Sonntag, 18. Juni 2017

Brief 351 vom 11.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 11.6.42

Zwei liebe Briefe erhielt ich heute von dir, vom 31.5. und 1.6. Nach ihnen zu schließen, bekommst du ja nun wieder regelmäßig Briefe von uns und das freut mich sehr. Die Beschreibung vom Muttertag hast du also bekommen und wunderst dich, wie Helga das Herz gemalt hat. Wir schicken dir mal ein Muster mit. Du brauchst das Herz nur auf ein Papier zu legen und mit dem Finger leicht die Farbe vom Herz aufs Papier zu streichen. Die Wirkung ist doch aber ganz nett, nicht wahr?
Wenn es dir nichts ausmacht, werde ich den Bienenkasten auch mal mit beseitigen. Wir brauchen ihn in nächster Zeit ja nicht und es hat keinen Zweck, so viel herum stehen zu haben.
Der Apfelbaum hat gut angesetzt und ich hoffe, dass wir Äpfel bekommen. Von den Erdbeeren haben wir in den letzten drei Tagen 4 Pfund geerntet. Die hinter dem Haus angepflanzt sind, machen sich gut heraus. Sie tragen auch schon ganz schön. Mit den Brombeeren ist dieses Jahr nicht so viel los. Hier in der ganzen Umgebung sind die meisten erfroren. Neue Triebe hat es ja viel.
Fliegenfänger habe ich erst mal 4 Stück besorgt und sende sie dir zu. Inspiroltabletten sind ja schon auf dem Weg. Ich werde aber mal zusehen, ob ich noch so Emser-Pastillen bekomme.
Den Brief an Kurt werde ich ihm morgen geben. Heute ist er in Meersburg. Ich habe ihm dazu deine grünen Knickerbocker, Strümpfe und deinen alten Pullover borgen müssen, da er nur seine Sonntagssachen da hatte und damit nicht durch den Wald streifen kann. Du wirst sicher nichts dagegen haben, glaube ich.
Am Nachmittag war ich in der Stadt, habe zwei Zeitungen aan Dich geschickt und zwei weitere besorgt, die ich am Nachmittag weg gesandt habe. Am Nachmittag habe ich im Garten geschafft. Durch den Regen der letzten Tage ist alles fest gewachsen, leider auch das Unkraut. Da habe ich mich erst mal darüber gemacht. Dabei haben auch die Kinder geholfen. Dann habe ich Busch- und Stangenbohnen gehäufelt und zuletzt die Kartoffeln. Damit bin ich nun auch fertig.
Heute hat die Lehrerin gefragt, wer später mal in die höhere Schule soll. Helga hat nicht den Finger gestreckt. Da hat die Lehrerin gefragt „da kommst du sicher in die Hauptschule, wer da hin kommt, kann stolz sein.“ Die Hauptschule ist doch eine neue Einrichtung. 1/3 der Volksschüler wird dafür ausgelesen. Für die höhere Schule halte ich Helga nicht so geeignet, sie ist nicht so kräftig. Sie ist jetzt schon manchmal so nervös. Auch fällt ihr das Kofrechnen etwas schwer. Was meinst du zu der ganzen Sache? Es hat ja, soviel ich weiß, noch ein Jahr Zeit. Aber wenn in der Schule gefragt wird, können wir uns ja auch einmal damit beschäftigen.
Vorhin kam Vater und brachte uns ein halbes Brot von Fricks mit. Er sagt, er brauche es nicht, da er noch Brot da habe. Ich aber bin um das Brot froh.
Nun laß mich für heute wieder schließen. Ich grüße und küsse dich recht herzlich, Deine Annie.

Brief 350 vom 10.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 10.6.42

Heute bekam ich deine beiden lieben Briefe vom 27. und 28.5. Beim ersten hattest du ja noch keine Briefe erhalten. Das hat wirklich lange gedauert und du musst ja bald die Geduld verloren haben. Dafür bist du aber am nächsten Tag belohnt worden. Du hast recht, wenn du von einem Buch sprichst, das ich in der adresselosen Zeit geschrieben habe. Hoffentlich hat es dich nicht gelangweilt, denn es standen ja meist Sachen drin, die schon lange vergangen waren. Aber du hattest wenigstens einen Einblick, was während dieser Zeit alles gelaufen ist.
Du hast recht, wenn du schriebst, dass ich mich doch sicher über den Keks gewundert habe, den du geschickt hast. Ja gewundert und sehr gefreut. Das ist doch immer ein gewisser Rückhalt, den man zum ausgleichen da hat. Etwas haben wir ja schon davon gegessen, aber ich habe wieder mit selbst gebackenem aufgefüllt, sodass ich immer die Schachteln voll habe.
Wenn Du mehr bekommen könntest, das wäre fein. Wenn Du 5 Kg bekommen kannst, so ist das so viel, wie ich mir in 2 Monaten auf meine Marken kaufen kann. Das würde mir schon viel helfen.
Leider muss ich heute noch mal mit der Leipziger Sache anfangen. Ich habe mir die Sache noch mal eine Nacht überschlafen und habe nun an Erna laut beiliegendem Durchschlag geschrieben. Ich hoffe, dass es dir recht ist. Ich habe ja auf alle mögliche Art versucht, mit Papa gut auszukommen und habe auch in mancher Beziehung nachgegeben. Es wäre mir nach wie vor recht, wenn wir im Guten auseinander kommen könnten, aber wenn es gar nicht geht, werden wir uns wohl auf die Seite von Siegfried und Erna stellen. Meinst Du das auch?
Ich finde die Frau, bzw. das Fräulein ist so aufdringlich. Überall gleich mit hin gehen, sogar nach Neustadt, die sie doch gar nicht eingeladen hatten. Dann habe ich mir das auch überlegt. Papa hat wer weiß wie gemault, weil Erna zu Siegfried gefahren ist und er mal allein war. Was macht denn aber das Fräulein, wenn sie einfach einige Tage verreist? Sie lässt ja ihre Mutter auch allein, und die ist nicht mal gesund, während sich Papa doch schon mal die Sachen selber machen kann.
Von dem Zimmer habe ich Erna nun doch gleich geschrieben, damit sie sich schon etwas darauf einrichten kann. In unserer Wohnung ist es für längere Zeit doch zu eng.
Heute früh hatte ich im Garten angefangen mit Kartoffeln hacken, also im großen Garten. Leider fing es gleich wieder mit regnen an, sodass ich nur die Hälfte fertig bekommen habe. Ich musste dann auch gleich Brot holen fahren, da sie sonst wieder ausverkauft sind, wie es mir gestern ging. Da habe ich Jörg gleich mit in die Schule gefahren, worüber er gar nicht böse war. Heute Nachmittag ist er auf die Jahnwiesen gegangen, wo die Soldaten einen Panzer aus Holz zum üben aufgestellt haben. Da klettert er nun drauf herum. Ehe er aus der Schule heim kam, hatte er es auch schon gemacht. Helga ist zu ihrer Schulfreundin in die Gebhardstraße gegangen, sodass ich jetzt mal ganz allein zuhause bin. Kurt war am Vormittag hier. Es hat im trotz des unbeständigen Wetters doch gut in Bregenz gefallen. Er sagt, dass vom Pfänder aus wohl über den See nichts zu sehen gewesen sei, aber ins Hinterland hinein hätte man gute Aussicht gehabt. Nur eine Erkältung hat er sich auf dem Schiff geholt.
Ich habe heute 7 kleine Päckchen für dich verpackt, die zu deinem Geburtstag bestimmt sind. Ich habe sie heute schon weggeschickt, da sie wohl länger als die Briefe unterwegs sein werden.
Ich will nun noch in die Stadt fahren und einige Zeitungen für dich besorgen. Am Mittwochabend bekommen die Geschäfte sie schon immer herein.
Ich grüße und küsse dich für heute wieder recht herzlich, mein lieber Ernst, und denke immer an dich, Deine Marianne

Jetzt habe ich ganz aus Versehen mit Marianne unterschrieben, weil ich es vorhin bei dem anderen Brief so gemacht habe. Das tut ja wohl einmal nicht, nicht wahr?

Freitag, 9. Juni 2017

Brief 349 vom 9.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 9.6.42

Es ist nur gut, dass ich dich habe. Meine Leute in Leipzig machen mir dauernd Sorge. Heute habe ich folgenden Brief von Siegfried erhalten, den ich dir gleich abschreibe, denn das Original möchte ich hier behalten, da Siegfried in seinem nächsten Brief  vielleicht darauf zurückkommt. Er lautet:

Meine liebe Marianne! Entschuldige bitte, dass ich dir erst heute wieder schreibe, denn ich war jetzt mit dem Zug in Lemberg und wir haben dort ein paar Tage gestanden. Ich wollte dir von dort aus nicht schreiben, weil diese Briefe dann zu lange dauern, ehe sie dich erreichen. Ich habe dir ja in meinem letzten Brief über die Verhältnisse zuhause geschrieben und ich habe mich gefreut, dass du auch meiner Meinung bist. Ich bin nun heute wieder durch Leipzig gekommen und konnte mich mit Erna noch mal aussprechen, da ich ihr Bescheid geben konnte, dass ich durch Leipzig komme. Wir hatten nun in Engelsdorf längeren Aufenthalt und da war nun Erna dort, sodass wir bald 1 ½ Stunden zusammen sein konnten. Ich habe nun von Erna gehört, dass Erna mit dem Fräulein Ludwig in Neustadt zur Hochzeit von Gertrud war und anschließend noch in der Sächsischen Schweiz. Vom Pfingstsonnabend bis zum Pfingstmontag war diese Person mit ihrer Mutter bei uns zuhause und sie haben auch dort geschlafen. Wahrscheinlich hat es diesen Leuten dort sehr gut gefallen und ich hörte von Erna, dass Papa voraussichtlich im Herbst dieses Fräulein heiraten will. Als ich damals zu meinem Urlaub zuhause war, hatte ich mit Papa schon einmal eine Unterredung, in der er mir zusicherte, dass er solange Krieg ist und ich nicht zuhause bin, nicht heiraten will. Wahrscheinlich hat sich Papa mit diesem Fräulein schon zu weit eingelassen und diese wird drängen, dass sie sich so bald als möglich heiraten. Fräulein Ludwig will nicht mehr länger arbeiten und sie wohnt jetzt wohl auch mit ihrer Mutter in einem Hinterhaus, sodass sie unsere Wohnung reizt. Ich hatte von Lemberg aus, wo ich von den Heiratsgedanken noch nichts wusste, bereits schon einen ziemlich scharf gehaltenen Brief geschrieben, den ich auch erst im Reichsgebiet in den Kasten werfen wollte. Ich habe diesen Brief nun erst Erna heute zu lesen gegeben und stecke ihn heute erst in den Kasten. Erna, die Pfingsten verschiedene Besuche gemacht hat, weil diese Leute bei uns waren, wurde auch von Fräulein Ludwig, die bereits glaubt, bei uns zuhause zu sein, ein paar Mal sehr dumm angeredet, worauf Erna die antwort natürlich nicht schuldig blieb. Ich warte nun die Antwort auf meinen Brief an Papa ab und werde dann Fräulein Ludwig persönlich einen Brief schreiben und ihr ein für alle Mal auf´s schärfste verbieten, sich Erna gegenüber so aufzuspielen. Auch glaubt dieses Fräulein ein Recht darauf zu haben, von dem Essen, was Erna von Papas und ihren Marken kauft, verfügen zu können. Ich hatte ja bisher, was ich nach hause schicken konnte, heimgeschickt, wovon Papa ja auch sein Gutes gehabt hat, ich will direkt sagen, er hat das meiste davon gehabt, denn Erna ist ja das allerwenigste. Das hat nun diesem Fräulein gut gefallen, sich von diesen Sachen, die ich besonders Für Erna und Papa gedacht hatte, satt zu essen.
Natürlich habe ich meine Konsequenzen gezogen und so wird alles, was ich heim schicke, von Erna entweder allein verbraucht oder für mich aufgehoben. Auf Grund der Sachen, die ich von Erna gehört habe, ist Erna von mir beauftragt worden, sich nach einer Wohnung bzw. ein paar Zimmern umzusehen. Ich werde, sobald ich Gelegenheit habe, nach Hause zu kommen, einen klaren Trennungsstrich zwischen Papa und mir ziehen, und wenn sich eine Wohnung oder ein Zimmer gefunden hat, von zuhause weg ziehen. Paul und Alice, die in nächster Zeit auch umziehen, wollen Erna und mir ihr Schlafzimmer verkaufen, sodass ich in dieser Beziehung keine Sorge habe. Sollte es mit der Wohnung nicht klappen, werde ich meine Sachen sicherstellen und hätte Dich nun gern gefragt, ob du Erna so lange, bis diese Angelegenheit geklärt ist, bei dir aufnehmen könntest. Wenn dies nicht möglich wäre, würde Erna so lange bei ihrer Mutter wohnen, was ich aber nicht gern haben möchte. Ich bitte Dich, mir in deinem nächsten Brief deine Meinung darüber zu schreiben. Sobald Papa heiraten sollte, ist von mir aus die Verbindung zu Papa zerschnitten. Solltest Du, aber auch Ernst im Falle einer Heirat von Papa weiter in dem Verhältnis, wie es jetzt ist, zu Papa bleiben, würde es für mich bedeuten, dass ich auch zu Euch keine Bindung mehr hätte und dann wäre meine Anfrage wegen dem Dortwohnen von Erna gegenstandslos geworden. Ich glaube, dass Du verstehst, wie ich es meine. Es täte mir ja dann leid, wenn ich dadurch außer Papa auch noch Dich und Ernst verlieren würde, aber ich kann von meiner Einstellung nicht ab gehen, denn dafür habe ich unsere liebe Mama zu gern gehabt und sie als Mutter viel zu hoch geschätzt, als dass ich jetzt so ohne weiteres es mit ansehen könnte, wie sich Papa mit einer anderen Frau verheiratet und dann meine Schwester und mein Schwager dies auch so ohne weiteres hinnehmen würden. Wenn Papa Erna nicht hätte und die Wirtschaft allein machen sollte, könnte ich vielleicht die Notwendigkeit noch einsehen, würde aber trotzdem von meinen Maßnahmen nicht abgehen. Wie es mir vorkommt, und wie ich dir in diesem Brief schon schrieb, hat sich meiner Ansicht nach Papa schon zu weit mit Fräulein Ludwig eingelassen, sodass er gar keine eigene Meinung mehr hat und er von dieser Person gegen Erna besonders und gegen mich aufgehetzt wird. Mit getraut sich Papa nichts zu sagen und hackt umso mehr auf Erna ein, was ich natürlich unter keinen Umständen mehr dulden werde.
Wenn Papa mir mal schreibt, so versucht er auf eine Tour zu gehen, die mir Mitleid mit ihm ablocken soll. Zum Beispiel er wäre immer alleine, Erna würde nicht mehr, wie früher, mit ihm zusammen sitzen. Alt und jung vertrügen sich nicht usw.
Du wirst ja auch Erna kennen gelernt haben und so kann ich es mit Stolz sagen, dass sie wirklich eine Frau ist, mit der ein jeder Mensch auskommen kann. Wenn Papa aber versucht, auf betreiben von Fräulein Ludwig, Erna mir und Hausbewohnern gegenüber schlecht zu machen und mit Sachen kommt, die vollkommen erlogen sind, hat es nun endgültig bei mir geschnappt und ich werde jetzt endlich reinen Tisch machen, egal, wie es kommt. Ich hätte nie gedacht, dass alles so einmal kommen würde bei uns zuhause, aber man merkt es eben, dass unsere gute Mama fehlt, die leider viel zu früh von uns nach einem zu arbeitsreichen Leben gegangen ist.

Siegfried schreibt dann noch, dass er noch keinen Brief von Dir erhalten hat, da sie noch nicht wieder in Berlin waren und dass ich dir Grüße übermitteln soll.
Was sagst du nun zu dem Brief? Das klingt wieder ganz anders, als Papa immer schreibt. Es ist so schwer, sich da zu Recht zu finden. Das eine halte ich für sicher, dass sich Papa von dem Fräulein sehr beeinflussen lässt, denn sonst könnte er nicht einmal sagen, er heiratet erst nach dem Kriege und dann schon im Oktober oder November. Ich habe gar nicht gewusst, dass das Fräulein mit in Neustadt war und dann in der Sächsischen Schweiz. Ich muss schon sagen, die hält sich ran und nutzt jede Gelegenheit aus, in die Familie zu kommen. Jetzt wird mir auch klar, warum Gertrud gesagt hat, dass sie zum Mittagessen auch nichts mehr für sie hätte. Die werden sicher ganz erstaunt gewesen sein, dass Papa das Fräulein mitbringt. Mir hat das Fräulein in dem letzten Brief ja auch Grüße ausrichten lassen, die ich aber unbeantwortet gelassen habe. Wenn ich auch geschrieben habe, dass Papa machen soll, was er mag, und dass ich gegen das Fräulein persönlich nichts habe, da ich sie ja gar nicht kenne, so ist ja noch nicht gesagt, dass ich gleich Freundschaft mit ihr schließen will.
Dürfte ich dich bitten, lieber Ernst, auf diesen Brief hin an Siegfried zu schreiben? Es ist mir alles Recht, was du schreibst. Ich richte mich ganz nach dir. Vielleicht regst du dich nicht so auf, wie ich. Ich habe ja einstweilen laut beiliegendem Durchschlag geantwortet.
Mit dem Wohnen von Erna bei uns ist es so eine Sache. Ich habe sie wirklich gern, aber unsere Wohnung ist eben doch nicht groß. Wenn es sich um 1 – 2 Monate handelte, ginge es noch, aber länger ist es wohl kaum möglich. Auch wenn du einmal auf Urlaub kämst, wäre es nicht schön, wenn wir nie allein wären. Man könnte es dann höchstens so machen, dass sie sich hier in der Nähe, wenn es möglich ist, ein Zimmer mietet. Am besten wäre es eben, Erna käme erst mal in den Ferien her. Sie würde dann sicher selber sehen, dass wir wenig Platz haben. Davon brauchst du ja Siegfried noch nichts schreiben.
Nun noch zu etwas anderem. Die Abschrift des Prüfungszeugnisses schicke ich dir heute mit. Eine beglaubigte Abschrift ist nicht vorhanden.
Im Garten habe ich heute noch ein paar Setzlinge zwischen bzw. an die Seite der Kartoffelreihen gesetzt. Auch den Platz zwischen den Stachelbeerbäumchen habe ich dafür verwendet. Außerdem habe ich die Kartoffeln im kleinen Garten gehäufelt. Im anderen garten wollte ich es auch tun, aber da hat mir der Brief von Siegfried alle Lust dazu genommen. Wenn es nicht regnet, setze ich mich morgen dahinter.
Kurt war ja heute in Bregenz. Da hat er aber nicht gerade den besten Tag erwischt, denn es war meist dunstig und einige Male hat es auch geregnet.
Viel schönes habe ich ja heute nicht zu berichten gehabt, aber ich musste dir ja wohl davon Kenntnis geben, nicht wahr? Da es nun schon ziemlich spät ist, will ich Schluss machen. Ich grüße und küsse dich für heute recht herzlich, Deine Annie.

Brief 348 vom 8.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 8.6.42 

Heute bekam ich drei Briefe von dir. Alle kommen durcheinander an. Es waren die vom 17., 18. und 29. (Bis zum 23.5 habe ich jetzt alle Briefe) es fehlen vom 23. an noch die Briefe vom 24., 25., 27. und 28. Wenn diese ankommen, werde ich dann wissen, wann du die erste Post von uns bekommen hast.
Leider ist der Brief vom 18. so lange unterwegs gewesen, dass ich dir nun erst heute die gewünschte Badehose, Sporthose, Schulterstücke, Zwirn und Sicherheitsnadeln schicken kann. Die beiden Hosen und Schulterstücke konnte ich nur als Päckchen wegschicken, sodass du wohl 3 – 4 Wochen darauf warten kannst, was mir sehr leid tut, da du die Sachen ja jetzt schon gebrauchen könntest.
Ich freue mich immer wieder, dass ich dir den kleinen Brief vorher geschrieben hatte. Die Päckchenangelegenheit hat sich ja nun erledigt, nur die Geldsache noch nicht, und das macht mir noch Sorgen, vor allen Dingen, wo mir nun Kurt sagte, dass ich das Geld einfach an die Einheit hätte schicken können, wie du mir geschrieben hast. Du wirst dir sicher gedacht haben „oh, wie ungeschickt stellt sich das Mädel an.“ Aber vorläufig unternehme ich mal nichts, denn du wirst mir ja bald davon schreiben.
Es ist recht, dass du auf Papas Brief nicht erst antwortest, so ist ja soweit alles geregelt. Erna hat mir heute auch geschrieben. Sie meint auch, Papa muss ja wissen, was er tut.
Dass es mir erst nicht ganz recht war, dass du in Leipzig warst, musst du mir nicht mehr übel nehmen. Ich war direkt ein bisschen neidisch. Ich hätte dich ja so gern hier gehabt, ich musste immer daran denken, wie lange ich dich jetzt nicht sehe. Denn mit Urlaub ist ja nicht gleich zu rechnen, vor allem, wo du jetzt in Russland bist. Das machte mir das Herz ganz schwer und es waren keine leichten tage für mich. Aber ich habe ja dann eingesehen, dass für dich die eingelegte Ruhepause in der Fahrerei gut war.
Das Essen ist bei Euch, wie ich aus deinen Briefen ersehe, wirklich ganz gut. Nutze die gute Zeit nur aus, wer weiß, wie lange es so bleibt.
Am 29. hattest du ja wiederholt Post von uns erhalten. Du glaubst gar nicht, wie sehr mich das freut. Es muss ja so quälend sein, solch lange Zeit keine Briefe zu bekommen. Du warst ja immer so lieb und hast mich nie so lange warten lassen. Aber ich konnte dir ja leider nicht eher schreiben.
Bezüglich meines Vaters hast du recht. Er hat sich eben noch nie unterordnen müssen. Meine Mutter hat sich ja auch stets nach ihm gerichtet. Aufregen tue ich mich wegen der Sache nicht mehr.
Mit dem Strauß zum Muttertag hast du mir eine ganz große Freude gemacht. Geld hätte mich wirklich nicht so gefreut, da hast du recht. So war es für mich richtig ein wunder, besonders, da ich geglaubt hatte, du würdest, abgelenkt durch die Veränderungen, in die du gekommen bist, gar nicht an den Tag denken.
Ja, unsere Helga ist schon so groß, dass sie mir helfen kann. Sie wird ja auch schon 10 Jahre alt. Ich habe ihr dein Lob vorgelesen und sie hat sich sehr gefreut.
Die Abschrift des Prüfungsscheines vom Kurs sende ich dir morgen mit, da ich heute den Zwirn mitschicke.
Gestern Abend war der Vorschaltwiderstand kaputt gegangen. Ich habe ihn gleich heute Morgen zum Radio-Mayer gebracht und bekam ihn heute Abend wieder. Er hat schon in den letzten Tagen manchmal ausgesetzt. Wie mir gesagt wurde, ist der eine Steckerstift locker geworden und hat sich gedreht, wenn ich den Stecker aus der Dose zog. Da ist inwendig der Draht gerissen. Heute Abend können wir schon wieder Radio hören und es gefällt mir immer von neuem. Mit dem Radio hast du uns ja auch eine große Freude gemacht.
Am Nachmittag waren wir im Kino. Ich habe mir den „Blaufuchs“ mit der Zarah Leander angesehen. Das war sehr schön.
Im garten habe ich nicht gießen müssen. Gestern und heute hat es noch Gewitter mit ziemlich Regen gegeben. Aber an´s Kartoffeln häufeln muss ich mich bald machen. Die ersten erdbeeren haben wir auch schon gehabt. Wir haben sie mit großem Genuß gegessen. Da wir dieses Jahr so viel Erdflöhe im großen Garten haben, die die Setzlinge furchtbar zurichten, habe ich ein Mittel dagegen gekauft. Bei den vielen Setzlingen reicht die Tabakasche von Vater nicht aus.
Nun ist es ¾ 11 Uhr geworden und ich will meinen Brief schließen. Ich grüße und küsse dich, mein lieber Mann, recht herzlich, Deine Annie.

Brief 347 vom 7.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 7.6.42

Heute schreibe ich dir vom Strand aus. Wir sind beim Wasserwerk. Die Kinder sind schon fest im Wasser. Das Motorboot ist natürlich wieder dabei. Ich kann heute leider nicht baden. Dafür habe ich mir eine schattige Bank direkt am Wasser herausgesucht, wo ich die Kinder jederzeit sehen kann. So habe ich auch meine Erholung. Wenn ich Lust zum Sonnenbad habe, ist auch gleich eine sonnige Wiese da. Schöner kann man es doch nicht haben, nicht wahr? Wir sind schon ¾ 1 Uhr daheim weggegangen, damit wir länger hier bleiben können.
Einen Brief habe ich heute nicht von dir bekommen, nur eine Karte von Papa, in der er mir schreibt, dass er einige Zeitungen und einige Modellierbogen für ein Schiff für Jörg weggeschickt habe.
Es wird nun bald Zeit für uns, heimzugehen. Vorher will ich aber den Brief fertig schreiben. Wir sind den ganzen Nachmittag in der Sonne gelegen. Helga und Jörg waren oft im Wasser. Jörg ist auch jetzt noch drin, er bekommt nicht genug. Es ist aber auch schön warm. So haben wir wenigstens einen schönen Sonntag verlebt. Wenn wir heim kommen, steht schon Pudding bereit.
Ich wüsste gerne, was du heute tust? Wahrscheinlich wirst du dort sitzen müssen. Habt ihr Gelegenheit zum baden im Freien? Ich warte auch immer auf den Brief, in dem du uns mitteilst, dass du Post von uns erhalten hast.
Für heute grüße und küsse ich dich wieder recht herzlich, Deine Annie.

Brief 346 vom 6.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 6.6.42

Ich sitze jetzt am Zeppelin-Denkmal im Stadtgarten. Die Kinder sind unten am See. Jörg lässt sein Motorboot fahren und hat meist mehrere Bewunderer bei sich, die das Boot bestaunen. Anfang dieser Woche hatte ich es ja versprochen, dass ich mit ihnen nochmals hergehen würde, das musste ich doch auch halten. Jörg hat mir auch gleich beim Treppeputzen mitgeholfen, damit ich ja rechtzeitig fertig werde. Für morgen habe ich noch einen Quarkkuchen gebacken, auf dem langen Blech. Da freuen sich die Kinder heute schon darauf, denn das ist doch ihr Lieblingskuchen.
Seit ein paar Tagen ist bei uns Sommerwärme, die Kinder laufen meist nur im Badeanzug herum. Gestern haben sie in einer Wanne im Hof gebadet, nachdem Helga vom Turnen gekommen ist. Vom nächsten Freitag an, will Jörg auch mit turnen gehen. Schaden könnte es ihm ja nichts.
Kurt hat heute kurz im Vorbeigehen bei uns herein geschaut und sagte, dass er heute nach St. Kathrinen und morgen nach Überlingen ginge. Gestern war er beim baden.
Gestern habe ich Jörg auf langes Bitten einen kleinen eisernen Anker für sein Boot mitgebracht. Er kostete 35 Pfg. So viel habe ich jetzt auch Helga gegeben, damit sie sich selber was kaufen kann. Vorhin ist sie gerade in die Stadt gegangen. Mal sehen, was sie anbringt?
Ich will nun schließen und grüße und küsse dich recht herzlich, Deine Annie.

Brief 345 vom 5.6.1942


Mein liebster Ernst!                                                   Konstanz, 5.6.42

Zwei liebe Briefe habe ich heute von dir erhalten, vom 22. und 26. In dem ersten führst Du ja Klage, dass du noch keinen Brief erhalten hast, und ich kann dich nur zu gut verstehen. Wenn die Briefe dorthin auch 14 Tage unterwegs wären, hättest du ja schon mindestens am 22. Post erhalten müssen. Hoffentlich hast du nicht mehr zu lange warten müssen. Aus dem Brief vom 26. geht ja nicht hervor, ob du inzwischen Nachricht bekommen hast. Ich hoffe es aber ganz fest.
Wie ich aus deinem Brief entnehme, hast du scheinbar auch nach Frankreich geschrieben, um zu erfragen, was du noch zu zahlen hast. Vielleicht schreibt da Herr Wittenburg an dich und du gibt’s mir nachher Bescheid. Es ist mir gar nicht recht, dass ich das Geld nicht schon fortschicken konnte, aber ich wusste bestimmt nicht, wohin. Hoffentlich bist du mir deshalb nicht böse.
Wenn es notwendig sein sollte, werde ich mir etwas mehr Wirtschaftsgeld nehmen, aber im Allgemeinen will ich in derselben Höhe bleiben. Wie du ganz recht gedacht hast, lege ich etwas auf die Sparkasse, damit man ein paar Pfennig hat, wenn man nach dem Kriege verschiedenes braucht. Mit Kleidung sind wir ja, dank deiner Vorsorge, noch versorgt. Darüber bin ich auch immer wieder froh. Du musst dir keine Gedanken machen, dass du uns keine Lebensmittel mehr schicken kannst. Ich werde es schon einteilen, dass es langt. Ich habe ja noch manches da, das ich erst nach und nach verbrauche. Wenn Du wirklich so viel Brot hast, dass du es nicht verbrauchen kannst, kannst Du ja mal etwas davon schicken. Wenn es nicht so feucht ist, dass es schimmelt, ginge es ja. Hart dürfte es ruhig sein. Man kann es ja einweichen und zu Brotsuppe usw. verwenden. Du kannst ja mal sehen, ob es zu machen geht. Aber bitte, nicht absparen!
Es muß wohl so sein, dass es einem nirgends zu gut gehen soll. Etwas ist also auch dort nicht ganz richtig. Manche hinken eben mit ihren Anschauungen Jahrzehnte hinterher und die anderen sollen sich danach richten.
Über Euern werten, ertrunkenen Hausgenossen hätte man ja bald trauern können, so traurig hast du diese Tragödie erzählt. Dass die Ratte sich in´s Wasser gestürzt hat, daran ist sicher nur Eure schlechte Behandlung schuld, denn an Sauberkeit ist doch den Bewohnern des Landes wenig gelegen.
Heute habe ich mal Nudeln selber gemacht. Sie sind mir auch gut gelungen. Die hebe ich noch auf, damit ich immer etwas Reserve da habe. Auf die Karten bekomme ich ja im Monat nur 1 ½ Pfund Teigwaren für uns drei.
Nun will ich schließen. Ich schaffe gleich noch den Brief und die Zeitungen für dich fort und hole Helga vom Turnen ab.
Ich grüße und küsse dich recht herzlich, Deine Annie.