Mittwoch, 12. August 2015

Brief 48 vom 14./15.8.1940


Mein lieber Ernst!                                                                         Konstanz, 14.8.40.

Heute kamen gleich 2 Briefe von Dir an, vom 7. und 8. August und ich habe mit Erleichterung und großer Freude festgestellt, daß Du mir gar nicht mehr böse bist. Ich bin so froh darüber. 
Das einzelne Päckchen von Dir ist ja angekommen, ich habe es Dir schon bestätigt. Das war auch eine große Freude.  Siegfried ist ja nun schon über eine Woche fort, bzw. ist es heute gerade eine Woche. Ich muß nun sagen, daß ich den Abschied überhaupt nicht schlimm empfunden habe. Ich habe mich über seinen Besuch gefreut, aber wir haben tatsächlich so wenig gemeinsames. Wir haben uns über vieles unterhalten und ich habe feststellen müssen, daß ich nach hause zu den Eltern überhaupt nicht mehr passe. Ich weiß nicht, habe ich mich so geändert? Vielleicht kannst Du mit Siegfried einmal selber über alles reden, schreiben möchte ich nichts davon, nur kann ich sagen, ich bin froh, daß ich bei Dir sein kann.
Wenn Deine weiteren Päckchen eintreffen, werde ich sie Dir sofort wieder bestätigen. Die Postkarten besorge ich Dir und schicke sie Dir mit, ebenso erhältst Du in den nächsten Tagen die Rasierklingen. Ich werde auch sehen, daß ich Dir das Gesetz über die Wehrmachtsbeamten besorgen kann.  Über den Kragen, den Du mir mitgeschickt hast, habe ich mich sehr gefreut. Den kann man zu verschiedenen Sachen verwenden. Ich danke Dir recht sehr dafür. 
Warst Du bei dem Schweizer? Was sind es für Leute? Den Artikel in der Zeitung von Dir über die Thurgauer Zeitung habe ich gelesen. Er hat mich sehr interessiert. Aber die Schweizer werden doch nicht gescheit, die sind große Maulhelden und dahinter steckt nichts. Vater hat die Zeitung gestern mitgenommen, er liest sie immer noch genau durch.
Jetzt wirst Du ja öfter unsere angreifenden Flugzeuge sehen, denn in den letzten Tagen haben sie doch ungeheuere Leistungen vollbracht. Jetzt wird es den Engländern  schon ein bißchen anders zu Mut werden. 
Jetzt komme ich nun auf das unumgängliche Gartenthema. Ich habe nun einen Topf Senfgurken gemacht, wenn Du später mal auf Urlaub kommst, kannst Du sicher welche essen. Wenn wieder Gurken groß sind, werde ich einen weiteren Topf Senfgurken fertig machen. Bei den oberen Kartoffeln habe ich die eine Reihe, die gleich hinter dem Kraut stand, rausgemacht. Da kann sich jetzt das Kraut noch entwickeln. Es hat 20 Pfund Kartoffeln gegeben, schöne mehlige. Das macht Freude. Auch drei Pfund Falläpfel habe ich wieder verarbeitet.  Gestern habe ich von der Frau in der Molkerei wieder 3000g Brotmarken bekommen. Die habe ich sehr gut gebrauchen können. 
Jetzt ist wieder meist ganz schönes Wetter, nur ist es früh ziemlich kühl, aber es regnet wenigstens nicht.  An Frau Diez habe ich übrigens auch geschrieben. Ich schicke Dir den Durchschlag mit. Ist es recht, wie ich geschrieben habe?  Seid Ihr nun am Samstag mit dem Auto fortgewesen? Es ist ja richtig, wenn Ihr Euch die wichtigen Kampfstätten anseht, denn später habt Ihr vielleicht doch nie Gelegenheit, so weit nach Frankreich hinein zu kommen. 
Wegen Resi hast Du recht. Sie hat es ja genau so weit zu mir. Außerdem habe ich jetzt anderes zu tun und wenn ich einmal Zeit habe, da gehe ich auch nicht gerade zu ihr, da ruhe ich mich lieber aus. 
Lieber Ernst! Ich danke Dir immer wieder, daß Du mir so regelmäßig schreibst. Das ist mir immer eine große Freude und Erholung.  Nun will ich schließen.  Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.  Ich habe Dir gerade noch einige Postkarten besorgt. Ich weiß ja nicht, ob es das Richtige ist, aber vielleicht gefallen Dir doch ein paar davon.  Nochmals viele Grüße und Küsse von Deiner Annie.


 Lieber Ernst!                                                                       Konstanz,15.8.40

Heute kam Dein lieber Brief vom 9.Aug. Du siehst, ich werde jetzt ziemlich regelmäßig von der Post mit Deinen Briefen versorgt. Ich will es aber nicht beschreien, sonst überlegt sie sich‘s gleich anders. Ich danke Dir wieder vielmals für Deinen lieben Brief. Leider habe ich lesen müssen, daß Du wieder zwei Tage umsonst auf einen Brief von mit gewartet hast. Ich kann aber wirklich nichts dafür. 
Da hast Du also auch ein Bild von Kurt erhalten. Nicht wahr, da guckt er das erste Mal nicht so miesepetrig in die Welt. Heute erhielt ich auch  von Siegfried einen Brief mit den Photografien, die er hier gemacht hat. Er hatte mir versprochen, Dir auch welche zu schicken. Schreib mir bitte, ob Du welche erhalten hast.  Heute bekam ich auch wieder einen Gehaltszettel, nachdem ich vorigen Monat keinen erhalten hatte. Ich schreibe Dir einmal auf, wie das Gehalt und die Abzüge diesmal sind und wie sie erst waren.
Jetzt, erst Gehalt, 240,11; 234,45 Kriegszuschlag zur Eink. Steuer 3,90; 3,51 Eink.Steuer 7,80; 7,o2 Bürgerst. 2; 2, Miete 37,70; 37,70 Angestelltenvers. 6, 6; 177,25; 172,76.
Ich habe Helga zum Geburtstag zwei Bücher gekauft, da sie sich so sehr Bücher gewünscht hat. Sie wollte gern noch einen großen Ball, aber jetzt gibt es ja keine Gummibälle, da muß sie sich etwas anderes dafür wünschen.  Da hast Du ja wieder eine schöne Aufgabe bekommen, die Autos zu kontrollieren. Das glaube ich, daß Du Dir dabei keine Freunde erwirbst. Aber weißt Du, ich finde, den Franzosen geht es doch unter unserer Herrschaft noch ziemlich gut. Die sollten einmal so behandelt werden, wie sie uns nach dem Weltkrieg behandelt haben. Das sieht man auch hier bei den Gefangenen. Denen geht es doch so gut, dabei sind sie meist so faul, wenn sie mitschaffen müssen.
Heute habe ich einmal einen Ruhetag eingelegt. Wir gehen heute Nachmittag in die Stadt und kaufen verschiedenes ein. Morgen werde ich wahrscheinlich Pflaumen und auch Brombeeren sterilisieren. Es ist heute auch wieder schön sonnig, nur sind eben die Nächte und die Morgenstunden so kalt.  Ich habe mir bei meinen Holzschuhen Gummistücke drunter genagelt. Das machen die Schuster jetzt auch, denn sonst läuft sich das Holz so schnell ab. Ich laufe gerne in den Schuhen, sie sind so bequem und luftig und sehen so freundlich aus. 
Mein lieber Ernst! Ich denke immer an Dich. Auch abends gehen meine letzten Gedanken zu Dir und früh, wenn ich aufwache, habe ich auch gleich Dein Bild vor mir. Du bist doch mein lieber, lieber Mann. Ich schließe nun für heute. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie und denke immer an mich.
Sei ganz ganz vielmals gegrüßt und geküßt von Deiner Helga. Weißt Du, Du bist doch der liebste von der Welt.         Jörg. 15.8.40

Brief 47 vom 12./13.8.1940


Lieber Ernst!                                                                            12.Aug,40.

Heute früh erhielt ich Deinen lieben Brief vom 6.8. und die Zeitung. Es tut mir sehr leid, daß ich Dich mit meinem Schreiben vom 31.7. so verärgert habe, daß Du mir den Standpunkt so klar machen mußtest. Ich glaube zwar, daß Du das, was ich geschrieben habe, falsch aufgefaßt hast, denn Du mußt nicht glauben, daß ich mich über die Päckchen nicht gefreut habe. Im Gegenteil, meine Freude ist darüber immer sehr groß. Mein Fehler ist nur, daß ich immer gleich so Sorge um Dich habe und dadurch war meine Freude etwas gedämpft. Vielleicht habe ich mich nun wieder falsch ausgedrückt, aber ich weiß nicht, wie ich es sonst schreiben soll. Ich werde nun versuchen, mir meine übergroße Sorge um Dich etwas abzugewöhnen. Den Kopf hast Du mir wirklich gründlich gewaschen und ich fühle mich ziemlich zusammengestaucht. Ich werde mir Mühe geben, daß ich Dir in Zukunft nicht mehr mit Klagen das Leben schwer mache.  Ich schicke Dir heute wieder einige Zeitungen zu.  Laß mich nun für heute schließen und sei bitte nicht mehr über mich verärgert. Es war wirklich nicht meine Absicht, Dich zu ärgern und Du kannst mir wirklich glauben, daß ich mich über Deine Päckchen immer sehr freue. Beweisen kann ich es Dir ja jetzt nicht, Du mußt es mir eben so glauben.  Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

 Mein lieber, lieber Ernst!                                                         Konstanz, 13.8.40. 

Heute traf Dein lieber Brief vom 5.8. ein. Dieser Brief ist so lieb geschrieben. Ich kann nun erst richtig ermessen, wie Du Dich über meinen Brief vom 31.7. geärgert haben mußt, daß Du mir am nächsten Tag so den Kopf gewaschen hast. Du hast mir in Deinem Brief vom 5.8. so viel Lob ausgesprochen. Hättest Du das am nächsten Tag nicht gern rückgängig gemacht, nachdem ich Dich so geärgert habe? Ich schicke Dir heute noch einen Brief mit, der mein Verhalten vielleicht etwas erklärt. Als ich den Brief vom 5.8. vorhin gelesen habe, war ich schon ganz glücklich, daß Du mir nicht mehr böse bist, bis ich dann gesehen habe, daß der andere Brief ja vom 6.8.  ist, also von einem Tag später. Ich hoffe aber, daß Du mir, bis Du diesen Brief erhältst, nicht mehr böse bist, denn das macht mich ganz unglücklich. 
Nun will ich Deinen Brief noch beantworten.  Die Kakteen haben mich nicht so zerstochen. Ich sehe immer viel zerkratzter aus, wenn ich mit den Brombeeren zu tun habe. Ich bin froh, daß Du Dich über meine Arbeit an den Kakteen gefreut hast. In der Wohnung haben wir noch nicht viele Schnaken. Nur, wenn ich Äpfel suche, kommen sie aus den Kartoffelstauden scharweise herausgestürzt. 
Es hat mich gefreut, daß Du mir schreibst, daß Dich die Bilder in der Wochenschau so weich gestimmt haben. Sehe ich doch auch hieraus wieder, daß Du an uns hängst.  Es ist schön von Dir, daß Du die Pralinen so ohne Widerrede gegessen hast. Du sollst doch auch Deinen Anteil haben, denn wenn Du auch nicht hier bist, so gehörst Du doch noch genau so zu uns. 
Im Garten habe ich gestern auch wieder geschafft. Unkraut habe ich von den Erdbeeren entfernt und einen Teil der Ausläufer abgeschnitten. Dann habe ich das Erbsenreisig neben den Gurken entfernt. Da haben jetzt die Gurken mehr Platz. Raupen habe ich auch wieder ein paar abgelesen. Das Kraut macht sich fein heraus. 7 Pfund Rhabarber habe ich nochmals geerntet, den mache ich in Flaschen ein. Auch 15 große Gurken habe ich rübergeholt, da mache ich Senfgurken. Gestern hat es auch wieder 3 Pfund Falläpfel und 3 ½ Pfund Tomaten gehabt. Bei Tag essen die Kinder jetzt öfter Tomaten ohne Brot. Bohnen will ich auch noch einmachen. Ich würde mich ganz gern einmal ausruhen, aber ich habe es vorige Woche gesehen, als Siegfried da war. Wenn man ein paar Tage alles liegen läßt, muß man hinterher doppelt so viel schaffen. Die Gurken werden gelb und die Bohnen hart, wenn man sie nicht rechtzeitig erntet und verwertet. Im Winter ist man wieder um alles froh.
Das Strickzeug habe ich, solange jetzt Hochdruck ist, weggelegt. Mit Mutwillen will ich mich nicht kaputt machen. Am Sonntag hätte ich mich ausruhen sollen, da hat aber das baden so gelockt. 
Inzwischen wirst Du ja den Brief von Helga erhalten haben. Ich habe ihr ja nicht mit geholfen. Als ich den Brief durchgelesen habe, habe ich mich freuen müssen. Er ist doch lieb geschrieben. Die Ferien bekommen Helga gut. Sie fürchtet sich vor der Schule wegen ihrer Handarbeitslehrerin. Die ist scheinbar ziemlich grob. Helga und Jörg sind den ganzen Tag im Freien, nur zum essen sehe ich sie obern. Das ist ja auch richtig so, in der Stube können sie den ganzen Winter sitzen. 
Wolle gibt es ja hier auch noch. Ob es reine Wolle ist, kann ich ja nicht sagen. Wenn Du aber welche kaufen kannst, bin ich natürlich nicht böse. Vielleicht ein schönes blau, nicht zu dunkel. Ich würde sie evtl.  zu einer Strickjacke oder Pullover verwenden. 
Gestern erhielt ich von Erna einen Brief. Ich hatte bei einem Brief, den Siegfried geschrieben hat, etwas mit drunter geschrieben, darauf antwortet sie mir. Ich schicke Dir den Brief später mit.  Ich muß Dir leider mitteilen, daß meine Ersparnisse an Wirtschaftsgeld durch den Garten nicht sehr groß sind. Nicht, daß ich an und für sich keine Ersparnisse dadurch hätte, aber ich gebe das Geld für andere Sachen wieder aus und zwar für Obst. Ich trinke ja nun keinen Wein, dafür bin ich aber ganz wild auf Obst, jetzt vor allen Dingen Pflaumen.  Wahrscheinlich werde ich auch noch ein paar sterilisieren. Du siehst also, von Einsparen ist da bei mir keine Rede. Nun lieber Ernst, will ich schließen.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt und denke in Liebe und ohne Ärger an Deine Annie.

Sonntag, 9. August 2015

Brief 46 vom 9./10./11.8.1940


Mein lieber Ernst!                                                                      Konstanz, 9.8.40

Vorhin kam Dein lieber Brief vom 2.8. Ich habe mich wieder sehr darüber gefreut. Ich habe mit Freude daraus gelesen, daß Du glaubst, daß es Dir später schon wieder bei uns gefallen wird. Ich bin so froh darüber.
Weiß Du, lieber Ernst, ich habe eben manchmal großes Heimweh nach Dir. 
Heute muß ich noch ins Zollamt. Da kommt der Koffer von Kurt zurück. Ich weiß gar nicht, warum das diesmal über die Zollstelle geht. 
Gestern Abend habe ich noch im Garten  über 10 Pfund Bohnen abgemacht. Die will ich heute noch sterilisieren. Darum wird auch der Brief ein bißchen kürzer, denn der Tag  geht bei dieser Arbeit  so schnell herum. Ich habe auch an der Längsseite die Erdbeeren herausgenommen und den Boden soweit es ging, umgegraben. Morgen werde ich wahrscheinlich nochmals 10 Gläser sterilisieren, denn sonst werden die Bohnen zu groß und sind nicht mehr so zart. 
Ich schicke heute wieder ein paar Zeitungen mit. Morgen folgen weitere.  Das wollte ich auch noch fragen. Wenn ich die neuen Erdbeeren setze, muß ich da vorher irgendwelchen Dünger in den Boden tun? 
Lieber Ernst! Es ist zwar heute nur ein kurzer Gruß, den Du bekommst, aber ganz ohne einen solchen sollst Du doch nicht bleiben.  Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


 Mein lieber Ernst!                                                                    Konstanz. 10.Aug. 1940

 Schon wieder ist eine Woche vorbei. Siegfried ist nun auch schon wieder ½ Woche fort. 
Heute habe ich einen Pflaumenkuchen gebacken. Den ißt  Du doch auch gern, nicht wahr? Schade, daß ich Dir davon nichts hinschicken kann.  Nachdem heute früh ganz schönes Wetter war, gießt es jetzt, was vom Himmel runter will. Ich muß aber trotzdem noch in die Stadt zum Einkaufen. Vormittags habe ich wieder fünf Gläser Bohnen sterilisiert und außerdem habe ich gebacken. Da kannst Du Dir denken, was für eine Hitze in der Küche war. Es ist gut, daß morgen Sonntag ist. Ich hatte die letzten Tage ziemlich zu tun, außerdem bin ich, als Siegfried da war, immer so spät ins Bett gekommen, denn wir waren am Sonntag und Dienstag im Kino und am Montag war Vater bis 1 Uhr da. Da muß ich mich erst wieder mal ein bißchen ausruhen. 
Wir haben bis jetzt 28 Pfund Falläpfel aufgelesen und zu Apfelmus verarbeitet. Das essen wir jeden Tag zum Frühstück auf‘s Brot. Da können wir schon Marmelade sparen, denn soviel haben wir dieses Jahr doch nicht. Von den Stangenbohnen habe ich bis jetzt 27 ½ Pfund abgemacht. Die zwei unteren Reihen Bohnen, auf die ich besonders achten soll, sind schöne fadenlose Bohnen. Sie tragen auch gut.  Gestern habe ich den einen Ast vom Apfelbaum, der über die Brombeeren hängt, abgestützt, denn er drückt direkt die Brombeeren zusammen. Er ist so schwer, daß er ganz runter hängt. 
Ein Brief ist heute von Dir nicht gekommen. Ich glaube, der Briefträger ist auch heute Nachmittag schon vorbei.  Der gesammelte Lindenblütentee hat 3 ½ Dosen voll ergeben. Da haben wir doch wieder ein bißchen was.  Über meine Holzschuhe freue ich mich immer noch, denn sie sehen schön aus und passen zu den hellen Kleidern gut.  Ich freue mich schon sehr, wenn Du einmal Urlaub erhältst. Wenn ich Dich schon überhaupt sehen kann, Dein liebes Gesicht und Dein liebes Lächeln. 
Lieber, lieber Ernst! Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner, immer an dich denkenden, Annie.

 Mein lieber Ernst!                                                                    Konstanz, 11.August 40. 

Was sagst Du dazu? Heute habe ich nicht einmal einen Brief an Dich abgeschickt, trotzdem es eigentlich besonders nötig war. Ich bin nämlich heute sehr verwöhnt worden, ich habe Deinen lieben Brief vom 4.August erhalten und außerdem Dein Päckchen bekommen.
Du wirst mir aber sicher nicht böse sein, wenn ich Dir schreibe, daß ich deshalb nicht zu einem Brief für Dich gekommen bin, weil wir baden waren. Ich komme sonst immer nicht dazu und heute war mal ein bißchen schönes Wetter. Ich bin wieder ein schönes Stück geschwommen, wenn auch nicht so weit wie mit Dir. Es hat mir gut gefallen. Warm ist das Wasser aber nicht besonders. 
Nun habe ich also heute Dein Päckchen erhalten. Das war eine Überraschung. So schön hatte ich mir das Nachthemd nicht vorgestellt. Die Form ist sehr schön und auch der Tricot ist sehr fest. Ich habe es gleich mal probiert und ich muß feststellen, daß es wie angegossen paßt. Auch das Hemdchen und die Strümpfe sind sehr schön. Das mit den Socken für die Kinder hast Du fein gemacht. Sie hatten nämlich gar keine mehr. Sie haben eine große Freude darüber gehabt und haben sie gleich heute angezogen. Sie passen richtig. Kleiner dürften sie nicht sein, es ist gerade die richtige Größe.  Wir danken Dir alle Drei für Deine schönen Geschenke und für Deine Liebe, mit der Du alles besorgt hast. Du hast uns eine große Freude gemacht. 
Nun möchte ich Deinen lieben Brief vom 4.8. beantworten. Inzwischen weißt Du ja, daß Siegfried am Geburtstag von Jörg da war. Ich glaube Dir gern, daß Du an diesem Tag besonders an uns gedacht hast. Wir waren an den Geburtstagen ja sonst immer zusammen. Dieses Jahr ist es zum ersten Mal anders. Vielleicht können wir nächstes Jahr an den Geburtstagen zusammen sein. Meinen Geburtstag feiere ich dieses Jahr mit Helga zusammen, denn wenn Du nicht da bist, habe ich doch nicht viel davon, es machte mich höchstens wehmütig. Und das wollen wir doch nicht.
Lieber Ernst! Wenn ich weiß, Du behältst uns die ganze Zeit, wenn es auch noch so lange dauert, lieb und vergißt auch mich nicht, so will ich gern die lange Trennung freudig ertragen, ich habe dann doch die Hoffnung, daß wir wieder, wie früher, schön miteinander leben können. Ich habe Dich ja so lieb und wie lieb Dich die Kinder haben, wirst Du ja aus Helgas Brief und dem Päckchen von Jörg ersehen haben. Wenn Du auch nicht da bist, so hat er Dich doch auch am Geburtstag nicht vergessen. 
Wenn du nichts dagegen hast, werde ich von dem Bohnenkaffee, den Du schicken willst, Vater etwas abgeben. Der freut sich sicher auch darüber. 
Die Äpfel auf dem Baum sind schon schön groß und es hängen viel drauf. Es wird wahrscheinlich eine schöne Ernte geben. Wenn sie nicht madig sind, werde ich sie einlagern. Ich habe heute wieder drei Pfund Falläpfel aufgelesen. Zwei Pfund Brombeeren koche ich morgen auch wieder zu Marmelade ein.  Mit dem Beutewein war das so gemeint.  Ich habe Dir, leider erst nachträglich, ein Bild mitgeschickt, darauf war ein Zug mit Wein abgebildet, den wir erbeutet haben. Nun hatte ich gefragt, ob das Euer Beutewein ist, den Ihr bekommt. 
Mit dem Wetter ist das dieses Jahr so eine Sache. Wir haben auch nicht so viele regenfreie Tage. Die letzten Tage ging es ja, da war es ziemlich sonnig.

Donnerstag, 6. August 2015

Brief 45 vom 7./8.8.1940


Mein lieber, lieber Ernst!                                                     Konstanz, 7.Aug.40              

Heute ist nun Siegfried wieder fortgefahren. Wir haben ihn an die Bahn gebracht. Ich habe mich gefreut, daß Siegfried uns mal besucht hat. Aber, man sollte nicht glauben, daß wir Geschwister sind. Unsere Lebensanschauungen sind so verschieden. Siegfried ist in vielen Beziehungen wie Papa, auch in Bezug auf Mädchen.  Jetzt ist er ja, wie er sagte, Erna treu. Er ist schon oft mit ihr zusammen gekommen.  Ich könnte das niemals erzählen. Wir haben uns auch von zu hause erzählt, ich muß sagen, lieber Ernst, ich würde mich zu hause tief unglücklich fühlen. Ich kann Dir nicht alles so schreiben, sondern ich würde mich so gern einmal mit Dir aussprechen.
Lieber Ernst, ich bin ja so glücklich, daß ich Deine Frau sein kann und daß ich die ganzen Jahre bei Dir sein durfte. Dadurch habe ich so glückliche Jahre erlebt. Wenn Siegfried Dich ja einmal besuchen kann, wird er Dir sicher auch manches erzählen. Er hat uns und ich habe ihn ein paar Mal photografiert. Wenn die Bilder etwas geworden sind, schickt er Dir auch welche zu. Er will auch für Helga und Jörg von dort Schuhe besorgen, da er sie in dem Zug ohne Mühe mitbringen kann. Ist es Dir recht?
Lieber Ernst, nachdem ich gestern Deine lieben Briefe vom 30. und 31.7. erhielt, kam heute Dein Brief vom 29.7. Ich will sie Dir nun der Reihe nach beantworten.  Ich freue mich immer so auf Deine Schilderungen von dort. So kann ich doch ein wenig an Deinem Leben teilnehmen. 
Als ich nach dem Wehrmachtsbericht den Ort Roubaix anstrich, ist mir der Gedanke auch nicht gekommen, Du könntest dorthin einmal mit der Straßenbahn fahren.  Ich glaube, Du bist dort in der kurzen Zeit schon öfter ins Theater gekommen, als die ganzen Jahre vorher. Da Du ja gerne ins Theater gehst, freue ich mich mit Dir, daß Du dort Gelegenheit dazu hast.  Aus Deinem Brief vom 30.7. habe ich nun ersehen, daß Du wieder Post von mir erhalten hast. Wie ich Dir schon gestern schrieb, kannst Du Dich darauf verlassen, daß ich immer schreibe. Wie ich Dir schon bei Deinem Hiersein sagte, ist es für mich immer eine Freude, wenn ich mich, wenn auch nur brieflich, mit Dir unterhalten kann. 
Du schreibst auch, daß Du Dir verschiedenes hast machen lassen. Siegfried sagte schon, wenn Du so etwas hast, würde er Dir, wenn er einmal hinkäme, gern verschiedenes mit heim nehmen und mir zuschicken. Ihm ist das gut möglich.  Die Sachen, die Du mir geschickt hast, habe ich alle schon anprobiert und sie passen alle. Ich ziehe gern noch solch nette Sachen an, denn dazu bin ich noch nicht zu alt. Nun habe ich noch einen Wunsch. Hoffentlich findest Du ihn nicht unverschämt, nachdem Du mir schon so viel geschenkt hast. Könntest Du mir zum Geburtstag vielleicht eine Bluse kaufen. Ich habe jetzt 2 Röcke, aber nur eine richtige Bluse. Ich habe Oberweite 96 cm und Konfektionsgröße 44. Ich weiß ja nicht, ob dieselben Nummern dort auch gelten. Aber gell, lieber Ernst, nur wenn es Dir keine Mühe macht und wenn Du‘s selber gern willst. 
Mit den Erdbeeren werde ich es so mache wie Du geschrieben hast. Im Kalender steht nichts, wann man sie versetzen muß. Morgen werde ich wahrscheinlich wieder Bohnen zum sterilisieren abnehmen. Ich muß auch wieder im Garten schaffen, denn die letzten Tage ist alles liegen geblieben. 
Die Abschrift von dem Brief an Siegfried kam gestern mit an. Da hat er sie gleich lesen können. 
Heute früh kamen Zeitungen von den Eltern und 3,-Mk für Jörg. Ich lese die Illustrierten Beobachter und die wichtigsten Zeitungen bald und schicke sie Dir dann gleich zu.  Siegfried hatte es diesmal mit seinem Urlaub gut getroffen, da konnte er Tomaten essen, die er doch so gern mag.
Mein lieber, lieber Mann! Ich muß Dir wieder einmal schreiben, wie lieb ich Dich habe. Immer wieder schaue ich nach Deinem lieben Bild. Da sehen mich Deine Augen an, Dein liebes Gesicht kann ich gar nicht oft genug sehen. Was soll ich Dir schreiben? Ich weiß nur, daß ich, nachdem ich Deine Frau bin, glücklich bin und mich auf unser Wiedersehen unendlich freue. 
Es ist jetzt 8 Uhr abends. Ich bin nicht eher zum schreiben gekommen. Jetzt fahre ich aber noch in die Stadt. Vielleicht kommt der Brief noch mit fort. Am liebsten käme ich gleich selber hin zu dir. 
Sei nun für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                                                      Konstanz, 8.8.40

Ich glaube, die Post ist ganz verdreht. Nachdem ich Dir gestern auf Deine Briefe vom 29., 30. und 31. geantwortet habe, kommt heute Dein Brief vom 27.7.  Inzwischen hast Du ja schon geschrieben, daß Du Briefe bekommen hast. Ich schicke Dir morgen wieder Zeitungen zu. Heute geht gleichzeitig ein Brief von Helga und ein Päckchen von Jörg an Dich ab. Helga hat sich große Mühe gegeben. Sie hat alles allein geschrieben und sich auch alles allein ausgedacht. Jörg hat sich die Sachen, die er Dir schickt, von seinen Geschenken aufgehoben, weil Du auch was davon haben sollst. Was er geschrieben hat, habe ich ihm vorschreiben müssen und er hat‘s allein nachgeschrieben.
Als Siegfried da war, hat er in Helgas Bett geschlafen und Helga mit in meinem Bett. In Deinem Bett darf nämlich gar niemand schlafen, nur Du, wenn Du wieder kommst.
Ich wollte heute eigentlich im Garten schaffen, aber ich habe erst mal wieder in der Wohnung Ordnung schaffen müssen, denn es ist in den letzten Tagen doch manches liegen geblieben.  In der Stadt ist wieder viel Betrieb von Soldaten. Da ist schon wieder manche Freundschaft geschlossen worden. Es sind aber keine Konstanzer Soldaten, denn sie haben sich, als sie einzogen, nicht ausgekannt und haben gefragt, ob sie nun in die Stadt kommen, bzw. ob das nun Konstanz ist. 
Gestern habe ich das erste Pfund Brombeeren abgenommen. Das gibt Marmelade. 
Mit dem Bezug von Kohlen wird das jetzt so geregelt, daß man das Quantum bekommt, das man im Winter 38/39 bezogen hat. Das waren bei uns 15 Ztr. Also habe ich schon das ganze Quantum und bekomme keine mehr.  Siegfried sagte bei seinem Hiersein schon, daß sie mit dem Lazarettzug wahrscheinlich das nächste Mal bis zur Küste kommen. Vielleicht kommt er doch einmal bei Dir vorbei.  Nun, lieber Ernst, schließe ich für heute. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 44 vom 5./6.8.1940


Mein lieber Ernst!                                                                         Konstanz, 5.8.40 

Heute kommen nun unsere Soldaten nach hause. Unsere Kinder sind schon ganz außerm Häuschen. Wir haben sie gerade noch ein bißchen rausgeschickt, sonst kann ich gar nicht schreiben. Ihre Begeisterung klingt aber bis hier herein. Die Soldaten kommen aber erst in ca. 2 Stunden. Die Fenster sind überall schön geschmückt.  Ein Brief ist heute früh wieder nicht von Dir gekommen. Ich weiß nun nicht, ob der Briefträger heute Nachmittag kommt, weil auch alle Geschäfte geschlossen sind. 
½ 7 Uhr. Nun haben wir den Einmarsch erlebt. Die Menschen sind nur so nach Wollmatingen zu geströmt, mit Körben voll Blumen. Es sind viele Wagen mit Pferden gekommen, alles Beutewagen. Wir haben unsere Fenster auch geschmückt.  Vater ist heute schon heraufgekommen, damit er sich mit Siegfried unterhalten kann.  Wenn morgen schönes Wetter ist, wollen wir nach der Mainau und hinterher zum baden.  Abends will Siegfried mit mir nochmals ins Kino. Das Programm lege ich Dir bei.  Soeben ist der Besuch der Mainau wegen Zeitmangel aufgegeben worden. Wir wollen also nur zum baden gehen.  Gestern waren wir in dem Film „Fahrt ins Leben.“ Er war wirklich sehr schön. Hinterher hat mich Siegfried noch ins Cafe eingeladne, da haben wir noch je zwei Stück Torte gegessen. 
Lieber Ernst! Ich habe heute wieder keinen Brief von Dir bekommen. Ich warte sehr darauf. Vielleicht kommt doch morgen wieder ein lieber Gruß von Dir. Ich hätte sehr den Wunsch, daß Du auch hier wärst. 
Lieber Ernst! Ich schließe für heute. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 
Lieber Ernst! Nun habe ich schon zwei Tage hier zugebracht und es geht nun bald wieder fort. Ich habe mir nun gestern erlaubt, die gnädige Frau ins Kino und ins Kaffee einzuladen und hoffe, daß Du mir deshalb nicht böse bist. Wir werden nun den morgigen Tag noch recht ausnutzen und vielleicht nochmals morgen ins Kino gehen wo ein Artistenfilm gegeben wird, denn übermorgen geht es ja schon wieder weg. Ich hoffe Dich gesund und wünsche Dir baldige Beförderung zum K.V. Inspektor. In der Hoffnung, daß Du bald wieder mal nach Haus kommst grüße ich Dich Dein Schwager Siegfried. 
Lieber Ernst! Da ich hier bin, will ich Dir auch einige Zeilen dazu schreiben. Heute haben wir um 3 Uhr Schluß gemacht mit arbeiten, da aus Frankreich viele Soldaten zurückgekommen sind. Sonst ist alles beim alten. Gesund sind wir alle, was wir von Dir auch hoffen. Herzliche Grüße sendet Dein Vater.


 Mein lieber Ernst!                                                                     Konstanz, 6.8.40

 Gestern schrieb ich Dir, daß wir baden gehen und der Besuch der Mainau wegen Zeitmangel aufgegeben wird. Nun ist es doch anders gekommen. Heute Nacht kam ein Gewitter und als wir heute früh aufwachten, regnete es noch. Es hört dann wohl auf, aber trüb blieb es doch. Da haben wir aufs baden verzichtet und sind nach der Mainau gegangen. Erst haben wir noch auf den Briefträger gewartet, denn nachdem ich drei Tage keinen Brief von Dir bekommen hatte, hoffte ich, daß heute einer kommt.  Ich wurde auch nicht enttäuscht, denn ich erhielt Deinen lieben Brief vom 30. und 31. Juli, beide am 1.August abgestempelt. Ich beantworte sie Dir ausführlich wahrscheinlich übermorgen.
Heute will ich Dir erst einmal den Tagesverlauf schildern. 1/2 11 Uhr sind wir fort. Wir sind über St. Kathrinen nach der Mainau gelaufen. Da es für jeden 15 Pfennig kostete, sind wir auch hinein gegangen und haben uns die Rosen angesehen. Wir sind noch durch den Park gelaufen, bis 13.10 Uhr das Schiff kam. Da sind wir nach Meersburg gefahren und haben uns nochmals alles angesehen. Später sind wir mit der Fähre nach Staad und von da mit dem Omnibus nach der Marktstätte gefahren. Wir haben die Kinokarten geholt, Siegfried hat sich seinen Zug rausgesucht; er fährt 16.57 Uhr, also mit demselben Zug wie Du. Dann sind wir heim gegangen, haben nun gegessen und gehen ca. ½ 8 Uhr ins Kino. Vater will ½ 8 Uhr da sein. 
Gestern Abend haben wir, Vater, Siegfried und ich, zusammen gesessen und uns unterhalten. Dabei haben wir eine Flasche Rotwein, französischen, getrunken. Jörg hat doch von Vater und Siegfried je 2 Mk.  zum Geburtstag bekommen. Da werde ich ihm für den Winter einen Trainingsanzug kaufen. Ist es Dir recht?
Lieber Ernst! Ich schreibe Dir jeden Tag. Wenn Du die Briefe nicht richtig erhältst, so liegt es nicht an mir und Du darfst mir nicht böse sein. Du siehst ja, ich bekomme jetzt manchmal auch drei Tage lang keine Post, trotzdem Du immer schreibst.  Ich schließe nun für heute, sonst wird es zu spät. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 
Lieber Ernst! Heute kamen Deine Briefe an und ich bekam Deinen Brief an mich zu Gesicht, ehe ich ihn durch die Post erhalte. Ich werde ihn vom Zug aus beantworten. Jetzt wollen wir noch ins Kino gehen, denn morgen ist der Traum aus. Bleib gesund und sei herzlich gegrüßt von Deinem Schwager Siegfried Michel. 

Samstag, 1. August 2015

Brief 43 vom 2./3./4.8.1940


Mein lieber Ernst!                                                  Konstanz, 2. August 40   

Nachdem ich erst drei Tage auf Post habe warten müssen, was ja nicht an Dir, sondern an der Post lag, werde ich nun gestern und heute direkt verwöhnt. Gestern kam Dein langer Brief und heute habe ich gleich zwei erhalten, vom 25. und 26. Juli. Ich danke Dir recht herzlich dafür. 
Es ist ja schön, daß bei Euch für Unterhaltung gesorgt wird. Da Du ja schon immer für Opern und dergleichen begeistert warst, ist da ja das Richtige für Dich. 
Du schreibst, daß Du einen Schweizer mit ins Kino genommen hast und daß Du auch für unsere Sache aufklärend wirkst. Das haben gerade auch die Schweizer besonders nötig. Ich schicke Dir in den nächsten Tagen gerade darüber einen interessanten Artikel mit. Augenblicklich hat Vater die Zeitung noch unten. 
Aus Deinem Brief entnehme ich, daß Du Dich darüber freust, daß ich mir ein Kostüm gekauft habe. Ich lasse mich schon einmal darin photografieren, das ist nur ein bißchen mit Schwierigkeiten verbunden, da ich nicht gleich jemand dazu habe. Aber einmal wird es bestimmt. 
Für die Bilder von Köln danke ich Dir noch recht sehr. Das war schon eine Überraschung. Die Filme dazu habe ich nicht erhalten. 
Inzwischen habe ich ja nun alle sechs Päckchen erhalten, wie ich Dir schon geschrieben habe.  Es hat mir alles so gut gefallen und es paßt auch alles.  Wegen Deines Urlaubs habe ich mich jetzt ein bißchen abgefunden, nur habe ich manchmal sehr großes Heimweh nach Dir. Auch Helga hat erst Vorgestern geweint, weil Du fort bist. Sie hat Dich sehr gern. Jörg auch, aber Du weißt ja, er ist ein kleiner Rauhbauz.
Ich muß mir immer wieder vorstellen, daß wir uns bestimmt wiedersehen und muß an Deine Liebe zu uns denken, damit das Heimweh nach Dir nicht zu übermächtig wird. Du glaubst ja gar nicht, wie sehr ich mich immer über Deine lieben Briefe freue. Erst durch Deine lieben Grüße wird ein Tag froh und hell. 
Heute habe ich den Geburtstagstisch für Jörg aufgebaut und die Stube abgeschlossen. Jetzt ist die Freude groß. Jeden Tag guckt er am Kalender, wie oft er noch schlafen muß. Vor allen Dingen hat er sich auch viele Blumen gewünscht.
Heute ist wieder ein sonniger Tag, nur ist es wieder sehr windig. Da haben wir schon wieder 2 Pfund Äpfel auflesen können.  Ich habe gestern Abend an die Eltern, Siegfried und Kurt geschrieben. die Durchschläge lege ich bei. Nachdem ich gestern Deinen langen Brief erhalten hatte, war ich so voll Freude, daß ich richtig Lust zum schreiben bekam. Da siehst Du erst mal, was Deine Briefe alles bewirken. Sie verschönen mir auch alle Tage. 
An Kurt habe ich auch wegen der Briefmarken geschrieben.  Meinst Du, er wird sehr zornig sein wegen der 6,-Mark. Ich habe auch nicht gewußt, wie ich es recht mache.  Übrigens sind die Briefbogen mit Deinem Namensaufdruck auch alle, unbedruckte sind noch da. Die ich Dir geschickt habe, das sind die letzten. Mit den Durchschlägen, die ich mitschicke, hast Du ja viel zu lesen. Drum will ich lieber schließen, sonst wirst Du auch ärgerlich auf mich, daß Du dauernd lesen mußt.  Sei also für heute herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
 
 Mein lieber Ernst!                                                  Konstanz, 3.August 1940

Heute, am Samstag, habe ich gleich früh gebacken und zwar Kleingebäck zum Geburtstag. Einen Quarkkuchen backe ich später noch. Davon können wir Dir ja leider nichts schicken, aber von dem Gebäck sollst Du doch ein bißchen bekommen, wenn Du auch weit fort bist. Du sollst doch auch am Geburtstag ein bißchen teilhaben.  Laß Dir das wenige bitte gut schmecken. 
Ich schreibe diesen Brief gleich heute früh, da ich jetzt in die Stadt fahre. Heute Nachmittag möchten wir baden, da kann ich schlecht noch einmal fortfahren.  Denk Dir, was für eine großartige Mahlzeit sich Jörg zu seinem Geburtstag gewünscht hat. Milchreis. Das kann man ihm doch schon erfüllen. 
Ich habe Dir einen Zeitungsausschnitt über eine Sondermarke beigelegt. Ich soll sie doch sicher nehmen. Von Kurt werde ich noch den Bescheid abwarten.
Ich habe Resi jetzt mal in der Stadt getroffen und habe gefragt, wie es ihrem Mann im Elsaß bezw. in Colmar gefällt. Sie war ziemlich verdutzt und fragte, woher ich das weiß. Es gefiele ihm ganz gut.
Lieber Ernst! Sei mir bitte nicht böse, wenn der Brief heute sehr kurz ist. Ich habe heute so viel zu tun und muß mich beeilen, sonst ist es gleich Mittag und die Läden werden geschlossen. Morgen schreibe ich wieder einen längeren Brief.  Jörg hat Margret wieder eingeladen. Sie hat schon ganz stolz erklärt, daß sie ihm auch was bringt. Mein lieber, lieber Ernst, sein nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                                 Konstanz, 4.Aug.1940

 Gestern Mittag gegen ½ 1 Uhr klingelt es und als ich aufmache, steht Siegfried draußen. Ich habe mich sehr gefreut. Er hat sechs Tage Urlaub. Wir wollen heute Nachmittag ein bißchen spazieren gehen und heute Abend ins Kino. Vater bleibt bei den Kindern. Wahrscheinlich gehen wir auch einmal baden. Am Mittwochnachmittag muß Siegfried wieder fortfahren. Was sagst Du zu der Überraschung? Siegfried hat mich heute auch in dem Kostüm photografiert. Es ist mit dem photografieren also schneller gegangen als ich gedacht habe. 
Jörg hat sich heute früh sehr gefreut. Er sitzt jetzt die ganze Zeit bei seinen Geburtstagssachen. Von Frau Dietz ist ein hellblaues Polohemd für Jörg gekommen. Sie schreibt dazu, daß ihr Mann eine Lungenentzündung hat und am 1. August ins Göppinger Krankenhaus gekommen ist. Sie schreibt, es will ihr scheinen, als ob sie ihren Mann nicht mehr nach hause bringen dürfte, da er so schwach und elend sei. Ihr Sohn Gerhard ist auch verheiratet und Vater einer kleinen Ursel. Wenn ich den Brief beantwortet habe, schicke ich ihn Dir mit. Sie fragt auch nach Dir, ob Du bei den Soldaten bist. Vielleicht kannst Du ihr mal schreiben.  Adresse ist: J.A. Diez, Boll-Ort über Göppingen, Badstr. 295.
Von Frau Nußbaumer hat Jörg einen schönen Blumenstrauß bekommen, über den er sich auch sehr gefreut hat.  Vor Dir habe ich gestern und heute wieder keinen Brief erhalten. Vielleicht kommen dann wieder gleich ein paar zusammen.  Seit ein paar Tagen haben wir sonniges Wetter, so daß es Siegfried gerade gut getroffen hat.  Du hattest mir doch gesagt, ich sollte die zwei letzten Reihen Bohnen auf ihr Wachstum besonders beobachten. Ich habe nun festgestellt, daß sie schon jetzt ziemlich gut tragen, während die vier Reihen in der Mitte erst blühen, trotzdem wir sie zur gleichen Zeit gestupft haben. Nächste Woche sterilisiere ich wieder welche.
Lieber Ernst! Ich wollte Dir eigentlich einen langen Brief schreiben. Damit ist es nun nichts, denn ich habe noch zu tun, weil wir ziemlich zeitig fort wollen. Du wirst es mir bitte nicht übel nehmen.  Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie. 
Lieber Ernst! Ich bin nun nach hier gekommen und habe mich gefreut, daß es doch nun mal geklappt hat. Wenn es auch nicht lange dauert, so bin ich doch froh, daß es mir überhaupt möglich war. Fahrgeld habe ich nicht zu zahlen brauchen und da ist es schon leichter, hierher zu kommen. Über die beiden Wildlinge habe ich mich sehr gefreut und könnte mich nur den ganzen Tag mit ihnen abgeben. Wie lange willst Du denn in Lille bleiben? Du hast es Dir wohl vorgenommen, in Lille noch Stadtkommandant zu werden? Also lieber Ernst, laß es Dir gut gehen und sei herzlich gegrüßt von Deinem Schwager Siegfried. 
Sende zum Schluß noch Herzliche Grüße Dein Vater!

Brief 42 vom 1.8.1940


Mein lieber Ernst!                                                   1.August 1940

 Nachdem ich jetzt 2 Tage keine Post von Dir erhalten habe, kam heute Dein lieber Brief vom 22. bez. 23.7. Und was für ein langer Brief. Da habe ich mich fest, ganz fest gefreut. Nun kann ich mich auch erst richtig über Deine lieben Päckchen freuen. Ich danke Dir auch für Deinen ausführlichen Bericht Deiner Sonntagsfahrt.  Dafür daß ich geschrieben habe, Du würdest Dich zuhause wahrscheinlich gar nicht mehr wohlfühlen, hast Du mich ja schön runtergeputzt. Aber ich habe daraus gemerkt, daß Du Dich auch auf ein späteres Wiederkommen freust. 
Hoffentlich ist es Dir recht, daß ich mir ein Kostüm gekauft habe. Wenn Du nun Stoff für ein weiteres hast, so bin ich Dir gar nicht böse, dann kann ich doch eins nur für Sonntags nehmen und eins wenn ich so in die Stadt gehe. Ich danke Dir auch recht sehr für Deine Liebe, mit der Du immer bei Deinen Käufen an mich denkst. 
Die sechs Päckchen von Dir sind nun alle angekommen, ebenso die zwei Taschentücher in den Briefen. Lieber Ernst, ich kann Dir ja nur immer wieder für alles danken. Vielleicht weißt Du aber auch so, trotz der wenigen Worte, die ich darüber schreiben kann, wie sehr ich mich über alles freue.
Elsa Legler hat mir auch wieder geschrieben. Gerhard ist in Freiberg i.Sa. und ist am vergangenen Freitag ganz unverhofft auf Sonntagsurlaub gekommen. Am Montag gegen 18 Uhr ist er wieder fort. Er hofft aber, daß er bald seinen 14-tägigen Urlaub erhält. Helmut Legler ist jetzt in Orleans. Er hat es scheinbar ganz schön dort.  Ich hatte heute Wäsche, denn der erste ist wieder mal da. Es ist strahlender Sonnenschein. Auf Wunsch der Kinder hat es heute Spätzle gegeben. Sie haben mich schon so lange darum gequält. Als ich im Waschhaus war, kamen beide runter gerannt. „Mutterle, die Äpfelfrau, wo wir voriges Mal welche gekauft haben, ist wieder da.“ Da sie 20 Pfennig kosteten, habe ich 4 Pfund gekauft. Nun ging´s aber los. “Mutterle, Äpfel schmecken soo gut, kriegen wir keinen?„ So ging´s drei mal. Beim vierten Mal habe ich gesagt: “Nun ist aber Schluß, Jörg, hol noch für jeden einen, dann hat jeder 4 Stück, das langt.“ Da kam er und sagte: „Weißt, ich habe lieber gleich 2 große geholt, das ist besser.“ Wie Du siehst, ist er nicht zu bescheiden.
Heute hat‘s bei Helga auch Gewissensbisse gegeben. “Mutterle, die Kinder wollten erst mit Kindergarten spielen anfangen, wenn ich draußen bin, aber ich sollte doch ans Vaterle schreiben. Er tut mir so leid, wenn er warten muß.“ Ich habe ihr gesagt, ich werde bei Dir ein gutes Wort einlegen, weil heute so schönes Wetter ist. Sei also bitte nicht böse, wenn sie heute nicht schreibt.  Dein Brief an Jörg ist auch angekommen. Er hat ganz gejauchzt als sein Name drauf stand. Ich habe Jörg den Brief vorgelesen und jetzt muß ich ihn mit auf den Geburtstagstisch tun, denn den will er sich ganz lange aufheben. 
Die Taschentücher, die Du mir geschickt hast, gefallen mir alle sehr gut. Die Pralinenschachtel aus Bast habe ich jetzt als Taschentuchbehälter in Gebrauch, da liegen jetzt alle guten Taschentücher drin, auch die schönen bunten, die Du mir hier einmal geschenkt hast.  Das fleißige Lieschen das Du mal mitgebracht hast, steht ganz voll Blüten und statt der zwei Zweigle sind es jetzt fünf. Mit den vielen Blüten macht der Blumentopf einen freundlichen Eindruck. An dem Kinderzimmerfenster hat Jörg gestern Abend selber die Kakteen hereingenommen und heute früh hat er sie gleich wieder rausgestellt. Er hat mir auch gesagt, daß ich das ja nicht machen darf. Mal sehen, wie lange dieser Eifer anhält. 
Ich habe Dir ja schon oft geschrieben, wie alles gut im Garten wächst. Da muß ich Dir auch noch schreiben, daß es dieses Jahr aber nicht viel Bohnen gibt. Aber nicht nur bei uns, sondern überall. Wie ich gehört habe, soll es von dem vielen Wind kommen, das könnten Bohnen nicht vertragen. Ich weiß ja nicht, ob es Tatsache ist. Wir haben ja ziemlich viel Stangenbohnen angepflanzt, da langen sie für uns schon, aber kannst Du Dich erinnern, wie viele es voriges Jahr gegeben hat?
Nun möchte ich Dir auch noch danken, daß Du mir Deinen Tageslauf beschrieben hast. Jetzt kann ich mir doch immer ein bißchen vorstellen, wo Du bist.  Nun schließe ich für heute und danke Dir noch vielmals für Deinen lieben Brief. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.