Donnerstag, 23. März 2017

Brief 290 vom 17.03.1942


Konstanz, 17.3.42         
Mein liebster Ernst !

Heute haben wir hier dasselbe Wetter wie gestern. Den ganzen Vormittag ein ganz dicker Nebel und jetzt am Nachmittag Sonnenschein. Man merkt, dass Frühling und Winter noch im Kampf liegen. Auf den Sonnenschein freut man sich ja immer sehr, denn die Wärme tut wohl.
Helga und Jörg haben vorhin gleich ihre Schulaufgaben gemacht und sind nun hinterm Haus beim spielen. Helga hat in den kleinen Handwagen ihre Puppe gepackt, damit diese auch an die frische Luft kommt.
Am Vormittag habe ich unsere Cognacflaschen wieder mit Wachs verschlossen. Nun können sie ruhen bis zum nächsten Urlaub.
Von Siegfried erhielt ich eine Karte vom 4.3. aus Schwerin (abgestempelt am 15.3. in Berlin), in der er anfragt, ob Du auf Urlaub gewesen seist. Außerdem schreibt er, dass er noch keine Antwort von dir auf seinen Brief erhalten habe. Hatten wir nicht an ihn geschrieben, als du hier warst? Er habe von daheim gehört, dass du versetzt werden solltest. Wir möchten ihm doch bald Bescheid geben, wie sich das verhält.
Vorhin brachte gerade der Bote von der Stadt den Jahresnachweis für den Kinderzuschlag, den man jedes Jahr ausfüllen muß. Nachdem ich das getan habe, werde ich ihn auf´s Rathaus bringen.
Ehe ich den Brief fortbringe, gehe ich noch beim Photografen vorbei, ob die Abzüge vielleicht schon fertig sind. Ich würde sie dir dann mitschicken. Die zwei Filme von deinen Kameraden schickte ich aber erst im nächsten Brief, damit, wenn etwas verloren geht, nicht gleich alles futsch ist.
Heute schaffst Du ja dort auch wieder zum ersten Mal. Ob Du Dich wohl schon eingewöhnt hast? Ich freue mich schon auf Deinen ersten Brief, der ja noch einige Tage auf sich warten lassen wird, aber gar zu lange wird es doch wohl nicht dauern. Es ist doch wieder ein Gruß von dir, auf den ich mich sehr freue, denn du fehlst mir sehr.
Nun will ich aufhören mit schreiben. Ehe ich fortgehe, will ich mich erst noch zum stopfen setzen, denn ein ganzer Berg Strümpfe hat sich wieder angesammelt. Das kann ich nicht liegen lassen.
Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküsst, mein lieber Ernst, von Deiner Annie.

Nun kann ich dir doch die Bilder schicken. Sie sind doch ganz schön geworden. Das eine von mir folgt noch. Bei der einen Aufnahme ist mir das Licht der Tischlampe auf´s Gesicht gefallen, die anderen beiden gefallen mir aber gut. Lieber Kerl, du hast deine Sache also sehr gut gemacht. Nun Schluß. Viele, viele Grüße und Küsse deiner Annie.

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