Dienstag, 10. November 2015

Brief 89 vom 10./11.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                 10.November 

heute Nacht haben wir durchschlafen können und sind nicht gestört worden.  Der Briefträger brachte mir am Morgen zwei Briefe von Dir, vom 3. und 5.11. Der vom 4. fehlt noch, so daß ich auch noch nicht weiß, warum Du am 5. „mit Rücksicht auf den vergangenen Abend sehr häuslich“ warst. Das geht sicher aus dem fehlenden Brief hervor.
Aber ich will erst einmal mit der Beantwortung des Briefes vom 3. beginnen.  Inzwischen habe ich ja nun sieben Päckchen erhalten, so daß nur noch eins aussteht. Ich habe mich wirklich über alle Sachen sehr gefreut. Du weißt eben auch immer richtig, was ich brauchen kann.  Ich habe mich heute auch sehr über Deinen langen Sonntagsbericht gefreut. Da hast Du aber lange Zeit für mich geopfert und auch dafür möchte ich Dir danken. Du schreibst überhaupt immer so lieb. 
Dein Mantel ist wirklich nicht teuer, besonders, wenn er, wie Du schreibst, schön und solid ist.  Da hast Du wenigstens auch noch etwas rechtes.  Also gibt es jetzt auch in Frankreich Marken. Wir hier haben uns ja schon daran gewöhnt, da können es die Franzosen auch einmal kennen lernen. Die Hauptsache ist ja schließlich, daß Jeder das Seine erhält. 
Bei uns war heute früh wieder Frost. Alles sah weiß aus. Es ist eben doch bald Winter, da kann man nichts anderes erwarten. Es ist wirklich gut, daß Du dort eine richtige Unterkunft hast, besonders, da richtig geheizt werden kann.
Aus Deinem Brief vom 5.11. ersehe ich, daß es Dir bezüglich der Briefe von mir auch schlecht ergangen ist. Ich habe ja auch so bummlig Post erhalten. Jetzt renkt es sich scheinbar wieder ein. Wie ich aber lese, hast du scheinbar am 4.11. das gesandte Gebäck erhalten und es freut mich, daß es Dir schmeckt. Das ist ja schließlich die Hauptsache. 
Für die Karte von dem Cafe‘ Ganquie‘ danke ich Dir. Da sehen wir doch, wo Du Dich öfter aufhältst. Das interessiert uns ja sehr. 
Die Zeugnisabschrift hat Dir ja Helga schon geschickt. Bei Betragen stand „gut“, aber keine Zahl dabei. Vielleicht gibt es das nicht mehr. Bei den Bemerkungen, die Du auf dem einen Zeugnis mit aufgeschrieben hast, steht ja, dass bei Betragen 1 = gut ist. Zum Vergleich schicke ich Dir wunschgemäß die vorhergehenden Zeugnisabschriften mit.  Nach dem Schulranzen habe ich mich schon bei Vater erkundigt. Ich dachte, er bringt ihn mal mit rauf, da man ihn ja nicht immer antrifft. Ich glaube aber, ich werde den Ranzen wohl selber mal holen müssen. 
Unsere 2 Stromer sind eine richtige wilde Bande voll Übermut. Manchmal bin ich froh, wenn sie abends endlich im Bett sind. Aber sonst sind sie soweit brav und helfen mir auch mancherlei. Wir haben jetzt in die Küche das kleine Tischle aus dem Kinderzimmer mit den zwei Hockern geholt. Das Kindertischle, unter das sie immer mit ihren langen Beinen nicht mehr richtig drunter kommen, steht nun im Kinderzimmer. Nun sitzen sie an dem Tischle und malen. Scheinbar etwas lustiges, denn es gibt ein dauerndes Gelächter.  Ich habe vorhin gerade mal richtig hingeguckt. Wenn Jörg auf dem Hocker sitzt, reichen seine Beine tatsächlich schon bis auf den Boden. Das ist doch schon ein langer Kerl.  Die Ursache des Gelächters von vorhin war der Churchill, den sie wunderbar gemalt haben. Vorhin ist ja gerade im Radio bekannt gegeben worden, daß Chamberlain gestorben ist. Die Kinder sagten: „Das ist recht, der kommt aber nicht in den Himmel, wo der so ein frecher und böser Mann war.“ Na, schade ist es um ihn tatsächlich nicht.  Ich muß mich vorgestern Abend im Keller ein bißchen erkältet haben Trotz derber Schuhe und Socken hatte ich eiskalte Füße. Das hat sich ein bißchen auf die rechte Niere gelegt. Nun muß ich mich ein bißchen vorsichtig bewegen und warm halten. Aber sonst ist es mir ganz wohl zumute.
Heute kann ich auch den Brief selber wieder fort bringen und muß nicht, wie vergangenen Sonntag, die Kinder schicken.  Jetzt fängt bald das Wunschkonzert an, das ich mir auch wieder anhören werde. Dazwischen fahr ich nur schnell zur Post. Sei Du, mein lieber Ernst, wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. Lieber Vater! Ich will auch noch einen Gruß schreiben. Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga.   Jörg


Mein lieber Mann!                                           Konstanz, 11.11.40

Ich schicke Dir heute einen kleinen Kuchen. Laß ihn Dir gut schmecken. Hoffentlich kommt er nicht ganz zerbrochen an. Ich hätte Dir gern einen größeren geschickt, aber da reicht es mit dem Gewicht nicht. 
Viele herzlich Grüße und Küsse von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                              Konstanz, 11.11.40

Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 7. /8.11. Auch mir geht es wie Dir, bei der Post fällt immer ein Tag aus. Ich habe Deine Briefe vom 1., 3., 5. und 7. erhalten. Die anderen fehlen noch. Ich schreibe jeden Tag an Dich, so daß die Verzögerungen bei der Post liegen. Eins ist das Dumme dabei. Man bezieht sich doch in manchen Sachen auf den vorhergehenden Brief und da weiß der Andere dann manchmal gar nicht, um was es sich eigentlich handelt.  Über die Sachen, die Du für Kurt besorgst, werde ich Buch führen. Kurt hat mir heute gerade geschrieben, daß er mit noch 5 Kameraden zu einer Feldeinheit versetzt wird. Wo er hinkommt, weiß er noch nicht. Wahrscheinlich wird er Dir auch schreiben. 
Wie Du ja aus den vorhergehenden Briefen ersehen haben wirst, geht es mir soweit wieder gut. Sollte es mir wieder mal dumm zu Mute sein, werde ich Deinen Rat beherzigen und von dem Kirschwasser trinken.  Hoffentlich ist es nicht nötig. 
Du, ich glaube, ich bin etwas begriffsstutzig geworden. Daß Dich Deine Kameraden mit dem Ausspruch vom überhaupt wollen, aufziehen wollten, habe ich nun begriffen. Nun schreibst Du wieder so einen Satz, von dem ich nicht weiß, ob er ernst gemeint ist, nämlich: „ Ich finde, daß meine These, die ich früher einmal aufstellte, Du seiest zwar keine ausgesprochene Schönheit, aber die Frau, die zu mir paßt in Bezug auf den Punkt Deines äußeren Eindrucks glatt widerlegt ist“.
((Nebenbei gemerkt, hieß Dein Ausspruch nicht so, das habe ich mir nämlich ganz genau gemerkt, da er mir nämlich immer einen Dämpfer aufgesetzt hat, wenn ich bezüglich meines Eindrucks von meinem Aussehen zu übermütig wurde. Von ausgesprochener Schönheit war da nicht die Rede, sondern Du hast gesagt: „Daß Du nicht schön bist, weißt Du ja selber, aber mir bist Du schon recht.“ Also, lieber Kerl, nur nicht mogeln, gell?)) Sollte der Satz ernst gemeint sein, was ich nicht hoffen will, so müßte ich ja über meinen lieben, klugen Mann den Kopf schütteln und mich fragen, wie er zu so einer Meinung kommt. Passen wir zwei nicht auch äußerlich zusammen? Sind wir nicht gleich groß, sind wir nicht beide grad gewachsen, hast Du kein liebes Gesicht? Du wirst nicht umhin können, alles mit ja zu beantworten. Also bitte schön! Jetzt wirst Du denken, „also tatsächlich, sie ist doch begriffsstutzig, ich mache mir einen Spaß und sie muß deswegen über eine Seite voll schreiben. Jetzt hätte ich aber auch allen Grund, den Kopf zu schütteln.“ Ist es nicht so?
Jörg ist ganz stolz, daß Du ihn für sein Schreiben und Helfen lobst. Er sagt eben, Du wärst doch der liebste, liebste Schatz. Inzwischen sind ja die ersten zwei Päckchen, wie ich Dir schon schrieb, angekommen. Um die Bluse und Weste, sowie um die Strümpfe und das Leder wäre es tatsächlich sehr schad gewesen. 
Aus dem Brief ersehe ich, daß Du inzwischen das Zeugnis von Helga erhalten haben mußt. Helga freut sich schon sehr darauf, daß Du ihr schreiben willst.  Zur Abwechslung regnet es heute wieder die meiste Zeit, dafür ist es nicht ganz so kalt wie die vergangenen Tage.  Vater hat gestern Abend gesagt, daß er ½ Kubikmeter Mist nehmen würde, Frau Nußbaumer will auch ½. Ich brauche ja den einen für uns. Jetzt schau ich zu, daß ich nochmals einen bekomme. Da hole ich dann die eine Hälfte für Vater einstweilen in unseren Garten, die andere Hälfte holt Frau Nußbaumer. Ein bißchen graut mir ja vor der Arbeit, aber wir werden es schon machen. Es ist ja nur die halbe Arbeit diesmal. 
Gestern Abend habe ich angefangen, Fausthandschuhe für die Kinder zu stricken, damit sie, wenn es recht kalt wird, ein paar richtige haben. Ihre anderen sind ihnen bald zu klein.  Nun will ich für heute schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt, mein lieber, lieber Ernst von Deiner Annie, die große Sehnsucht nach Dir hat.


Brief 88 vom 9.11.1940


Mein lieber Ernst!                                           Konstanz, 9.Nov. 1940  

Ich schreibe Dir heute Morgen nur kurz, da ich nachher Lebensmittelkarten holen und einkaufen fahren muß, möchte ich den Brief gleich mitnehmen.  Heute Nachmittag möchten wir baden, da kann ich dann nicht mehr fortfahren und ohne Nachricht sollst Du auch heute nicht bleiben. 
Gestern Abend wollte ich mich zeitiger schlafen legen. Als ich um ¾ 10 Uhr gerade ins Bett steigen wollte, ging die Sirene an.  Also schnell wieder angezogen und in den Keller. Da haben wir bis um 12 Uhr gesessen.  In der Nähe von uns hat es ziemlich gewummert, besonders im Westen und Osten. Auch Leuchtbomben hat es gegeben.  Die Schweiz verdunkelt doch jetzt doch ab 10 Uhr, nach unserer Zeit 11 Uhr. Das wissen die Engländer natürlich auch und da das helle Schweizer Gebiet doch ein wunderbarer Wegweiser ist, kommen sie nun scheinbar vor der Verdunklung.
Heute hat es wieder Frost gegeben und ich bin froh, daß ich das meiste im Garten schon geschafft habe. Um die Erdbeeren werde ich noch etwas Mist tun.  Der Gummi, den Du mir mitgeschickt hast, ist aber gut. Ich danke Dir dafür.
Soeben traf Dein lieber Brief vom 31.10. ein. Den vom 30.10 und 1.11. habe ich ja gestern erhalten. Ich beantworte ihn heute Abend, wenn ich richtig Ruhe dazu habe. Da freut es mich viel mehr, als wenn es so in Eile geschehen muß.  Nimm heute bitte mit diesem kurzen Brief vorlieb und sei recht oft und herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                              Konstanz, 9.Nov. abends

Es ist ¼ 10 Uhr und Feierabend für mich. Gebadet habe ich auch schon, so daß ich also blitzsauber an Dich schreibe.  Wie ich Dir heute schon schrieb, habe ich Deinen lieben Brief vom 31.10. erhalten, nachdem bereits gestern der vom 1.11. eingetroffen ist. Ich danke Dir recht herzlich.  Der 1.November war hier ein Tag wie alle. Die Geschäfte hatten geöffnet und auch die Kinder sind in die Schule gegangen, nur daß eben viele Leute den Friedhof besuchten.  Du schreibst vom Brennmaterial sammeln und hast sehr recht, wenn Du meinst, man solle diese Zeiten nicht vergessen. Vor allen Dingen für Dich war es ja manchmal eine schwere Schinderei. Gemessen an dieser Zeit stehen wir ja heute gut da. Ich bin auch immer wieder dankbar und froh, wenn ich unser Eigentum überblicke. Es hängen soviel Erinnerungen an den einzelnen Stücken. Wie froh waren wir immer, wenn wir wieder ein Stück dazu kaufen konnten. Jetzt haben wir es ja ganz schön und vor allen Dingen ist alles selbst erarbeitet. Das gibt allen Sachen doppelten Wert. Wir haben ja immer gesehen, daß wir voran gekommen sind.
Wenn Du für Helga Stoff und für Jörg einen Anzug kaufen willst, so bin ich gern einverstanden damit. Es ist nur so, daß ich Dir diesmal nicht viel schicken könnte. Ich habe 30,-Mk übrig und davon möchte ich ein paar Weihnachtsgeschenke kaufen. Es kommt mir aber von mir aus direkt unverschämt vor, wenn ich einfach verlange, daß Du Dein Geld alles für uns ausgeben sollst.  Du fragst auch noch nach besonderen Wünschen von mir. Du lieber Kerl, was soll ich mir noch wünschen, wo Du mich schon so verwöhnst.
Aber von Dir möchte ich gern einen Weihnachtswunsch hören. Zeit zum überlegen hast Du ja gehabt, denn ich habe des Dir schon gesagt, als Du auf Urlaub warst. Da gibt es also gar keine Ausrede, hörst Du? Du mußt Dich sofort hinsetzen und mir Deinen Wunsch schreiben. 
Ich soll Dich auch noch etwas von Frau Leimenstoll fragen. Sie hat aus Frankreich einen Schlafanzug bekommen aus Seide, wahrscheinlich Seidentrikot. Der soll 10,- gekostet haben. Das kann sie nicht glauben. Ich soll Dich nun fragen, ob der Preis stimmen könnte. Der Schlafanzug hat kurze Ärmel. 
Wenn du jetzt in unseren Keller kommen würdest, hättest Du allen Grund zum Staunen. Du weißt doch, wo die Bank steht, neben dem Regal mit Eingemachtem. Davor steht jetzt ein weißer Tisch und drei Stühle. Der Tisch und ein Stuhl ist von L. Ich bringe unsere Stehlampe mit runter, unterm Tisch liegt ein ganz alter Teppich, da ist es soweit ganz gemütlich. Der Platz ist für die Kinder, für mich, für Leimenstolls und Frl. Nußbaumer. Frau N. als Luftschutzwart kann sowieso nicht immer sitzen bleiben und Frau B. und Kinder sollen sich selber was besorgen, wenn sie richtig sitzen wollen. Gestern Abend hat sie sich unten so dumm benommen. Die ganze Zeit hat sie sich so gesetzt, daß sie uns allen den Rücken zugekehrt hat und wenn sie einmal rausgegangen ist, hat sie so rücksichtslos rumgefuhrwerkt. Ich sehe gar nicht ein, daß ich mich da um etwas kümmern soll. Für uns und die anderen, die mitgeholfen haben, ist es ja jetzt ganz annehmbar im Keller geworden. Schöner ist es natürlich, wenn wir nicht oft runter müssen. Heute ist wieder eine ganz klare Nacht. Mal sehen, ob sie uns schlafen lassen.  Vorhin habe ich nach unseren Sternen gesehen. Ich bin jetzt sehr müd´ und geh schlafen.
Gute Nacht, mein lieber Schatz.

Freitag, 6. November 2015

Brief 87 vom 6./7./8.11.1940


Mein lieber Ernst!                                     Konstanz, den 6.Nov. 40 abends

Es ist nun wieder 9 Uhr und ich habe Zeit, an Dich zu schreiben. Post habe ich heute keine erhalten, so daß ich also keinen Brief beantworten kann.  Aber etwas anderes möchte ich mit Dir besprechen. 
Ich habe die Kinder nach ihren Weihnachtswünschen gefragt. Ich möchte doch nach dem 15. an die Besorgung der Geschenke gehen. Ich schreibe Dir nun die Wünsche und bitte Dich, Deine Meinung zu äußern, ob Du etwas dagegen hast, wenn ich diese Sachen kaufe. Vielleicht hast Du auch noch ein paar bessere Vorschläge. 
Also Jörg wünscht sich: Eine Reichsautobahn (sie ist in 8er Form aufgebaut und ein Auto fährt darauf) Ich muß mich aber erst einmal erkundigen, wie teuer sie ist.  Ein oder zwei Motorräder, so groß  wie das Märklin-Auto, sie dürfen aber auch größer sein.  Ein paar Soldaten, einen davon mit Fahne. 
Helga wünscht sich eine Puppe in einem Karton mit Anziehkleidern.  Sie wünscht sie sich schon lange, wir haben aber immer gesagt, es sein nicht nötig. Ein Bettchen dazu. Ich dachte, daß wir ihr vielleicht das Buch von Max und Moritz schenken könnten. Beide bekommen noch die Trainingshosen. 
Nun zu etwas anderem. Ich habe heute mit Herrn Gaßner wegen dem Mist gesprochen. Ich kann welchen bekommen. 1 Kubikmeter 4,-Mk. Ich muß ihn selber aufsetzen, dann wird er geschätzt und dann hole ich ihn mit dem Handwagen nach und nach. Ich habe 1 Kubikmeter bestellt und werde ihn in den nächsten Tagen, evtl. auch erst nächste Woche holen. Erst schiebe ich ein paar faule Tage zum Kräfte sammeln ein, denn kaputt will ich mich nicht machen.
Der Garten ist ja fast fertig, da geht das schon.  Als ich heute die Knöpfe an der Weste festgenäht habe, die Du mir geschickt hast, habe ich festgestellt, daß die Knöpfe aus einem verschwundenen Staat stammen, nämlich aus  „Czecho-Slovakia“. Ich habe gestern Abend die Bluse und die Weste einmal anprobiert. Beides paßt wunderbar. Ich möchte Dir nochmals dafür danken.  Heute haben wir eine klare Nacht und ich habe vorhin längere Zeit unsere Sterne angesehen. Es ist eine große Freude, daß Du sie auch sehen kannst.  Nun gute Nacht, mein lieber Ernst! Ich habe manchmal doch große Sehnsucht danach, Dich hier bei uns zu haben.

 Mein lieber Ernst!                                                     7.Nov. 40

Heute habe ich wieder keine Post von Dir bekommen. Der letzte Brief von Dir, den ich erhalten habe, war vom 29.10. Da dürfte mir die Post bald mal wieder einen Brief bringen, denn wenn ich morgen wirklich den vom 30. erhalte, so war der 10 Tage unterwegs. Das ist eine lange Zeit. Na, ich muß mich einstweilen bis morgen vertrösten.
Heute habe ich also einen Ruhetag eingelegt, wie ich gestern schrieb. Faulenzen tue ich ja nun auch nicht gerade, aber ich mache keine schwere Arbeit.  Ich bin heute wirklich schwer enttäuscht, daß ich gar keine Nachricht von Dir bekommen habe. Ich hatte so fest damit gerechnet. Ich bin direkt ein bißchen unruhig geworden. Du wirst doch nicht etwa krank sein, daß Du nicht hast schreiben können?
Na, es wird mir alles nichts nützen, ich werde bis morgen warten müssen. Wenn nur die Zeit bis morgen recht bald vorbei ginge.  Ich weiß heute gar nichts mehr zu schreiben. Meine Gedanken sind immer nur bei Dir. Hoffentlich treffen Dich diese Zeilen auch gesund an.  Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                          Konstanz, 8.Nov.40

Gestern bin ich nicht zum schreiben gekommen. Ich hatte noch zu schaffen. Heute will ich aber gleich bei Tag schreiben, denn ich glaube, heute Abend werde ich ziemlich müd´ sein. Ich habe nämlich heute Mist geholt. Um 8 Uhr bin ich auf den Gutshof gegangen, habe einen Kubikmeter Mist aufgesetzt und dann habe ich ihn mit dem Handwagen nach dem Garten gefahren. Ich habe ihn nun nicht einfach hingeworfen, sondern gleich richtig aufgesetzt. Die Kinder haben mir beim Ziehen des Wagens geholfen. Es ist aber eigentlich nicht ein Kubikmeter, sondern etwas mehr. Als ich ihn schätzen ließ, wurde mir gesagt, ich solle nur noch ein paar Gabeln voll nehmen, so genau käme es nicht darauf an. Das habe ich mir natürlich nicht zweimal sagen lassen. In ununterbrochener Arbeit von 8 bis ½ 2 Uhr hatte ich den Mist in unserem Garten.  Zwischendurch konnte ich auch nichts essen, denn Du weißt ja, der Schweinemist stinkt furchtbar. Vorhin habe ich mich erst umgezogen und fest gewaschen. Nun ist mir wieder appetitlicher.
Wir haben heute halt erst um 3 Uhr zu Mittag gegessen, aber das macht ja nichts. Heute früh kamen zwei Briefe von Dir vom 30.10. und 1.11. und ein Päckchen. Ich habe es erst vorhin aufmachen können. Da habe ich dann aber gleich nach der Arbeit viel Freude gehabt. In dem Päckchen war Kakao, Schokolade und Gummi.  Ich danke Dir recht sehr für die guten Sachen. 
Nun zu Deinen lieben Briefen. Wenn Du Öl hast kaufen können, so habe ich schon Verwendung dafür. Es schadet nichts, wenn du mir‘s jetzt noch nicht schicken kannst, ich bin auch später noch dankbar dafür.  Das kleine Bildchen ist doch gar nicht so schlecht. Ich lege es mit zu den anderen Bildern. Es ist doch immerhin eine Erinnerung an den Besuch von Paris. 
Helga‘s Zeugnis ist ja nun doch gut ausgefallen. Nur im Lesen hat sie zwei statt eins. Aber das kommt auch daher, daß ja die anderen Kinder im Lesen auch besser geworden sein werden und dass gutes Lesen im zweiten Schuljahr kein Ausnahmefall mehr ist.  Die zwei ist ja die beste Zensur. 
Daß Ihr für Eure Dienststelle noch einen großen Wagen bekommen habt, wußte ich noch nicht.  Es freut mich, daß Ihr doch beim fahren vorsichtig seid, besonders wenn Ihr etwas Alkohol getrunken habt. Es lohnt sich ja auch wirklich nicht, wenn man wegen leichtinnigem fahren vielleicht zum Krüppel wird. 
Als ich heute beim Mist holen war, habe ich doch lachen müssen. Der Mann da drüben hat den Mist so gelobt, wie „saftige“ er sei. Auch bei unserem Garten hatten sich einige Zuschauer eingefunden, die festgestellt haben, wie „fett“ der Mist sei. Das ist mir so putzig vorgekommen, die sachverständigen Mienen, die sie dabei aufsetzen. Glaubst Du, ich freue mich doch sehr, daß ich auch diese Arbeit geschafft habe. Da siehst Du doch, daß ich auch zu etwas nutz bin, nicht wahr? Ich wollte es nur feststellen, wenn Du es noch nicht wissen solltest.  Übrigens muß ich Dir auch bezüglich der Schokolade noch etwas schreiben. Helga ißt jetzt von der „Korona“-Schokolade gern ein Stück, während Jörg davon gar nichts mag, sondern nur auf die Schokolade „Lutetia“ versessen ist, die doch nach unserem Geschmack so gut ist wie die andere. Da kann man also auch sagen, die Geschmäcker sind verschieden.  Nun will ich für heute schließen, mein lieber, lieber Ernst. Hab nochmals vielen Dank für Deine Briefe und Dein Päckchen,. Es grüßt und küßt Dich recht herzlich Deine Annie.

Brief 86 vom 5./6.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                       5.November

Nun ist schon wieder Dienstag. Der Sturm hat heute etwas nachgelassen, da bin ich heute früh mit Jörg gleich in den Garten gegangen. Helga mußte ja in die Schule. Wir haben das Kraut rausgenommen, Jörg hat es rüber geschafft, ebenso die roten Rüben. Ich habe dann das alles umgegraben, wo die Möhren das Kraut und die roten Rüben gestanden haben. Jetzt sind nur noch die Schwarzwurzeln drin. Sonst ist der Garten drüben in Ordnung, d.h. die Setzlinge von den Erdbeeren, die für Vater bestimmt sind, muß ich noch abschneiden. Vater hat mich gebeten, ich möchte sie bis Frühjahr drin stehen lassen, da er seinen Garten noch nicht in Ordnung hat. Ich will sie aber wenigstens von den großen Pflanzen abtrennen.  Nachmittags geht es wieder in den Garten. Da setze ich das Kraut noch ein. Aber davon berichte ich Dir heute Abend. Ebenso beantworte ich Dir Deinen lieben Brief vom 29.10., den ich heute früh erhielt. Ich danke Dir sehr dafür.
So ein Brief ist doch immer eine große Freude.  Heute ist der Brief etwas kürzer geworden, aber das wirst Du sicher entschuldigen. Wenn ich am Abend mit der Arbeit fertig bin, schreibe ich Dir wieder.  Gestern Abend habe ich auch wenig geschrieben, da ich bis um 10 Uhr noch gebügelt hatte.  Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner immer an Dich denkenden Annie.

Mein lieber, guter Ernst!                                    Konstanz, 5.November 40, abends

So, bis jetzt habe ich gebügelt. Nun habe ich´s geschafft. Es ist 9 Uhr und für mich Feierabend. Nun kann ich an Dich schreiben, das macht mir Freude.  Dieser Tag war überhaupt an Freuden reich, wenn ich auch etwas Ärger gehabt habe. Aber was will das bei so viel Freude schon heißen. 
Heute früh kam schon Dein lieber Brief vom 29.10. und heute Nachmittag nun die schon verloren geglaubten 2 ersten Päckchen. Da habe ich mich aber gefreut. Das war dann schon eine Überraschung. So etwas Schönes hatte ich mir unter der Bezeichnung „leichte Weste“ gar nicht vorgestellt und auch die Bluse ist so schön, ebenso die Strümpfe. Das hast du wieder fein eingekauft. Über das Leder habe ich mich auch fest gefreut. Das gibt mindestens vier Paar Sohlen und noch mehrere Absätze. Verschwenden tue ich natürlich nichts, aber es ist so ein beruhigendes Gefühl, wenn man weiß, man kann jederzeit die Schuhe ausbessern.
Ich danke Dir auch für den Kaffee. An die Eltern habe ich noch nichts geschrieben, da die Päckchen so lange nicht ankamen.  Nun möchte ich Dir erst einmal Deinen lieben Brief beantworten. Wie ich aus ihm ersehe, verwöhnst Du uns ja jetzt schön mit Päckchen. Langt Dir denn da auch Dein Geld? Du sollst wegen uns nicht ganz ausgeräubert dastehen.
Du schreibst auch, ich sollte nicht lachen, daß Du exotisches statt äthiopisches Yemen verstanden hast. Erstens ist der Klanglaut sehr ähnlich, so daß man das schon verwechseln kann. Zweitens muß ich ja offen zugeben, daß mir das eine wie das andere Wort wenig über das Aussehen des Mantels sagt, denn in Pelzen weiß ich nun tatsächlich nicht Bescheid. Ich kenne zwar gewöhnliches Fohlen, aber viel weiter geht meine Kenntnis in Pelzmänteln nicht. Ich habe ja auch nie geglaubt, daß ich in meinem Leben je zu einem Pelzmantel kommen könnte. So hoch gingen in dieser Beziehung meine Wünsche nicht. Daß Du mir den Mantel jetzt noch nicht schicken kannst, braucht Dich nicht zu kränken. Ich hätte ihn doch noch nicht anziehen können. Vorher hätte ich unbedingt den Kindern auch neue Mäntel machen müssen, denn es soll doch wenigstens alles zusammen passen. Dazu bin ich nun aber beim besten Willen noch nicht gekommen.
Vor allen Dingen muß erst einmal der Garten fertig werden. Im Übrigen freue ich mich aber auf den Mantel wirklich sehr und ich danke Dir für Deine viele Mühe, die Du damit gehabt hast. Im Übrigen hast Du ja auch Dein ganzes Geld dafür geopfert.
Nun zu dieser Frau Synkovis. Wenn man die Frau sieht, da denkt man, nach der Kleidung zu urteilen, sie lebt in sehr guten Verhältnissen. Sie tut auch so, als wäre sie über alle erhaben. Bei der Unterredung habe ich dann gemerkt, daß alles mehr Tünche ist. Ich habe bei meiner Begegnung mit der Frau festgestellt, daß sie in ihrem ganzen Getue verzweifelte Ähnlichkeit mit Frau Junghans hat. Das hat mich gleich abgestoßen. Die hat auch immer so ein öliges Lächeln auf dem Gesicht.
Im Winterhalbjahr schicke ich Helga auch nicht mehr in die Spielschar. Es freut mich sehr, daß Du noch einige Hemden hast für Dich und Kurt besorgen können.  Da kommt mir gerade auch ein Gedanke. Vater wollte doch gern Kaffee haben. Soll ich ihm da nicht von dem geben, den Du geschickt hast und Du schickst direkt an die Eltern welche, wenn jetzt mehrere Päckchen geschickt werden können? Schreib mir bitte deswegen. Ich tue den Kaffee einstweilen in eine Dose, damit er nicht verriecht.  Schlecht wird er ja nicht.
Ich sehe auch oft nach unseren Sternen und hoffe dabei, daß Du vielleicht gerade dasselbe tust. Heute hat sich am Abend der Himmel zugezogen und es hat mit regnen angefangen.  Nun möchte ich Dir noch einiges von unserem Tagewerk berichten. Von der Vormittagsarbeit habe ich Dir ja schon im vorigen Brief erzählt. Am Nachmittag habe ich noch die Dahlienstöcke raus gemacht. Dann habe ich das Rot- und Weißkraut eingegraben, wie Du es die vergangenen Jahre immer gemacht hast, daß also die Köpfe über dem Boden sind. In den vergangenen Tagen hat der Sturm bei den Brombeeren ziemlich viele Ranken wieder runtergerissen. Ich habe nun manche noch einzeln festgebunden und im übrigen habe ich noch ein paar Mal Bindfaden vom obersten zum untersten Draht gebunden, damit viele Ranken auf einmal festgehalten werden, also so ungefähr. (Zeichnung). Später habe ich noch den Raupenring um den Baum gemacht.
Die Kinder helfen immer fleißig mit und besonders Jörg ist im Garten unermüdlich, wenn man ihm richtig was zu schaffen gibt. Zur Belohnung für ihren Fleiß haben sie von mir nochmals ein paar Bonbons bekommen.  Gegen 5 Uhr bin ich dann in die Stadt gefahren und als ich ½ 6 heim kam, war das Unglück des Tages schon geschehen. Jörg war von der Wippe im „Frieden“ runter geflogen. Erstens ist er dabei noch an den Nägeln hängen geblieben und seine Hose, von dem bräunlichen Anzug, ist an einem Bein total zerfetzt. Das Hosenbein ist zu ¾ direkt abgerissen und ein Teil des abgerissenen ist so zerfetzt, daß man von Stoff überhaupt nicht mehr reden kann, das sind nur noch Fetzten. Zweitens ist er dabei noch in eine richtige Pfütze geflogen, so daß er dazu noch naß und dreckig war. Ich habe ihn am „Frieden“ gleich aufs Rad gesetzt und heim ging´s. Eigentlich war ein Mädel dran schuld, mit der er geschaukelt hat. Sie war schon etwas älter als er. Als Jörg runter wollte, hat sie ihn, als er ganz oben saß, erst nicht runter lassen wollen, plötzlich ist sie runter gesprungen, die Wippe ist nach unten geschlagen und schon war Jörg auch unten gelandet, aber wie. Das Mädel hat dann gleich das Weite gesucht. Ich habe nicht geschimpft, ich konnte einfach nicht. Ich war noch so voll Freude über Deinen Brief und die Päckchen. Im Übrigen war ich ja auch froh, daß Jörg selber nichts passiert ist. Ich hatte ihm ja schon mal verboten, auf der Wippe zu schaukeln, weil sie so sehr hoch geht, aber wenn es alle tun, will er natürlich auch nicht als feig gelten. Ins Gewissen habe ich ihm natürlich noch geredet, mal sehen, ob‘s was hilft. 
Ich mußte gestern zu Herrn Döbele fahren, da bei der Tür des Waschkessels ein Stück abgebrochen ist, durchgebrannt. Zwar nicht bei mir, aber das tut ja nichts zur Sache. Ich hätte ja nicht hinfahren müssen, aber ich habe gerade gesehen, wie er auf sein Büro gehen wollte, da habe ich es ihm gleich gesagt, auch, daß das Rohr schon lange kaputt ist. Er fragte, ob ich mich noch nicht gewundert hätte, daß er nichts mehr gesagt hat, daß unsere Küche gemacht wird. Aber es beständen immer so Schwierigkeiten mit den Handwerkern, weil viele eingezogen sind. Ich antwortet darauf: „Gerade weil wir das eingesehen haben, haben wir auch nicht mehr darauf gedrängt“. Er sagte, daß er zusehen wird, daß die Küche sobald als möglich gemacht wird. Heute früh, als er den Kessel besichtigte, sagte er mir nun, daß er heute noch zu dem Maler Stadelhofer in Wollmatingen fahren wird. Dieser käme dann vorbei und würde mit mir besprechen, wann er die Küche machen kann. Ich bin ja nun gespannt, was daraus wird. Ich war jedenfalls ganz erstaunt, daß Herr Döbele noch an die Küche gedacht hat. 
So, lieber Ernst, nun ist es wieder Zeit, daß ich schlafen gehe. Heute habe ich Dir ja viel zu erzählen gehabt. Aber ehe ich zu Bett gehe, möchte ich Dir noch recht, recht oft danken für die große Freude, die Du mir heute wieder gemacht hast.  Beim nochmaligen Durchlesen Deines Briefes sehe ich gerade, daß ja Dein Kamerad Thomas Grüße an mich bestellt hat. Ich danke ihm dafür. Ob Du die Grüße erwidern willst, überlasse ich ganz Dir. Nun ist aber endgültig Schluß. Schlaf gut, mein lieber Mann, und wach ganz gesund wieder auf und behalte mich lieb. 

Mein lieber Ernst!                                                          6. November
Schon wieder ist ½ Tag vorbei. In der vergangenen Nacht sind wir von ¾ 3 ab  ½ Stunde im Keller gewesen. Die Flieger waren scheinbar über der Schweiz, denn die hatten auch zuerst Alarm.  Gestern hatte ich auch noch einen kleinen Ärger. Er war aber wirklich so klein, daß ich ihn gestern Abend vergessen hatte. Herr Steinmehl hatte mir doch gesagt, daß er wegen des Schweinemists anfragen und die Scheine besorgen wollte. Ich hatte ja nun einmal nachgefragt, wie ich Dir schon schrieb. Gestern bekam nun Herr Steinmehl von der Kaserne Pferdemist. Nicht, daß mich das geärgert hätte, aber ich meine, Herr Steinmehl hätte mir doch vorher Bescheid geben können, daß ich mich selber wegen des Scheins hätte umsehen können. Er sagte gestern dann zu mir, sein Sohn hätte wegen dem Schein noch mal rein fahren wollen, aber vielleicht wäre es besser, ich ginge selber mal zu Herrn Gaßner. So dumm bin ich nun doch nicht, daß ich glaube, sein Sohn würde extra, nur um den Schein für uns zu besorgen, zur NSV fahren. Aber meinst Du nicht, es hätte sich wenigstens gehört, mir Bescheid zu sagen? Jetzt werde ich mich mal selber um die Sache kümmern. Ich schreibe Dir dann wieder darüber.  Diesen Brief will ich nun schließen, denn sonst mußt Du ja zu viel lesen und wirst noch ärgerlich. Das möchte ich so gern vermeiden. Das siehst Du doch ein, Du lieber Kerl. 
Siehst Du, nun habe ich doch noch was vergessen. Es kommen doch neue Winterhilfsbriefmarken heraus. Ich soll dir doch gestempelte und ungestempelte besorgen? Kurt wird sie sich wohl selber besorgen?  Ich habe mir eben noch mal gründlich überlegt, ob ich Dir nun auch alles geschrieben habe, ich glaube, es ist alles. Nun grüße und küsse ich Dich recht herzlich. Denke immer an uns und behalte uns lieb. Deine Annie. 
Die Sache von Herrn Steinmehl habe ich natürlich nicht an Dich geschrieben, daß Du Dich ärgern sollst, sondern nur, damit Du auch über diese Angelegenheit informiert bist. 

Dienstag, 3. November 2015

Brief 85 vom 03./04.11.1940


 Mein liebster Ernst!                                            3.November

Heute, am Sonntag, bleiben wir zuhause, denn es fängt schon wieder an zu regnen. Wir hören uns das Wunschkonzert an. Dabei werde ich ein Seifenbad machen. Von den Brombeeren habe ich nämlich einige Stacheln in den Fingern und davon fangen einige Stellen an zu eitern. Das stört natürlich beim arbeiten sehr. Heute ist nun gerade die beste Gelegenheit, dem abzuhelfen.  Einen Brief habe ich heute nicht erhalten. Ich mache es aber wie Du und vertröste mich auf den nächsten Tag.  Heute Nachmittag lese ich wieder in den Schulungsbriefen. Ich finde sie sehr interessant. Am Abend schreibe ich wieder. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

 Mein lieber Ernst!                                   Konstanz, 3.Nov. 40 abends

Ich schreibe heute schon um ½ 6 Uhr an Dich, da mich unsere Tochter sehr unterstützt und abwäscht und abtrocknet. Erstens wegen meiner Finger, da sie doch ein bißchen eitern, und zweitens, weil ich heute gar nicht recht auf der Höhe bin. Ich habe schrecklich Kopfweh und mir ist so schlecht, dazu habe ich heute Mittag 38,5 Fieber gehabt. Im Übrigen bin ich auch nicht wohl, so daß alles zusammen kommt. Ich denke, daß es ein leichter Grippeanfall ist. Als mir´s am schlechtesten war, habe ich mich an den Benediktiner erinnert, den Du mir dagelassen hast. Ich habe ein Gläschen getrunken. Besser ist es mir zwar noch nicht viel, aber es ist wenigstens nicht schlimmer geworden. Am unangenehmsten ist es, daß ich 5 Minuten friere, dann ist mir wieder ganz heiß. Ich trinke heute Abend nochmals von dem Benediktiner ehe ich zu Bett gehe, selbst auf die Gefahr hin, daß Du sagst, ich wäre ein Säufer. Oder wunderst Du Dich nicht, wie energisch ich mich auf den Alkohol stürze? Ich versuche es aber mal damit, denn eine Krankheit kann ich jetzt nicht gut brauchen.
Aus dem Studium der Schulungsbriefe ist heute auch nicht mehr viel geworden. Ich habe zwar ein paar Seiten gelesen, aber die meiste Zeit habe ich richtig rumgedöst.  Die Kinder haben auch heute den Brief fortgebracht, wieder mit dem Omnibus. Ich konnte beim besten Willen nicht fort und den Kindern hat es wieder mächtige Freude gemacht.  Es ist jetzt ½ 7 Uhr geworden. Die Kinder gehen jetzt ins Bett und ich tue dasselbe. Da bin ich heute am besten aufgehoben.  Bleib Du nur gesund, schlaf gut und wach gesund wieder auf, mein lieber Schatz!

Mein lieber Ernst!                                                    4.Nov.

Wenn mir´s nicht besser geworden wäre, hätte ich ja den Brief nicht fortgeschickt, damit Du Dir keine Sorgen machst. Aber nun, da sich die Lage gebessert hat, kann ich´s ja ruhig tun. Ich habe gestern Abend, ehe ich ins Bett gegangen bin, zwei, -bedenke tatsächlich-, zwei Gläschen von dem Benediktiner getrunken. Ich habe gedacht, mich brennt‘s aus. Ich weiß nicht, ob das was ausmacht, aber heute Nacht habe ich gewaltig schwitzen müssen. Heute früh war nun der quälende Kopfschmerz und auch das Fieber weg. Nur ist mir noch öfter schwindlig und noch nicht ganz wohl zu Mute, aber das gibt sich schon noch.
Vor allen Dingen hat sich die Arbeitslust schon wieder eingestellt, die gestern ganz verschwunden war. Das ist doch ein gutes Zeichen, nicht wahr. 
Wir haben heute richtigen Sturm, Westwind, aber ganz warm. Man weiß nur nicht, ob der Wind nicht doch Kälte im Gefolge hat, denn es ist immerhin schon November. 
Nun ist es Nachmittag und mir ist es bedeutend besser. Ich fahre nachher noch in die Stadt.  Post habe ich heute keine bekommen.  Ich glaube jetzt fast, die ersten zwei Päckchen sind verloren gegangen, denn es sind bereits 14 Tage her, seit Du sie fortgeschickt hast. Es wäre ja schön, wenn sie noch ankämen, aber wie es bis jetzt aussieht, müssen wir fast mit dem Verlust rechnen. 
Ich habe heute noch die Möhren raus gemacht, damit sie nicht evtl. noch erfrieren. Jörg hat mir fest geholfen und jetzt sitzt er unten im Vorraum und schneidet das Kraut von den Möhren ab. Da siehst Du erst, was für große Kindern wir haben. Helga hilft jetzt auch mit, bis jetzt war sie in der Schule. Ich konnte das Abschneiden nicht mehr machen, denn nachdem ich die Möhren raus gemacht hatte, hatte ich genug. Ich bin eben doch nicht ganz auf der Höhe. Aber wenn man solche große Kinder hat, geht es ja, da springen die in die Bresche. Das Kraut, Rotkraut, Weißkraut und Wirsing, habe ich noch drin gelassen, damit warte ich, bis ich wieder ganz gesund bin, sonst schimpfst Du doch. Das ist ja auch nicht so empfindlich wie die Möhren. Die Roten Rüben koche ich und mache sie in einem Steintopf. Da geht dann wenigstens nichts kaputt.  Nun will ich schließen.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                    Konstanz, 4.November 40 abends

Heute Abend bin ich wieder so gut wie gesund. Ich bin wieder guter Dinge.  Ich habe mir die ganze Zeit schon überlegt, wie ich Dir eine kleine Freude machen könnte. Ich habe doch vom Vater Wäschegeld erhalten, das wollte ich so gern für Dich verwenden. Nun habe ich von dem Buch in der Zeitung eine Besprechung gelesen und dachte mir, daß ich Dir damit vielleicht eine kleine Freude machen kann.  Hoffentlich ist es mir wirklich geglückt, das Richtige zu treffen.  Sonst ist eigentlich heute nicht viel zu berichten.
Das einzige was geschehen ist, war wieder ein großer Krach im Haus. Gott sei Dank nicht mit mir, ich war nur stiller Zuhörer und wahrscheinlich auch Zeuge, denn Frau Büsing ist so gemein geworden, daß Frau Nußbaumer die Sache vielleicht nicht auf sich beruhen lassen wird. Was mir Spaß gemacht war das: Beim größten Keifen hat Frau Büsing auf einmal ihr Gebiß verloren und hat‘s erst wieder im Hof auflesen müssen, wo ja auch der Krach stattfand. Für mich war das sehr erheiternd.  Der Sturm hat den ganzen Tag nicht nachgelassen. Wahrscheinlich kommt´s bald zum regnen. Sollte es morgen noch aushalten, hole ich noch die roten Rüben herein und mache den Leimring an. Der Feldhüter macht auch erst jetzt die Leimringe an die Bäume. Da sind wir also noch nicht zu spät dran.  Nun will ich wieder schlafen gehen. Gute Nacht, mein allerliebster Schatz.

Brief 84 vom 02.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                       2.November 

Auch heute schreib ich Dir bei Tag nur einen kurzen Gruß. Es ist heute so unbeständiges Wetter. Ich habe nun die Wäsche aufgehängt und muß immer auf dem Sprunge stehen, die trockene abzunehmen, damit sie nicht wieder naß wird. Nachher muß ich noch einkaufen fahren, da nehme ich den Brief mit.  Soeben erhielt ich Deine lieben Briefe vom 28.10. und den bisher fehlenden vom 23.10. Ich beantworte sie wieder heute Abend. Gefreut habe ich mich über beide sehr. Laß mich nun schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                      Konstanz, 2.November 40 abends

Wie ich Dir schon schrieb, erhielt ich heute Deinen lieben Brief vom 28.10. und den bisher fehlenden vom 23. Ich danke Dir für beide sehr. 
Ihr habt also jetzt ziemlichen Fliegerbetrieb. Ich denke immer an Dich, daß Dir nur nichts passiert. Wir leben hier in vollkommener Ruhe.  Du hast Dir ja große Mühe gegeben, um für mich Gummi zu besorgen. Du kannst mir glauben, daß ich ihn als etwas Wertvolles behandle. Erstens und vor allen Dingen deshalb, weil Du soviel Mühe und Ausgaben gehabt hast, zweitens weil es ein rarer Artikel ist. Schmaler Durchzuggummi hat bei uns ca. 13 Pfennig pro Meter gekostet. 
Wie ich aus Deinem Brief ersehe, gibst Du Dir ja große Mühe und hast viel Rennerei wegen einem Mantel für mich. Kaufe nur nichts zu kostbares, sonst traue ich mich ja gar nicht ihn anzuziehen. 
Für den Leimring zum Baum habe ich mir heute Pergamentpapier geholt. Vielleicht mache ich den Ring gleich am Montag dran. Heute hat es den ganzen Vormittag gegossen, was vom Himmel wollte. Als Helga aus der Schule kam, hat sie sich bis auf‘s Hemd ausziehen müssen, trotzdem sie den Regenmantel mit hatte. Die Schuhe waren direkte Kähne. Alles schwamm. Da die hohen Schuhe von Helga auch Wasser durchlassen, habe ich sie heute Vormittag gleich besohlt mit dem Leder, das Du geschickt hast. Darauf sind noch Zwecken gekommen. Jetzt kann sie wenigstens wechseln. Die anderen Schuhe brauchen sowieso ein paar Tage, bis sie wieder trocken sind. Ich beantrage in den nächsten Tagen hohe Schuhe für Helga, die jetzt besohlten bekommt dann Jörg. Am 15. November werden wir dann die Schuhe holen. 
Du schreibst auch, daß Du versuchen willst, für mich Filzschuhe zu kaufen. Nun habe ich mir ja inzwischen schon selbst welche gekauft.  Hoffentlich erfährst Du es noch rechtzeitig. 
Als heute Mittag sich der Himmel etwas aufhellte, habe ich gleich die Wäsche aufgehängt. Ich mußte aber immer auf dem Sprung stehen, damit nicht alles naß wurde. Es ist auch fast ganz trocken geworden.
Heute Nachmittag habe ich noch die Dahlien abgeschnitten. Die Stöcke lasse ich, wie Du mir gesagt hast, noch einige Tage in der Erde.  Als ich die Wäsche versorgt hatte, bin ich dann in die Stadt gefahren. Ich habe dann auch Quark mitgebracht und heute Abend auf dem großen Blech einen Quarkkuchen gebacken. Außerdem habe ich noch eine Marmeladenrolle, Jörg sagt „einen Mond“, gebacken. 
Die Kinder haben Dir heute Bilder gemalt. Ich fragte sie am Nachmittag, ob sie nicht rausgehen wollten, aber sie sagten, sie wollten lieber für ihr liebes Vaterle was malen. Jörg hat mir heute Abend erklärt, bei seinem Bild sei oben die Nacht mit Sternen, Mond und Regen und unten Tag mit Sonne und einem Korb.  Helga sagte heute Abend: „Mutterle, wir haben doch das allerliebste Vaterle. Glaubst Du, wenn Du das Vaterle nicht gefunden hättest, so einen herzliebsten Schatz hättest Du nicht mehr gekriegt.“
Siehst Du, sogar die Kinder sagen es schon und ich weiß es ja noch viel besser. Ich habe nur lachen müssen, wie wichtig sie das erklärt hat, der kleine Knirps. Helga gibt sich jetzt auch Mühe, mir zu helfen. Abends wäscht sie mir seit zwei Tagen ab. Ich lasse es sie gern tun, denn es schadet ihr nichts, wenn sie auch so etwas kann.  Heute haben die Kinder auch ein wichtiges Problem behandelt: „Wenn doch die Erde rund ist und drum rum ist Luft, und der Himmel ist Luft, da möchte ich bloß wissen, wo die Engel die ganzen Spielsachen hinstellen, die sie für Weihnachten machen.“ Darauf Jörg: „Und wie sie die Spielsachen runter bringen. Vielleicht lassen sie da Bindfaden runter und hängen´s dran.“ Ich höre mir nur noch die Nachrichten an und dann gehe ich schlafen.  Schlaf auch Du gut, mein lieber Mann, und wach gesund wieder auf. 

Brief 83 vom 01.11.1940


Mein lieber Ernst!                                    Konstanz, 1.November 40 abends

 Wie ich Dir heute schon kurz schrieb, sind Deine lieben Briefe von 25. + 26.10. bei mir eingetroffen. Es fehlt  noch Dein Brief vom 23. und Deine zwei ersten Päckchen. Ich danke Dir recht herzlich für Deine lieben Briefe. Ich muß darin aber feststellen, daß Du doch ein arger Spötter bist, wenn auch ein lieber. Mein Studium der Schulungsbriefe so zu verspotten. Schade, daß ich Dich zur Strafe nicht an den Haaren raufen kann. Also, ich glaube, daß es nicht nötig sein wird, daß Du Dich mit Deinem Wissen vor mir verstecken mußt. Es wird wohl manches Wissenswerte mir im Gedächtnis bleiben, aber an Dich reiche ich deshalb doch nicht heran. Es ist doch so, daß gerade Dein Wissen in mir den Wunsch geweckt hat, etwas dazuzulernen. Meine Meinung ist, daß aber Wissen nicht nur Macht ist, sondern daß es vor allen Dingen Freude macht.
So gern ich meine alltäglichen Arbeiten tue, so ist es mir doch auch Bedürfnis, mich in meiner freien Zeit mit etwas zu befassen, was über die kleinen Haushaltnöte hinausgeht. Denn diese sind doch dazu da, daß man mit ihnen fertig wird, aber sie sollen einen doch nicht verschlingen. Aus Deinem Brief ersehe ich ja, daß Du mit dem Lesen der Schulungsbriefe einverstanden bist. 
Für die gesandte Postkarte danke ich Dir auch sehr. Nach dieser zu urteilen, ist diese Wachsbüste wirklich eine feine Arbeit.  Die mit gesandten Schriftstücke hebe ich mir auf. Wenn Du kein Gummiband bekommen kannst, so ist das nicht zu ändern. Verlaufe Dir nur nicht Deine Freizeit deshalb. Es wird auch so gehen. 
Nun möchte ich Dir noch von unserem Tageslauf berichten. Gestern hatten wir doch Frost und heute früh regnete es und war so warm, daß alle Außenwände feucht beschlagen sind. Der Steinboden im Hausgang war den ganzen Tag naß. Lauter kleine Wasserperlen. Als ich beim Bäcker war, klagte die Frau auch, daß ihre ganzen Möbel feucht beschlagen sind und auch dort waren die Wände immer naß. So nasse Wände haben wir überhaupt noch nicht gehabt, seit wir hier wohnen. Aber von gestern auf heute ist es auch ein riesiger Temperaturunterschied. 
Heute früh hatte ich Wäsche und während der Arbeit fällt mir auf einmal aus einem der zwei zuletzt gemachten Zähne die Plombe  raus. Nun wußte ich, daß unter der Plobe noch eine Einlage gemacht worden ist. Da die noch drin war, habe ich alles stehen und liegen lassen und bin zum Zahnarzt gefahren. Herr B. sagte mir, daß es gut war, daß ich gleich gekommen bin, denn wenn ich gewartet hätte, wäre die Einlage auch noch rausgegangen. So war der Schaden in einer viertel Stunde behoben. Da ich nun doch nicht essen konnte und es außerdem schon ½ 12 Uhr war, haben die Kinder ausnahmsweise einmal Brot am Mittag gegessen und am Abend habe ich Mittagessen gekocht. Mir war damit auch geholfen, denn ich konnte gleich weiter waschen. Aufhängen konnte ich nicht, da es am Nachmittag wie mit Kannen goß. 
Gestern haben sich beide Kinder je 5 Pfennig verdient, da sie am Friedhof einem Gärtner Blumentöpfe auf das Auto laden geholfen haben. Nun sind am Friedhof alle Kinder gestanden und haben Leuten Kränze auf die Gräber getragen, wenn sie von ihnen dazu aufgefordert wurden. Da ist natürlich Jörg auch hingegangen und heute Vormittag kam er mit 20 Pfennig wieder. Als Helga von der Schule kam, ist sie nachher auch nochmals mit hingegangen und sie und Jörg kamen dann mit 5 Pfennig heim, die sie dafür bekommen haben, daß sie wieder einen Kranz trugen. Auf das selbstverdiente Geld sind sie ja nun ganz besonders stolz. 
Helga hat Dir ja in meinem heutigen Brief die Zeugnisabschrift mitgeschickt. Sie strahlt ganz, daß ich mich über das Zeugnis gefreut habe. Nun ist sie gespannt, was Du dazu sagen wirst. 
Ich habe heute die 26.-Mk, die noch hier waren, an Dich eingezahlt. In 6  bis 7 Tagen dürftest Du sie ungefähr erhalten, wie der Mann am Schalter sagte.  Für meine zerkratzten Hände kann ich jetzt gut das Kaloderma-Gelee brauchen, das Du mir ja auch geschenkt hast. Überhaupt kommt alles Gute und Schöne für mich von Dir. Wenn es wahr ist, daß ich jetzt gut aussehe, so kommt das bestimmt nur daher, daß ich die glückliche Gewißheit habe, daß Du mich lieb hast. 
Nun gute Nacht, lieber Ernst, schlaf auch Du gut und wach gesund wieder auf