Freitag, 6. November 2015

Brief 86 vom 5./6.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                       5.November

Nun ist schon wieder Dienstag. Der Sturm hat heute etwas nachgelassen, da bin ich heute früh mit Jörg gleich in den Garten gegangen. Helga mußte ja in die Schule. Wir haben das Kraut rausgenommen, Jörg hat es rüber geschafft, ebenso die roten Rüben. Ich habe dann das alles umgegraben, wo die Möhren das Kraut und die roten Rüben gestanden haben. Jetzt sind nur noch die Schwarzwurzeln drin. Sonst ist der Garten drüben in Ordnung, d.h. die Setzlinge von den Erdbeeren, die für Vater bestimmt sind, muß ich noch abschneiden. Vater hat mich gebeten, ich möchte sie bis Frühjahr drin stehen lassen, da er seinen Garten noch nicht in Ordnung hat. Ich will sie aber wenigstens von den großen Pflanzen abtrennen.  Nachmittags geht es wieder in den Garten. Da setze ich das Kraut noch ein. Aber davon berichte ich Dir heute Abend. Ebenso beantworte ich Dir Deinen lieben Brief vom 29.10., den ich heute früh erhielt. Ich danke Dir sehr dafür.
So ein Brief ist doch immer eine große Freude.  Heute ist der Brief etwas kürzer geworden, aber das wirst Du sicher entschuldigen. Wenn ich am Abend mit der Arbeit fertig bin, schreibe ich Dir wieder.  Gestern Abend habe ich auch wenig geschrieben, da ich bis um 10 Uhr noch gebügelt hatte.  Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner immer an Dich denkenden Annie.

Mein lieber, guter Ernst!                                    Konstanz, 5.November 40, abends

So, bis jetzt habe ich gebügelt. Nun habe ich´s geschafft. Es ist 9 Uhr und für mich Feierabend. Nun kann ich an Dich schreiben, das macht mir Freude.  Dieser Tag war überhaupt an Freuden reich, wenn ich auch etwas Ärger gehabt habe. Aber was will das bei so viel Freude schon heißen. 
Heute früh kam schon Dein lieber Brief vom 29.10. und heute Nachmittag nun die schon verloren geglaubten 2 ersten Päckchen. Da habe ich mich aber gefreut. Das war dann schon eine Überraschung. So etwas Schönes hatte ich mir unter der Bezeichnung „leichte Weste“ gar nicht vorgestellt und auch die Bluse ist so schön, ebenso die Strümpfe. Das hast du wieder fein eingekauft. Über das Leder habe ich mich auch fest gefreut. Das gibt mindestens vier Paar Sohlen und noch mehrere Absätze. Verschwenden tue ich natürlich nichts, aber es ist so ein beruhigendes Gefühl, wenn man weiß, man kann jederzeit die Schuhe ausbessern.
Ich danke Dir auch für den Kaffee. An die Eltern habe ich noch nichts geschrieben, da die Päckchen so lange nicht ankamen.  Nun möchte ich Dir erst einmal Deinen lieben Brief beantworten. Wie ich aus ihm ersehe, verwöhnst Du uns ja jetzt schön mit Päckchen. Langt Dir denn da auch Dein Geld? Du sollst wegen uns nicht ganz ausgeräubert dastehen.
Du schreibst auch, ich sollte nicht lachen, daß Du exotisches statt äthiopisches Yemen verstanden hast. Erstens ist der Klanglaut sehr ähnlich, so daß man das schon verwechseln kann. Zweitens muß ich ja offen zugeben, daß mir das eine wie das andere Wort wenig über das Aussehen des Mantels sagt, denn in Pelzen weiß ich nun tatsächlich nicht Bescheid. Ich kenne zwar gewöhnliches Fohlen, aber viel weiter geht meine Kenntnis in Pelzmänteln nicht. Ich habe ja auch nie geglaubt, daß ich in meinem Leben je zu einem Pelzmantel kommen könnte. So hoch gingen in dieser Beziehung meine Wünsche nicht. Daß Du mir den Mantel jetzt noch nicht schicken kannst, braucht Dich nicht zu kränken. Ich hätte ihn doch noch nicht anziehen können. Vorher hätte ich unbedingt den Kindern auch neue Mäntel machen müssen, denn es soll doch wenigstens alles zusammen passen. Dazu bin ich nun aber beim besten Willen noch nicht gekommen.
Vor allen Dingen muß erst einmal der Garten fertig werden. Im Übrigen freue ich mich aber auf den Mantel wirklich sehr und ich danke Dir für Deine viele Mühe, die Du damit gehabt hast. Im Übrigen hast Du ja auch Dein ganzes Geld dafür geopfert.
Nun zu dieser Frau Synkovis. Wenn man die Frau sieht, da denkt man, nach der Kleidung zu urteilen, sie lebt in sehr guten Verhältnissen. Sie tut auch so, als wäre sie über alle erhaben. Bei der Unterredung habe ich dann gemerkt, daß alles mehr Tünche ist. Ich habe bei meiner Begegnung mit der Frau festgestellt, daß sie in ihrem ganzen Getue verzweifelte Ähnlichkeit mit Frau Junghans hat. Das hat mich gleich abgestoßen. Die hat auch immer so ein öliges Lächeln auf dem Gesicht.
Im Winterhalbjahr schicke ich Helga auch nicht mehr in die Spielschar. Es freut mich sehr, daß Du noch einige Hemden hast für Dich und Kurt besorgen können.  Da kommt mir gerade auch ein Gedanke. Vater wollte doch gern Kaffee haben. Soll ich ihm da nicht von dem geben, den Du geschickt hast und Du schickst direkt an die Eltern welche, wenn jetzt mehrere Päckchen geschickt werden können? Schreib mir bitte deswegen. Ich tue den Kaffee einstweilen in eine Dose, damit er nicht verriecht.  Schlecht wird er ja nicht.
Ich sehe auch oft nach unseren Sternen und hoffe dabei, daß Du vielleicht gerade dasselbe tust. Heute hat sich am Abend der Himmel zugezogen und es hat mit regnen angefangen.  Nun möchte ich Dir noch einiges von unserem Tagewerk berichten. Von der Vormittagsarbeit habe ich Dir ja schon im vorigen Brief erzählt. Am Nachmittag habe ich noch die Dahlienstöcke raus gemacht. Dann habe ich das Rot- und Weißkraut eingegraben, wie Du es die vergangenen Jahre immer gemacht hast, daß also die Köpfe über dem Boden sind. In den vergangenen Tagen hat der Sturm bei den Brombeeren ziemlich viele Ranken wieder runtergerissen. Ich habe nun manche noch einzeln festgebunden und im übrigen habe ich noch ein paar Mal Bindfaden vom obersten zum untersten Draht gebunden, damit viele Ranken auf einmal festgehalten werden, also so ungefähr. (Zeichnung). Später habe ich noch den Raupenring um den Baum gemacht.
Die Kinder helfen immer fleißig mit und besonders Jörg ist im Garten unermüdlich, wenn man ihm richtig was zu schaffen gibt. Zur Belohnung für ihren Fleiß haben sie von mir nochmals ein paar Bonbons bekommen.  Gegen 5 Uhr bin ich dann in die Stadt gefahren und als ich ½ 6 heim kam, war das Unglück des Tages schon geschehen. Jörg war von der Wippe im „Frieden“ runter geflogen. Erstens ist er dabei noch an den Nägeln hängen geblieben und seine Hose, von dem bräunlichen Anzug, ist an einem Bein total zerfetzt. Das Hosenbein ist zu ¾ direkt abgerissen und ein Teil des abgerissenen ist so zerfetzt, daß man von Stoff überhaupt nicht mehr reden kann, das sind nur noch Fetzten. Zweitens ist er dabei noch in eine richtige Pfütze geflogen, so daß er dazu noch naß und dreckig war. Ich habe ihn am „Frieden“ gleich aufs Rad gesetzt und heim ging´s. Eigentlich war ein Mädel dran schuld, mit der er geschaukelt hat. Sie war schon etwas älter als er. Als Jörg runter wollte, hat sie ihn, als er ganz oben saß, erst nicht runter lassen wollen, plötzlich ist sie runter gesprungen, die Wippe ist nach unten geschlagen und schon war Jörg auch unten gelandet, aber wie. Das Mädel hat dann gleich das Weite gesucht. Ich habe nicht geschimpft, ich konnte einfach nicht. Ich war noch so voll Freude über Deinen Brief und die Päckchen. Im Übrigen war ich ja auch froh, daß Jörg selber nichts passiert ist. Ich hatte ihm ja schon mal verboten, auf der Wippe zu schaukeln, weil sie so sehr hoch geht, aber wenn es alle tun, will er natürlich auch nicht als feig gelten. Ins Gewissen habe ich ihm natürlich noch geredet, mal sehen, ob‘s was hilft. 
Ich mußte gestern zu Herrn Döbele fahren, da bei der Tür des Waschkessels ein Stück abgebrochen ist, durchgebrannt. Zwar nicht bei mir, aber das tut ja nichts zur Sache. Ich hätte ja nicht hinfahren müssen, aber ich habe gerade gesehen, wie er auf sein Büro gehen wollte, da habe ich es ihm gleich gesagt, auch, daß das Rohr schon lange kaputt ist. Er fragte, ob ich mich noch nicht gewundert hätte, daß er nichts mehr gesagt hat, daß unsere Küche gemacht wird. Aber es beständen immer so Schwierigkeiten mit den Handwerkern, weil viele eingezogen sind. Ich antwortet darauf: „Gerade weil wir das eingesehen haben, haben wir auch nicht mehr darauf gedrängt“. Er sagte, daß er zusehen wird, daß die Küche sobald als möglich gemacht wird. Heute früh, als er den Kessel besichtigte, sagte er mir nun, daß er heute noch zu dem Maler Stadelhofer in Wollmatingen fahren wird. Dieser käme dann vorbei und würde mit mir besprechen, wann er die Küche machen kann. Ich bin ja nun gespannt, was daraus wird. Ich war jedenfalls ganz erstaunt, daß Herr Döbele noch an die Küche gedacht hat. 
So, lieber Ernst, nun ist es wieder Zeit, daß ich schlafen gehe. Heute habe ich Dir ja viel zu erzählen gehabt. Aber ehe ich zu Bett gehe, möchte ich Dir noch recht, recht oft danken für die große Freude, die Du mir heute wieder gemacht hast.  Beim nochmaligen Durchlesen Deines Briefes sehe ich gerade, daß ja Dein Kamerad Thomas Grüße an mich bestellt hat. Ich danke ihm dafür. Ob Du die Grüße erwidern willst, überlasse ich ganz Dir. Nun ist aber endgültig Schluß. Schlaf gut, mein lieber Mann, und wach ganz gesund wieder auf und behalte mich lieb. 

Mein lieber Ernst!                                                          6. November
Schon wieder ist ½ Tag vorbei. In der vergangenen Nacht sind wir von ¾ 3 ab  ½ Stunde im Keller gewesen. Die Flieger waren scheinbar über der Schweiz, denn die hatten auch zuerst Alarm.  Gestern hatte ich auch noch einen kleinen Ärger. Er war aber wirklich so klein, daß ich ihn gestern Abend vergessen hatte. Herr Steinmehl hatte mir doch gesagt, daß er wegen des Schweinemists anfragen und die Scheine besorgen wollte. Ich hatte ja nun einmal nachgefragt, wie ich Dir schon schrieb. Gestern bekam nun Herr Steinmehl von der Kaserne Pferdemist. Nicht, daß mich das geärgert hätte, aber ich meine, Herr Steinmehl hätte mir doch vorher Bescheid geben können, daß ich mich selber wegen des Scheins hätte umsehen können. Er sagte gestern dann zu mir, sein Sohn hätte wegen dem Schein noch mal rein fahren wollen, aber vielleicht wäre es besser, ich ginge selber mal zu Herrn Gaßner. So dumm bin ich nun doch nicht, daß ich glaube, sein Sohn würde extra, nur um den Schein für uns zu besorgen, zur NSV fahren. Aber meinst Du nicht, es hätte sich wenigstens gehört, mir Bescheid zu sagen? Jetzt werde ich mich mal selber um die Sache kümmern. Ich schreibe Dir dann wieder darüber.  Diesen Brief will ich nun schließen, denn sonst mußt Du ja zu viel lesen und wirst noch ärgerlich. Das möchte ich so gern vermeiden. Das siehst Du doch ein, Du lieber Kerl. 
Siehst Du, nun habe ich doch noch was vergessen. Es kommen doch neue Winterhilfsbriefmarken heraus. Ich soll dir doch gestempelte und ungestempelte besorgen? Kurt wird sie sich wohl selber besorgen?  Ich habe mir eben noch mal gründlich überlegt, ob ich Dir nun auch alles geschrieben habe, ich glaube, es ist alles. Nun grüße und küsse ich Dich recht herzlich. Denke immer an uns und behalte uns lieb. Deine Annie. 
Die Sache von Herrn Steinmehl habe ich natürlich nicht an Dich geschrieben, daß Du Dich ärgern sollst, sondern nur, damit Du auch über diese Angelegenheit informiert bist. 

Dienstag, 3. November 2015

Brief 85 vom 03./04.11.1940


 Mein liebster Ernst!                                            3.November

Heute, am Sonntag, bleiben wir zuhause, denn es fängt schon wieder an zu regnen. Wir hören uns das Wunschkonzert an. Dabei werde ich ein Seifenbad machen. Von den Brombeeren habe ich nämlich einige Stacheln in den Fingern und davon fangen einige Stellen an zu eitern. Das stört natürlich beim arbeiten sehr. Heute ist nun gerade die beste Gelegenheit, dem abzuhelfen.  Einen Brief habe ich heute nicht erhalten. Ich mache es aber wie Du und vertröste mich auf den nächsten Tag.  Heute Nachmittag lese ich wieder in den Schulungsbriefen. Ich finde sie sehr interessant. Am Abend schreibe ich wieder. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

 Mein lieber Ernst!                                   Konstanz, 3.Nov. 40 abends

Ich schreibe heute schon um ½ 6 Uhr an Dich, da mich unsere Tochter sehr unterstützt und abwäscht und abtrocknet. Erstens wegen meiner Finger, da sie doch ein bißchen eitern, und zweitens, weil ich heute gar nicht recht auf der Höhe bin. Ich habe schrecklich Kopfweh und mir ist so schlecht, dazu habe ich heute Mittag 38,5 Fieber gehabt. Im Übrigen bin ich auch nicht wohl, so daß alles zusammen kommt. Ich denke, daß es ein leichter Grippeanfall ist. Als mir´s am schlechtesten war, habe ich mich an den Benediktiner erinnert, den Du mir dagelassen hast. Ich habe ein Gläschen getrunken. Besser ist es mir zwar noch nicht viel, aber es ist wenigstens nicht schlimmer geworden. Am unangenehmsten ist es, daß ich 5 Minuten friere, dann ist mir wieder ganz heiß. Ich trinke heute Abend nochmals von dem Benediktiner ehe ich zu Bett gehe, selbst auf die Gefahr hin, daß Du sagst, ich wäre ein Säufer. Oder wunderst Du Dich nicht, wie energisch ich mich auf den Alkohol stürze? Ich versuche es aber mal damit, denn eine Krankheit kann ich jetzt nicht gut brauchen.
Aus dem Studium der Schulungsbriefe ist heute auch nicht mehr viel geworden. Ich habe zwar ein paar Seiten gelesen, aber die meiste Zeit habe ich richtig rumgedöst.  Die Kinder haben auch heute den Brief fortgebracht, wieder mit dem Omnibus. Ich konnte beim besten Willen nicht fort und den Kindern hat es wieder mächtige Freude gemacht.  Es ist jetzt ½ 7 Uhr geworden. Die Kinder gehen jetzt ins Bett und ich tue dasselbe. Da bin ich heute am besten aufgehoben.  Bleib Du nur gesund, schlaf gut und wach gesund wieder auf, mein lieber Schatz!

Mein lieber Ernst!                                                    4.Nov.

Wenn mir´s nicht besser geworden wäre, hätte ich ja den Brief nicht fortgeschickt, damit Du Dir keine Sorgen machst. Aber nun, da sich die Lage gebessert hat, kann ich´s ja ruhig tun. Ich habe gestern Abend, ehe ich ins Bett gegangen bin, zwei, -bedenke tatsächlich-, zwei Gläschen von dem Benediktiner getrunken. Ich habe gedacht, mich brennt‘s aus. Ich weiß nicht, ob das was ausmacht, aber heute Nacht habe ich gewaltig schwitzen müssen. Heute früh war nun der quälende Kopfschmerz und auch das Fieber weg. Nur ist mir noch öfter schwindlig und noch nicht ganz wohl zu Mute, aber das gibt sich schon noch.
Vor allen Dingen hat sich die Arbeitslust schon wieder eingestellt, die gestern ganz verschwunden war. Das ist doch ein gutes Zeichen, nicht wahr. 
Wir haben heute richtigen Sturm, Westwind, aber ganz warm. Man weiß nur nicht, ob der Wind nicht doch Kälte im Gefolge hat, denn es ist immerhin schon November. 
Nun ist es Nachmittag und mir ist es bedeutend besser. Ich fahre nachher noch in die Stadt.  Post habe ich heute keine bekommen.  Ich glaube jetzt fast, die ersten zwei Päckchen sind verloren gegangen, denn es sind bereits 14 Tage her, seit Du sie fortgeschickt hast. Es wäre ja schön, wenn sie noch ankämen, aber wie es bis jetzt aussieht, müssen wir fast mit dem Verlust rechnen. 
Ich habe heute noch die Möhren raus gemacht, damit sie nicht evtl. noch erfrieren. Jörg hat mir fest geholfen und jetzt sitzt er unten im Vorraum und schneidet das Kraut von den Möhren ab. Da siehst Du erst, was für große Kindern wir haben. Helga hilft jetzt auch mit, bis jetzt war sie in der Schule. Ich konnte das Abschneiden nicht mehr machen, denn nachdem ich die Möhren raus gemacht hatte, hatte ich genug. Ich bin eben doch nicht ganz auf der Höhe. Aber wenn man solche große Kinder hat, geht es ja, da springen die in die Bresche. Das Kraut, Rotkraut, Weißkraut und Wirsing, habe ich noch drin gelassen, damit warte ich, bis ich wieder ganz gesund bin, sonst schimpfst Du doch. Das ist ja auch nicht so empfindlich wie die Möhren. Die Roten Rüben koche ich und mache sie in einem Steintopf. Da geht dann wenigstens nichts kaputt.  Nun will ich schließen.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                    Konstanz, 4.November 40 abends

Heute Abend bin ich wieder so gut wie gesund. Ich bin wieder guter Dinge.  Ich habe mir die ganze Zeit schon überlegt, wie ich Dir eine kleine Freude machen könnte. Ich habe doch vom Vater Wäschegeld erhalten, das wollte ich so gern für Dich verwenden. Nun habe ich von dem Buch in der Zeitung eine Besprechung gelesen und dachte mir, daß ich Dir damit vielleicht eine kleine Freude machen kann.  Hoffentlich ist es mir wirklich geglückt, das Richtige zu treffen.  Sonst ist eigentlich heute nicht viel zu berichten.
Das einzige was geschehen ist, war wieder ein großer Krach im Haus. Gott sei Dank nicht mit mir, ich war nur stiller Zuhörer und wahrscheinlich auch Zeuge, denn Frau Büsing ist so gemein geworden, daß Frau Nußbaumer die Sache vielleicht nicht auf sich beruhen lassen wird. Was mir Spaß gemacht war das: Beim größten Keifen hat Frau Büsing auf einmal ihr Gebiß verloren und hat‘s erst wieder im Hof auflesen müssen, wo ja auch der Krach stattfand. Für mich war das sehr erheiternd.  Der Sturm hat den ganzen Tag nicht nachgelassen. Wahrscheinlich kommt´s bald zum regnen. Sollte es morgen noch aushalten, hole ich noch die roten Rüben herein und mache den Leimring an. Der Feldhüter macht auch erst jetzt die Leimringe an die Bäume. Da sind wir also noch nicht zu spät dran.  Nun will ich wieder schlafen gehen. Gute Nacht, mein allerliebster Schatz.

Brief 84 vom 02.11.1940


Mein lieber Ernst!                                                       2.November 

Auch heute schreib ich Dir bei Tag nur einen kurzen Gruß. Es ist heute so unbeständiges Wetter. Ich habe nun die Wäsche aufgehängt und muß immer auf dem Sprunge stehen, die trockene abzunehmen, damit sie nicht wieder naß wird. Nachher muß ich noch einkaufen fahren, da nehme ich den Brief mit.  Soeben erhielt ich Deine lieben Briefe vom 28.10. und den bisher fehlenden vom 23.10. Ich beantworte sie wieder heute Abend. Gefreut habe ich mich über beide sehr. Laß mich nun schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                      Konstanz, 2.November 40 abends

Wie ich Dir schon schrieb, erhielt ich heute Deinen lieben Brief vom 28.10. und den bisher fehlenden vom 23. Ich danke Dir für beide sehr. 
Ihr habt also jetzt ziemlichen Fliegerbetrieb. Ich denke immer an Dich, daß Dir nur nichts passiert. Wir leben hier in vollkommener Ruhe.  Du hast Dir ja große Mühe gegeben, um für mich Gummi zu besorgen. Du kannst mir glauben, daß ich ihn als etwas Wertvolles behandle. Erstens und vor allen Dingen deshalb, weil Du soviel Mühe und Ausgaben gehabt hast, zweitens weil es ein rarer Artikel ist. Schmaler Durchzuggummi hat bei uns ca. 13 Pfennig pro Meter gekostet. 
Wie ich aus Deinem Brief ersehe, gibst Du Dir ja große Mühe und hast viel Rennerei wegen einem Mantel für mich. Kaufe nur nichts zu kostbares, sonst traue ich mich ja gar nicht ihn anzuziehen. 
Für den Leimring zum Baum habe ich mir heute Pergamentpapier geholt. Vielleicht mache ich den Ring gleich am Montag dran. Heute hat es den ganzen Vormittag gegossen, was vom Himmel wollte. Als Helga aus der Schule kam, hat sie sich bis auf‘s Hemd ausziehen müssen, trotzdem sie den Regenmantel mit hatte. Die Schuhe waren direkte Kähne. Alles schwamm. Da die hohen Schuhe von Helga auch Wasser durchlassen, habe ich sie heute Vormittag gleich besohlt mit dem Leder, das Du geschickt hast. Darauf sind noch Zwecken gekommen. Jetzt kann sie wenigstens wechseln. Die anderen Schuhe brauchen sowieso ein paar Tage, bis sie wieder trocken sind. Ich beantrage in den nächsten Tagen hohe Schuhe für Helga, die jetzt besohlten bekommt dann Jörg. Am 15. November werden wir dann die Schuhe holen. 
Du schreibst auch, daß Du versuchen willst, für mich Filzschuhe zu kaufen. Nun habe ich mir ja inzwischen schon selbst welche gekauft.  Hoffentlich erfährst Du es noch rechtzeitig. 
Als heute Mittag sich der Himmel etwas aufhellte, habe ich gleich die Wäsche aufgehängt. Ich mußte aber immer auf dem Sprung stehen, damit nicht alles naß wurde. Es ist auch fast ganz trocken geworden.
Heute Nachmittag habe ich noch die Dahlien abgeschnitten. Die Stöcke lasse ich, wie Du mir gesagt hast, noch einige Tage in der Erde.  Als ich die Wäsche versorgt hatte, bin ich dann in die Stadt gefahren. Ich habe dann auch Quark mitgebracht und heute Abend auf dem großen Blech einen Quarkkuchen gebacken. Außerdem habe ich noch eine Marmeladenrolle, Jörg sagt „einen Mond“, gebacken. 
Die Kinder haben Dir heute Bilder gemalt. Ich fragte sie am Nachmittag, ob sie nicht rausgehen wollten, aber sie sagten, sie wollten lieber für ihr liebes Vaterle was malen. Jörg hat mir heute Abend erklärt, bei seinem Bild sei oben die Nacht mit Sternen, Mond und Regen und unten Tag mit Sonne und einem Korb.  Helga sagte heute Abend: „Mutterle, wir haben doch das allerliebste Vaterle. Glaubst Du, wenn Du das Vaterle nicht gefunden hättest, so einen herzliebsten Schatz hättest Du nicht mehr gekriegt.“
Siehst Du, sogar die Kinder sagen es schon und ich weiß es ja noch viel besser. Ich habe nur lachen müssen, wie wichtig sie das erklärt hat, der kleine Knirps. Helga gibt sich jetzt auch Mühe, mir zu helfen. Abends wäscht sie mir seit zwei Tagen ab. Ich lasse es sie gern tun, denn es schadet ihr nichts, wenn sie auch so etwas kann.  Heute haben die Kinder auch ein wichtiges Problem behandelt: „Wenn doch die Erde rund ist und drum rum ist Luft, und der Himmel ist Luft, da möchte ich bloß wissen, wo die Engel die ganzen Spielsachen hinstellen, die sie für Weihnachten machen.“ Darauf Jörg: „Und wie sie die Spielsachen runter bringen. Vielleicht lassen sie da Bindfaden runter und hängen´s dran.“ Ich höre mir nur noch die Nachrichten an und dann gehe ich schlafen.  Schlaf auch Du gut, mein lieber Mann, und wach gesund wieder auf. 

Brief 83 vom 01.11.1940


Mein lieber Ernst!                                    Konstanz, 1.November 40 abends

 Wie ich Dir heute schon kurz schrieb, sind Deine lieben Briefe von 25. + 26.10. bei mir eingetroffen. Es fehlt  noch Dein Brief vom 23. und Deine zwei ersten Päckchen. Ich danke Dir recht herzlich für Deine lieben Briefe. Ich muß darin aber feststellen, daß Du doch ein arger Spötter bist, wenn auch ein lieber. Mein Studium der Schulungsbriefe so zu verspotten. Schade, daß ich Dich zur Strafe nicht an den Haaren raufen kann. Also, ich glaube, daß es nicht nötig sein wird, daß Du Dich mit Deinem Wissen vor mir verstecken mußt. Es wird wohl manches Wissenswerte mir im Gedächtnis bleiben, aber an Dich reiche ich deshalb doch nicht heran. Es ist doch so, daß gerade Dein Wissen in mir den Wunsch geweckt hat, etwas dazuzulernen. Meine Meinung ist, daß aber Wissen nicht nur Macht ist, sondern daß es vor allen Dingen Freude macht.
So gern ich meine alltäglichen Arbeiten tue, so ist es mir doch auch Bedürfnis, mich in meiner freien Zeit mit etwas zu befassen, was über die kleinen Haushaltnöte hinausgeht. Denn diese sind doch dazu da, daß man mit ihnen fertig wird, aber sie sollen einen doch nicht verschlingen. Aus Deinem Brief ersehe ich ja, daß Du mit dem Lesen der Schulungsbriefe einverstanden bist. 
Für die gesandte Postkarte danke ich Dir auch sehr. Nach dieser zu urteilen, ist diese Wachsbüste wirklich eine feine Arbeit.  Die mit gesandten Schriftstücke hebe ich mir auf. Wenn Du kein Gummiband bekommen kannst, so ist das nicht zu ändern. Verlaufe Dir nur nicht Deine Freizeit deshalb. Es wird auch so gehen. 
Nun möchte ich Dir noch von unserem Tageslauf berichten. Gestern hatten wir doch Frost und heute früh regnete es und war so warm, daß alle Außenwände feucht beschlagen sind. Der Steinboden im Hausgang war den ganzen Tag naß. Lauter kleine Wasserperlen. Als ich beim Bäcker war, klagte die Frau auch, daß ihre ganzen Möbel feucht beschlagen sind und auch dort waren die Wände immer naß. So nasse Wände haben wir überhaupt noch nicht gehabt, seit wir hier wohnen. Aber von gestern auf heute ist es auch ein riesiger Temperaturunterschied. 
Heute früh hatte ich Wäsche und während der Arbeit fällt mir auf einmal aus einem der zwei zuletzt gemachten Zähne die Plombe  raus. Nun wußte ich, daß unter der Plobe noch eine Einlage gemacht worden ist. Da die noch drin war, habe ich alles stehen und liegen lassen und bin zum Zahnarzt gefahren. Herr B. sagte mir, daß es gut war, daß ich gleich gekommen bin, denn wenn ich gewartet hätte, wäre die Einlage auch noch rausgegangen. So war der Schaden in einer viertel Stunde behoben. Da ich nun doch nicht essen konnte und es außerdem schon ½ 12 Uhr war, haben die Kinder ausnahmsweise einmal Brot am Mittag gegessen und am Abend habe ich Mittagessen gekocht. Mir war damit auch geholfen, denn ich konnte gleich weiter waschen. Aufhängen konnte ich nicht, da es am Nachmittag wie mit Kannen goß. 
Gestern haben sich beide Kinder je 5 Pfennig verdient, da sie am Friedhof einem Gärtner Blumentöpfe auf das Auto laden geholfen haben. Nun sind am Friedhof alle Kinder gestanden und haben Leuten Kränze auf die Gräber getragen, wenn sie von ihnen dazu aufgefordert wurden. Da ist natürlich Jörg auch hingegangen und heute Vormittag kam er mit 20 Pfennig wieder. Als Helga von der Schule kam, ist sie nachher auch nochmals mit hingegangen und sie und Jörg kamen dann mit 5 Pfennig heim, die sie dafür bekommen haben, daß sie wieder einen Kranz trugen. Auf das selbstverdiente Geld sind sie ja nun ganz besonders stolz. 
Helga hat Dir ja in meinem heutigen Brief die Zeugnisabschrift mitgeschickt. Sie strahlt ganz, daß ich mich über das Zeugnis gefreut habe. Nun ist sie gespannt, was Du dazu sagen wirst. 
Ich habe heute die 26.-Mk, die noch hier waren, an Dich eingezahlt. In 6  bis 7 Tagen dürftest Du sie ungefähr erhalten, wie der Mann am Schalter sagte.  Für meine zerkratzten Hände kann ich jetzt gut das Kaloderma-Gelee brauchen, das Du mir ja auch geschenkt hast. Überhaupt kommt alles Gute und Schöne für mich von Dir. Wenn es wahr ist, daß ich jetzt gut aussehe, so kommt das bestimmt nur daher, daß ich die glückliche Gewißheit habe, daß Du mich lieb hast. 
Nun gute Nacht, lieber Ernst, schlaf auch Du gut und wach gesund wieder auf

Freitag, 30. Oktober 2015

Brief 82 vom 30./31.10.1940


Mein lieber Mann!                                           Konstanz, 30.10.40 abends 

 Heute ist es erst ½ 9 Uhr und ich habe schon Feierabend. Die Kinder sind im Bett und jetzt kommt für mich die schönste Stunde des Tages, wo ich an Dich schreiben kann. 
Da ich Dir über den heutigen Tag berichten will, fange ich am besten am Morgen an. Als ich heute früh aufstand und die Verdunklung abnahm, kam gleich die erste Überraschung. Es hatte geschneit und alles sah weiß aus. Auf der Straße taute es ja, aber im Garten liegt der Schnee heute Abend noch. Da konnte ich natürlich die Erdbeersetzlinge für Vater nicht abmachen. Es war früh ½ Grad Wärme.
Am Vormittag wollten wir ja in die Stadt. Vorher habe ich die Kinder noch ausgeschickt, nach dem Briefträger zu sehen. Sie brachten mir dann auch Deinen lieben Brief vom 24.10. Ich habe ihn natürlich gleich noch gelesen und will ihn jetzt erst gleich beantworten. Mit der Gemäldegalerie hast du bald recht. Vier Bilder hängen von Dir jetzt in der Küche. Zwei große und zwei kleine. In der Stube hängt eins, im Schlafzimmer eins und bei den Kindern zwei. Aber es ist so, in jedem Zimmer möchte ich ein Bild von Dir haben und die Kinder in ihrem Zimmer natürlich auch. Und in der Küche, wo ich ja immer bin, habe ich die zwei Bilder vom Urlaub hängen, damit ich Dich immer so sehen kann, wie ich Dich zuletzt gesehen habe. 
Nun zu der Bemerkung von Deinen Kollegen, daß man sich wunder müßte, daß ich Dich überhaupt gewollt hätte. Ich glaube, Du weißt ja, wie lieb ich Dich habe. Für mich hast du das allerliebste Gesicht und bist der beste Mann. Du weißt ja, wie ich alles an Dir liebe und was wissen die anderen überhaupt, wie gut Du bist und wie wie lieb Du mich hast. Überhaupt sollen die reden, was sie wollen, wir wissen ja, was wir aneinander haben und wie wir uns verstehen. Schreib mir bitte, ob Du Dich über die Bemerkung sehr geärgert hast.  Jetzt tust Du‘s doch nicht mehr, nicht wahr?
Wenn ich Dich nur hier hätte, daß ich Deine lieben Augen lachen sähe und in Deinen Haaren zausen könnte, die mir doch so gut gefallen.  Das einzige, was mich gefreut hat ist, daß ich aus den Bemerkungen über mich gemerkt habe, daß Du Dich nicht mit mir zu schämen brauchst. Ich möchte doch gern, daß ich Dir gefalle und daß Du auf mich stolz sein kannst, so wie ich es auf Dich bin. Denn daß ich auf Dich stolz bin, das weißt Du ja. Das wirst Du in den neun Jahren, die wir verheiratet sind, ja gemerkt habe, Du lieber, lieber Kerl. 
Das Buch, welches Du mitgebracht hast, hat mich wirklich interessiert und ich werde es noch öfter durchlesen. Bezüglich des Mistes habe ich heute noch mal bei Steinmehls nachgefragt. Der Sohn war schon bei der NSV, hat aber Herrn Gaßner, der früher auf dem Hof war, nicht getroffen. Der hat die Ausgabe der Scheine jetzt scheinbar unter sich. Bei Gelegenheit geht er nochmals vorbei. Als Herr Steinmehl damals sagte, daß er einen Wagen voll nehmen will, hatte ich darauf entgegnet, daß ich das evtl. auch tun würde, aber ich wüßte nicht, ob ich das schaffen könnte, worauf er sagte, das sei doch ganz klar, daß sie mir helfen würden, wenn´s mir zu viel würde. Jetzt wollen wir mal sehen. Bis jetzt haben wir ihn ja noch nicht. 
Die warme Unterwäsche, die Du mir mitgebracht hast, leistet mir jetzt wirklich gute Dienste. Ich bin sehr froh darum. Mit dem Mantel für mich gibst Du Dir ja außerordentliche Mühe. Ich glaube, Du verläufst Dir Deine ganze freie Zeit. Es ist ja immer so, je größer die Auswahl ist, desto schwerer kann man sich zum Kauf entschließen. 
Den Kindern habe ich die Küsse von Dir gegeben. Sie haben sich sehr gefreut, daß Du auch immer mit Küssen an sie denkst. Helga hat gesagt, daß sie schon gern noch auf den Brief von Dir wartet.  Ich soll Dir von den Kindern auch noch das kleine Liederbuch zum angucken schicken. Jörg hat es heute auch auf der Sparkasse bekommen. 
Nun will ich Dir von unserem Tageslauf weiter berichten.  Mit Deinem Brief bekam ich heute früh auch den Bezugschein für Hausschuhe und zwar einen gelben, also für teurere Hausschuhe. Ich hatte mir schon 4,-Mk dafür zurückgelegt. Die habe ich nun gleich mit in die Stadt genommen.  Wir sind zuerst zur Sparkasse gegangen und wollten doch 1,75 einzahlen. Wie wir in die Sparbücher sahen, war doch noch je 1,- drin, die Du reingelegt hattest, als Du auf Urlaub da warst. Daran hatten wir gar nicht mehr gedacht, desto größer war heute die Freude, als nun jeder 2,75 einzahlen konnte. Jedes Kind hat von der Kasse einen Kalender, ein Heft, einen Federhalter und einen Bleistifthalter bekommen. Jörg außerdem noch das Liederheft. Für die Kinder war extra ein Sparschalter eingerichtet. Darüber war ein großes Schild angebracht mit der Aufschrift „Kindersparschalter“ in Sütterlinschrift.  Alles schön bunt, wie es Kindern doch gefällt. Im Übrigen war ja die ganze Sparkasse geschmückt. 
Als wir mit Einzahlen fertig waren, sind wir zu Küll und Co gegangen. Ich habe mir ein Paar Filzschuhe gekauft, die besten, die es gab, zu 2,75. Nun sind sie mir aber für den ganzen Tag zum Arbeiten zu schade. Ich habe dann nach bezugscheinfreien Hausschuhen gefragt. Da hatten sie welche aus schwarzem Segeltuch zu 1,20. Die Sohlen sind ja nicht viel. Meist Pappe und ganz, ganz dünn Leder. Nur wie ein Hauch. Ich habe sie dann aber noch mitgenommen. Das Fräulein sagte, daß das viele Leute machen, da es eben doch nur ein Paar gute Filzschuhe gibt. Ich habe mir eine gute Stroheinlegesohle zu 30 Pfennig gekauft, zu hause habe ich mir gleich überall, also auf Sohle und Absatz, Gummi draufgenagelt und ich glaube, die Schuhe halten mir gut über den Winter. Warme Füße habe ich heute auch drin gehabt. Die guten Filzschuhe ziehe ich mir an, wenn ich abends ruhig dasitze. Die Absätze an den Schuhen von Jörg habe ich heute auch fertig gemacht. Um nicht gleich zu viel Leder zu verbrauchen, habe ich den Gummiabsatz drauf gelassen und nur die abgetretenen Ecken abgeschnitten und durch Lederecken ersetzt. Darauf habe ich dann die runden Absatzeisen genagelt.  Sonst sind ja die Absätze gleich wieder schief. 
Heute Nachmittag kamen dann 2 Päckchen von Dir an. Ich dachte erst, es seien die, die Du zuerst weggeschickt hast. Es war aber nicht der Fall. Für die Seife danke ich Dir sehr. Da bin ich ja nicht mehr knapp dran. Du wirst doch sicher nicht dagegen haben, wenn ich Vater zwei Stück davon gebe?  Auch das Paket Lux kann ich sehr gut brauchen, gerade für so schöne Unterwäsche, wie Du sie mir heute wieder geschickt hast. Die ist wieder fein und es freut mich, daß die Höschen wieder diesen praktischen Gummizug hinten herum haben. Da haben sie so einen guten Sitz. Ich danke Dir auch für die Wäsche wieder ganz besonders. 
Ich habe übrigens Jörg an den Federhalter, den er heute bekommen hat, eine Feder machen müssen und der Federhalter ist jetzt nur dazu da, daß er an Dich schreiben kann. Er will mit dem Federhalter nur an Dich schreiben, sonst darf er nicht benutzt werden.  Beim Schuheinkauf haben Beide außer einem Heft noch eine Trillerpfeife bekommen. Da haben sie wenigstens etwas, womit sie Krach machen können, sie sind ja sonst immer so still. Meinst Du nicht auch? 
Ohne daß ich es gemerkt habe, ist es jetzt schon 10 Uhr geworden und beinahe hätte ich die Nachrichten verpaßt. Es ist doch schön, daß ich an Dich schreiben kann. Da bin ich doch nicht so einsam.  Nach den Nachrichten werde ich auch gleich schlafen gehen. Nur das Apfelmus muß ich noch durchstampfen. Schlaf auch Du gut, mein lieber Mann! Mein lieber Ernst!
Es ist jetzt 5 Uhr und ich bin gerade vom Garten gekommen. Nimm deshalb bitte mit einem kurzen Gruß vorlieb. Ich schreibe heute Abend wieder. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Post habe ich heute von Dir nicht bekommen.


Mein lieber Ernst!                                                 Konstanz, 31.10.40

Heute ist es spät geworden, ehe ich zum schreiben gekommen bin, bereits 11 Uhr. Vater war bis jetzt da und hat fast den ganzen Abend erzählt. Er ist eben auch froh, wenn er jemand hat, der zuhört. Meine Freude, Dir zu schreiben, will ich mir aber nicht nehmen lassen. 
Heute Nacht hatten wir den ersten Frost, 2 Grad Kälte. Da haben unsere Dahlien die Köpfe hängen lassen. Ich will sie morgen abschneiden. Am Vormittag war es noch ziemlich kalt. Da habe ich Helga‘s Mantel ausgebessert. Als es mittags aber wärmer wurde, da die Sonne schien, hielt es mich nicht länger und ich habe meinen Plan ausgeführt, endlich den Garten hinterm Haus umzugraben. Dabei haben mich ziemlich die Brombeeren gestört, die überall herumhingen. Als ich sie mir näher besah, bemerkte ich, daß da viele braune, verdorrte Zweige bzw. Ranken da waren. Da habe ich mich entschlossen, doch noch ein bißchen Ordnung in diese Wildnis zu bringen. Ich habe die braunen Ranken entfernt und die neuen Triebe richtig gelegt und einige festgebunden. Jetzt sieht es wieder ganz gut aus. Daß sich die Brombeeren aber an mir gerächt haben, könntest Du an meinen Händen und Armen sehen.
Froh bin ich aber doch, daß ich´s fertiggebracht und mich nicht so dumm angestellt habe. Nach dieser Arbeit habe ich den Garten fertig umgegraben. Als Arbeit für morgen, vorausgesetzt natürlich, daß es nicht wieder geschneit hat, habe ich mir vorgenommen, die Möhren raus zu machen und einzukellern. Ich kann das nur nachmittags machen, da ich vormittags Wäsche habe. Kraut ist ja nicht so empfindlich, da kann ich noch ein paar Tage warten, ehe ich es zusammen setze. Das Kraut und die roten Rüben setze ich aber hinter der Brombeerhecke ein, da ist es ziemlich geschützt. Man hatte gar nicht damit gerechnet, daß es so bald Winter werden würde.  Ich habe Vater heute noch ein paar Äpfel mitgegeben von solchem, die man bald essen muß. Im Gespräch hatte ich rausgehört, daß er sich seine Äpfel sehr einteilt, damit sie eine Weile reichen. Als ich ihm welche mitgeben wollte, hat er sich gar nicht dagegen gewehrt, sonder er hat sich sehr gefreut, ebenso über die zwei Stück Seife, die ich ihm mitgegeben habe. Da habe ich mich dann auch gefreut.
Du weißt ja, ich mag das gar nicht, wenn man vorher erst so ein Theater macht.  Wie froh bin ich jetzt, wo es so schnell kalt geworden ist, daß Du mir noch die Doppelfenster rein gemacht hast. Es zieht doch nicht so durch.  Ich habe jetzt schon ein paar Mal von unseren Hauspänen verbrannt. Da habe ich jedes Mal an unsere Spaziergänge denken müssen. Das waren auch schöne Tage, als wir die Hauspäne zusammen gesucht haben. Kannst Du Dich noch an das eine Mal erinnern, wo ich mir die Jacke ganz voll Harz geschmiert hatte? Jetzt tut uns das Holz gute Dienste, denn es gibt viel Wärme.
Was sagst Du eigentlich dazu, daß sich die Griechen noch in den Krieg haben hineinziehen lassen. Daß die nichts gelernt haben. Man kann es kaum glauben, daß es noch ein Volk gibt, das aus den vielen Niederlagen der Engländer bzw. deren Verrat an kleinen Völkern, nicht den Schluß zieht, sich allem fern zu halten. Aber an unserem lieben Nachbarn, der Schweiz, haben wir ja ein wahres Musterbeispiel davon, daß die Dummen nicht alle werden. Ich glaube, jetzt wird es aber Zeit für mich, daß ich schlafen gehe, es ist ¾ 12 Uhr.
Gute Nacht, mein lieber, lieber Schatz, mein lieber Ernst!

Brief 81 vom 29.10.1940


Mein lieber Ernst!                                                            Konstanz, 29.Oktober 40.  

Heute ist es schon ½ 4 Uhr, ehe ich dazu gekommen bin, an Dich zu schreiben.
Ich habe den ganzen Vormittag Kraut eingehobelt. Nachdem ich im Garten noch einige Krautköpfe stehen gelassen habe, für Krautwickel usw., habe ich doch den ganzen Topf voll Kraut eingehobelt. Dabei habe ich noch abgeschnittenes Kraut übrig. Ich glaube, das Sauerkraut langt uns. 
Eben kam der Briefträger und brachte mir zwei Päckchen von Dir, aber keinen Brief. Der letzte Brief von Dir war vom 22.10. In den Päckchen, für die ich Dir herzlich danke, waren Handschuhe, Schokolade, Zucker, Leder, eine Batterie und Kaffee. Ich habe mich sehr über alles gefreut. Die Handschuhe passen fein und sie gefallen mir sehr gut.
Lieber Ernst, sind das die zweiten Päckchen? Denn die Bluse, das Jäckchen und Strümpfe waren nicht drin. Vielleicht kommen diese Päckchen später, wenn auch wieder ein Brief von Dir kommt. 
Ich bin sehr froh, daß ich jetzt wieder eine Batterie habe. Da brauche ich im Keller nicht immer so im Dunklen tappen.  Über das Leder freue ich mich auch sehr. Bei den Schuhen von Jörg tut‘s not, daß ein paar richtige Absätze drauf kommen. Die Gummiabsätze sind ja ganz abgetreten. Du bist halt ein ganz lieber Kerl, Du sogst für alles. Die Schokolade hebe ich noch auf. Ich danke Dir also nochmals für all die schönen Sachen, auch für die schönen Handschuhe. Sind Deine Handschuhe auch braun oder grau? Hast Du Dir eigentlich schon eine Schirmmütze gekauft, oder gibt es dort auch keine? Ich würde mich so freuen, wenn ich wieder einen Brief von Dir bekäme. Ich hoffe ganz fest auf morgen früh. Das kann doch die Post gar nicht verantworten, mich solange warten zu lassen, bist Du nicht auch der Meinung? Deine beiden lieben Päckchen habe ich ja heute erhalten und drum will ich nicht maulen. 
Ich soll Dir auch noch schreiben, daß Jörg mir brav geholfen hat beim Einhobeln. Er hat die Blätter auf den Komposthaufen geschafft, nachdem er mir früh schon das ganze Kraut raufgeholt hat. Auch gestampft hat er ein bißchen mit. War er nicht brav? Die Blätter habe ich vorhin noch richtig auf den Komposthaufen aufgeschichtet, damit alles ein bißchen ordentlich aussieht. 
Das Wetter hat sich heute ein klein wenig gebessert. Es ist zwar noch ganz bedeckt, aber wenigstens nicht naß. Wenn sich‘s  eine Weile hält, kann ich bald den Garten umgraben.  Ich habe jetzt schon manchmal gedacht, wie gut es doch war, daß Du Anfang Oktober hier warst und nicht erst jetzt. Erstens ist es jetzt schon ziemlich kalt und außerdem so unfreundlich.
Von Fahrten nach Immenstaad, Meersburg oder der Mainau hätten wir jetzt gar nichts mehr. Und gerade diese Fahrten und Spaziergänge waren doch so schön und man erinnert sich so gern daran. 
In Deinem Brief vom 22. schreibst Du, daß Ihr zu einer Brandstelle gerufen worden seid. Was müßt Ihr da tun?  Nun wird es wieder Zeit, daß ich den Brief fortbringe. Ich danke Dir noch vielmals für Deine lieben Päckchen und grüße und küsse Dich recht herzlich Deine Annie.

 Mein lieber Ernst!                                                     29.10. abends

 Ich bin jetzt gerade mit meinem Tagewerk fertig, es ist 10 Minuten vor 10 Uhr. Jetzt wird im Radio „Der Lügenlord“ gesungen. Das höre ich doch besonders gern. 
Bis ½ 10 Uhr war Vater da. Ich habe bis jetzt gebügelt, da wir morgen Vormittag zur Sparkasse gehen wollen, da komme ich nicht dazu. Vater hat den Kindern je 25 Pfennig gegeben, die sie noch mit sparen sollen. Da war die Freude groß.  Morgen Nachmittag soll ich Vater die Erdbeersetzlinge raus machen. Er holt sie morgen Abend.  Heute Abend habe ich den Kindern wieder vorgelesen. Da solltest Du sehen, wie sie nach dem Abendessen springen, damit noch Zeit zum Vorlesen bleibt.  Eins macht gleich die Fensterläden zu und deckt die Betten auf, das andere räumt die Butter, Brot usw. vom Tisch und holt den Verdunklungsvorhang. Inzwischen habe ich dann abgewaschen. Nun wird noch die Tischlampe geholt, die blendet nicht so, dann werden die Stühle zu mir an die Seite gerückt, damit auf jeder Seite einer sitzt und nun wird vorgelesen. Das Märchen gefällt den Kindern sehr. Immer betteln sie, daß ich noch ein paar Seiten mehr vorlesen soll, bis es dann höchste Zeit zum schlafen gehen ist.  Die letzten Tage hatte ich immer meine alten Handschuhe angezogen, weil mir die neuen von Dir zu schade waren. Da es mir aber immer so durch die Ärmel zog, habe ich heute doch die neuen Handschuhe, die dunkelgrünen, die auch so schöne hohe Stulpen haben, angezogen. Das war schön warm, einfach prima. 
Nun möchte ich Dich noch etwas fragen. Du hast doch eine Skimütze. Du hast sie ja in den letzten Jahren wenig aufgesetzt. Sie paßt nun Jörg gerade, Du weißt ja, er hat einen ziemlich dicken Kopf. Da wollte ich Dich fragen, ob er sie mit aufsetzen darf. 
Ich habe heute Vater nochmals gefragt, was Du ihm besorgen sollst. Vor allen Dingen Kaffee und evtl.  etwas zu rauchen. Aber vor allen Dingen solltest Du uns erst schicken, sagte er, das wäre am wichtigsten. Aber ich glaube, er freut sich auch, wenn Du mit an ihn denkst.  Heute hat er mir wieder 1,30 für‘s waschen gegeben, nachdem er mir vorige Woche schon ½ Pfund Margarine gebracht hat. 
Lieber Ernst, ich schreibe Dir gern abends noch ein paar Zeilen, denn da bin ich mit schaffen fertig und kann ausspannen.  Da kommt es auch auf ein paar Minuten mehr nicht an. Anders bei Tag. Da habe ich meist immer zu tun und bis 5 Uhr sollte ich fortfahren, da es sonst zum Abendbrot zu spät wird.
Denken tue ich ja den ganzen Tag an Dich und ich habe auch immer Dein liebes Bild vor mir, ich brauche nur den Kopf zur Seite zu wenden.  Ich schrieb Dir heute, daß ich gern an die Fahrten nach Meersburg, Immenstaad und Mainau denke. Als ich das schrieb, habe ich mir alles nochmals genau vorgestellt und dabei habe ich gemerkt, daß es besser ist, ich denke daran nur wie an einen schönen Traum. Wenn ich mir alles nochmals genau vorstelle, tritt der Unterschied zwischen den schönen Tagen, als Du hier warst und heute doch zu sehr zu Tage. Es ist besser, man denkt nicht zu viel nach, sondern tut seine tägliche Pflicht. Da vergehen die Tage auch und Dein nächster Urlaub kommt näher. Und darauf will ich mich immer freuen. 
Es ist nun ¾ 11 Uhr. Vielleicht bist Du auch schon im Bett. Ich gehe jetzt auch schlafen. Schlaf Du auch gut, mein lieber Mann.  Wenn es auch besser ist, wenn man nicht so viel nachdenkt, an eins denk ich doch immer, daß Du mich auch lieb hast, wie ich Dich lieb habe. Das ist meine tägliche Freude. 
30.10.     Mein lieber Ernst!
Da wir heute früh in der Stadt waren und spät zum essen gekommen sind, schreibe ich Dir jetzt nur ganz kurz. Heute Abend schreibe ich Dir wieder. Heute früh kam Dein lieber Brief vom 24.10. und heute Nachmittag zwei Päckchen mit Seife und Unterwäsche. Ich habe mich fest gefreut. Die ersten zwei Päckchen sind noch nicht angekommen. Wahrscheinlich sind sie irgendwo liegen geblieben, wie es ja früher schon einmal der Fall war. Ich danke Dir für die Päckchen einstweilen recht herzlich. Deinen lieben Brief beantworte ich heute Abend.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Brief 80 vom 27./28.10.1940


Mein lieber Mann!                                              27.Oktober 40      

Nun ist schon bald der Sonntag wieder vorbei, das Wunschkonzert hat auch schon begonnen. Wetter zum fortgehen ist heute auch keins, also sind wir zuhause geblieben. Es wird jetzt schon ziemlich kalt, da die Sonne durch die Nebelschicht nicht durch kommt. Die Kinder trösten sich darüber, daß sie nicht mehr so raus können, indem sie sich gegenseitig immer wieder versichern, daß es drin doch viel schöner sei und man auch viel schöner spielen könne.
Wie mir Helga erzählte, geben die elsäßischen Lehrerinnen, die zum Umlernen hier sind, den Kindern nächste Woche Unterricht und die Lehrerin schaut zu. 
Ich habe heute ein bißchen gefaulenzt. Ich habe mir den Zeitungsroman „Sturm auf Zeebrügge“ vorgeholt und gelesen. Dieser ist gerade jetzt, wo wir die Küste besetzt haben, interessant. Was wirst Du heute tun? Ob Du auch wieder auf das Wunschkonzert hörst?
Einen Brief habe ich heute nicht bekommen, dafür ja aber die vergangenen Tage immer. Aber freuen tue ich mich doch schon fest auf den nächsten Brief von Dir. Jetzt fängt es sogar an, einzelne Flocken zu schneien. Es ist eben doch schon bald Winter.  Sei Du, mein lieber, allerliebster Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

 Mein lieber Ernst!                                            Konstanz, 27.10. abends

Heute Abend will ich Dir nur noch erzählen, wie ich den Kindern heute mit so kleinen Mitteln eine große Freude machen konnte.  Als ich nachmittags den Brief an Dich geschlossen hatte, kam mir eine Idee. Ich weiß doch, daß die Kinder sehr gern Omnibus fahren. Da habe ich sie nun gefragt, ob sie den Brief an Dich wegschaffen wollen. Sie sollten bis zum Lutherplatz fahren, nach der Post laufen und wieder zurückfahren. Da ging ein Freudengeheul los. Sie sind dann auch gefahren und nach 1 Stunde waren sie wieder da. Den ganzen Abend haben sie sich noch gefreut, daß sie wirklich einmal allein fahren durften. Sie haben schon gesagt, am liebsten machten sie das am nächsten Sonntag wieder. Da habe ich aber gleich abgebremst. Das ganze Vergnügen hat 40 Pfennig gekostet und hat viel Freude ausgelöst. 
Als die Kinder wieder heimkamen, haben wir Abendbrot gegessen und dann mußte ich wieder vorlesen. Beide sind immer den ganzen Tag schon gespannt, wie das Märchen weitergeht.  Bei Jörg ist das Auge doch immer noch dick und der Arzt sagte damals, vielleicht geht es durch warme Umschläge wieder weg. Diese habe ich ihn während des Vorlesens machen lassen. Damit er nun nicht allein ist, habe ich Helga über beide Augen feuchte Umschläge machen lassen, da sie doch immer so blinzelt und sagt, daß ihr die Augen weh tun, darum müßte sie so blinzeln. Sie haben ihr gut getan und ich habe den Kindern angekündigt, daß wir das jeden Abend beim vorlesen machen werden. Beim Vorlesen brauchen sie ja nicht sehen, sondern nur hören. Im Übrigen muß man die Augen pflegen und nicht leichtsinnig damit umgehen. Das meinst du doch sicher auch? 
Nachdem es jetzt auf einmal so kalt geworden ist, bin ich froh, daß ich die schönen Tage zum Umgraben ausgenutzt habe. Da war es noch schön warm. Die Doppelfenster kann ich auch schon ganz gut gebrauchen. Vor ein paar Tagen schrieb ich Dir noch, daß ich den Ofen sauber gemacht habe, da man jetzt bald mit dem heizen rechnen muß und nun habe ich die beiden letzten Tage schon Feuer machen müssen. Es hat mich gefreut zu merken, wie gut der Ofen wieder brennt. Es ist ganz mollig in der Küche. Von jetzt an werde ich mir für den Abend wieder Strickzeug fertig machen.  Darauf freue ich mich schon ein bißchen, fast mehr als auf´s nähen. Letzteres mache ich ja bei Tag.  Nun will ich schlafen gehen. Gute Nacht, mein lieber Schatz. 

                                                                                             28.Oktober   
Lieber Ernst!
Wir haben jeden Tag das gleiche Wetter.  Es nieselt so runter und ist trüb und unfreundlich. Da ist man immer an die Stube gefesselt.  Heute habe ich auch keinen Brief von Dir bekommen, ich weiß zwar nicht genau, ob der Briefträger heute Nachmittag schon vorbei ist.  Ich nehme nachher das Päckchen mit den Honigbehältern mit zur Post. Es wird Dir sicher nichts ausmachen, daß ich sie nicht schon am Samstag geschickt habe.  Morgen hoble ich nun das Kraut ein. Mal sehen, wie viel es gibt. Sauerkraut ist doch immer was Gutes, vor allen Dingen im Winter, wenn das Gemüse knapp ist. 
Am Mittwoch ist Spartag. Da hat Helga schon in der Schule ein Spiel und ein kleines Liederbuch bekommen, die alle vom Sparen handeln. Nun hat die Lehrerin gesagt, wenn sie am Spartag Geld auf die Kasse bringen, bekommen sie evtl. noch was. Das hat sie beide, Helga und Jörg, nicht ruhen lassen. Wir haben gleich ihre Sparbüchsen geleert und am Mittwoch bringt jeder 1,50 fort. Helga singt jetzt nichts weiter als die Sparlieder wie z.B. Ich spar mir mein Geld, denn ich bin ja nicht dumm, nein, nein, ich schlepp auch kein Geld in der Tasch‘. Dann hab ich nur Angst, daß ich alles vernasch‘, nein , nein, nein, nein,  nein nein.“ Oder „Pfennig, Pfennig, bist nur so klein, aber in Scharen, will ich Dich sparen, Pfennig, Pfennig, bist nur so klein.“ In dem Büchlein sind nun sieben Lieder mit je 3 bis 4 Versen, alle auf bekannte Kinderlieder-Melodien. So bringt man die Kinder zu sparen. Das Büchlein ist außerdem mit bunten Bildern ausgestattet, da nehmen´s die Kinder noch mal so gern in die Hand.  Eben kam der Briefträger, aber für mich hatte er nichts. Vielleicht bekomme ich morgen dafür desto mehr.  Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein lieber Ernst!                                                 Konstanz, 28.Okt.40

Heute schicke ich Dir die gewünschten Honigbehälter. Ich hätte sie ja schon am Samstag wegschicken können, aber da hatte ich keine Zeit zum backen. Ich hoffe, daß Dir die Gewürzkuchen schmecken. Da ist Schokolade von Dir mit drin.  Ich habe Dir zwei Kartons geschickt, da ich nicht weiß, ob Du dort so einfache welche bekommst, ich meine Kartons zum Fett schicken. Ich weiß ja nicht, wie viel es ist. Auf jeden Fall wiegt Fett schwer und mit einem großen Karton ist Dir da wenig genützt, da die Päckchen ja nur ein Pfund wiegen dürfen. Ich habe Dir mal alle Honigbehälter geschickt. Du mußt mich nicht auslachen, wenn es zu viele sind, wegschmeißen kannst Du sie ja immer noch. Sei recht herzlich gegrüßt und nimm viele Küsse von Deiner Annie.