Donnerstag, 19. Mai 2016

Brief 160 vom 19./20.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                                Konstanz, 19.5.41                                       

Einen Brief habe ich heute nicht bekommen. Ich soll eben nicht zu sehr verwöhnt werden. Der gestrige Tag ist ruhig vorbeigegangen. Eigentlich wollte ich mit den Kindern spazieren gehen, aber, nachdem es anfangs ganz schön war, fing es dann immer einmal mit regnen an. So sind wir zu hause geblieben. Ich habe meist gestopft und mir das Wunschkonzert angehört. Ich war ja schon am Samstagabend so müd´, konnte aber nicht zeitig ins Bett gehen, weil Vater da war. Gestern war ich immer noch ganz kaputt. Da Vater nicht kam, bin ich schon 3/4 9 Uhr schlafen gegangen. Heute ist es mir schon wohler, aber wenn es möglich ist, gehe ich heute auch wieder zeitig schlafen. Ich stehe dafür lieber früh zeitiger auf. Da geht mir die Arbeit leichter von der Hand.
Heute morgen habe ich wieder einmal alle Stuben eingewachst, das Sofa geklopft usw.
Wir haben doch eine Amaryllis. Ich denke wenigstens, daß sie so heißt. Die eine Zwiebel hat doch gut ausgeschlagen. Ich weiß nicht, ob Du Dich erinnern kannst, daß noch eine kleine Zwiebel da war, die ich an die Seite des Top fest gesteckt habe. Sie liegt ja nun schon über 2 Jahre drin, ohne sich zu rühren. Nun denke Dir, jetzt fängt sie an zu treiben. Ein winziges Blättchen ist schon da. Mal sehen, wie es sich weiter entwickelt. Glaubst Du, ich habe mich gefreut, daß sie nach ein paar Jahren nun doch noch mit Wachsen anfängt.
Ich weiß nicht, ob ich Dir schon geschrieben habe, daß wir jetzt auch die halbhohen und die Buschbohnen gelegt haben. Ich habe mir schon überlegt, ich hätte erst einen Teil der Stangenbohnen legen sollen, und nach ein paar Wochen den Rest. Da hätte ich nicht alle auf einmal gehabt. Aber nun läßt es sich nicht mehr ändern. Ich muß eben manches erst lernen.
Heute habe ich das erste mal eigenen Spinat geholt. Das ist eben doch etwas anderes, als wenn man ihn kauft. Er ist viel frischer und auch appetitlicher.
Aus unserem Baum herrscht reges Leben. Jetzt sitzen gerade wieder sechs Stare da. Die machen einen Krach. Wie ich gerade sehen kann, hat einer einen dicken Wurm im Schnabel. Sie sollen nur den Baum richtig ablesen. Da sind wir gar nicht böse.
Es müssen Junge im Nest sein. Die anderen Stare sind jetzt weggeflogen, aber wie der eine jetzt zum Nest geflogen kam, erhob sich darin ein Gezwitscher. So klein sie sind, machen sie doch einen tüchtigen Krach. Eigentlich haben sie doch eine schöne Wohnung, in lauter Blüten eingebettet. Aber ich glaube, ihnen werden die Würmer lieber sei als alle Blüten. Die Eltern strengen sich ja auch mächtig an, daß sie die Schreihälse satt bekommen.
Ich schicke heute drei kleine Schachteln an Dich ab. Nun mußt Du aber nicht denken, daß es ein großes Geschenk ist. Es ist nur eine kleine Kostprobe vom Muttertag. Du sollst doch auch Deinen Teil davon bekommen. Die Sterne habe ich selber gebacken und das andere Gebäck und die Pralinen habe ich von den Kindern bekommen. Aber bitte, nicht schreiben, wir hätten es selber essen sollen.
Sei nun, mein lieber Ernst, für heute wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.


Mein lieber Ernst!                                                                   Konstanz, den 20.5.41

Du wirst Dich wundern, daß ich Dir heute mit Schreibmaschine schreibe. Ich bin aber gerade dabei und dachte, Du wirst es sicher nicht übelnehmen, wenn Du einen Schreibmaschinenbrief erhältst. Ich habe nämlich gerade den Brief an Elsa nochmals geschrieben. Meine Schwäche beim Briefeschreiben ist, daß ich fünfzig Mal „auch“ schreibe. Das war in dem Brief an Elsa der Fall und ich wollte ihn so nicht wegschicken.
Heute war ein ganz besonders schöner Tag für mich. Zwei Briefe und zwei Päckchen sind angekommen, Nr. 2 und 3. Das war aber eine Überraschung. Die schöne Pralinenschachtel für mich. Und wie lieb Du dazu geschrieben hast. Ich danke Dir ganz besonders herzlich dafür. Die Milchschokolade im anderen Päckchen hat das ganz besondere Interesse der Kinder gefunden. Eine Tafel habe ich geteilt, damit sie sich erst einmal richtig satt essen können und die andere wird aufgehoben. Von der geteilten Tafel essen sie aber auch nicht alles auf einmal, denn sonst würde es ihnen schlecht werden und soviel Verstand haben alle beide schon, daß sie sich nicht den Magen verderben.
Übrigens sind Deine beiden Briefe vom 15. und 16. 5. Ich will sie erst einmal beantworten.
Du kannst Dich darauf verlassen, daß ich mich im Haus in nichts einmischen werde, was mich nichts angeht. Ich bin froh, wenn ich nichts damit zu tun habe.
Die Behandlung des einen Mannes, von dem Du schreibst, kommt einem schon eigenartig vor. Aber ich kann mir denken, dass man nicht ohne äußerstes Muß zu solchen Maßnahmen greift. Säufer sind ja im Allgemeinen besonders verstockte Menschen.
Von Kirschen und Erdbeeren usw. sieht man bei uns ja noch nichts. Bei uns blühen sie erst. Voriges Jahr hat bei uns auch ein kleines Körbchen Erdbeeren, aber Walderdbeeren, 75 Pfg. gekostet. Es handelt sich dort auch sicher um die ersten Beeren.
Bei Hess muß es wirklich so sein, daß ihn seine Kriegsverwundung übermannt hat, denn mit klarem Verstand wäre er doch nie auf eine solche Idee gekommen. Da hätte er sich doch sicher überlegt, was er schon allein dem Führer für Schmerz bereitet. Denn der Führer hat doch schon manche Enttäuschung erlebt und darf doch nie den Kopf verlieren. Er hat doch die Verantwortung für uns alle, denn wir vertrauen doch alle auf ihn.
Deine Stenographie bereitet mir keine Schwierigkeiten. Ich bin aber wieder davon abgekommen, Stenographie zu schreiben, denn es strengt mich viel mehr an, als wenn ich richtig schreibe. Ich meine immer, Du kannst es nicht richtig lesen und gebe mir viel Mühe um ja richtig zu schreiben. Dabei fliegen mir dann alle Gedanken davon und ich weiß nicht mehr, was ich eigentlich schreiben wollte.
Ich habe es Vater auch gesagt, daß es kein Wunder ist, wenn seine Hacke weggekommen ist. Wenn ich bei uns die Hacke im Garten liegen lasse, auch nur ein paar Tage, bin ich sicher, daß ich sie nicht mehr finde. Außerdem wird sie beim Draußenliegen auch nicht besser. Er will sich jetzt keine mehr kaufen, weil sie ihm zu teuer ist. Da er aber Kartoffeln anpflanzen will, bin ich gespannt, mit was er sie häufeln will. Höchstens, daß er sich unsere Hacke borgt. Ich bin ja der Meinung, daß er doch nicht die richtige Lust zum Garten hat, jedenfalls fängt er mit allem zu spät an, aber er will den Garten nicht aufgeben und ich mische mich nun nicht mehr hinein. Er muß selber wissen, was er macht. Reden ist doch umsonst.
Ich bin froh, daß Du Dich über mein Päckchen gefreut hast, auch wenn es ohne Ankündigung angekommen ist. Ich habe wieder einige Briefe geschrieben, von denen ich Dir Durchschläge mit sende. Außerdem schicke ich Dir ein Kennkartenbild von mir mit. Auf dem Umschlag steht zwar, daß man das Bild gleich mitnehmen kann. Aber so ein Bild ist das nun nicht. Für Kennkarten werden diese billigen Bilder zum gleich mitnehmen nicht gemacht, weil sie wahrscheinlich nicht lange genug halten. Außerdem schicke ich Dir eine „Photographie“ mit, die Jörg von mir gemacht hat. Wie gefalle ich Dir da? Sie ist doch wunderbar geworden. Da Kurt außer von den Kindern auch von mir ein Bild wünscht, habe ich ihm auch so ein Kennkartenphoto mitgeschickt. Du hast doch hoffentlich nichts dagegen. An meine Eltern werde ich wahrscheinlich auch noch eins schicken. Ich hatte noch einmal vier Abzüge machen lassen.
Bei uns herrscht seit gestern Regenwetter. Ich benutze gleich die Ruhepause, um mich ans Stricken zu machen. Sobald schönes Wetter wird, muß ich drüben zwischen den Erdbeeren Unkraut raus machen. Durch den Regen wuchert es wie wild.
Nachdem Jörg gestern trotz meiner Warnung wieder im Vorraum gesessen ist, hatte er heute Nacht einen Huste, daß es nicht mehr schön war. Ich bin aufgestanden, habe ihm Tussamag gegeben und, nachdem es gar nicht besser werden wollte, habe ich ihn mit zu mir ins Bett genommen. Erst  habe ich ihn richtig schnauben lassen, da er auch tüchtig den Schnupfen hatte Hinterher habe ich ihn eingepackt. Meine Decke habe ich noch halb mit drüber getan. Da hat er richtig mit Schwitzen angefangen und ist dabei eingeschlafen. Heute Morgen war er ganz nass, aber der Husten ist doch besser geworden. Ich hatte ihm heute Hausarrest gegeben. Nun ist es gerade günstig, dass es regnet, da kann er sowieso nicht raus.
Heute habe ich die neuen Taschentücher von Dir versorgt. Die sind sehr schön. Die Farben  gefallen mir gut. Jetzt habe ich einen ganzen Kasten voll guter Tücher.
Ich will jetzt schließen, denn ich muß Essen kochen. Alle haben sie Hunger. Außerdem muß Helga am Nachmittag zur Schule, da wollen wir nicht gar so spät essen.
Am Nachmittag hole ich die Bilder, die ich an Kurt schicken will. Für Nanni habe ich auch Abzüge machen lassen. Ich schicke sie Dir mit. Sollte es zu spät sein, wenn ich die Bilder erhalte, schicke ich sie Dir morgen mit. Ich habe sie in bräunlichem Ton machen lassen. Sollten sie Dir doch besser gefallen, kannst Du ja Deine Bilder, die Du dort hast, umtauschen. Sei nun für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Helga schreibt in den nächsten Tagen einen Brief an Dich.
Vorhin erhielt ich noch einen Brief von den Eltern, den ich nun gleich mit beantwortet habe. Ich habe ihnen auch mit geschrieben, wo Du bist. Ich habe es unter den Brief geschrieben, auf dem Durchschlag an Dich steht es also nicht mit darauf.
Ich weiß nicht, ob Du von dem Brief, den meine Mutter an mich geschrieben hat, auch einen Durchschlag erhalten hast. Wenn nicht, so möchte ich Dir hier noch schreiben, was sie von Erika Lepper geschrieben hat. Ihr Mann war als Oberleutnant an der Front. Er war in Mannheim in einem Werk beschäftigt als Ingenieur. Er wurde vom Werk reklamiert und kam zurück. Er war kaum fünf Tage da, da kamen feindliche Flieger nach dort. Eben im Begriff, nach dem Luftschutzkeller zu gehen, erwischt ihn eine Sprengbombe und zerreißt ihn. Die Erika war noch bei ihrer Mutter in Unteruhldingen. Sie haben auch zwei Kinder, einen Bub und ein Mädel. Ist das nicht schrecklich? Gerade in der Heimat denkt man doch weniger daran, daß etwas passiert. Wie Mama schreibt, arbeitet Alice in dem Geschäft, wo Mama früher war, schon seit einem Jahr. Eigentlich sollte Mama kommen, aber es ging nicht mehr.
Die Butter, die ich Mama geschickt habe, ist übrigens gerade am Muttertag in gutem Zustand angekommen. Das  freut mich.
Es ist jetzt 4 Uhr.  Sonst würde ich jetzt wegfahren, aber heute muß ich noch ein bißchen warten, weil ich vor 1/2 6 Uhr kaum die Bilder bekommen werde, die ich doch mitschicken will. Bis dahin werde ich noch ein wenig stricken. Sei nun nochmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Von Deinen Geschenken zum Muttertag an mich habe ich mit Absicht nichts an meine Eltern geschrieben.

Brief 159 vom 17./18.5.1941


Guten Morgen!                                                                                        17.5.41                                          

Hast du auch gut geschlafen? Von mir kann ich es behaupten. Ich bin schon wieder zum fortfahren gerüstet, nachdem ich die Wohnung in Ordnung gebracht habe. Ich besorge alle Sachen gleich heute Vormittag, da habe ich am Nachmittag zum backen und evtl. noch für den Garten Zeit. Bis jetzt ist ganz schönes Wetter. Jörg ist schon wieder beim spielen. Er sagte heute Morgen, „wenn nur jeden Tag Schulanmeldung wär, so gut hat es mir in der Schule gefallen.“ Meinst du, das sagt er nach einem Jahr auch noch? Sei Du, mein lieber Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. Heute Abend fange ich gleich einen neuen Brief für Dich an, ich mache jetzt nur so schnell Schluß, weil es sonst zu spät wird.
Ich gebe Dir im Geist nochmals viele, viele Küsse, Deine Annie.


Mein lieber Ernst!                                                                     Konstanz, 17.5.41

Wie ich es Dir versprochen habe, fange ich heute Abend wieder mit einem Brief für Dich an.
Vor allen Dingen brauche ich Deinen guten Rat. Ich schrieb Dir doch gestern, daß mich Frau Bolz gebeten hat, ihr zu klingeln, wenn ich zum anmelden gehe. Ich weiß nicht, was sie an mir findet, heute bat sie mich, ob ich nicht heute Abend ein bißchen zu ihr rüber kommen wollte. Samstag  sei der einzige Tag,, wo ihr Mann nicht da sei, da sei es sehr schön, wenn ich rüber kommen könnte. Ich muß sagen, ich war ganz überrascht. Ich kann die Frau sonst gut leiden, sie ist ganz nett und ich muß anerkennen, was sie sich für Mühe mit den Kindern gibt. Aber es ist mir so etwas ungewohntes, zu jemand zu gehen. Es kann sein, daß sich die Frau mit den Leuten hier nicht so anfreunden kann, da sie auch von Norddeutschland ist, von Hamburg. Ich weiß jetzt gar nicht, was ich machen soll. Vor allen Dingen ist mir wichtig, was Du zu der Sache meinst. Gib mir also Deinen guten Rat, mein lieber Mann.
Für die Kennkarte habe ich mir heute einen neuen Zettel zum Ausfüllen geholt. Der Beamte sagte mir, ich sollte das Formular auch ausgefüllt zurückbringen. Sie hätten 5000 Stück, die abgeholt worden sind, nicht zurückbekommen. Da habe ich mir heimlich gedacht, da war ich auch mit dabei.
Am Nachmittag habe ich mit Helga noch die halbhohen und die Buschbohnen rein getan, nachdem ich gehört und gesehen habe, daß sie die anderen Leute auch schon drin haben. Nun kommen noch die Gurken dran.
Bevor die Kinder vorhin ins Bett gingen, war ganz großer Betrieb bei uns. Da wurde die Stube abgesperrt und drüben wurde aufgebaut. Ich darf natürlich ja nicht rüber. Beinahe auseinandergerissen haben sie mich vorhin unter dem Ruf „Du wirst Dich freuen, Du wirst Dich bestimmt freuen!“ Soeben haben sie mir gesagt, daß sie vor lauter Freude nicht einschlafen können. Einen mächtigen Stolz haben sie, daß sie von ihrem Geld etwas kaufen konnten, was ich noch gar nicht weiß. Du solltest nur sehen, wie vor Freude die Augen glänzen. Es sind doch zwei liebe kleine Lauser.
Du kennst doch auch den Kaiser, der die Sägemaschine hat. Wir haben unser Holz auch bei ihm schneiden lassen. Der hat sich an seiner Maschine am Donnerstagabend die ganze rechte Hand abgesägt. Er ist natürlich gleich ins Krankenhaus gekommen.
Heute habe ich von den Eltern eine kurze Karte erhalten. Sie wollen in den nächsten Tagen einen Brief schreiben. Sie werden sicher noch den Muttertag abwarten. Deinen Brief haben sie auch erhalten und wollen Dir in den nächsten Tagen schreiben.
 
 Mein lieber Ernst!                                                                                             18.5.

 Ich wollte gestern Abend noch weiter schreiben, aber ich bin direkt dabei eingeschlafen, so müde war ich. Dafür schreibe ich nun jetzt weiter.
Heute ist nun der große Tag. Am Morgen, nachdem wir uns angezogen hatten, haben mir die Kinder beschert. Erst haben sie mir natürlich gratuliert und hinterher haben sie mich in die Stube geführt. Da hatten sie ihre Geschenke schön aufgebaut. Den Briefhalter, 1/2 Pfund Pralinen, Apfelsinen und die große Überraschung, 1/4 Pfund Gebäck, das sie ohne Marken bekommen haben. So mußten sie gar nicht um Marken bei mir fragen und konnten mich überraschen. Dazu hatten Helga und Jörg etwas gemalt und Helga zwei schöne Verse mit bunten Stiften geschrieben. Ich habe mich wirklich gefreut. Dann wurde Dein liebes Päckchen aufgemacht. Das war wirklich eine große Freude. Du bist doch ein lieber Kerl. Ich danke Dir für die schönen Taschentücher und die Schokolade recht sehr. Von der Schokolade habe ich schon ein kleines Stück probiert. Sie schmeckt gut.
Vorhin erhielt ich noch einen Brief von Dir. Vom 14.5. Ich danke Dir dafür. Wie ich aus Deinen Briefen ersehe, verstehst Du Dich mit Dr. Thomas doch noch besser als mit Herrn Graser. Woher kommt das. Kannst Du Dich besser mit ihm unterhalten, oder habt Ihr mehr gemeinsame Interessen?
Meine Näherei ist in der letzten Woche wieder etwas liegen geblieben, da ich im Garten mehr zu tun hatte. Ich nähe aber immer zwischendurch eine Kleinigkeit. Für mich werde ich dieses Jahr sicher nicht viel nähen, denn ich habe noch genug Kleider zum anziehen. Ich will das erst einmal abtragen und nähe mir lieber nächstes Jahr etwas Schönes.
Wegen Vaters Kopf habe ich Dir ja schon geschrieben. Ich werde es ihm sagen, was Du geschrieben hast, wenn es noch einmal schlimmer werden sollte.
Bei unserem Baum sind jetzt fast alle Blüten auf. Es ist ein herrliches Bild. Am liebsten möchte man, daß es immer so bliebe.
Wenn es wegen Schuhen nicht geht, ist es auch nicht so schlimm. Ich werde sehen, daß ich für die Kinder noch ein Paar Holzschuhe bekomme. Dann reicht es ihnen schon. Du mußt Dich also nicht besonders bemühen.
Für das Päckchen danke ich Dir, das ist wirklich interessant. Wirklich ein großartiger englischer Sieg. Man kann es eigentlich gar nicht begreifen, daß es noch immer Leute in Frankreich gibt, die auf einen englischen Sieg hoffen, nachdem sie doch so schmählich in Stich gelassen wurden. Ich freue mich, daß Ihr dort ausreichend versorgt werdet und daß Ihr Euch immer noch etwas kaufen könnt. Im anderen Fall hätte ich Dir ja gern ab und zu etwas geschickt, denn so knapp sind wir ja nicht.
Ab nächsten Monat bekommen wir wöchentlich 100g Fleisch weniger. Das macht mir ja nichts aus, denn in den Sommermonaten ist mir Obst oder saure Milch oder so etwas, lieber als Fleisch. Ich habe ja jetzt schon immer Fleischmarken übrig gehabt. Wir bekommen auch ein bißchen Margarine weniger und dafür mehr Butter. Da ist ja Vater wieder sehr zufrieden. Wenn man Brotmarken übrig hat, bekommt man dafür Zucker. Das wird mir ja nicht viel nützen, denn meine Brotmarken brauche ich alle.
Von Kurt kam heute auch ein Brief. Sie sind jetzt an keinem festen Ort, sondern kommen viel herum. Er bittet mich um Bilder von uns allen, da er kein einziges bei sich habe. Es könnte noch lange dauern, bis er uns wieder sieht, denn es sei Urlaubssperre. In nächster Zeit schickt er auch einige Filme her, die ich ihm entwickeln lassen soll. Er hat dort keine Gelegenheit dazu. Er hat sich auch vorgenommen, in nächster Zeit an meine Eltern zu schreiben.
Ich lasse nun noch ein paar Bilder für Kurt und Nanni machen. Die für Nanni schicke ich an Dich, Du kannst sie dann weiterleiten. Für Photos habe ich diesen Monat schon ziemlich Geld ausgegeben. Es muß aber auch einmal sein.
Nun will ich für heute wieder schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. Ich danke Dir noch vielmals für Dein liebes Päckchen.

Brief 158 vom 16.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                           Konstanz, 16.5.41                                                    

Heute bin ich dafür entschädigt worden, daß ich gestern keinen Brief erhielt. Gleich  2 habe ich bekommen, vom 10. und 12.5. und so lang sind sie, daß es direkt eine Freude ist, sie nur anzusehen. Jetzt will ich sie erst einmal der Reihe nach beantworten.
Für Deine Schilderung von den Leuten dort danke ich Dir sehr. Das interessiert mich immer. Daran, daß sich jetzt mehr melden, um bei uns zu arbeiten, sieht man schon, wie gut sie es hier haben. Ich glaube auch nicht, daß jemand klagen kann bei uns. Bei uns haben es ja sogar die Gefangene gut. Wenn man sie sieht, dann sind sie froh. Jetzt haben sie einmal beim Schauinsland Kohlen ausgeladen. Als wir vorbeikamen, waren sie gerade fertig. Da fuhr der eine noch auf dem kleinen Kinderkarussell im Hof und die anderen standen friedlich mit der Wachmannschaft vor dem Tor und haben gewartet, bis er kam. Dabei war ein Lachen und Geschnattere. Hinterher sind sie dann einträchtig in ihre Unterkunft gepilgert.
Dieses Mal ist also das Päckchen eher angekommen wie der Brief, wie ich Dir schon schrieb. Es ist doch das Päckchen Nr. 1. Angekommen ist es gut, nur auf der einen Seite war das Papier aufgerissen.
Mit der Schokolade hast Du wirklich einen großen Einkauf getätigt. Ich danke Dir recht sehr dafür. Du kannst versichert sein, daß auch die Kinder Schokolade mit Verstand esse. Ich werde sie auch entsprechend einteilen.
Am Garten habe ich wirklich meine Freude. Es macht einfach Spaß, wenn man seine Mühe belohnt sieht, wenn alles so gut wächst. Ich werde mir auch wirklich Mühe geben, daß ich alles in Ordnung halte. Heute Nacht hat es geregnet. Aber jetzt heitert es sich schon wieder ein wenig auf. So ist es ja recht. Auf dem Markt werden schon Tomatenpflanzen angeboten. Ich werde wahrscheinlich bald welche kaufen.
Bei uns war das Wetter auch schön die letzte Zeit. Aber nachts ist es auch immer kalt gewesen. Früh kann man immer noch den Mantel vertragen. Aber das wird sich ja sicher bald ändern.
Es ist schade, daß Euer Kriegsverwaltungsrat von dort fortkommt. Es hätte nichts geschadet, wenn er noch nach Konstanz hätte schreiben können, damit sie auch hier sehen, daß auch andere mit Deiner Arbeit zufrieden sind. Die Antwort der Stadt habe ich Dir ja zugeschickt. Ich weiß ja nicht, ob Du damit zufrieden bist. Wegen der Gehaltserhöhung vertrösten sie Dich bis nach dem Kriege. Es ist ja aber nicht nur wegen dem Geld allein, es ist auch wegen einer Anerkennung, die durch eine Beförderung zum Ausdruck gekommen wäre. Aber die ändern die Konstanzer nicht.
Du mußt dort erst in den Stadtgarten gehen, wenn Du die Vögel singen hören willst. Wir haben es ja da noch viel schöner. Uns sitzen die Vögel vor dem Fenster. An unserem Star habe ich immer wieder meine Freude, wenn er aus voller Kehle singt und dabei mit den Flügeln schlägt. Ich sehe es doch oft, aber immer wieder muß ich lachen, wie er sich anstrengt. Es ist ein friedliches Bild, wenn der Star in dem blühenden Baum sitzt. Ich glaube, daß sie wieder Junge haben, denn sie fliegen ein und aus.
Ich freue mich, daß es mit Deinen Wirtsleuten doch nicht so schlimm ist, wie es erst ausgesehen hat. Das ist ja auch kein gutes Wohnen gewesen, wenn man sich dauernd ärgern muß. Die Leute werden wahrscheinlich auch merken, daß Du immer anständig auftrittst und keine unberechtigten Forderungen stellst. Vielleicht macht es auch etwas aus, daß die Kinder Dich gern mögen. Kinder merken eben doch auch, wer es gut mit ihnen meint. Noch schöner wäre es natürlich, wenn ich Dich bei unseren Kindern haben könnte, aber es geht jetzt eben nicht zu ändern. Das ist der Krieg. Es ist ja ganz anständig, wenn sie Dir so ohne weiteres den Schlafanzug waschen. So hast du jetzt doch wenigstens in dieser Beziehung keinen Ärger. Es ist auch schön, daß die Kameraden versuchen, Dich in ihren Kreis zu ziehen. Kameradschaft ist in einem fremden Land doch notwendig, damit man sich nicht so einsam vorkommt. Bis  jetzt brauchst Du also die Post nicht schreiben. Das freut mich, daß ihr das durchsetzen konntet. Was sind das dort eigentlich für Fräuleins? Elsässer wie in Deinem früheren Ort oder Deutsche?
Heute morgen war ich in der Stadt wegen Vaters  Garten. Es ist mir gesagt worden, daß sich viele um den Garten bewerben, vor allen Dingen Leute mit Kindern, die sich darüber beschwert haben, daß ein einzelner Mann einen Garten hat und sie keinen bekommen. Und daß Dein Vater den Garten gar nicht ausnutzt, wenn er ihn bis zum Mai hinein brachliegen läßt. Ich soll doch Deinem Vater  bestellen, daß es ihnen sehr lieb  wäre, wenn er ihnen den Garten im Herbst überläßt. Ich habe ihnen natürlich erklärt, daß er nicht immer Zeit hat. Außerdem würde er im Herbst 65 Jahre und es wäre doch gut, wenn er dann, wenn er vielleicht nicht mehr schafft, so eine Nebenbeschäftigung hat. In dieser Beziehung hat sie mir wieder recht gegeben. Ich werde jetzt mit Vater sprechen. Ich finde ja, daß es vielleicht besser wäre, er gäbe ihn auf. Denn die richtige Lust hat er doch nicht und bis er ihn immer bepflanzt  ist schon der halbe Sommer vorbei. Das weißt Du ja selbst.
Heute Nachmittag gehen wir nun Jörg zur Schule anmelden. Das ist ein wichtiger Schritt. Hoffentlich lernt er später auch so gut wie Helga. Da könnten wir ja zufrieden sein.
Du wirst Dich vielleicht in den letzten Tagen gewundert haben, daß meine Briefe ziemlich kurz waren. Das darfst Du mir nicht übelnehmen. Weißt Du, ich habe mich in den letzten Tagen wieder ziemlich ärgern müssen mit den Kindern aus der Nachbarschaft und auch Frau Bautz ist mir so dumm gekommen. Du weißt ja, wie ich mich da immer aufrege, wenn ich auch nicht viel sage, aber innerlich rege ich mich schrecklich auf. Mein Kopf war ganz dumm. Ich konnte gar nicht richtig denken. Jetzt ist alles wieder recht und der Ärger ist auch vorbei. Es kann eben nicht immer eitel Sonnenschein sein.
Mein lieber Ernst! Immer wenn ich Deine lieben Briefe lese, ist es mir, als ob Du gerade mit mir redest und da habe ich immer große Sehnsucht nach Dir. Es war doch schön, als Du noch bei uns warst. Du weißt es ja dort auch, wie es ist, wenn man sich mit Niemandem aussprechen kann. Und nicht nur das Aussprechen ist es, was einem so fehlt, sondern auch das miteinander Schaffen und Leben und Sehen. Es war immer schon so schön, wenn ich gewußt habe, jetzt kommst Du bald aus dem Geschäft oder wenn ich mich darauf freuen konnte, daß wir sonntags zusammen mit dem Rad fortfahren wollten. Hoffentlich wird später alles wieder so schön. Wir wollen es fest hoffen. Schön ist es ja jetzt schon, daß ich so einen lieben Mann habe, der so liebe Briefe schreibt, nicht wahr, mein lieber Kerl? Mußt mich aber nicht auslachen, wenn ich Dir so alles schreibe.
Nun will ich schließen. Ich muß noch das Essen fertig machen, damit wir später fortgehen können. Sei Du, mein lieber Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner immer an Dich denkenden Annie.


 Mein lieber Ernst!                                                      Konstanz  16.5.41 abends

 Heute schreibe ich Dir am Abend noch, denn ich möchte den Brief morgen Vormittag gleich mit in die Stadt nehmen. Da brauche ich nachmittags nicht noch einmal fahren.
Wie ich Dir schon schrieb, haben wir heute Nachmittag Jörg zur Schule angemeldet. Zu Mittag kam Helga und sagte mir, Frau Bolz hätte gefragt, ob ich ihr nicht klingeln wollte, wenn ich fortgehe. Sie muß den Hermann anmelden. Das habe ich dann auch getan und wir sind zusammen gegangen.
Jörg spielt jetzt immer mit dem Buben und Helga paßt öfter auf die zwei Mädels auf. Ich habe mich direkt gewundert, wie gut Helga mit so kleinen Kindern umgehen kann.
Nach dem Anmelden mußte ich noch  in die Stadt, Helga und Jörg hätten aber gern mit den Kindern gespielt und so sind sie mit heimgegangen, nachdem sich Helga hundertmal versichert hatte, daß ich es bestimmt nicht übel nehme. Ich bin dann allein in die Stadt gegangen. Ich muß schon sagen, daß es mir ganz eigenartig vorgekommen ist. Fahren tue ich ja öfter in die Stadt, aber daß ich allein laufe, kommt doch fast gar nicht vor. Lustig war es heute anzusehen, wie an vielen Schaufenstern Kinder standen und nachsahen, ob ihr Geldbeutel für dies oder jenes Geschenk ausreicht. Überall hat man sie auch mit kleinen Päckchen gesehen. Unsere Kinder sind wegen dem Muttertag ja auch schon ganz aufgeregt. Jörg sagte heute schon wir sollten ihn am liebsten schon morgen feiern. Immer wird mir auch versichert, daß ich mich ganz bestimmt fest freuen werde, denn es sei so etwas Schönes, was sie gekauft hätten. Mir macht schon ihre Freude selbst Freude. Ich habe mir heute die Kennkarten-Bilder geholt. Die Aufnahme ist gar nicht so schlecht. Sollte ich für die Karte nur 3 Bilder brauche, schicke ich Dir eine mit. Ich wollte heute gleich die Karte beantragen, aber das Büro war schon zu. Ich gehe morgen gleich noch Mal mit vorbei, damit ich das hinter mir habe.
Als ich heimkam, habe ich gleich noch Bohnen rein getan, das heißt, ich habe die Löcher gemacht und Helga hat die Bohnen gelegt. Sie hat sich ganz gut dabei angestellt. Eigentlich müssen die Bohnen jetzt, nachdem sich unser kleiner Kerl so dabei angestrengt hat, noch einmal so gut wachsen. Das hoffe ich denn auch. Das waren heute die Stangenbohnen, morgen kommen die halbhohen dran. Die Buschbohnen sind, nach unserem Buche jedenfalls, noch nicht so eilig. Oder soll ich sie auch reinmachen? Auch die Gurken will ich bald fertig machen Muß ich die abends immer noch zudecken, solange es kühl ist, oder sind sie nicht so empfindlich? Nachdem wir Abendbrot gegessen hatten, habe ich mich noch an verschiedene Schuhe gemacht. Sie hatten alle kleine Defekte.  Nachdem es jetzt so lange hell ist, lasse ich die Kinder immer bis 3/4 8 rausgehen. Bis sie sich ausgezogen haben, ist es immer so 1/2 - 3/4 9 Uhr. Ist das zu spät oder macht es nichts? So ganz klein sind sie ja nicht mehr.
Es wurde wieder einmal Zeit, daß bei Jörg die Haare geschnitten werden. Er hat es immer wieder hinausgezögert, bis ich ihm heute sagte, mit so wilden Haaren darfst Du nicht in die Schule zur Anmeldung kommen. Das hat er eingesehen und so habe ich ihn wieder fein gemacht. Jetzt fühlt er sich viel wohler, wie jedes Mal nach dem Haareschneiden, aber bis zum nächsten Mal hat er`s vergessen und dann geht das Theater von neuem los. Das ist doch ein kleiner dummer Kerl.
Heute beim anmelden mußten wir in das Klassenzimmer von Helga. Da hättest du sie sehen sollen, wie stolz sie war. Alles hat sie Jörg gezeigt, wo sie sitzt, wo der „Fundplatz“ ist usw. Auf den Fundplatz kommen alle Sachen, die von  Kindern vergessen wurden. Diesen Platz hat sie bereichert, indem sie alle Bänke nachgesehen hat nach vergessenen Sachen. Sie hat tatsächlich verschiedenes entdeckt. Sogar Tafeln. Richtig stolz war Helga auf ihr Klassenzimmer, immer hat sie wieder gesagt: „Gell, ich weiß, wo alles ist.“ Richtig ein bißchen lausbubenhaft ist sie geworden. Du weißt ja, wie sie da sind. Sie ist auf ihren Platz gegangen, hat sich hingeflegelt und hat dann allen so zu verstehen gegeben, daß das ihr Zimmer ist. Also weißt Du, frech war sie nicht, nur richtig übermütig und ich muß sagen, ich habe meine Freude an ihr gehabt. Das hat mich auch so an die eigene Schulzeit erinnert. Ich habe richtig über sie lachen müssen, ich glaube, wir waren sicher auch einmal so.
Es ist nun inzwischen spät geworden, 1/4 12 Uhr, und ich will schlafen gehen. Schlaf auch Du gut, mein liebster  Mann, und wach ganz gesund wieder auf.


Samstag, 14. Mai 2016

Brief 157 vom 15.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                         Konstanz, 15.5.41                         

Einen Brief habe ich heute wieder nicht bekommen. Damit läßt mich die Post scheinbar im Stich. Aber Dein liebes Päckchen ist angekommen. Ich danke Dir dafür recht sehr. Aufgemacht habe ich es noch nicht, damit warte ich bis Sonntag, denn für den Muttertag ist es ja bestimmt, aber ich freue mich, daß es rechtzeitig angekommen ist.
Wir waren gestern in der Stadt. Wir haben Verschiedenes besorgt und sind dann auch zum Tengelmann. Erst habe ich eingekauft und dann habe ich aus dem Geschäft gehen müssen, damit die Kinder einkaufen konnten. Ich darf natürlich nicht wissen, was sie gekauft haben. Dann habe ich mir noch etwas wünschen können und sie haben mir einen Briefhalter gekauft. Da kommen dann Deine Briefe hinein, damit sie nicht so auf dem Radio herumliegen. Du wirst schon wissen, was ich meine, wie der Briefhalter aussieht. Es ist einer mit 2 Fächern. Zu hause sind sie noch einmal zu Webers gegangen und haben noch etwas gekauft. Alles zusammen haben sie in ihrem Schrank versteckt und ich darf ja nicht gucken. Helga und Jörg sind schon ganz aufgeregt und können es kaum abwarten, bis Sonntag ist.
Am Abend kam Vater herauf. Er hat gelesen und ist bis 1/2 11 Uhr dagewesen. Seinen Kopf habe ich noch einmal nachgesehen. Es ist ein Furunkel, aber da es noch klein ist, habe ich gestern schon allen Eiter herausbekommen. Nun kann es wieder verheilen. Vater hat mir gestern für die Wäsche 1,20 gegeben. Die habe ich gleich in den neuen Geldbeutel von Dir getan. Das ist meine Nebensparkasse. Was ich darin spare, ist für Deinen nächsten Urlaub bestimmt.
Heute Morgen habe ich mir Jörg im Garten geschafft. Dieses Mal haben wir die Wege von Unkraut befreit. Da ist es uns schon früh ziemlich heißt geworden. Um 9 Uhr bin ich mit Jörg in die Stadt gefahren. Ich habe den alten Schulranzen mitgenommen zum Herrichten. Aufzulackieren geht es nicht mehr, aber die Riemen werden in Ordnung gebracht. Ich werde den Ranzen, wie mir auch geraten worden ist, öfter mit Schuhcreme einreiben. In 14 Tagen kann ich ihn wieder holen. Wie ich Dir schon schrieb, hat der Feldhüter bei Deinem Vater gefragt, warum der Garten nicht in Ordnung gebracht wird. Dein Vater selbst war ja nicht zuhause. Er hat nun vom Vermessungsamt einen Zettel bekommen, daß er am Dienstagvormittag hinkommen soll. Er hat den Zettel aber erst gestern aus dem Kasten genommen und ich besorge nun die Sache. Heute früh bin ich mit vorbei gegangen, aber er hat erst morgen Vormittag wieder Sprechstunde.  Da muß ich eben morgen früh noch einmal hinfahren. Wenn sie viel Theater machen, will Vater den Garten aufgeben, sonst behält er ihn aber.
Inspirol-Tabletten habe ich Dir heute früh auch besorgt. 3 Päckchen habe ich bekommen, natürlich nicht in einem Geschäft. Ich schicke sie Dir mit. Wenn Du wieder welche brauchst, mußt Du eben schreiben.
Als wir heimkamen, war Helga schon da. Sie wollte dann gleich Schularbeiten machen und mußte feststellen, daß sie ihr Lesebuch in der Schule vergessen hat. Ich bin dann gleich noch einmal mit ihr hingefahren. Während ich auf Helga wartete, hätte ich gleich eine Soldatenbekanntschaft machen können. Als ich mit Helga heimfuhr, habe ich sie gefragt. was sie gesagt hätte, wenn ich mit dem Soldaten einmal fortgegangen wäre. Da hättest Du sie aber sehen müssen. Ich habe direkt lachen müssen. „Da hätte ich es Dir aber gesagt“ meinte sie „daß Du Vaterle nicht sitzenlassen darfst. Und dem Vaterle hätte ich es auch geschrieben.“ Nach einer Weile meinte sie „der Soldat hätte sich sicher gefreut, wenn Du mit ihm fortgegangen wärst. Aber so was machst Du ja nicht.“ Sie traut es mir also auch nicht zu und hat ja damit recht.
Übrigens habe ich mich heute auch für die Kennkarte fotografieren lassen. Es stand wieder in der Zeitung, daß jetzt jeder unbedingt eine Kennkarte haben muß. Es werden in Zukunft Prüfungen auf der Straße vorgenommen. In der Zeitung stand, daß die Kennkarte 1,- kostet. Ich lasse mir nun einen machen. Ich habe ja sonst keinen Lichtbildausweis. Gestern habe ich den Brief mit den Fotografien an Mama weggeschickt. Auch Dir schicke ich heute noch ein Bild mit. Dieses Mal sind die Haare besser auf dem Bild drauf wie vorher. Das Gesicht wirkt gleich nicht mehr so verzerrt. Von allen Bildern habe ich noch je 2 Abzüge für das Album der Kinder machen lassen. Soll ich noch ein paar Abzüge für Nannie und Kurt machen lassen? Meinst du, die würden sich freuen?- Herr Kuster sagte mir gestern, daß es wieder einen neuen Satz Briefmarken gibt. 1 Satz Briefmarken zu 2,50. Ich habe den Satz  2 x bestellt. In der Zeitung hat nichts davon gestanden. Es gibt scheinbar davon nicht so viel. Ich hole sie morgen bei Herrn Kuster ab. 
Es scheint, als ob das schöne Wetter zu Ende gehen will. Es hat sich bezogen und ist ganz schwül. Ein Regen wäre ja nicht von Schaden, nur lange anhalten soll es nicht. Meine zweiten Erbsen  kommen auch schon heraus. Auch die Sämlinge von Wirsing und Kohlrabi kommen ganz gut, bei Weiß- und Rotkohl ist noch nicht viel zu sehen. Vielleicht kommt es auch noch. Wir müssen jetzt unbedingt noch einmal nach Erbsenreisig gehen. Sonst kommen die Erbsen und wir haben keins.
Gestern war Herr Ganal da und hat jedem einen Zettel für 2 Eimer Sand gegeben, den wir uns noch beim Schlachthaus holen müssen. Ich hole ihn, wenn wir beim Lumpenhändler waren und unser Papier fortgeschafft haben. Das ist ein Weg.  Jetzt muß der Sand in Tüten gefüllt werden damit man damit auf den Brand schmeißen kann. Das gibt ja ein schönes Theater. Wo man das bloß alles hinstellen soll. Na, damit lasse ich mich nicht gleich aus der Ruhe bringen. Auch eine Spritze bekommen wir jetzt. Frau Nußbaumer als Luftschutzwart muß sie holen.
Mein lieber Ernst! Ich hoffe ganz fest, daß ich morgen wieder einen Brief von Dir erkomme. Darauf freue ich mich doch immer so. Ich möchte doch sehen bzw. hören, wie es Dir geht. Für heute danke ich Dir auch noch einmal ganz fest für Dein liebes Päckchen. Ich freue mich, wenn ich es am Sonntag aufmachen kann.
Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 156 vom 14.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                              Konstanz, 14.5.41                                   

Einen Brief habe ich heute nicht erhalten, so daß ich also auch keinen beantworten kann. Dafür möchte ich verschiedenes Anderes schreiben. Ich habe heute an Mama ein Päckchen mit Butter abgeschickt. Einen Brief habe ich für sich geschrieben, weil ich noch Fotografien beilegen will, die ich erst heute oder sogar erst früh bekomme. Ich nehme den Brief jedenfalls heute Nachmittag, wenn ich in die Stadt gehe, mit und werde ja sehen, ob ich ihn wegschicken kann oder nicht. Ich denke, daß sich Mama über alles freuen wird. Nachdem ich die Butter in ein Marmeladeneimerchen verpackt habe, hoffe ich, daß sie gut ankommt.
Wie ich schon schrieb, wollen wir heute, wo Helga keine Schule hat, in die Stadt gehen.  Die Kinder möchten doch auch etwas für mich kaufen. Jörg sagte gestern: „Vielleicht hat Tengelmann Bonbons oder Pralinen. Dann können wir Dir welche kaufen. Aber gell, Mutterle, das macht doch nichts, wenn Du es weißt. Du machst eben, daß Du es bis Sonntag wieder vergessen hast.“ Natürlich wollen sie auch noch etwas anderes ansehen, was sie evtl. kaufen können.
Heute erhielt ich ausnahmsweise einmal pünktlich den Gehaltszettel. Die 32,- sind scheinbar abgezogen worden, denn der Zettel lautet ohne Abzüge  auf 235,09, während er sonst, bevor der Zuschlag von den Prozenten kam, auf 240,11 gelautet hat. Ausgezahlt bekam ich dieses Mal 164,44.
Nachdem jetzt die Eisheiligen vorbei sind, habe ich in der Stube die Kakteen vor das Fenster gestellt. Ich denke, daß es ihnen jetzt nichts mehr machen wird. Der Schlangenkaktus fängt bald an zu blühen. Die Blüte entfaltet sich schon ein wenig. An den anderen Kakteen sind die kleinen rosa Blüten inzwischen ja schon wieder verblüht.
Wir haben heute schönes, sonniges Wetter. Die Kinder sind natürlich wieder unten. Das ist ja auch das Beste für sie. Bei Jörg muß ich nur aufpassen, daß er sich nicht auf die Wiese legt. Er hat etwas den Husten. Ich habe schon Tussamag geholt. Gestern war es auch schon ganz gut, aber gestern habe ich ihn erwischt, wie er auf der Wiese gelegen hat und heute Nacht hat er wieder mehr gehustet. Beim Spielen vergißt er eben alle guten Vorsätze. Es ist nur gut, daß wir unten im Hof das Gestell mit den Bohnenstangen haben. Da kann er wenigstens ein Haus bauen. Unsere restlichen kurzen Bohnenstangen, die ich später für die Tomaten brauche, werden natürlich auch gebraucht. Ich passe ja auf, daß sie sie nicht kaputtmachen. Jetzt hat Jörg noch eine Konkorde gefunden. Die hat er sich gleich an eine Baskenmütze gemacht und sieht nun  aus wie ein Panzerschütze. Soldatenspielen ist ja meist auch das beste Spiel für ihn. Na, er soll nur noch die Zeit ausnutzen, bis er zur Schule muß. Die wird schnell vorbeigehen.
Außer von Elsa habe ich noch von niemand wieder Bescheid bekommen. Sie schreibt aber immer ganz nett. Dieses Mal schreibt sie, nachdem ich mich doch entschuldigt hatte, daß ich solange nicht geschrieben habe: „Deinen lieben Brief mit bestem Dank erhalten. Ich freue mich ja schon, daß Du mir ab und zu schreibst. Die Hauptsache, Du läßt immer mal etwas von Euch hören.“ Ich habe mich darüber gefreut. Denn eigentlich kennen wir uns doch gar nicht und viel und doch schreibt sie immer regelmäßig. Ich muß ihr in nächster Zeit auch wieder schreiben. Auch Alice kommt an die Reihe. Ich muß sagen, sie ist mir eigentlich genau so fremd wie Elsa. Ich habe mit ihr genau so wenig gemeinsame Interessen, vielleicht sogar noch weniger. Aber da bin ich nicht allein schuld. Sie schreibt ja auch immer so ausführlich, nicht wahr. Nun will ich aber wieder schließen. Ich muß auch das Essen fertig machen, damit wir bald fortkommen. Sei wieder recht oft und herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.



Brief 155 vom 13.5.1941


Mein lieber Ernst!                                                                            Konstanz, 13.5.41                              

Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 9.5., aus dem ich ersehen konnte, daß Du endlich auch Post von uns erhalten hast. Nun ist ja die Wartezeit für Dich vorbei.
Bei dem Schlüsselblumensuchen haben wir uns schon angestrengt, aber soviel wie sonst, wenn Du da warst, haben wir doch nicht zusammenbekommen. Du hast eben auch hier gefehlt. Über den Ort, wo Du bist, bin ich mir jetzt im Klaren. An Herrn Zahn werde ich Deinen Dank bestellen. Es schadet ja nichts, wenn man ihm in dieser Weise schmeichelt, das weißt Du ja. Einen Dank hört er ganz gern. An Fräulein Amann kannst Du ja eine Glückwunschkarte schreiben. Aber Du weißt ja nicht, ob sie noch in Konstanz ist, höchstens daß man an die Eltern schreibt. Das Inspirol besorge ich Dir und schicke es in den nächsten Tagen. Wie ich aus dem Brief ersehe, mußt Du ja keinen Hunger leiden. Das freut mich und beruhigt mich auch.
Wie ich Dir schon schrieb, haben sich bei Vaters Kopf einige Blüten gebildet. Die haben sich jetzt zusammengezogen und geben wahrscheinlich wieder ein Furunkel. Ich habe Vater gesagt, wenn es schlimmer wird, muß er zum Arzt gehen, denn sonst bekommt er das Zeug überhaupt nicht los, davon will er aber immer nichts wissen und biegt das Gespräch schnell ab. Ich habe ihm gestern nun ein Zugpflaster darauf gemacht, auf seinen Wunsch hin. Ich lasse aber nicht ab und stelle ihm immer wieder vor, daß er zum Arzt muß. Du mußt es nicht übel nehmen, aber ich bin da ein bißchen eklig. Nicht das Aufmachen ekelt mich, aber wie gestern wieder, immer faßt er mit der Hand drauf und hinterher faßt er wieder andere Sachen an. Das ist es. Ich wasche mir bei jeder Berührung die Hände, wie es sich ja auch schließlich gehört. Aber wenn er den Kopf angefaßt hat und ich gebe ihm die Hände zum Gute-Nacht-Sagen oder auch sonst, wenn er mir etwas gibt, was ich ihm besorgen soll, da juckt es mich am ganzen Körper. Das ist natürlich nur Einbildung, aber ich kann es nicht ändern.
Was sagst Du zu Rudolf Hess? Wir haben es gar nicht begreifen können. Wie kann er nur so etwas tun. Er muß wirklich nicht ganz beieinander sein. Hoffentlich gibt er den Engländern in seinem Wahn keine Unterlagen. Da werden sich die Engländer wieder freuen. Ich bin ja gespannt, was die Untersuchungen noch ergeben werden. Sagen kann man da ja noch gar nichts.
Warum willst Du Dir Stiefel und Stiefelhosen machen lassen? Kannst du da besser laufen? Ist das im Sommer nicht recht warm? Das sind viele Fragen auf einmal, aber wahrscheinlich wirst Du sie schon beantworten können.
Ich habe heute im Garten wieder 5 Pfund Rhabarber holen können. Anfang nächster Woche werde ich auch Spinat holen. Er ist schon bald groß genug. Vorhin habe ich noch einmal Asche auf die Sämlinge gestreut, damit die Erdflöhe nicht alles wegfressen. Die Beerensträucher hängen dieses Jahr wieder voll, aber mit den Erdbeeren ist nicht viel. Wenn ich aber die anderen Beeren einmache, langt es auch, denn soviel Zucker habe ich doch nicht. Als ich den Kindern sagte, daß Du einen Brief von uns bekommen hast, fragte Jörg: Hat sich Vaterle gefreut? Als ich ihm mit Ja antwortete, sagte er: das ist recht, freuen ist besser als schimpfen. Er bringt ab und zu so weise Sprüche an. Heute ist er schon wieder die ganze Zeit im Freien, denn es ist heute ein ganz sonniger Tag. Helga hat heute bis 6 Uhr Schule.
Wie ich heute von Frau Weber hörte, sind die Bolzens  nebenan schon seit Weihnachten verheiratet. Das habe ich bisher noch nicht gewußt. Du siehst also, wie wenig ich mich um die Leute kümmere. Bei Vater wird doch meist das Gas nicht abgelesen, weil er nie daheim ist. Sie schreiben „so ungefähr“ hin, was er verbraucht haben könnte. Gestern war er nun gerade einmal zuhause. Da ist abgelesen worden. Weißt Du wie viel? 235 cbm. Das ist für ca. 50,-. Heute Abend wird die Gasuhr noch einmal kontrolliert, ob sie richtig läuft. Vater sagt aber, es könnte etwa stimmen. Da sie immer nur 7 oder 8 cbm in Rechnung gestellt haben, hat er gedacht, na, das bezahle ich immer noch und hat auch manchmal das Gas länger brennen lassen, als es vielleicht nötig gewesen wäre. Du weißt es ja selbst, wie er es immer gemacht hat mit dem Pfeifeanzünden. Die letzten 5 Monate ist nie abgelesen worden.
Gerade als ich das geschrieben habe, klingelt es und der Bote brachte mir einen großen Brief. Es ist das Prüfungszeugnis der Badischen Gemeindeverwaltung und ein Schreiben dazu, welches ich Dir zusende. Du mußt es unterschreiben. Das Zeugnis will ich Dir gerade noch abschreiben. Mit dem Ergebnis kannst Du ja zufrieden sein, nicht wahr? Sei nun für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 154 vom 12.5.1941


 Mein lieber, lieber Ernst!                                                                                 12.5.        

Gleich 2 Briefe habe ich vorhin von Dir bekommen, vom 7. und 8.5. Ich lasse jetzt erst einmal alles stehen und liegen und schreibe an Dich. Ich habe mich ja so sehr über die Briefe gefreut. Ich bekam nun schon seit  einer Woche Post, aber Du lieber Kerl hast noch ziemlich lange warten müssen. Inzwischen wirst Du aber sicher auch Briefe bekommen haben.
Freuen tut es mich, daß Ihr auch dort ab und zu einmal Kino oder etwas habt. Da bist Du doch nicht von allem abgeschnitten. Gerade wenn man kein richtiges Zuhause hat, braucht man ab und zu etwas Unterhaltung, sonst kommt einem alles noch trostloser vor.
Herr Graser hat ja auch Sorgen, ob er dort bleiben kann oder wo er hingeschickt wird. Bei Dir ist es nun schon entschieden. Die Sorge brauchst Du Dir nicht mehr machen.
Mit Freude habe ich gelesen, daß Du Dir Bücher gekauft hast. Das ist fein. Ich freue mich auch schon darauf, wenn ich sie lesen kann, aber bitte, lies sie erst in Ruhe durch. Wegen mir brauchst Du dich nicht beeilen. Jetzt wirst Du lachen und sagen, das hätte ich sowieso nicht getan. Zuerst habe ich sie ja schließlich für mich gekauft. Es war ja auch nur Spaß. Es war sonst ganz gut, daß ich in unserem Bücherschrank Platz gemacht habe. Ich habe immer ein stolzes Gefühl, wenn ich unsere Bücher in die Hand nehmen kann und mir sagen, daß sie alle uns gehören. Die Bücher haben uns doch schon viel Freude bemacht. Als wir die meisten gekauft haben, ist es uns nicht einmal immer leicht geworden, die 2,- monatlich aufzubringen.
Als ich vorhin vorgelesen habe, daß Du Schokolade besorgt hast, sogar Milchschokolade, da haben die Kinder aber gejubelt. Ich freue mich auch sehr darüber. Ich verspreche Dir aber, daß wir sie uns gut einteilen  und nicht einfach so hinteressen werden. Ich danke Dir auch sehr, daß Du so liebe an uns gedacht hast. Ich habe gar nicht geglaubt, daß Du noch solche bekommen würdest.
Die Impfungen hast Du nun auch wieder überstanden. Hat es Dich sehr mitgenommen? Und wie ist es mit Deinem Zahn, hat er gemacht werden können? Es wäre gut, wenn der auch einmal in Ordnung käme.
Heute morgen ist Helga auf einmal etwas eingefallen. Sie hat Deinen Nikolausbriefe herausgesucht, hat sie genau studiert und dann gesagt: „Die hat Vaterle  geschrieben. Er hat es aber fein gemacht, wenn das Kinder lesen würden, die noch an den Nikolaus glauben, die denken bestimmt, daß das der Nikolaus geschrieben hat.“ Dabei hat sie ganz vergessen, daß sie ja auch solche Kinder waren. Sie hat sich auch immer wieder gewundert, daß Du so schreiben kannst, daß man gar nicht merkt, daß Du es gemacht hast. Helga hat Jörg die Briefe noch einmal vorlesen müssen. Daraufhin hat er sich natürlich auch in den höchsten Tönen gewundert. Er darf doch da nicht zurückstehen, das ist ja klar. Die Kinder sind schon den ganzen Vormittag unten beim Spielen, trotzdem kein hervorragendes Wetter ist. Heute Morgen schien es, als ob es sonnig werden wollte, aber es hat sich auch wieder bezogen. Der Regen gestern hat dem Garten sehr gut getan. Am Samstag habe ich schon gießen müssen, wenigstens die Sämlinge. Diese Arbeit hatte ich heute auch nicht. Ich kann mir da gut vorstellen, daß es Dir in Deinem Zimmer zum Hinsetzen auch ungemütlich und kalt ist.
Wegen dem Kopf von Vater hat er Dir ja schon geschrieben. Wegen den neuen Blüten wollte ich gestern noch einmal nachsehen, aber er ist nicht heraufgekommen. Wahrscheinlich war ihm das Wetter zu schlecht. Vergangene Woche hat Vater sogar angefangen, im Garten zu schaffen. Der Feldhüter hatte in der Nachbarschaft schon gefragt, ob der Garten nicht bearbeitet würde. Vater ist seine Hacke gestohlen worden, er hat sie, soviel ich weiß, im Garten liegen lassen. Das ist natürlich ein gewisser Leichtsinn. Die Hacke ist ohne Stiel, er wollte sich erst einen dranmachen. Da hätte er sie ja leicht mit ins Haus nehmen können. Von mir ist nichts zu berichten. Ich habe heute, wie jeden Montag, gewaschen und  gebügelt und so ist der Tag fast herumgegangen. Ich fahre nachher noch in die Stadt. Beim Fotografen lasse ich noch verschiedene Bilder abziehen. Ein paar schicke ich meiner Mutter zum Muttertag und vielleicht 2 Stück an Alice, damit meine Eltern auch zufrieden sind. Sei nun für heute wieder herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.