Dienstag, 1. Dezember 2015

Brief 100 vom 29./30.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                                            Konstanz, 29.11.40   

Dein lieber Brief vom 23. traf heute bei mir ein. Ich habe mich sehr darüber gefreut.
Du mußt Dich wirklich mit vielen Dingen befassen, aber es kann ja nicht schaden, wenn Du überall Bescheid weißt. Sogar eine Schweinemästerei habt Ihr dort. Da hätte ich durch Deine Vermittlung dort sicher den Mist billiger bekommen Es ist leider nur ein bißchen weit. Sogar in der Zeitung werdet Ihr also lobend erwähnt. Die Leute, denen die Nachbarhäuser gehören, werden ja froh sein, daß ihre Häuser verschont geblieben sind.
Wenn der Pullover für Vater schön ist, so kommt es auf die 2,- mehr auch nicht an. Das ist dann wenigstens ein schönes und nützliches Weihnachtsgeschenkt. Für meine Eltern habe ich ein kleines Päckchen mit ein wenig Gebäck und 1/2 Pfund Kaffee sowie eine kleine Schachtel Zigaretten fertig gemacht. An Siegfried und Kurt schicke ich auch 1 kleines Päckchen mit Gebäck. An Kurt etwas mehr als an Siegfried, da Siegfried ja von den Eltern, Erna, Alice und wahrscheinlich auch von Neustadt etwas bekommt. Aber mehr als ein 1kg-Päckchen schicke ich an niemand. Schreibe mir bitte, ob ich es recht gemacht habe.
Ich schicke heute an Dich fünf Stück 1 kg-Päckchen und ein kleines Päckchen fort. Am Mittwoch folgt noch ein kleines Päckchen. Ich schreibe Dir das heute schon, damit Du mir schreiben kannst, ob Du alles erhalten hast. Alle Päckchen sind für Weihnachen bestimmt. Ich habe sie jetzt schon geschickt, damit Du sie rechtzeitig erhältst. Solltest Du ja zu Weihnachten Urlaub bekommen, was ja wunderschön wäre, aber wohl kaum wahrscheinlich ist, so wäre es auch nicht schlimm, wenn ich die Päckchen weggeschickt habe.
Als ich gestern 3/4 10 Uhr beim Einpacken war, gab es auf einmal Fliegeralarm. Ca. 1/2 Stunde waren wir unten. Es war ganz gemütlich mit unserer neuen Einrichtung. Nur Frau Büsing hat sich wieder schadmäßig betragen. Das Geschrei hat man bis auf die Straße gehört und Herr Schwehr ist angesaust gekommen. Ich war ja nicht an der ganzen Sache beteiligt. Gott sei dank.
Heute hat es wieder ein kleines bißchen geschneit. Auf der Straße hat es ja getaut. Aber durch die weißen Dächer ist es doch ein winterliches Bild. Dazu strahlender Sonnenschein. eigentlich ein Anblick, der einen froh machen muß und der mich auch froh machen würde, wenn  ich nicht so Heimweh nach Dir hätte, mein lieber, lieber Ernst. Das wollte ich auch noch schreiben. Soweit es erlaubt ist, kannst Du mir ruhig öfter von Deinem Dienst erzählen. Du weißt ja, mich interessiert alles, was Dich angeht.
Gestern war ich beim Schuster die Schuhe von Helga gehen nicht mehr zu machen. Sie kann sie jetzt nur noch bei trockenem Wetter abtragen. Es ist gut, daß Helga jetzt  die neuen festen Schuhe hat. Ich hätte für sie gern nun noch ein paar Schuhe gekauft, damit sie zwei Paar zum wechseln hat. Ich habe mich gestern erkundigt. Jetzt und wahrscheinlich auch nächsten Monat bekomme ich keinen weiteren Bezugsschein. Hoffentlich gibt es nicht gar so schlechtes Wetter, damit die hohen Schuhe reichen. Helga zieht sie ja sehr gern an. Nun muß ich mich wieder auf den Weg mache. Sei Du, mein lieber Schatz, recht herzlich gegrüßt und geküßt und behalte lieb Deine Annie.

Lieber Vater! Jetzt ist bald Weihnachten ich freue mich schon. Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga . Jörg.

Mein lieber Ernst!                                                                   Konstanz, 30.11.40

Morgen ist nun schon der 1.Advent und Du bist bereits wieder 6 1/2 Wochen von uns fort. Wie lange wird es dauern, da ist schon Weihnachten. Die Kinder freuen sich ja schon drauf. Ich kann mir ein Weihnachten ohne Dich gar nicht denken und würde es am liebsten überspringen.
Bei uns ist es jetzt ziemlich kalt geworden. Nachts schneit es immer ein bißchen, früh ist es auf den Straßen wieder getaut und hinterher gleich gefroren, so daß die Straßen immer glatt sind. Bei Tag ist es heute wieder sonnig und sehr windig. Jörg ist draußen und fährt auf dem restlichen Schnee und Dreck Schlitten. Er hat heute auch seine hohen Schuhe an, da friert er nicht so schnell. Ob Du wohl morgen auf das 50. Wunschkonzert hörst? Nach den Ankündigungen muß es ja ganz besonders schön werden. Ich werde wahrscheinlich morgen Stollen backen, dabei kann man gut Wunschkonzert hören.
Ich habe heute sehr viel zu schaffen und bitte Dich deshalb, mir nicht bös zu sein, wenn der Brief etwas kurz wird. Ich will sehen, daß ich noch ein paar Sultaninen und Mandeln bekomme. Da muß ich schon beizeiten in die Stadt fahren.
Ich habe nun die Handschuhe für unsere Beiden fertig. Ich habe sie ein bißchen bunt bestickt. Das sieht sehr freundlich aus. Ich brauche ja für mich keine zu machen, denn Du hast mir ja so schöne Handschuhe gekauft.
Nicht wahr, lieber Ernst, Du nimmst es mir nicht übel, wenn ich jetzt schon schließe. Du weißt ja, der Samstag ist ein ganz besonderer Arbeitstag.
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner immer an Dich denkenden Annie.

Samstag, 28. November 2015

Brief 99 vom 27./28.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                                          Konstanz, 27.11.40     

Post habe ich heute keine von Dir erhalten, was ich gleich zuerst bemerken möchte. Von den Eltern kam eine Karte mit der Bitte, daß ich bald wieder schreiben soll. Das ist ja nun inzwischen schon geschehen. Auch von Elsa erhielt ich wieder einen Brief. Ich hatte ihr auf den vorhergehenden noch gar nicht geantwortet. Sie schreibt, daß sie 2 - 4 mal wöchentlich in den Luftschutzkeller müssen, daß die Kinder erkältet sind, daß Gerhard wieder wo anders hingekommen ist, daß der Helmit jetzt auch geheiratet und auch einen Jungen hat, auf den Gerhard auch sehr stolz ist, weil so wenigstens  die Familie nicht ausstirbt. Am Schluß schreibt sie: „Schreibe mir doch bitte, bitte einmal wieder.“ Dann folgen Grüße und hinterher: „Vergiß mir bitte nicht zu schreiben.“ Da muß ich mich doch in den nächsten Tagen tatsächlich gleich mal ans schreiben machen.
Unser kleiner Bursche ist für mich jetzt ein richtiger kleiner Helfer geworden. Er holt mir manchmal, d.h. eigentlich oft Holz, Kohlen, Kartoffeln und Möhren aus dem Keller. Manchmal putzt er die Treppe mit, heute hat er mir Rosenkohl aus dem Garten geholt. Man kann ihn also schon zu mancher Arbeit brauchen. Helga hilft natürlich auch mit, wenn sie da ist, aber oft muß sie natürlich zur Schule, wenn diese Arbeiten notwendig sind.
Nun ist doch noch ein Brief von Dir gekommen und zwar vom 17. 11. Inzwischen habe ich ja den Fahrtbericht, den Du in diesem Brief ankündigst, schon erhalten. Danken möchte ich Dir aber doch noch für den Brief, den Du geschrieben hast, als Du müde von der Fahrt zurückgekommen bist. Du hast also auch da noch an uns gedacht.
Heute ist wieder einmal einer der jetzt so seltenen sonnigen Tage. Es ist direkt eine Freude, wenn man wieder einmal einen blauen Himmel sieht.
An Helga`s Filzschuh war ein Stück von der Sohle abgegangen. Ich hatte gerade keine Zeit zum annähen und sagte ihr deshalb, sie solle es doch selber einmal probieren. Das hat sie dann auch getan und es ist ihr ganz gut gelungen. Da kannst Du Dir die Freude denken. „Weißt Du, Mutterle, das kann ich mir gar nicht denken, daß ich das selber gemacht habe,“ sagte sie die ganze Zeit und hat sich`s immer wieder angesehen. Ich bin der Meinung, daß es für die Kinder doch ganz gut ist, wenn sie selber etwas können. Eine Freude habe ich jetzt auch noch an ihnen. Du weißt sicher noch, wie sie früh immer schon so laut im Bett geredet haben, so daß wir öfter schimpfen mußten. Vor ca. 1 Woche habe ich mir beide einmal vorgenommen und habe ihnen erklärt, daß ich, wenn ich gleich früh schimpfen muß, den ganzen Tag nicht mehr richtig fröhlich sein kann, daß es doch viel schöner sei, wenn wir fröhliche Tage zusammen hätten usw. Seitdem sind sie früh nun ganz still, wenn sie früh rauskommen freuen sie sich schon, daß ich mich freue und so beginnen seit einer Woche die Tage in fröhlicher Stimmung. Hoffentlich bleibt es so. Nun ist es schon wieder Zeit, daß ich in die Stadt fahre. Ich beende deshalb diesen Brief. Sei Du, mein lieber, lieber Kerl, recht herzlich und oft gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Mann!                                                                      Konstanz, 28.11.40

Ich erhielt heute Deinen lieben Brief vom 19.11. und danke Dir vielmals dafür.
Die 5,-M für die beiden Hemden für Kurt werde ich aufschreiben. Willst Du wirklich die restlichen 25,- für Briefmarken verwenden? Frage doch mal bei Kurt an, ob er nicht noch Interesse für einen ärmellosen Pullover oder so etwas hat. Seine, die ich bis jetzt gesehen habe, sind nicht mehr besonders. Du kannst natürlich tun, was du willst.
Wegen der W.H.W. Briefmarken habe ich noch keinen Bescheid von Dir. Ich habe deshalb nun 2 Sätze gekauft. Einen werde ich stempeln lassen. Ich denke, daß Kurt ihn sich selber besorgen wird, da er ja noch im Reich ist. Die Behring-Sondermarke werde ich Dir auch noch besorgen.
Die 26,- hast Du also erhalten. Am 25.11. habe ich Dir wieder 25,- geschickt, wie ich Dir schon geschrieben habe. Wenn du vom zu vielen Wirtschaftgehen schreibst, so kommt mir das immer wieder eigenartig vor, nachdem Du früher nie so in Wirtschaften gesessen bist. Es läßt sich natürlich unter den jetzigen Verhältnissen nicht anders machen, aber mir kommt es doch so fremd an Dir vor. Du mußt nun natürlich nicht gleich böse sein, daß ich das geschrieben habe, denn,  wie ich schon geschrieben habe, unter den jetzigen Verhältnissen geht es nun einmal   nicht anders. Wenn du nur sonst der alte bleibst.
Gestern und heute habe ich mit der Weihnachtsbäckerei angefangen. Vom vielen Rumspringen bin ich richtig ein bißchen müd´ geworden. Draußen ist heute scheußliches Wetter. Halb schneit und regnet es. Es ist richtiger Matsch draußen. Es ist gut, daß ich mein Rad habe und nicht laufen muß.
Helga hat heute auch ihre festen neuen Schuhe gut brauchen können. Ihre Halbschuhe sind gestern an der Seite aufgerissen. Ich will mal sehen, ob sie noch zu reparieren sind. Ich fahre heute gleich noch beim Schuster vorbei. Ich habe zum Advent zwei Päckchen an Dich abgeschickt, bereits vorige Woche. Vielleicht hast Du sie inzwischen schon erhalten. Ich schreibe es nur, damit Du weißt, daß welche unterwegs sind. Hoffentlich erfreuen sie Dich ein wenig. Mein lieber Schatz, sei bitte nicht böse, wenn der Brief heute kürzer wird. Ich bin ein bißchen abgespannt. Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Lieber Vater! Jetzt ist bald Advent und wir dürfen ein Fensterle aufmachen, das freut mich schon. Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga.---Jörg 28.11.40

Brief 98 vom 25./26.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                                        Konstanz, 25.11.40 

Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 20.11. Ich danke Dir sehr dafür.
Wie ich Dir ja schon schrieb, sind meine Finger inzwischen wieder geheilt. Es ist überall frische Haut gewachsen. Natürlich ist diese noch ein bißchen zart, aber schaffen kann ich schon wieder gut. Schlimm war es schon, aber jetzt ist es ja vorbei. Geduld muß man dabei nur haben.
Du meinst, daß Jörg noch nie beim Friseur war. Das stimmt aber nicht. Wir haben ihm schon in der Wilhelmstraße und beim Frieden die Haare schneiden lassen. Er kann sich sogar noch gut daran erinnern. Er sagt: „Weißt, die schneiden einfach zu. Da muß man immer still halten. Du wartest wenigstens einmal eine Weile, wenn ich`s Dir sage.“
Wenn Du eine Weste für ca. 6,- für Vater bekommen könntest, wäre es ja schön.
Wegen dem Geld für Deinen Mantel werde ich es so machen. Ich schicke Dir heute 15,-Mk. (Mehr habe ich diesen Monat nicht). Evtl. kannst Du davon mit die Weste für Vater bezahlen. Am 15.12. schicke ich Dir 50,-.  Doch warte mal, ich werde noch 10,- von der Sparkasse holen und schicke Dir heute 25,-. Du mußt mir dann eben noch schreiben, wie viel Geld noch fehlt. Ist es so recht?
Du fragst nach dem achten Päckchen der 1. Sendung. Soviel ich weiß, habe ich Dir doch alle Päckchen bestätigen können. Ich habe jetzt gerade nochmals alle Briefe durchgesehen in denen Du die Päckchen ankündigst und den Inhalt beschreibst. Danach habe ich alle Päckchen erhalten.
Am Vormittag habe ich noch das schräge Stück hinterm Haus umgegraben. Da ist dann alles soweit fertig. Nur der Mist muß noch auf die Erdbeeren getan werden. Das drückt mein Gewissen, daß ich das noch nicht gemacht habe.
Siehst Du, gerade als ich den letzten Satz geschrieben hatte, bin ich mit mir zu Gericht gegangen und habe mich gefragt, hast Du nun wirklich keine Zeit oder graut Dir nicht ein bißchen vor der Arbeit und es ist nur Faulheit, daß die Arbeit noch nicht gemacht worden ist? Und siehe da, nach gründlicher Prüfung mußte ich feststellen, daß das Letztere der Fall ist. Da habe ich mir erst einmal gesagt, daß ich doch ein Feigling bin, daß ich Arbeiten, die ich nicht gern mache, hinaus schiebe. Dann hat mich der Zorn gepackt und ich bin kurz entschlossen in den Garten gegangen und habe Mist auf die Erdbeeren getan und siehe da, ich bin sogar ganz fertig geworden. Es ist also halb so schlimm gewesen, als es vorher ausgesehen hat.
Nun muß ich aber für heute schließen. Es ist nun ziemlich spät geworden und ich will den Brief noch wegschaffen. Sei also für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                     Konstanz, 26.Nov.40

So, nun bin ich mit der Gartenarbeit ganz fertig. Heute früh habe ich vorm Haus am Zaun noch umgegraben, dann auf den Abfall auf dem Komposthaufen Erde getan wie Du es mir gesagt hattest, daß ich auf den Rhabarber auch Mist getan habe, ist doch sicher recht. Ich wollte beim Spinat auch welchen hintun, aber ich weiß nicht, ob das richtig ist. Heute steht in der Zeitung, daß man im Dezember das Doppelte des Wehrsoldes überweisen kann. Soviel habe ich ja nicht, aber ich könnte Dir statt der 50,- die ich schicken wollte, 60,- schicken. Soviel hätte ich gerade übrig. Diesen Monat hatte ich auch ca. soviel, aber ich brauchte davon 10,- für Kirchensteuer und 15,- für Schuhe, sowie 30,- für Weihnachten.
Lieber Ernst! Wenn ich Dir das Geld für den Mantel schicke, kann ich Dir ja nun leider kein anderes Weihnachtsgeschenk machen, denn Du hast ja keinen Wunsch weiter geäußert. Es kommt mir ja ein bißchen kahl vor, wenn ich Dir nur das Geld schicke, aber einen Mantel kannst Du eben doch gut brauchen. Ein kleines Geschenk für die Kinder kaufe ich nun doch noch und zwar Plastellina. Der Bub knetet immer wieder Figuren und sein Handwerkszeug ist fast alle. Wie Dir ja Helga schon schrieb, bin ich am Handschuh stricken. Jörg seine sind nun auch bald fertig. Hinterher will ich noch Socken für unsere zwei Banausen stricken, denn in die hohen Schuhe brauchen sie welche. Gestern habe ich zum ersten Mal mein Rücklicht ausprobiert, als ich den Brief für Dich fortschaffte. Um 6 Uhr ist es jetzt doch schon dunkel und vor allen Dingen neblig. Durch den Nebel ist es dann gleich so naßkalt. Da freut man sich dann auf eine warme Stube. Wenn Du einmal wieder auf Urlaub kommst, wirst Du auch staunen. Ich gebe jetzt nämlich immer Hauskonzerte auf der Mundharmonika. Du weißt ja, ich wollte schon immer gern spielen. Vor 3 Tagen habe ich mir mal die Mundharmonika rausgesucht und zu meinem Erstaunen kann ich fast alle Lieder spielen. Also nicht nur so stümpern, sondern fließend spielen, sonst hätte ich es gar nicht geschrieben. Die Kinder waren auch ganz paff, genau wie Vater und eigentlich ich selbst. Da kann man doch auch sagen, den Seinen gibt´s der Herr im Schlafe. Freuen tue ich mich ja sehr. Du weißt ja, singen kann ich nicht wegen meinem Hals, trotzdem ich´s gern möchte. Da ist das spielen ein Ersatz, denn wenn ich mal froh oder betrübt bin, kann ich doch spielen. In beiden Fällen erleichtert es. Lieber Schatz, nicht wahr, Du lachst mich nicht aus, daß ich Dir das geschrieben habe. Mit Dir möchte ich doch alles teilen, auch die kleine Freude, die ich jetzt habe. Einen Haken hat die ganze Sache nur. Die Kinder wollen abends nicht mehr ins Bett, immer soll ich noch weiter spielen. Du denkst doch nun nicht, daß ich mir auf meine Spielerei was einbilde. Ich freue mich nur so und besser als meine Singerei klingt es auf jeden Fall. Weißt Du, wenn Du jetzt hier wärst, würde  ich mal mit Dir umeinander tanzen, wie ich es früher manchmal gemacht habe, wenn ich mich gefreut habe. Nun schließe ich für heute wieder. Sei recht oft und herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Dienstag, 24. November 2015

Brief 97 vom 23./24.11.1940


Mein lieber Mann!                                              Konstanz, 23.11.40  

Endlich hat heute die Post ein Einsehen gehabt. Nachdem ich so lange hab warten müssen, bin ich heute geradezu verwöhnt worden. Ich bekam Deine beiden lieben Briefe vom 14. (der 2. von diesem Tag) und vom 18.11. sowie die restlichen 5 Päckchen. Eins hatte ich ja schon vor einigen Tagen erhalten. Ich möchte Dir für alles recht, recht sehr danken. Über den Zucker habe ich mich sehr gefreut und über das Fett, auch über den Kaffee, die Seife und das Seifenpulver. Das Hemd hebe ich für Kurt auf. Den Preis teilst Du mir ja noch mit, damit ich‘s aufschreiben kann. Die 2 Päckchen, die ich noch nicht aufmachen darf, habe ich weggestellt. Du kannst Dich bestimmt darauf verlassen, daß ich sie nicht aufmache. Das weißt Du ja auch, sonst hättest Du sie ja noch nicht geschickt.
Du schreibst von einer Dose Konserven. Die war ja nicht dabei. Wahrscheinlich war sie zu schwer.  Über den Bericht von Eurer Sonntagsfahrt habe ich mich sehr gefreut, auch über die Karten. Da hast Du ja wieder allerhand gesehen. Durch Deinen Bericht kann ich mir doch von allem wenigstens ein wenig ein Bild machen.
Es freut mich, daß der Kuchen gut angekommen ist. Hoffentlich hat er auch geschmeckt. Hast Du eigentlich das kleine Buch vom Hegau bekommen? Wenn ich sie brauche, werde ich also die blauen Birnen vom Kaspertheater mit verwenden. Die neue Adresse von Kurt lautet: Feldpostnummer 19 655. In Deiner Nähe ist er ja nun noch nicht. 
Von dem Kaffee, den Du geschickt hast, verkaufe ich an Vater noch ½ Pfund. Von der Seife gebe ich ihm noch 2 kleine Stücke.  Ist Dir das auch recht?
Für die Kinder habe ich die meisten Weihnachtsgeschenke gekauft. Für Helga eine Puppe mit Kleider im Karton, Wilhelm-Busch-Bilderbogen. Da sind verschiedene Sachen von Busch drin, aber bunt für Kinder. Die Bilderbogen sind natürlich ein Buch, der Titel lautet nur so. Max und Moritz ist ausverkauft gewesen. Für Jörg ein Märklin-Motorrad, ein Motorrad mit Beiwagen, ein Lastwagen mit Anhänger. Alles ist so klein wie das Märklin Auto, das er schon hatte. ein Buch zum Ausmalen. Für Helga übrigens noch eine neue Umhängetasche, da die alte schon bald kaputt geht. Die neue Tasche ist auch ein bißchen größer, so daß sie Brot und Äpfel in die Tasche tun kann.  Ich will beiden noch ein paar Buntstifte kaufen, denn Jörg hat ja die anderen bald alle vermalt. Das dürfte in der Hauptsache alles sein. 
Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, daß ich wieder einen Brief von Dir erhalten habe. Ich habe schon nachts immer Angstträume gehabt. Heute Nacht träumte ich, mir wäre gesagt worden, von Lille aus dürfte nicht geschrieben werden, da dort Unruhen wären. Da dachte ich, also darum bekomme ich keine Briefe. Als ich heute früh aufwachte, war ich noch ganz benommen, so einen tiefen Eindruck hatte der Traum auf mich gemacht. Gott sei dank ist alles nicht wahr. Helga ist heute wieder ganz fleißig. Während ich schreibe, hat sie abgewaschen und die Küche ausgekehrt. Jörg, der eben noch geheult hat, daß für ihn gar nichts zum helfen da sei, räumt nun auch noch mit auf. Vor allen Dingen tun sie‘s auch deshalb, daß ich schnell fertig werde und bald wieder komme, damit ich noch vorlesen kann. Darauf freuen sie sich doch immer.  Lieber Ernst! Ich möchte Dir für Deine lieben Päckchen und Briefe nochmals danken. Ich habe mich so sehr darüber gefreut und bin so froh. 
Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt, mein lieber Schatz, von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                                Konstanz, 24.11.40

So nach und nach treffen doch alle Briefe ein. Ich erhielt heute die beiden vom 12. und 15.11. Ich danke Dir recht herzlich dafür. Ich habe daraus auch ersehen, daß Du das kleine Buch vom Hegau erhalten hast, so daß meine Frage von gestern dadurch überflüssig geworden ist. 
Für meine Arbeit im Garten sollst Du mich nicht entschädigen. Das tue ich doch, weil ich Dich so lieb habe. Wenn ich weiß, daß Du Dich darüber freust, ist mir keine Arbeit zu viel. Bezüglich meiner „Schönheit“ gehe ich bestimmt nicht darauf aus, Komplimente von Dir zu hören. Nur lieb haben sollst Du mich, Ernst, liebhaben und mich nie vergessen.  Gestern habe ich das Buch „Max und Moritz“ in einem kleinen Laden doch noch entdeckt. Es war aber auch dort das letzte Exemplar. Ich habe es noch gekauft. Auch ein paar Buntstifte habe ich noch gekauft und nun ist es mit dem kaufen Schluß. 
Heute ist wieder ein ruhiger Sonntag. Wir sind erst ½ 9 Uhr aufgestanden, gegen 1 Uhr haben wir Mittagbrot gegessen, dann hat sich Helga und Jörg ein bißchen hingelegt. Vorhin war ein schönes Volkskonzert. Vielleicht hast Du‘s auch gehört. Es wurden verschiedene Lönslieder gesungen, die mir ja immer besonders gefallen. Das Wunschkonzert hören wir uns nachher auch an, denn zum Fortgehen haben wir alle keine Lust. Ich fahre nur noch schnell zum Brief fortschaffen. Ich habe Vater gestern ½ Pfund Kaffee runter gebracht. Für den in Verpackung habe ich 1,25 M für ½ Pfund verlangt.  Es freut mich sehr, daß Du mir jetzt wieder immer die Programme mitschickst, wo Du gewesen bist. Ich wollte auch schon wieder einmal ins Kino gehen, aber bis jetzt ist es noch nicht dazu gekommen. 
Jetzt, da die Schweiz abends ab 11 Uhr auch verdunkelt hat, sieht man erst, was richtige Verdunklung ist. Wenn man da zum Fenster hinaus schaut, ist es wirklich stockdunkel. Früher, als  es drüben noch hell war, hat man das gar nicht so empfunden. Nachher will ich mich nun bestimmt einmal hinsetzen und an die Eltern und Kurt schreiben. Ich habe es immer wieder hinausgeschoben. Lieber Ernst! Ich freue mich immer noch sehr über Deine lieben Päckchen und möchte Dir deshalb heute nochmals dafür danken. Sei Du, mein allerliebster Schatz, für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner immer an Dich denkenden Annie. Lieber Vater . Mutter hat gestern meine Handschuhe fertig gemacht, sie sind Braun, und sie sind schön gestrickt. Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga.

Brief 96 vom 22.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                  Konstanz, 22.11.40 

Um es gleich vorweg zu nehmen, Post habe ich heute früh auch wieder keine bekommen. Da ich nun keinen Brief beantworten kann, will ich Dir von gestern Nachmittag und heute erzählen.  Wie ich Dir schon schrieb, wollten wir gestern Schuhe für Helga kaufen. Ich hatte Socken mitgenommen, damit die Schuhe reichlich groß sind. Da brauchte Helga Nr. 36. Nun hatten sie noch feste Lederschuhe zu 10,80 M da. Die standen schon länger, weil, wie das Frläulein sagte, vorm Krieg keiner für Kinderschuhe soviel ausgeben wollte. 36 ist nun eigentlich schon Damengröße und Damen wollten wieder leichtere Schuhe. So sind sie noch dageblieben. Verhältnismäßig sind die Schuhe billig. Ich habe mir vorher schon andere angesehen. Die kosteten bis Größe 35 12,50 M. Unter diesem Preis bekommt man jetzt fast keine und das sind dann keine so guten Ledersohlen. Ich habe sie Vater gestern gezeigt, dem gefallen sie auch sehr gut. Nun wirst Du staunen, wenn ich Dir sage, daß ich mir auch noch ein paar Schuhe mit Holzsohle gekauft habe. Dunkelblau mit rot abgesetzt. Der Stoff sieht aus wie Wildleder. Ich habe doch nur meine Lackschuhe, die ein bißchen nett aussehen. Die möchte ich noch nicht ganz kaputtmachen, da ich ja auch, wenn diese kaputt sind, keine neuen bekomme, denn ich habe doch noch die braunen schweren, die schwarzen zum schnüren und die ganz guten. Die ganz guten will ich noch nicht tragen, damit ich ein paar Schuhe habe, wenn ich mit Dir fortgehe. Die schwarzen zum Schnüren ziehe ich meist nur an, wenn es regnet, (denn ich bin jetzt schon ein bißchen eitel geworden) und die braunen schweren nur im Winter oder wenn es sehr kalt ist. Die Lackschuhe will ich jetzt für Sonntag anziehen, denn da möchte ich nicht mit Holzschuhen laufen. Die Holzschuhe vom Sommer kann ich ja jetzt nicht tragen, die sind zu hell. Ich habe sie gewaschen und weggestellt. Die Holzschuhe, die ich mir gekauft habe, gefallen mir ja prima. Kosten tun sie 7,90 M. Nun wirst Du fragen, ja, hast Du denn soviel Geld? Das ist so. 15, hatte ich für Helga‘s Schuhe zurückgelegt.  Da sie nur 10,80 kosteten, blieben mir 4,- übrig. 2,- habe ich für Rabattkarten bei Tengelmann gelöst und 2,- habe ich noch dazutun müssen. Ich hoffe, daß Du mit dem Kauf einverstanden bist.  Heute früh habe ich meine Lackschuhe besohlt. Sie sind gut geworden. Bei Jörg seinen Halbschuhen habe ich meine Lederabsätze drauf machen müssen, die alten waren ganz schief getreten und zwar tritt er sie immer nach innen.  Gestern habe ich einmal die neue Weste, die Du mir geschenkt hast, angezogen.  Die ist wirklich fein. Jetzt bin ich mit Kleidern usw. wirklich ausgestattet. Das einzige, was ich mir einmal noch kaufen möchte, ist ein fester Sportrock, den ich auch auf dem Rad anziehen kann, also ohne eingelegte Falte. Diese reißt auf dem Rad gern ein. Dann bin ich aber wirklich für Jahre hinaus versorgt, denn ich habe ja auch noch die Stoffe von Dir da. So eine reichliche Ausstattung habe ich überhaupt noch nie gehabt und das verdanke ich nur Dir allein, daß es mir in dieser Beziehung jetzt so gut geht. 
In den nächsten Tagen muß ich an meine Eltern und Kurt schreiben.  Abends hat man nur nicht immer Lust.  Von Vater soll ich Dich auch herzlich grüßen. Er kommt so schlecht zum schreiben.  Wenn ich nachher in die Stadt fahre, will ich sehen daß ich schon ein paar Weihnachtsgeschenke für die Kinder kaufen kann. Ich fahre heute schon ein bißchen zeitiger fort, da es in den letzten Tagen immer zum spät zum Märchen vorlesen war und darauf freuen sich doch unsere beiden Stromer immer so.  Sei nun für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. Wenn nur recht bald wieder ein Brief von Dir käme, ich wäre so froh.

Samstag, 21. November 2015

Brief 95 vom 20./21.11.1940


Mein lieber Ernst!                                            Konstanz, 20.Nov.40 

Ich glaube, die Post ist vollkommen verdreht. Vor 3 Tagen erhielt ich Deinen Brief vom 14. und heute früh den vom 11. Gefreut habe ich mich aber doch sehr, daß es ein Brief von Dir war. In ihm hast Du mir auch wieder geschrieben, wie Du den Abend verbracht hast, so daß meine Bitte gestern eigentlich überflüssig war. 
Über die Weste habe ich mich wirklich sehr gefreut, aber auch über die Bluse.  Über die Weste aber ganz besonders deshalb, weil ich so etwas noch nie hatte. Lieber Ernst, halte mich bitte nicht für ungenügsam, aber wenn Du mir später noch einmal so etwas Ähnliches kaufen könntest, würde ich mich sehr freuen. Aber es hat Zeit, Du mußt nun nicht gleich danach springen. 
Ich wollte beim ersten Mal Mist holen wirklich ein paar Ruhetage vorher einlegen, aber ich habe es einfach nicht ausgehalten. Was getan ist, ist getan. Der Wohlgeruch hat mich im Allgemeinen wenig gestört, nur darf man sich mit der Kleidung, die man beim holen anhatte, nicht in die Küche wagen, da ist es dann schon unangenehm. 
Wenn Du noch einige Tafeln der Corona-Schokolade da hast, sind wir gern Abnehmer, aber nur, wenn Du auch welche für Dich hast. Sonst schmeckt sie uns auch nicht.  Wie ich bei Musik aus dem „Fliegenden Holländer“ immer an Dich denken muß, so geht es Dir jetzt scheinbar mit dem „Lügenlord“. Das Lied macht mir aber auch wirklich immer Vergnügen. 
Heute früh habe ich rote Rüben in Steintöpfen eingemacht, in kleinen Litertöpfen. Mal sehen, ob sie sich halten. Die hebe ich für Dich auf, wenn Du mal auf Urlaub kommst.  Heute Nachmittag wollen wir mal in den Wald gehen und sehen, wo es evtl. Tannenreisig für einen Adventskranz gibt. Es paßt gerade, da Helga ja heute keine Schule hat. 
4 Uhr.    Nun sind wir wieder da und haben auch Reisig gefunden.  Nicht haufenweise, aber es langt gut. Ich versorge es einstweilen im Keller. Es war ganz schön im Wald. Die Kinder haben sich an verschiedenen Stellen an Ostereier erinnert. Sie haben auch überall gewußt, wo wir mit Dir gegangen sind. Unser aller Meinung war, daß es eben doch am schönsten war, mit Dir im Wald spazieren zu gehen. Wir wollen hoffen, daß diese Zeit auch wieder einmal kommt.  Ich will heute schon einmal etwas früher in die Stadt fahren, denn ich soll heute nochmals nach dem Rückstrahler fragen. Am Montag waren sie schon wieder ausverkauft.  Ich schließe darum heute schon und grüße und küsse Dich innig Deine Annie.


 Mein lieber Ernst!                                        Konstanz, 21.11.40

Ich glaube, fast jeden Tag kann ich im Brief mit dem Seufzer beginnen, Post habe ich heute keine von Dir bekommen. Ich möchte nur wissen, wo die Briefe alle stecken, denn Du schreibst doch jeden Tag.
Vielleicht geht es Dir aber mit dem Empfang von Briefen genau so.  Heute ist wieder einmal sonniges Wetter und da am Morgen der Schein für die Schuhe für Helga gekommen ist, nehmen wir die Gelegenheit wahr und gehen am Nachmittag in die Stadt. Helga macht nur noch schnell Schulaufgaben. 
Kurt hat an Vater geschrieben, daß er jetzt in Privatquartier ist, bei einer Frau mit drei Kindern. Es gefällt ihm sehr gut. Ich soll ihm bald etwas zu lesen schicken, da er und auch seine Wirtin sehr gerne liest. Er ist noch in der Nähe von K. Den Rückstrahler habe ich gestern bekommen. Er kostet ohne anmachen 1,90 M. Für so ein kleines Ding ziemlich viel Geld. Für Dein Rad habe ich noch keinen besorgt, da Du es ja nicht wolltest. Das anmachen war gar nicht so einfach. Ich hab fast den ganzen Vormittag damit zugebracht. Ich hätte es vom Händler gleich machen lassen, aber da hätte ich das Rad dort lassen müssen, da sie so viele Räder zum anmachen haben.
Die Kinder unterstützen mich jetzt auch wieder, damit ich an Dich schreiben kann. Helga wäscht ab und Jörg hat eben die Küche ausgekehrt.  Lieber Ernst! Du wirst mir nicht böse sein, wenn ich heute weniger schreibe. Wir möchten gern noch bei Sonnenschein raus gehen. Sei für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 
Lieber Vater! Heute kaufen wir Schuhe für mich, da kriegen wir sicher wieder ein buntes Heft. Mutter hat uns gestern eine große Freude gemacht, sie hat uns ein Adventskalender gekauft.  Viele Grüße und tausend tausend Küsse von Deiner Helga.  Jörg.

Mein lieber Ernst!                                                  Konstanz, 21.11.40

Zum Advent schicken wir Dir 2 kleine Päckchen. Hoffentlich hast Du ein wenig Freude daran. Die Tanne haben wir gestern im Wald geholt. So erhältst Du also auch einen kleinen Gruß aus unserem Wald. 
Sei vielmals herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 

Brief 94 vom 18./19.11.1940


Mein liebster Ernst!                                               Konstanz 18.Nov. 40 

Diese Woche hat besser begonnen als die vorhergehende, denn meine Finger sind fast wieder heil. Vor allen Dingen kann ich nun wieder so ziemlich alles schaffen. Da gibt es für mich mancherlei nachzuholen. Vor allen Dingen auch im Garten. Heute habe ich mal vorläufig am Zaun das dürre Zeug von den blauen Blumen abgeschnitten und das schräge Beet hinterm Haus soweit es geht abgeräumt. Nun muß ich das noch umgraben. Später will ich dann noch den Mist an die Erdbeeren tun. Es ist eben alles liegen geblieben. Morgen oder übermorgen will ich aber erst noch vom Gutshof den Mist für Vater holen.
Dieser Tag ist nun auch wieder vergangen, ohne daß ein Brief von Dir angekommen ist. Eigentlich sollte ich es ja nun bald gewöhnt sein, daß die Post unregelmäßig eingeht, aber ich bin doch immer wieder enttäuscht, wenn ein Tag ohne Brief vergeht. Wie ich ja schon aus Deinen Briefen ersehen habe, geht es Dir ebenso.
Heute war wieder einmal einer der wenigen Tage in letzter Zeit, die sonnig waren. Das heitert einen doch gleich ein wenig auf. Leider ist es nun gegen Abend schon wieder damit vorbei, denn es bewölkt sich. Einige Tage hat es auch gegeben, an denen man die Berge wundervoll sehen konnte. Da kann ich mich immer gar nicht satt sehen. Einmal waren die Berge so nahe gerückt, daß man meinen konnte, sie ständen bereits bei Romanshorn. Sie haben auch alle schon wieder ein weißes Kleid angezogen. Wenn ich über die Brücke fahre und die Berge sehe, meine ich manchmal, da solltest Du auch da sein, das würde Dir sicher auch Freude machen. 
Jetzt hast Du ja dort zum Ersatz andere Freuden, die Du später hier wieder entbehren mußt, wie Kino, Variete und Theater. Da darf natürlich die Gegend dort nicht so schön sein, sonst wäre ja hier gar nichts mehr, auf was Du Dich freuen könntest. Außer uns natürlich, denn ich hoffe, daß wir Dir unersetzlich sind. 
Im Herbst ist ja das Leben jetzt ziemlich langweilig. Man ist die meiste Zeit ans Haus gefesselt und alle. Na, wie müssen eben sehen, daß wir so gut wie möglich durch den Winter kommen. Ich habe ja oft rechte Sehnsucht nach Dir. Vergiß auch Du mich nicht.  Von den Eltern ist auch noch kein Brief angekommen. Ich glaube, die haben uns vergessen. Eine Karte habe ich vor ein paar Tagen nochmals geschickt. Mal sehen, ob sie nun etwas von sich hören lassen. Nun will ich wieder schließen. Ich muß jetzt immer sehen, daß ich nicht so spät fortkomme, da es bald dunkel wird. Ich will nachher noch einmal nachfragen, ob es wieder Rückstrahler gibt. Sei Du, lieber Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                                       Konstanz, 19.11.40

Heute kam wieder kein Brief von Dir an,. Das ist sehr traurig, denn ich sehne mich sehr nach ein paar lieben Worten von Dir. Hier ist so richtiges Herbstwetter, wieder neblig. Das drückt so nieder. Ich bin jetzt auch viel öfter als im Sommer an die Wohnung gebunden, da man ja bei Regenwetter, wie es jetzt öfter herrscht, nicht so gut im Garten schaffen kann. Wenn ich dann am Abend so einsam sitze, kommen mir so viele Gedanken und ich muß sehr dagegen ankämpfen, um nicht in trübe Stimmung zu verfallen. Da freue ich mich dann immer, wenn ich wieder einen Brief bekomme, aus dem ich lesen kann, daß Du mich genau wie früher lieb hast. 
Ein liebes Päckchen habe ich heute Nachmittag von Dir erhalten. Als ich es aber öffnen wollte, durfte ich es nicht, denn „nicht öffnen“ stand da drauf. Für das Päckchen danke ich Dir. Für die Sachen, die drin sind, kann ich es noch nicht, denn ich darf sie ja noch nicht sehen. Eine kleine Weihnachtsfreude ist mir also schon ins Haus geflogen. 
Von den Eltern erhielt ich heute früh ein Zeitungspaket mit Brief, von dem Du wahrscheinlich eine Abschrift erhalten haben wirst, wie ich sie ja auch von dem Brief an Dich bekommen habe. Eine erfreuliche, wenigstens unter den jetzigen Umständen erfreuliche Nachricht, ist ja die, daß Hans Krall nicht tot ist. Da wird Tante Agnes froh sein, wenn auch Gefangenschaft kein schönes Los ist. 
Der heutige Vormittag war mit dem holen von Mist ausgefüllt. Das wäre also auch geschafft.  Da ich jetzt wieder stricken kann, bin ich sehr froh, daß ich wieder Zeitungen bekommen habe.  Beim stricken läßt es sich ja ganz gut lesen und die Abende gehen schneller vorbei. Die Eltern fragen doch wegen eines Geschenks für Jörg an. Ich werde schreiben, daß sie ihm die Soldaten kaufen mögen, die er sich wünscht. Das ist Dir doch sicher recht. In letzter Zeit schreibst Du mir nie mehr, wenn Du ins Theater oder Kino gegangen bist und was gespielt wurde. Das hat mich aber immer sehr interessiert.  Würdest Du mir‘s bitte wieder schreiben. 
Ich hätte auch noch eine Bitte an Dich.  Könntest Du mir nicht einmal aufzeichnen, wie so alle Möbel in den Zimmern stehen, die Du bewohnst? Das heißt, wenn es Dir nicht zu viel ist. Ich möchte doch gern wenigstens ein bißchen mit Dir leben und so kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie alles bei Dir ist.
Ach Ernst, ich glaube, ich habe Heimweh nach Dir und da quäle ich Dich mit so viel Wünschen. 
Ich möchte für heute gern schließen und grüße und küsse Dicht recht oft und fest Deine Annie.