, damit er sich auch ein bisschen Marmelade kochen kann. Ich nehme die Stachelbeeren, die unten am Strauch hängen oder am Bäumchen von den Ästen, die zu schwer sind. Die Marmelade wird wirklich gut und fest.
Post habe ich heute keine bekommen, auch gestern nicht. Vielleicht erhalte ich morgen wieder einen Brief von dir.
Du kannst Dich doch sicher noch daran erinnern, dass du für uns 2 Paar braune Wildlederschuhe mit Chromledersohle besorgt hattest. Das eine Paar sollte eigentlich für mich sein, war mir aber zu klein. Jetzt sind Helga ihre zu klein geworden und Jörg kann sie noch fertig tragen, während Helga nun das zweite Paar anzieht. Ein klein wenig ist es ihr noch zu groß, aber das macht nichts. Wir haben in die Spitzen der Schuhe etwas Watte getan. Jetzt kann sie sie gut tragen. Ich bin nur gespannt, wie lange Jörg die Schuhe noch trägt, denn er hat doch alles gleich kaputt.
Gerade ist Vater wieder fort gegangen. Er hat mir noch ½ Pfund Gries, einige Fleischbrühwürfel, eine Maggisuppe und ein Backpulver geschenkt, alles Sachen, die ich ganz gut brauchen kann. Ich habe ihm noch ein Paket Tabak und einige Zigarren gegeben. Die kann er wieder brauchen. So hilft man sich gegenseitig aus.
Gestern habe ich wieder ein bisschen die Küche umgeräumt. Den Kindertisch haben wir in das Kinderzimmer getan und den kleinen Tisch einstweilen auf den Speicher gestellt. Das Regal mit der Brotmaschine steht nun zwischen den zwei Türen und die kleine Truhe von Vater mit dem Werkzeug usw. steht in der Ecke, wo die Schlüssel hängen. Da haben wir jetzt wieder ziemlich Platz geschaffen.
Es sieht nicht alles so gedrängt aus. Sitzen können  die Kinder am Kindertisch ja sowieso nicht mehr richtig, er dient nur zum Aufbewahren von allerlei Sachen und die könne  sie sich ja auch aus dem Kinderzimmer holen.
Dadurch, dass Vater da war, ist es nun bereits um 4 Uhr geworden und ich muss jetzt weiter schaffen, sonst werde ich bestimmt nicht mehr fertig. Du bist mir bitte deshalb auch nicht böse, wenn ich schon mit schreiben aufhöre.
Ich grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie.

Brief 363 vom 25.6.1942


Mein liebster bester Ernst!                                                                Konstanz, 25.06.42

So, nun kommt der Brief an Dich an die Reihe. Das Unangenehme habe ich mir gerade vorhin von der Seele geschrieben, den Brief an Papa. Eigentlich wollte ich ja brav und zahm antworten, ohne irgendwo anzuecken. Aber es ging nicht, nein, es ging einfach nicht mehr. Es ist ja schließlich kein Vergnügen, mit einem Felsblock auf der Seele herumzulaufen, das siehst Du doch sicher ein. Also hau-ruck und runter damit. Den Erfolg siehst Du auf beiliegendem Durchschlag. Es hat mich schwer geärgert, diese „alle Schuld auf Erna abschieben“. Das ist ja sooo einfach. Man selbst und die liebe Lotte sind Engel, die kopfschüttelnd auf die böse Welt heruntersehen. Wie kann man auch so grausam sein und das liebe Lottekind nicht in die Arme schließen, wo doch Papa gleich so bezaubert von Dir war, als er dich seinerzeit kennen lernte. Erinnerst Du Dich nicht mehr? Wie kann man auch so ein schlechtes Gedächtnis haben? Nicht zu glauben. Und da Papa uns eine so piekfeine Ausstattung gegeben hat, kann er ja jetzt auch mit vollem Recht verlangen, dass Erna wenigstens 2 Betten mitbringt. Das ist doch schließlich das wenigste. Und da ist er doch noch so gutmütig und will ihnen das zur Verfügung stellen, und auch noch einen Tisch. Na, hoffentlich ist Siegfried genügend dankbar und greift mit beiden Händen zu. Gegen spätere Vorwürfe ist gleich ein dickes Fell mitzubringen. Nein wirklich, es wäre zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Und welch schreckliche Lügen und Verleumdungen Erna verbreitet hat (siehe beiliegenden Brief von Papa). Es ist einfach furchtbar. Dabei kann ich mir Papa so gut vorstellen, wie er wütend abends nachhause kommt. Auf der Treppe stehen Leute aus dem Haus, die ganz verwundert sind (?) dass Erna schon wieder fort ist. Und dann sagt er diesen berühmten Satz von Maggiwürfeln ohne Butter und Fett und die bösen Leute (oder vielmehr ja Erna soll es gewesen sein) machen Maggisuppen draus. Da ist ja ein großer Unterschied, nicht wahr? Na, lassen wir das, ich hab den ganzen Brief satt bis zum Hals.
Heute bekam ich deine beiden lieben Briefe vom 12 und 13.6. Es freut mich, dass du mir jetzt mal deine Tageseinteilung geschrieben hast. Da kann ich immer daran denken. – Ich sehe morgen nochmal nach, ob in anderen Schreiben, die vor Deiner Anstellung als Beamter geschrieben wurden, noch andere Bestimmungen erwähnt wurden und gebe dir dann Bescheid.
„Das Reich“ habe ich heute wieder geholt und schicke es dir mit. Vielleicht kannst Du Papa abschreiben. Ich kaufe es dir so gern. Lass mir doch die kleinen Freuden, dass ich etwas für dich kaufen kann. Warum müssen das denn andere tun.
Du schreibst, dass du Eiercognac für mich gemacht hast. Wie kannst Du denn den hier her schicken? Trinken werde ich ihn sicher, denn Eiercognac habe ich schon früher gern gemocht. Wenn wir zuhause welchen hatten, habe ich gern einmal geleckt. Gesund soll er ja sein.
Na, das ist gut. Jetzt entschuldigst Du Dich auch noch, dass du einmal eine halbe Tafel Schokolade selber gegessen hast. Das musst du doch sogar. Ich habe dir doch in meinem gestrigen Schreiben strenge Strafe angedroht, wenn du wieder welche schickst, wo sie für dich gedacht ist.
Nun kommt eine unappetitliche Geschichte, die mit Schokolade nichts zu tun hat. Ich habe heute im großen Garten gegüllt. Da staunst Du, was? Du wirst denken, na was macht sie nur für Sachen, das war doch bisher bei uns nicht üblich. Aber ganz nötig war es , wirklich. Sonst hatten wir immer Mist oder künstlichen Dünger, diesmal nichts. Mist hatte ich im vergangenen Jahr nicht holen können, weil ich nicht kräftig genug war und künstlichen Dünger gab es nicht zu kaufen. Nun ist der Boden drüben ja nicht so gehaltvoll. Darum habe ich mich heute doch daran gemacht und habe Kraut, Kohlrabi usw. gegüllt. Die Pflanzen sind noch nicht so groß, also ist es auch nicht so unappetitlich. Außerdem regnete es gestern Abend und jetzt fängt es gerade wieder an. Es kommt ein Gewitter. So dickes Zeug hab ich auch nicht genommen. Ich denke, dass du auch damit zufrieden bist, wie ich es gemacht habe. Eine Schlepperei war es ja, aber jetzt bin ich froh, dass ich´s gemacht habe.
Ich weiß gar nicht, ob ich dir schon geschrieben habe, dass ich gestern Nachmittag eine Karte von Siegfried bekommen habe. Ach nein, da war ja der Brief an Dich schon fort. Also, er schreibt, da er jetzt keine Zeit zu einem Brief habe, wollte er mir kurz mitteilen, dass er sich mit Papa soweit geeinigt habe, dass sie Oktober ausziehen. Die Verbindung mit Papa würde er nicht abbrechen, komme aber, nachdem er geheiratet habe, nicht mehr ins Haus, stelle Papa aber frei, ihn jederzeit zu besuchen. Das wäre also auch soweit geregelt.
Die Kinder sind jetzt gerade vom Turnen nach Hause gekommen, gerade rechtzeitig, bevor das Gewitter richtig anfing. Jetzt haben sie aber richtig Hunger mitgebracht und wir wollen gleich Abendbrot essen. Beim turnen hat Jörg Nasenbluten gehabt. Das bekommt er ab und zu einmal.
Nun lass mich schließen. Ich sende dir viele Grüße und Küsse (einstweilen im Geist, später hole ich sie alle nach) Deine Annie

Brief 362 vom 23.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                               Konstanz, 24.06.42

Vorhin erhielt ich deinen Luftfeldpostbrief vom 14.6. Er ist am 17. Abgestempelt. Ich habe vorhin gerade die Abschrift des Anstellungsschreibens und des Anfrageschreibens, ob du in das Beamtenverhältnis eintreten willst, gemacht. Das Prüfungsergebnis der Schule habe ich dir ja schon vor längerer Zeit zugeschickt. Ich bin mir nur noch nicht im Klaren, welche Unterlagen du noch brauchst. Alle Auszüge aus dem BGB oder noch etwas anderes? Und hast Du etwas, wo ich es abschreiben kann, oder muss ich da zur Stadt? Vielleicht kannst du mir´s nochmal schreiben.
Und wegen der Ahnenforschung. Wegen des Sterbedatums der Henriette Brose hast du noch nicht nachgefragt, nur nach dem ihres Mannes, Martin Böttger. Da musst Du nach „St. Marien – Bernburg – Altstädter Kirchhof“ schreiben, die dir dann mitteilen, dass er in dem Stift nicht gestorben sei und Dein Schreiben an das Standesamt Bernburg weitergeleiten haben. Bei der Urkunde über die Heirat des Belger, Leopold stimmt was nicht ganz. Bei der Mutter des Bräutigams ist angegeben Elisabeth, geb. Böhme. Nun haben wir im Ahnenpass (nach dem Ahnenpass von Paula beglaubigt) stehen: Maria Elisabeth, geb. Franken. Was ist nun richtig? Bei der Mutter der Braut steht da: Maria Christiane, geb. Herm (bei uns Harm). Das ist ja nicht so schlimm, denn so kleine Änderungen kommen ja immer vor. Wenn du ja noch einmal nachfragen willst, so lautet die Urkunde: „Auszug aus dem Trauregister der ev. Pfarrkirche St. Bartholomäi in Zerbst, Jahrgang 1842, Seite 139, Nr. 17.
Heute kam auch dein Päckchen Nr.5 mit der Schokolade an. Da ist ja sogar eine Milchschokolade dabei. Die werde ich den Kindern teilen. Ich denke, dass du nichts dagegen hast, wenn sie die jetzt schon essen. Milchschokolade haben sie ja schon lange nicht mehr gehabt. Von dem Käse, der gestern ankam, haben wir auch schon etwas gegessen. Du fragst noch an, wie seinerzeit die Butter angekommen sei. Sehr gut, das Papier war gar nicht mit Fett durchdrungen. Von außen hat man nicht sehen können, was drin war. Ich habe die Butter noch gut auslassen können. Sie steht jetzt noch mit im Keller, bis ich sie brauche.
Dass Jörg viel auf der Straße mit anderen Buben zusammen ist, das merke ich schon. Manchmal hat er einen Ton an sich und brüllt hier herum, dass es schon nicht mehr schön ist. Ich muss immer meine ganze Energie zusammen nehmen, um ihm Herr zu werden. Und meckern kann er, an allem hat er etwas auszusetzen, sobald ihm nicht alles nach Wunsch geht. Ich glaube, da hat er von Deinem Vater ein bisschen ein Erbteil bekommen. Es klingt nämlich manchmal genauso. Andernteils kann er auch wieder sehr lieb sein, wenn er merkt, er wird nicht Herr und wenn er seine gute Zeit hat. Wenn´s mir ja zu dumm wird, dann verwichse ich ihn mal gründlich.
Mit der Geldsendung nach Frankreich ist es ja nun ganz dumm. Nun habe ich doch schon an die alte Feldpostnummer geschrieben. Na, es kann ja nichts weiter geschehen, als dass sie es zurück schicken, denn behalten können sie es doch nicht, nicht wahr? Aber vielleicht kannst Du mal anfragen, ob es dort eingetroffen ist. Sollte es zurückkommen, werde ich es an die neue Nummer schicken. Wie willst Du evtl. noch restliche 80.- bezahlen? Soll ich jeden Monat etwas weglegen und es dann auch schicken? Oder wie willst Du es machen? Denn schön wär´s doch, wenn wir alles bezahlt hätten.
Ich will diesen Brief auch per Luftpost schicken. Ob ich zwar die Abschriften auch beilegen kann, glaube ich nicht. Dazu wird es wohl nicht mit dem Gewicht langen. Aber ganz so eilig werden sie ja wohl nicht sein. Damit du mir wegen der Unterlagen evtl. schreiben kannst will ich dir noch mitteilen:
Beim Anstellungsschreiben steht da, dass zur rechtlichen Beurteilung der dienstlichen Beziehungen die §§611-639 BGB (Dienstvertrag) maßgebend sind, beim anderen Schreiben, dass du in die Vergütungsgruppe VII der TO.A eingereiht bist nach Ziffer 22 der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die Anwärter des mittleren Dienstes zum außerplanmäßigen Stadtassistenten ernannt wurdest. (Diese Unterlagen habe ich dir ja geschickt.)
Die Vergütung als außerplanmäßiger Assistent ist aufgrund der Vergütungsordnung für außerplanmäßige Assistenten (Badisches Gesetz- und Verordnungsblatt 1936 S.166 §2 und 3, Badisches Gesetz- und Verordnungsblatt 1937 Seite 309) festgesetzt. Da aber deine Bezüge als Angestellter höher wären, erhältst Du diese weiter.
Nun will ich aber schließen und noch in den Garten gehen, um Erbsen für heute Mittag zu holen. Außerdem muss ich noch Wasser zum Gießen herausstellen.
Ich danke dir noch recht herzlich für deine lieben Päckchen und grüße und küsse dich vielmals recht fest Deine Annie.

Brief 361 vom 23.6.1942


Mein lieber Ernst!                                                               Konstanz 23.06.42  

Gestern bist Du mit dem Schreiben schlecht weggekommen, denn ich hatte nur unter den Sonntagsbrief einige Zeilen geschrieben. Eigentlich wollte ich am Abend noch schrieben, aber ich hatte bis gegen 10 Uhr zu tun und dann hatte ich keine Lust mehr. Ich habe mich gestern und heute wieder einmal ans nähen gesetzt, denn sonst wäre mir zu viel herumgelegen. Ich hatte es schon immer tun wollen, aber stets war etwas dazwischen gekommen. Meist hatte ich im Garten zu tun und war dann zu müd. Aber nun muß es einmal werden. Gestern Abend kam Vater mit einem vollen Rucksack herauf. Ich dachte erst, er brächte Wäsche, aber dazu war es doch noch gar nicht Zeit. Dann packte er aber aus und dann waren es verschiedene Sachen von deiner Mutter, die er noch da liegen gehabt hatte. Stoffreste, Mantelfutter usw. es ist alles noch gut erhalten und das meiste werde ich noch verwenden können.
Heute Morgen erhielt ich dein Päckchen mit Käse und Fisch, sowie Zwiebelsamen. Ich danke dir für alles. Es ist gut angekommen. Heute Nachmittag kam  dein Brief vom 15./16.06 an, den du einem Kameraden mitgegeben hast. Er ist gestern in Hanau abgestempelt.
Die Mitgesandten Urkunden gebe ich auf und trage sie vorher noch in den Ahnenpass ein. Wegen des Sterbedatums der Henriette Brose schaue ich morgen nach, ebenso wegen des Schreibens der Stadt. Heute ist es schon zu spät dazu.
Jetzt wird es also bald soweit sein, daß ihr wider weiter müsst. Hoffentlich triffst du es nicht gar so schlecht. Eine Umstellung wird es ja jedes Mal werden, aber es geht ja vielen so. Da muss man es auch mitnehmen.
Die Kinder haben mir versprochen, dass sie bald an dich schreiben wollen. Sie haben es auch nicht aus böser Absicht gemacht, dass sie dich so lange haben warten lassen.
Von Papa erhielt ich heute ein Paket mit Zeitungen und Romanen. Dazu einen Brief , sowie Abschrift zweier Briefe von Siegfried und Papas Antwort. Von seinem Brief schicke ich dir die Abschrift, bzw. den Durchschlag mit zu. Die anderen Briefe würde ich dir gern auch mitsenden, aber die brauche ich noch zur Beantwortung. Der Inhalt ist jedenfalls der, dass Siegfried geschrieben hat, dass Papa sich an verschiedenen Stellen über Erna beschwert hat und dass Siegfried das nicht dulden kann. Dann schreibt er, dass das Fräulein von den Sachen, die er schickt, mit isst und dass sie sich schon heimisch fühlt usw. Papa schreibt dagegen, dass das alles Lüge wäre, wobei man manchmal aber sieht, dass es nicht so ist. Wenn Siegfried von Hausbewohnern z.B. gesagt wurde, Papa hätte geäußert, als Erna verreist sei, habe er nur Maggiwürfel zu essen gehabt, Papa dagegen behauptet, er habe nur gesagt, dass er nun wieder mit Maggiwürfeln ohne Butter und Fett kochen muss, so kommt das meines Erachtens doch auf dasselbe heraus.
Papa schreibt aber, das sei wieder Lüge und Verleumdung von Erna. Papa bestreitet ganz energisch, dass das Fräulein mit von Siegfrieds Sachen gegessen habe. Das Fräulein habe alles mitgebracht. Wörtlich fährt er dann fort: „Übrigens wäre ja auch niemals Gelegenheit gewesen, ihr etwas zu geben, was von dir stammt, denn Frau erna hat ja alles in deinem Schrank eingeschlossen und hat den Schlüssel bei sich (auch eine neue Mode, die ich mir wohl gemerkt habe.)
Auf den Satz von Siegfried, dass er alles erst nach Rückfrage von Erna erfahren müsse, was zuhause los sei, schreibt Papa „stelle Dich nur bitte nicht so, als hättest Du diese Sachen alle erst auf Anfrage von Erna erfahren“. Papa schiebt alle Schuld einfach auf Erna. Am Schluß schreibt er noch „ dass ich nach wie vor bereit bin, dir und deiner Frau zwei Betten, Tisch usw. zur Verfügung zu stellen, das heißt, dass diese in Euren Besitz gelangen, habe ich Euch bzw. Dir bereits früher gesagt. Auch in anderer Beziehung soll es Euch an nichts fehlen, trotzdem es ja meist Usus ist, dass die Frau mindestens die zwei Betten mitbringt.“
Siehst Du, das finde ich nun gemein. Papa hat früher genau gewußt, dass Erna nichts hat und nichts mitbringen kann. Damals hat er gesagt, das macht gar nichts, wenn nur das Mädel recht ist und hat Siegfried immer zugeredet und jetzt will er da Vorwürfe machen. Ich hab ja schließlich auch so nichts mitgebracht, nur dass wir uns von dem ersparten Geld von Mama manches kaufen konnten. Aber Papa hat doch auch für nichts gesorgt. Aber es ist doch jetzt bei vielen Ehepaaren so, dass sie sich zusammen alles aufbauen müssen und sich nicht ins fertige Nest setzen können. Aber sowas vorzuhalten, das regt mich mächtig auf. Und was macht er für einen Sums um den schlecht gewaschenen Mantel. Es ist klar, Erna wird auch manchen Fehler machen. Aber so schlimm ist es doch wirklich nicht. Sie ist eben auch noch jung, und wenn ich manchmal an die erste Zeit unserer Ehe denke, dann muß ich auch sagen, wie war ich doch in manchem noch ungeschickt. Aber wir sind deshalb auch nicht umgekommen. Dass Erna nicht von früher her liederlich ist, ist doch daraus ersichtlich, dass er die ersten Monate sehr zufrieden mit ihr war, bis auf einmal die Klagen anfingen, als er den Gedanken einer neuen Heirat gefasst hatte. Ich kann Erna jedenfalls nicht verdammen und ihr alle Schuld zuschieben. Ich kenne meinen Papa doch. Ich antworte auf den Brief von Papa wahrscheinlich erst, wenn ich das Schreiben von Siegfried erhalten habe und sehe, was er schreibt. Du siehst aber, mit der ganzen Sache werden wir nicht so schnell fertig, wie wir es gerne gewollt hätten.
An Alice habe ich heute eine Karte geschrieben, sonst meinen sie, ich hätte sie vergessen. An Erna habe ich auch geschrieben. Den Durchschlag lege ich bei.
Nun lass mich für heute schließen. Ich bin ein bißchen kaputt und will mich noch eine Weile ausruhen. Ich grüße und küsse dich recht herzlich    Deinen Annie