Donnerstag, 23. März 2017

Brief 291 vom 18.03.1942


Konstanz, 18.3.42           
Mein liebster Ernst !

Nun ist gleich eine halbe Woche vorbei, seit Du von uns weggefahren bist. Du fehlst uns, und besonders mir, sehr. Es dauert eben immer eine ganze Zeit, bis man sich wieder daran gewöhnt hat, allein zu sein. Ich habe mich wieder in die Arbeit gestürzt, damit die Tage schneller vergehen.
Gestern Abend bin ich schon um 9 Uhr in´s Bett gegangen, denn ich war sehr müde. Aber heute Morgen war ich doch noch nicht ausgeschlafen, genau wie Helga, die auch noch sehr verschlafen aus dem Bett kam. Das zeitige Aufstehen ist man eben noch nicht gewöhnt. Fast den ganzen Winter über konnten wir ja lange im Bett bleiben. Helga muss ja jetzt immer um 8 Uhr zur Schule, und bei Jörg gilt seit gestern der Stundenplan auch nicht mehr. Heute musste er um 9:50 Uhr und morgen um 8:50 Uhr in die Schule.
Du wolltest noch Samen besorgen. Ich habe nun nachgesehen, was ich noch da habe und was ich bisher bekommen konnte:
Vom vorigen Jahr habe ich             2 Weißkraut, da bräuchte ich noch 2-3 Packungen
                                                1 Wirsing                                                3
                                                1 Rotkraut                                              3
Erhalten konnte ich bisher            4 Spinat                                      keinen mehr
                                                2 lange Gurken
                                                2 kurze Gurken
Ich bräuchte noch                 Kohlrabi                                             2-3 Packungen
                                                Möhren (2 verschiedene Sorten) 3-4
                                                Erbsen   (2 verschiedene Sorten) 2-3
                                                Grünkohl                                             2-3
und vor allem Zwiebelsamen. Auch Rosenkohl könnte ich noch gebrauchen. Das wäre soweit alles. Den Samen von Spinat und Gurken konnte ich heute bei Webers bekommen. Ich habe alle Packungen, die ich brauche, reichlich angegeben, denn vielmals muss man ja nachsäen, wenn einem die Vögel viel wegfressen. Ich weiß nun nicht, ob du das alles besorgen kannst. Schreibst mir deshalb bitte, damit ich mich evtl. noch beim Gaugel umsehe. Bei Wirsing und Erbsen hätte ich gern frühe und späte.
Heute erhielt ich Bescheid vom Dr. Nast, dass ich zu der Untersuchung von der Krankenkasse aus am Samstag mit Jörg hinkommen soll, und zwar um 10 Uhr. Da muss ich sehen, dass Jörg frei bekommt von der Schule.
Unsere Stare lassen sich jetzt den ganzen Nachmittag nicht auf dem Baum blicken. Nur jeden Morgen sitzt eine ganze Versammlung vor dem Häuschen und macht einen ziemlichen Krach. Es sieht aus, als sollte es doch Frühling werden. Heute ist es wieder mal ziemlich warm und die Sonne scheint. Auch weht ein warmer Wind. Frau Leimenstoll meinte, man könnte schon mit der Gartenarbeit beginnen, aber ich glaube, es wird noch mancher kalte Tag kommen. Vor Anfang April, wie wir´s besprochen haben, fange ich nicht an.
Nun laß mich schließen, mein lieber Ernst,und sei herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

Brief 290 vom 17.03.1942


Konstanz, 17.3.42         
Mein liebster Ernst !

Heute haben wir hier dasselbe Wetter wie gestern. Den ganzen Vormittag ein ganz dicker Nebel und jetzt am Nachmittag Sonnenschein. Man merkt, dass Frühling und Winter noch im Kampf liegen. Auf den Sonnenschein freut man sich ja immer sehr, denn die Wärme tut wohl.
Helga und Jörg haben vorhin gleich ihre Schulaufgaben gemacht und sind nun hinterm Haus beim spielen. Helga hat in den kleinen Handwagen ihre Puppe gepackt, damit diese auch an die frische Luft kommt.
Am Vormittag habe ich unsere Cognacflaschen wieder mit Wachs verschlossen. Nun können sie ruhen bis zum nächsten Urlaub.
Von Siegfried erhielt ich eine Karte vom 4.3. aus Schwerin (abgestempelt am 15.3. in Berlin), in der er anfragt, ob Du auf Urlaub gewesen seist. Außerdem schreibt er, dass er noch keine Antwort von dir auf seinen Brief erhalten habe. Hatten wir nicht an ihn geschrieben, als du hier warst? Er habe von daheim gehört, dass du versetzt werden solltest. Wir möchten ihm doch bald Bescheid geben, wie sich das verhält.
Vorhin brachte gerade der Bote von der Stadt den Jahresnachweis für den Kinderzuschlag, den man jedes Jahr ausfüllen muß. Nachdem ich das getan habe, werde ich ihn auf´s Rathaus bringen.
Ehe ich den Brief fortbringe, gehe ich noch beim Photografen vorbei, ob die Abzüge vielleicht schon fertig sind. Ich würde sie dir dann mitschicken. Die zwei Filme von deinen Kameraden schickte ich aber erst im nächsten Brief, damit, wenn etwas verloren geht, nicht gleich alles futsch ist.
Heute schaffst Du ja dort auch wieder zum ersten Mal. Ob Du Dich wohl schon eingewöhnt hast? Ich freue mich schon auf Deinen ersten Brief, der ja noch einige Tage auf sich warten lassen wird, aber gar zu lange wird es doch wohl nicht dauern. Es ist doch wieder ein Gruß von dir, auf den ich mich sehr freue, denn du fehlst mir sehr.
Nun will ich aufhören mit schreiben. Ehe ich fortgehe, will ich mich erst noch zum stopfen setzen, denn ein ganzer Berg Strümpfe hat sich wieder angesammelt. Das kann ich nicht liegen lassen.
Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküsst, mein lieber Ernst, von Deiner Annie.

Nun kann ich dir doch die Bilder schicken. Sie sind doch ganz schön geworden. Das eine von mir folgt noch. Bei der einen Aufnahme ist mir das Licht der Tischlampe auf´s Gesicht gefallen, die anderen beiden gefallen mir aber gut. Lieber Kerl, du hast deine Sache also sehr gut gemacht. Nun Schluß. Viele, viele Grüße und Küsse deiner Annie.

Brief 289 vom 16.03.1942


                                                                                                Konstanz, 16.3.42           
Mein lieber, lieber Ernst !

Dieser Tag geht nun auch bald zu Ende, und heute empfinde ich noch mehr als gestern, wie sehr du mir fehlst. Gestern kamen wir spät heim und sind bald ins Bett gegangen, aber heute bin ich den ganzen Abend allein. Das ist sehr einsam. Sonst warst Du in der Stube, lagst auf dem Sofa und ich konnte mich nach meiner Arbeit zu Dir setzen. Das geht nun vorläufig nicht mehr. Aber sehr schön war´s, dass Du auf Urlaub da warst und wir ein paar schöne Tage zusammen verleben konnten. Diese Tage sind immer Lichtblicke im Alltag.
Nun wirst Du ja wieder an deinem Bestimmungsort sein. Hoffentlich ist die Fahrt soweit gut verlaufen. Um 6 haben wir daran gedacht, dass du dort sein wirst. Es fragt sich natürlich, ob der Zug pünktlich war.
Heute Nachmittag waren wir beim Arzt. Er ist mit dem Fortschritt zufrieden und meinte, es sei aus dem Stadium heraus, wo es vereitert. Wir müssen weiter einreiben. Auf dem Heimweg sagte Helga: “Das habe ich Dir zu verdanken, dass es nicht geeitert hat, weil du gleich mit mir zum Doktor gegangen bist. Aber wenn Du mal in Gefahr bist, dann helfe ich dir auch.“ Ist das nicht ein kleiner Lauser? Ich hoffe ja, dass die harte Knolle bald ganz weg geht. Es wäre mir eine Beruhigung. Die Sache war also doch nicht so einfach.
Du sagtest ja, ich könnte mir ein Buch oder irgendetwas zum Lesen kaufen. Ich habe mir nun heute drei kleine Reklambücher gekauft. Wenn ich die gelesen habe, schicke ich sie dir mal mit, wenn es mit dem Gewicht langt.
Den Film habe ich heute weggeschafft. Auch von den anderen Filmen, von dir dort, lasse ich die Abzüge mit machen.
Ich habe auch noch einen andren Film gekauft, denn sie sehen einen doch ein bisschen scheel an, wenn man immer nur französische entwickeln lässt. Du kannst aber ruhig noch ein paar Filme besorgen, man weiß ja nicht, wie lange man wieder welche bekommt. Übermorgen bekomme ich die Abzüge.
Vorhin waren die Kinder noch am Briefkasten und haben nachgesehen, ob wieder regelmäßig geleert wird. Das ist nun der Fall und so schaffe ich nachher noch den Brief weg, da kommt er morgen frühgleich ¼ 7 Uhr fort.
Die Helga hat von jetzt an jeden Morgen um 8 Uhr Schule. Da müssen wir nun immer zeitig aufstehen. Bei Jörg gilt noch der alte Stundenplan.
Heute Morgen hatten wir wieder trübes nebliges Wetter, es hat sogar ein wenig geregnet. Am Nachmittag schien aber die Sonne und es war ganz schön warm. Man konnte sich richtig durchwärmen lassen. Aber gegen Abend wurde es wieder kühl, so wie an dem Abend, als wir in St. Kathrinen waren. Das war doch auch ein schöner Tag, nicht wahr? Es ist eben immer so schön, wenn Du da bist, du lieber guter Ernst. Von den Erinnerungen an diesen Urlaub zehren wir ja wieder lange Zeit. Die Urlaubstage sind ja immer glückliche Tage.
Nun schließe ich wieder und hoffe, dass es dir nicht gar so schwer ist. Bleib mir recht gesund und sei recht herzlich gegrüßt und geküsst von Deiner Annie.

Brief 288 vom 15.03.1942


Konstanz, 15.3.42
Mein liebster, bester Ernst !

Es ist dies nun wieder der erste Brief, den ich an Dich schreibe. Es ist abends ¾ 10 Uhr. Wir haben vorhin bei Deiner Ankunft und bei Deiner Abfahrt von Stuttgart auf die Uhr gesehen. Unsere Gedanken gehen ja immer zu Dir hin.
Als wir von der Bahn kamen, sind wir mit Vater ins Kino gegangen. Vater hat 2.-Mk. dazu gezahlt. Anders tat er´s nicht. Den Kindern hat der Film viel Freude gemacht. Ich hab diesmal nicht wieder so darüber lachen können. Eine neue Wochenschau war da, in der auch die bombardierten Häuser von Paris gezeigt wurden. Da haben die Bomben schwer gehaust. Vater hat der ganze Film, bzw. die Wochenschau wohl ziemlich beeindruckt, denn er sagte, man müsse nur staunen, wie solche Aufnahmen gemacht werden könnten. Wir sind auf dem Heimweg bis zur  Schneckenburgstraße mitgegangen und sind dann heim. Da war und ist es ja sehr einsam. Helga sagte uns dann unter Tränen, dass sie uns was zeigen müsste. Sie brachte dann aus ihrer Tasche zwei Stückchen Draht zum Vorschein. „Die habe ich noch vom Vaterle, wo ich ihm im Garten bei den Brombeeren geholfen habe. Die hat er noch mit seinen lieben Händen angefasst. Da habe ich sie mir aufgehoben.“ Vorhin haben wir noch Abendbrot gegessen und nun sind die Kinder im Bett. Sie waren sehr müde. Kaum, dass sie sich noch ausziehen konnten. Ich gehe nun auch ins Bett, denn auch ich bin sehr müd. Ich hoffe, dass wir fest schlafen können. Auf ½ 5 Uhr stelle ich mir den Wecker, damit ich bei deiner Ankunft in Köln mit meinen Gedanken bei Dir sein kann. Hoffentlich hast Du einen Platz bekommen, auf dem Du ein bisschen schlafen kannst.
Es waren doch schöne Tage, die wir wieder zusammen verlebt haben. Und die beiden Spaziergänge in den Wald haben uns ja allen gefallen. Die schöne Rangelei im Schnee haben wir ja in einigen Bildern festgehalten. Sie werden immer wieder dazu beitragen, uns diesen Tag zu vergegenwärtigen.
Ich gehe nun ins Bett. Es ist zu einsam und still hier. Wie schön waren doch dagegen die vergangenen Abende, wenn ich mit dir zusammen sitzen konnte. Da hat man erst wieder gemerkt, wie schön ein Feierabend sein kann, und man fühlt dann so recht den Unterschied zu diesem einsam herumsitzen.
Nun gute Nacht, mein lieber, lieber Ernst. Bleib ganz gesund!
16.3.
Guten Morgen, mein lieber Mann! Wenn du pünktlich angekommen bist, musst Du jetzt in Maastricht sein. Auch heute Morgen von ½ 5 bis um 5 war ich munter und habe an Dich gedacht. Heute mussten wir ja zeitiger aufstehen, da die Kinder zur Schule müssen. Unsere Beiden waren ziemlich verschlafen und Helga wünschte sich, dass sie wieder heimgehen könnten und keinen Unterricht hätten. Damit wird es aber nichts sein.
Gestern Abend sind die Kinder gleich eingeschlafen. Kein einziges Wort haben sie geredet. Das ist doch bestimmt eine Seltenheit.
Es ist mir heute wieder ganz fremd vorgekommen, dass niemand neben mir geatmet hat, als ich heute aufwachte. Es war in den vergangenen Tagen mein erstes, darauf zu hören, und es war so schön, zu wissen, du bist da.
Ich gebe diesen Brief nun Helga mit, damit sie ihn noch zur Post bringt und Du ihn bald erhältst. Ich gebe Dir für heute recht, recht viele Küsse und grüße dich vielmals, Deine Annie.

Sonntag, 12. März 2017

Brief 287 vom 25.02.1942


Konstanz, 25.2.42                                                                   Mein liebster Ernst!

Gleich 2 Briefe erhielt ich heute von Dir., vom 20. und 21.2. Dazu kamen noch die Zeitungen mit den Briefbogen und Umschlägen. Ich danke Dir dafür.
Heute habe ich an Papa, Siegfried, Kurt, Alice und Erna geschrieben. Ich bin froh, dass ich die Briefschulden erledigt habe. Die Durchschläge sende ich nicht erst mit. Wenn Du auf Urlaub kommst, kannst Du sie ja hier lesen. Andernfalls schicke ich sie dir noch hin.
Die Kinder schreiben und rechnen schon öfter, aber jeden Tag pünktlich leider nicht. Aber du musst keine Angst haben, ich passe schon auf, dass sie ihre Kenntnisse nicht vernachlässigen.
Gestern wollte ich ja nähen. Aber leider ist nichts daraus geworden. Die Kinder hatten mir gestern Vormittag erzählt, dass sie mit Wasser beim Vorraum spielen. Ich habe mir da eine größere Pfütze vorgestellt.
Als ich nun ein paar fremde Jungen aus dem Hof hinausschmeißen musste, die die Kinder nicht spielen ließen, sah ich doch, dass fast der ganze Vorraum unter Wasser stand. Die Dachrinne, die an der Stelle vom Dach herunter kommt, ist bis ca. 1 Meter hoch gefroren.

Montag, 27. Februar 2017

Brief 286 vom 22./23./24.2.1942


Mein lieber, lieber Mann!       Konstanz, 22.2.42                                                                                                                             023

Auch heute, am Sonntag, erhielt ich keinen Gruß von Dir. Es ist nun schon der vierte Tag und ich mache mir Sorge, ob Du wohl krank bist. Denn als Du vor kurzem krank warst, hattest Du ja auch mehrere Tage nicht schreiben können. Meine Gedanken gehen immer zu Dir und es ist schlimm, daß ich nicht bis zu Dir sehen kann und weiß, wie es Dir geht. Bis morgen ist es doch noch sehr lang und es ist ja auch noch nicht gewiß, ob mich da ein Brief von Dir erreicht. Man muß immer warten.
Heute Nacht hatten wir nach langer Zeit wieder einmal Luftalarm. Aber nur 20 Minuten von 1 Uhr an. Halb zwei haben wir wieder in den Betten gelegen. Man merkte aber, daß es seit langem wieder zum ersten Mal war, denn die Kinder waren ganz verdutzt. Helga sagte, als ich sie weckte: „Ist das richtig Alarm, ich denke, es ist nur Übung.“ Jörg war gar nicht richtig munter und wußte gar nicht, was er anziehen sollte. Da man keine Flieger hörte, sind alle in der Wohnung geblieben. Nur Herr Leimenstoll stand vor der Haustür und hat für uns alle gehorcht.
Ich sitze in der Küche und nähe und lese ein bißchen. Da ich nicht weiß, wie es Dir geht, habe ich zu gar nichts rechte Lust. Die Kinder sind vorm Haus und bauen sich wieder eine Schneeburg. Dabei haben sie Bewegung und Freude.
Es ist nun inzwischen Abend geworden. Zum lesen hatte ich bei Tag doch nicht die rechte Ruhe, so habe ich lieber gearbeitet, das beschäftigt und lenkt mehr ab. Für Helga habe ich einen Unterrock genäht und für Jörg ein Strumpfhalterleibchen. Gegen Abends  habe ich noch gebügelt und vorhin Verschiedenes ausgebessert. So ist glücklicherweise auch dieser Tag vorbeigegangen. Ich gehe nun bald schlafen.

23.2  Mein liebster Ernst!

Gerade  bin ich aufgestanden, aber ich muß Dir doch schnell erst schreiben, daß ich heute Nacht wunderschön von Dir geträumt habe. Es war so schön und ich wünschte, es würde alles bald einmal Wirklichkeit. Als ich nach dem Traum heute in der Nacht erwachte, habe ich so fest an Dich gedacht, daß Du es fast gespürt haben mußt. Jedenfalls möchte ich Dich heute Morgen gleich mit einem Kuß begrüßen, einem ganz herzlichen. Er fliegt Dir aus diesem Brief entgegen, wenn Du dies liest.
Es ist jetzt 1/4 11 Uhr und ich habe gerade Deinen lieben Brief vom 18.2. bekommen. Ach, wie freue ich mich, daß Du doch gesund bist. Ich hatte mir schon solche Sorge gemacht.
Mit dem Urlaub will und will es diesmal nicht klappen. Das ist wie verhext. Jetzt warten wir eben wieder mal eine Woche und wollen sehen, was dann dazwischen kommt. Wenn es doch nur einmal klappen wollte. Wir sind doch jetzt lange genug auf die Folter  gespannt worden, denn eigentlich warten wir doch seit Anfang des Jahres. Na, wir wollen die Hoffnung nicht verlieren.
Von Siegfried erhielt ich heute einen Brief und von Papa einige Zeitungen und Romane. Von Alice erhielt ich gestern einen Brief. Ich muß also in den nächsten Tagen Verschiedenes beantworten. Eigentlich wollte ich gestern schon an Papa und Elsa und Alice schreiben, aber ich hatte nicht die Ruhe dazu. Nun kann ich ja Papa auch gleich das Päckchen bestätigen.
Schule haben die Kinder auch diese Woche noch nicht. Sie habe ja viel freie Zeit. Aber solange sie im Schnee spielen können und nicht in der Stube sitzen müssen, geht es ja.
Da hat mir Papa einen kleinen Zeitungsausschnitt mitgeschickt. Der hat mich gefreut. Ich schicke ihn Dir deshalb einmal mit. Vielleicht kannst Du ihn wieder mitbringen.
Ich gehe heute Nachmittag mit den Kindern in den Film „Jakko“. Es ist eine Jungensgeschichte und vor allem ist da Jugend zugelassen, so daß ich unsere zwei Lauser mitnehmen kann.
Nun schließe ich wieder, mein lieber, lieber Ernst. Ich freue mich so, daß ich wieder einen Brief von Dir bekommen habe und daß Du gesund bist.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!       Konstanz, 23.2.42

Ich muß heute Abend nochmals an Dich schreiben, wenn es auch nur ein paar kurze Zeilen sind. Ich bin noch voll Freude über Deinen Brief, den ich heute erhielt. Du hast mir nun evtl. Deinen Urlaub am 1.3. in Aussicht gestellt. Ich weiß ja, daß wohl wieder etwas dazwischen kommen kann, aber ich freue mich doch darauf und habe so wieder ein Ziel. Ich meinte ja erst und habe es auch geschrieben, daß es wohl besser sein, wenn Du gar nichts vom Urlaub mehr schreibst und plötzlich einmal kommst. Aber es ist nicht besser, jedenfalls in diesem Falle nicht, wo wir doch immer mit Urlaub rechnen. Es war in letzter Zeit ein tägliches hoffnungsloses Warten. Das zermürbte ganz. Solltest Du nächsten Sonntag auch nicht kommen können, so ist es wieder eine Enttäuschung, aber ich habe mich wenigstens die Tage vorher freuen können. Und ich wollte mich freuen, ich will nicht mehr täglich bangen und warten und am Abend doch enttäuscht sein. Nein, die nächsten Tage will ich mich freuen, als sei alles ganz bestimmt. Und darum bin ich Dir auch dankbar, daß Du mir wieder ein Datum geschrieben hast, an das ich mich halten kann.
Und schreiben muß ich Dir heute auch noch, daß ich Dich ganz fest lieb habe. Lach mich bitte deshalb nicht aus. Wenn Du so lange nicht heim kommst, muß ich es Dir doch einmal schreiben, Du lieber Lieber


Lieber Ernst!        24.2.

Heute Morgen erhielt ich das Salzpäckchen. Ich habe mich sehr gefreut, daß Du meinen Wunsch gleich erfüllt hast. Wenn ich es auch nun nicht gleich brauche, so will ich mir doch immer ein wenig aufheben. Wie ich jetzt durch Vater hörte, war der Mangel nicht nur bei Webers, sondern auch noch in anderen Geschäften aufgetreten.
Nun möchte ich Dir noch von gestern Nachmittag erzählen. Der Film „Jakko“ war wirklich schön. Ich erzähle Dir davon, wenn Du wirklich auf Urlaub kommst. Auf dem Heimweg sahen wir, daß ein weiteres Stück des See`s zugefroren war, so daß man vom ersten Bootssteg auf die große Sandbank gelangen konnte. Natürlich wollten die Kinder gern hin. Ich bin dann auch mit ihnen hingegangen. Die Kinder kamen gut rüber, aber bei mir knackte und sprang das Eis, so daß es mir schon ein bißchen komisch zu Mute wurde und ich froh war, als ich auf der Sandbank war. Wir sind dann überall herum gestiefelt. Am Rand lagen im flachen Wasser  lauter volle und leere Muscheln. Die Kinder waren ganz erstaunt, daß es im Bodensee so große Muscheln gibt und haben sich je eine große, leere mitgenommen. Froh war ich nachher aber doch, als ich über das dünne Eis wieder am Ufer war. Ich habe dann aber ein ganz großes Lob von den Kindern bekomme. Ich sei tapfer, daß ich mitgegangen sein, die anderen Mütter hätten Angst und gingen nicht mit. Ist das Lob nichts wert? Wir sind dann heimgegangen, haben gegessen und sind später ins Bett gegangen. Damit war also auch dieser Tag vorbei.
Von heute ist nicht viel zu berichten. Ich tue meine tägliche Arbeit und will am Nachmittag noch ein bißchen nähen.
Da Jörg innerhalb einer Reihenuntersuchung von der Ersatzkasse aus mit daran kommen soll, muß ich morgen oder übermorgen wegen der „schriftlichen Vorarbeit“ auf die Kasse kommen. Ich habe heute ein Rundschreiben bekommen.
Gestern hatte es mit Tauen angefangen und es war ein scheußliches Laufen. Vielleicht triffst Du bald keinen Schnee mehr an, wenn nicht inzwischen wieder neuer gefallen ist. Heute ist auch die Sonne wieder hervor gekommen und wird wohl den Schnee weiter vermindern.
Nun laß mich schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.


Sonntag, 19. Februar 2017

Brief 285 vom 18./19./21.02.1942


Mein liebster Ernst!                                                                     Konstanz, 18.2.42           
                      
Es ist wieder Abend geworden, die Kinder sind gerade ins Bett gegangen und ich will nun an Dich schreiben. Den Tag über habe ich genäht. Die Kinder haben heute Mittag gleich zusammen abgewaschen und abgetrocknet, damit ich weiterschaffen konnte. Beim Abtrocknen hilft mir Helga überhaupt öfter und ab und zu wäscht sie auch noch ab. Aus älteren Sachen habe ich Helga 2 Unterröcke genäht und außerdem aus verschiedenen Resten einige Wischtücher gemacht, damit ich die guten noch nicht gleich verbrauchen muß. Für morgen habe ich wieder verschiedenes zum Abändern da.
Heute bekam ich Deinen lieben Brief vom 13.2. Ich danke Dir dafür.
Das Geld wirst du ja inzwischen sicher bekommen haben.
Heute Mittag kam Vater kurz herauf. Ich sollte für ihn Zigarren besorgen. Man muß nämlich mindestens alle 2 Tage gehen, sonst verfallen die 2 letzten Abschnitte der Raucherkarte. Nun kann Vater abends ja schlecht gehen, wenn er erst 3/4 7 aus dem Geschäft kommt. Nun ist aber heute eine Bestimmung herausgekommen, wonach jeder persönlich kommen muß, oder Vater muß sich vom Geschäft, wo er arbeitet, eine Bescheinigung geben lassen, daß er wegen zu langer Arbeitszeit nicht selber gehen kann. Dann bekomme ich die Sachen für ihn. Diese Bescheinigung will er sich nun heute geben lassen. Das ist doch umständlich, nicht wahr?
An Kurt werde ich in den nächsten Tagen auch schreiben und ihm zum Geburtstag gratulieren. Die Post nach Rußland geht ja lange.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Du noch Zucker bekommen könntest. Daß es jetzt sehr schwierig ist, noch irgendetwas zu bekommen, das glaub ich. Der Krieg dauert eben doch schon ziemlich lange.
Heute haben wir wieder mal unsere „Musik“ vom Speicher geholt. Den ganzen Tag haben die Kinder schon die Platten laufen lassen.
Laß mich nun wieder schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein lieber Ernst!                                                                    Konstanz, 19.2.42

Heute Abend bin ich ziemlich müd. Wir haben heute die Kohlen geholt. Da noch lange keine Aussicht bestand, daß sie uns gebracht würden, dachte ich mir, am besten ist es, wenn wir sie selber holen, solange noch richtig Schnee liegt. So konnten wir gleich die Schlitten nehmen. Aber froh sind wir doch, daß wir`s hinter uns haben. Wir haben 4 Mal je 2 Ztr. geholt.
Ich erinnere mich gerade daran, daß Papa in einem Brief bei Dir anfragte, wie Dir der silberne Drehbleistift gefallen hat. Du hast ihn ja noch gar nicht bekommen. Alle Kleinigkeiten, die wir Dir nachträglich zu Weihnachten schenken wollten, harrten noch auf Dein Kommen. Auch die Stolle von uns und ein Stück aus Leipzig ist noch da. Nur der Weihnachtsbaum fehlt. Aber den braucht man ja jetzt nicht mehr, wo es bald Frühling werden soll, nicht wahr?
Heute haben wir auch unsere letzten eingelagerten Äpfel herauf geholt. Sie haben doch aber immerhin ziemlich lange gereicht.
Als übrigens Vater gestern Mittag hier war, habe ich ihm etwas von Deiner Butter abgegeben. Außerdem habe ich ihm noch 3 kleine Zigarren von Dir geschenkt, die ich noch da hatte. Er hat sich über Beides sehr gefreut. Tabakwaren sind ja überhaupt sehr begehrt.
Nimm es bitte nicht übel, wenn ich jetzt schon mit schreiben aufhöre, aber ich möchte gern ins Bett gehen und mich richtig ausschlafen.
20.2.42   
Mit dem Ausschlafen ist es doch nichts geworden. Mir hat der Rücken weh getan, daß ich dauernd aufgewacht bin und mich immer auf eine andere Seite legen mußte. Ich bin eben so Schwerarbeit nicht gewöhnt. Wenigstens jetzt im Winter nicht. Später beim Umgraben wird mir ja manchmal wieder der Rücken weh tun. Heute bei Tag geht es schon wieder ganz gut. Viel habe ich heute noch nicht getan, nur ein wenig genäht und Blödsinn mit den Kindern gemacht. Da sind sie natürlich dabei und wollen gar nicht mehr aufhören.
Jetzt haben wir gerade Mittagbrot gegessen und nachher wollen wir noch in der Stadt einkaufen. Ich besorge alles schon gern am Freitag, da brauche ich am Samstag, wenn die Meisten laufen, nicht rumzurennen.
Einen Brief von Dir habe ich auch heute nicht bekommen. Vielleicht bekomme ich am dritten Tag, also morgen, wieder einen. Es war ja jetzt schon öfter so.
Jörg geht jetzt schon ans lesen von richtigen Büchern. Jetzt hat er sich das Buch „Die lustigen Drei von der Herzogsbastei“ vorgenommen. Es macht ihm großen Spaß, schon alles richtig lesen zu können.
Helga bügelt mit ihrem kleinen Bügeleisen mal ihre ganze Puppenwäsche durch. Manche hat es ja ziemlich nötig, denn Helga legt sie ja nicht immer gerade sorgfältig zusammen. Das kleine Bügeleisen und Bügelbrett habe ich ja auch als Kind schon gehabt. Nun habe ich`s schon weitervererbt.
Nun laß mich schließen. Ich will noch abwaschen, damit wir dann bald fortkommen.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                        Konstanz, 21.2.42

Auch dieser Tag geht vorbei, ohne daß ich einen Brief von dir erhalten habe. Zeitungen mit Briefumschlägen habe ich heute bekommen, aber es war kein Brief dabei und außerdem sind sie, wenn ich den Stempel richtig entziffert habe, seit dem 11. unterwegs. Ich habe nun seit dem 13. keine Nachricht mehr von Dir und hoffe nur, daß Du noch ganz gesund bist.
Gestern Nachmittag waren wir in der Stadt. Auf dem Heimweg bat mich vor allen Dingen Jörg, ob wir nicht mal an der Seestraße unten am Wasser lang laufen können. Auch auf die Sandbänke wären sie gern mal gegangen. Ich habe ihnen dann diesen Wunsch erfüllt. Wir sind bald bis ans Ende der Seestraße gegangen, um über ein zugefrorenes Stück auf die Sandbank zu kommen. Auf eine andere wären wir auch noch gern gelaufen, aber man mußte da über Steine klettern, da der See dort nicht zugefroren war und das ging mit den Kindern nun doch nicht. Aber die Freude war auch so schon groß genug. Jörg sagte, so schön hätte es ihm noch nie gefallen, wenn er mit in die Stadt gegangen ist.
Du hattest doch mal geschrieben, daß alle Päckchen an Nanni weggekommen waren. Daran mußte ich heute denken, als ich in der Zeitung las, daß eine 48 jährige Frau aus Kassel, die bei der Post beschäftigt war, zum Tode verurteilt worden ist, da sie neben einigen anderen Sachen auch 70 bis 80 Feldpostpäckchen gestohlen oder ausgeräubert hat. Und das in der kurzen Zeit von nach Weihnachten bis Ende Januar. Trotzdem es so hohe Strafen gibt, finden sich immer wieder Menschen, die das Stehlen nicht sein lassen könne.
Gerade ist Jörg hereingekommen. Er hat sich mit Helga zusammen eine Burg vorm Haus gebaut, aber jetzt ist er so naß und friert so, da er doch lieber herein kommt. Helga schafft nachher noch den Brief an Dich fort, während ich noch Kuchen backen will. Dabei will mir Jörg fest helfen, wie er sagt.
Nun will ich wieder schließen. Hoffentlich bekomme ich morgen wieder einen Brief von Dir. Ich würde mich sehr freuen.
Ich schicke Dir heute wieder viele herzlich Grüße und Küsse und hoffe, daß Du ganz gesund bist. Deine Anni.