Dienstag, 20. Dezember 2016

Brief 259 vom 23.12.1941


Mein lieber Mann!                                                                   Konstanz, 23.12.41                     

Viele liebe Grüße habe ich heute von Dir erhalten. Deinen Weihnachtsbrief, den Brief vom 19.12. und das Päckchen 41. Über alles habe ich mich sehr gefreut. Beim lesen Deines Weihnachtsbriefes habe ich die vergangenen Weihnachtsfeste direkt noch einmal erlebt. Es ist, wie Du schreibst, mit jedem Weihnachtsfest hatte sich unsere wirtschaftliche Lage etwas verbessert. Es erfüllt mich aber immer wieder mit Freude, daß wir auch in der schlechtesten Zeit nicht unzufrieden waren und uns mit Klagen das Leben schwer gemacht haben.
Eine wirkliche Überraschung hast Du mir bereitet, indem Du mir mitteilst, daß Du zum K.V.Assistenten ernannt worden bist. Das freut mich aber. Nun hatte doch Deine Mühe im Frühjahr auch dort einen Zweck. Fein ist das.
Du mußt keine Angst haben, daß ich den Kindern ihre Weihnachtsfreude verderbe. Ich weiß, daß es mir hart ist, ohne Dich das Fest zu verleben, aber das mache ich mit mir allein aus. Die Kinder sollen unbeschwert fröhlich sein können. Sie freuen sich ja schon so lange darauf. Ich habe schon alles soweit vorbereite. Auch den Weihnachtsbaum habe ich heute am Vormittag schon geputzt. Der Kuchen für Vater, ein Gewürzkuchen, ist auch schon gebacken, eingekauft habe ich auch. Da gibt es morgen gar keine Hetzerei und wir können vorher noch ein bißchen zusammen singen, spielen und von Weihnachten erzählen.
Meine Gedanken richten sich auch schon wieder auf Deinen Urlaub, der ja, wenn alles glatt geht, nicht mehr in allzu weiter Ferne liegt.
Da muß ich Dich gerade noch etwas fragen. Ich habe hier noch eine Kleinigkeit für Dich zu Weihnachten gekauft und wollte es Dir gleich nach den Feiertagen zuschicken. Nun ist aber die Feldpostsperre bis 4.1. verlängert worden. Soll ich es Dir nun nachher noch zuschicken, oder soll ich bis zum Urlaub warten? Und soll ich die verschiedenen Kartonstücken noch hinschicken?
Du hast ja wieder verschiedene Päckchen auf den Weg gebracht. Sag mal, behältst Du denn auch genügend Mandarinen für Dich dort? Du sollst doch nicht nur uns damit versorgen. Das Puddingpulver hast Du auch nicht vergessen. Ich muß schon sagen, Du machst Dir viel Mühe wegen uns und siehst zu, daß Du etwas für uns bekommst. Ich möchte Dir immer wieder dafür danken.
Die Puppen für Helga sind ja nun vorhin mit dem Päckchen auch noch rechtzeitig angekommen. Das freut mich und doch Dich auch. Sie gefallen mir gut und Helga wird eine große Freude damit haben. Das Buch „Sperrfeuer um Deutschland“ werde ich in nächster Zeit auch mit lesen.
Die Bücher von Papa habe ich nun doch nicht vorher ansehen brauchen. Ich habe sie mit geschlossenen Augen ausgepackt, habe die erste leere Seite aufgeschlagen, auf der die Widmung steht. Danach sind die 4 großen Bücher für uns Beide, bzw. für mich bestimmt. Nachdem ich das wußte, habe ich sie mit der Rückseite nach vorn auf meinen Weihnachtstisch gestellt und kann mich nun morgen noch überraschen lassen. Die Kinder wollen mich ja auch noch beschenken. Da werde ich nachher zu staunen haben.
Ich stelle mich vielleicht dumm an, aber ich weiß nicht genau, was ich Dir für Unterlagen von der Ahnenforschung schicken soll. Mehrere Schreiben? Vielleicht kannst Du mir an Hand des Ahnenpasses, den Du ja noch dort hast, schreiben, was Du brauchst. Etwas Größeres könnte ich jetzt nicht schicken, da die Briefe nur 50 g wiegen dürfen.
Der Schinken ist noch nicht schlecht. Ich habe ihn immer am offenen Fenster liegen. Jetzt, über Weihnachten, werden wir auch wieder davon essen. Zu teuer hast Du ihn damals bestimmt nicht bezahlt.
Ich gehe nachher noch mit den Kindern in die Stadt. Erst wollen wir die Photos abholen, die ich von den Kindern gemacht habe. Wenn sie etwas geworden sind, schicke ich sie Dir mit. Hinterher bringen wir den Brief noch auf die Post in der Stadt da Jörg so gern einmal den brennenden Baum auf der Marktstätte sehen möchte. Diesen Wunsch kann man ihm ja gern erfüllen. Aber ehe wir gehen, muß ich ihm erst noch seine Trainingshose stopfen, in die er vorhin gerade einen schönen Dreiangel gerissen hat. O, diese Buben, das sind doch Kerle. Diese Löcher kommen ja immer ganz von selbst, sie haben gaaaarnichts gemacht. Die Mädels sind da doch braver, meinst Du nicht auch?
Doch nun laß mich schließen. Sei recht, recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Brief 258 vom 21./22.12.1941


Mein liebster Ernst!                                                  Konstanz, 21.12.41                       

Einen Sonntagsgruß habe ich heute von Dir bekommen, Deinen lieben Brief vom 18.12.
Die Kinder sind sehr stolz, daß Du Dich über ihren Brief gefreut hast. Nicht wahr, Helga schreibt schon ganz gut. Es kommt eben durch die längere Übung. Mit Jörg seiner Schrift bin ich bis jetzt auch zufrieden.
Die Mandarinen sind wirklich eine willkommene Abwechslung. So etwas haben wir hier ja nicht. Die, die gestern angekommen sind, heben wir für Weihnachten auf. Da werden sie uns auch munden.
Die Essenkocherei für die Kinder ist nicht so schlimm. Ich habe mich schon daran gewöhnt. Es ist ja nur 3/4 Stunde Unterschied, da stelle ich den Topf mit den Kartoffeln mit dem Bügeleisenuntersetzer auf den Ofen. Da halten sie warm, brennen aber nicht an. Bei Eintopf ist es ja einfach.
In dem ersten Paket von Papa waren u,a. 1 Paar Lackschuhe von Mama, 1 Paar Lederhausschuhe, die Helga beide bald tragen kann. 1 weißer handgestrickter Unterrock, wieder einige Hemden, auch ein gestreiftes für Vater, 2 neue Schürzen, 1 Frottierhandtuch, die hohen Schuhe, 1 Hauskleid, 2 ältere Kleider. Aus einem habe ich Jörg Trainingshosen gemacht. Aus dem anderen kann sicher Helga noch was gemacht bekommen. Alte Schlüpfer, davon 2 gestrickte. Da sie so nicht mehr zu brauchen waren, habe ich aus einem für Helga`s größte Puppe 1 Strickkleid gemacht und habe es rosa umhäkelt. Es ist fein geworden. Aus dem anderen bekommt Jörg`s Bär einen Strampelanzug. Es findet alles seine Verwendung.
Nun will ich zum wichtigsten des heutigen Tages kommen, wenigstens für unsere Kinder, unser Theaterbesuch. Die Kinder waren wieder ganz begeistert. Ihnen ist Theater noch lieber als Kino. Es war wirklich ganz schön. Ich bin nur immer noch von Leipzig früher verwöhnt. Aber diesen Maßstab kann man ja an das kleine Theater nicht anlegen. Jedenfalls hat es den Kindern wunderbar gefallen und das ist ja schließlich die Hauptsache. 
Jetzt ist doch zur Sammlung von warmen Wintersachen aufgerufen worden. Die 2 bunten Schals von den Kindern wollte ich geben, da sie ja noch welche von Mama haben. Doppelt brauchen wir ja nicht, wenn die Soldaten draußen frieren müssen. Von den Pullovern werden wir ja keinen weggeben können, denn gut hast Du ja nur 1 mit und 1 ohne Ärmel. Schreibe mir darüber recht bald, da ja die Sammlung schon am 27. anfängt.
Was sagst Du zu dem Weihnachtsgeschenk von Vater. Denke Dir, 40 Mk. Ich habe es ihm auszureden versucht, aber er wollte es einfach geben. Er verdiene jetzt und habe seine Rente. Er spart übrigens als einziger in seinem Betrieb eisern, 26.- im Monat.
Ich will jetzt noch mit den Kindern zu ihm runter gehen. Sein Wecker ist nämlich kaputt und die Uhr geht nicht. Da will ich ihm den kleinen Wecker borgen. Er hat gestern vergessen, ihn mitzunehmen und zum öfteren Raufkommen tun ihm die Füße zu weh.
Laß mich darum für heute schließen. Verlebe die Feiertage noch recht froh und sei herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein lieber Ernst!                                                        Konstanz, 22.12.41

Einen Brief habe ich bis jetzt nicht bekommen. Vielleicht bringt der Briefträger nachher noch einen. Er kommt nämlich jetzt immer später, da er wegen der vielen Pakete nicht mit dem Rad, sondern mit einem Posthandwagen fährt. Das geht natürlich bedeutend langsamer. Heute bekam ich das Zeitungspaket von Papa mit einem schönen schwarzen Muff und einem Seidentuch von Mama.
Zu lesen habe ich über die Feiertage, es sind wieder Berliner Illustrierte, Koralle, Neue J.Z. Grüne Post usw. Es ist gerade richtig angekommen.
Das Weihnachtszimmer ist nun wieder für die Kinder gesperrt. Ich habe schon soweit vorgerichtet. Morgen schmücke ich den Baum. Für Vater werde ich morgen für Weihnachten noch einen Kuchen backen. Er weiß noch nicht, ob er zum Backen kommt, und wenn er es tut, kommt er doch vor den Feiertagen nicht dazu. Da haben wir mit dem Kuchen gleich noch ein Weihnachtsgeschenk für ihn.
Bei uns ist es seit Freitag kalt geworden, von mildem Wetter ist nichts mehr zu spüren. So kalt, daß es nicht gut auszuhalten ist, ist es natürlich nicht. Nach den milden Tagen vorher erscheint es nur kälter.
Ich fahre nachher noch in die Stadt und kaufe alles ein, damit ich mich nicht die zwei letzten Tage so rumdrängen muß. Viel ist es ja sowieso nicht, was ich noch zu besorgen habe, denn am Ende der Woche will ich auch noch was auf den Karten haben. Wir haben aber über die Feiertage etwas Wurst, Käse und noch Schinken von Dir. Das reicht gut. Von dem Schinken will ich auch Vater noch was geben, ich habe noch genügend da.
Von  Dora erhielt ich heute eine Weihnachtskarte. Sie schreibt, daß sie unseren Kindern etwas schicken wollte, daß sie aber nichts bekommen konnte.
Wenn Du diesen Brief erhältst, sind wahrscheinlich die Feiertage schon fast oder überhaupt vorüber. Ob Du wohl nach Lille gefahren bist. Nun, Du wirst es mir ja schreiben.
Gestern habe ich mich schön verhunzt. Als ich mir gestern den Clip an meinem Schal machen wollte, habe ich nicht den Schal sondern meinen Hals erwischt. Da habe ich nun eine schöne Blutblase. Das kann doch nur mir passieren, nicht wahr?
Laß mich nun schließen. Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.
Der Großhändler Grießer ist zu 15 000,-Mk Strafe wegen Preistreiberei verurteilt worden. Außerdem ist ihm der Importhandel mit Obst und Gemüse entzogen worden. Daß diese Leute doch nie genug verdienen können.

Brief 257 vom 20.12.1941


Mein liebster Ernst!                                                               Konstanz, 20.12.41                  

Heute bin ich nun mit Briefen wieder verwöhnt worden. Gleich 3 Briefe bekam ich von Dir, vom 14., 16. und 17.12. Ich danke Dir recht sehr dafür. Als erstes mußte ich gleich lesen, daß Du bei rohen Klößen und Sauerkraut gern einmal dabei wärst. Schweinefleisch sollte auch nicht fehlen. Du lieber Kerl, diesen Wunsch werde ich mir merken und ihn Dir bei Deinem nächsten Urlaub erfüllen.
Alle Kleider für ihre Puppe habe ich Helga noch nicht gezeigt. Ich will sie damit zu Weihnachten überraschen.
Sobald die Feldpostsperre aufgehoben ist, schicke ich die verschiedenen Kartonstücke an Dich ab. Ich habe ja alle, die sich noch verwenden lassen, aufgehoben.
Gerade kamen Deine Päckchen 38 mit Mandarinen und 39 mit Knäckebrot, Bonbons und Fruchtstangen an. Von dem Knäckebrot habe ich den Kindern schon etwas gegeben, denn sie sind ja ganz wild darauf. Ich möchte Dir für alles wieder danken.
Wenn in einem weiteren Päckchen noch Tabak ist, so werde ich den vielleicht für Papa aufheben, denn er hat ja im Januar wieder Geburtstag.
Es freut mich, daß Ihr Euch auch einen Christbaum bestellt habt. Hoffentlich bekommt Ihr einen schönen. Es soll doch auch bei Euch weihnachtlich sein. Lieber Ernst, sei nicht so traurig und laß Dir das Weihnachten nicht verderben. Mit unseren Gedanken sind wir ja auch ganz besonders zu Weihnachten bei Dir und wenn Du auch an uns denkst, sind wir doch in Gedanken beisammen verbunden. Du erlebst nun ein Weihnachten bei den Soldaten. Vielleicht wird Dir das später auch eine schöne Erinnerung. Vielleicht erleben wir dann das kommende Weihnachten zusammen, daß Du da Urlaub bekommst, denn der Krieg wird ja wohl auch dann noch nicht zu Ende sein.
Nanni wird sich sicher über  das Kaffeepäckchen freuen. 50 g haben wir jetzt zugeteilt bekommen. Aber wenn dann davon der Appetit geweckt worden ist, kann sie dann zu Deinen Päckchen greifen.
Wir wollen uns nun nicht mehr ärgern, daß Du jetzt nicht auf Urlaub kommen kannst. Wenn Du wirklich Mitte Januar kommen könntest, wäre es fein und man könnte sich jetzt schon ein wenig darauf freuen. Aber nur erst ein wenig, damit man nicht so sehr enttäuscht ist, wenn es dann nicht so wird. Es ist wirklich nicht schön, daß Du erst Ärger haben mußt, bis man den Urlaub bewilligt. Es sollte doch eigentlich so sein, daß keiner vorgezogen und keiner benachteiligt wird. Aber so ideal wird man es wohl selten antreffen. Ich weiß wohl, daß Du Dich nach dem richten mußt, was Dir befohlen wird und ich sehe es auch vollkommen ein. Ich bin doch nicht unvernünftig, oder doch? Du bist mir doch wohl nicht böse, daß ich über Dein Nichtkommen so enttäuscht war. Ich wollte Dich bestimmt nicht ärgern.
Es war kein Roman, wie ich erst annahm, der in Eurer Zeitung von Überlingen stand, sondern nur eine Novelle. Da war auch vom Haldenhof die Rede. Da habe ich gleich wieder an unsere Fahrt dorthin denken müssen.
Das Spielzeug für Jörg ist nicht ganz. Ich bin gespannt, ob er die Kanone zusammen bekommt.
Du hast wirklich mit Deinem Mehlpäckchen Pech gehabt. Aber ich weiß es ja jetzt wieder aus unserem Keller, vor den Viechern, den Mäusen, ist nichts sicher. Wenn es nicht zu schicken geht, kannst Du das Mehl ja vielleicht bei Deinem nächsten Urlaub mitbringen. Es ist mir immer willkommen.
Wie ich Dir schon vorhin schrieb, laß Dir das Weihnachten dadurch, daß Du nicht heimkommen kannst, nicht ganz verbittern. Wenn Ihr dort Pfefferkuchen usw. bekommt, so freue Dich daran und laß es Dir gut schmecken. Es ist doch schön, daß wenigstens vom Militär aus auch für die Soldaten gesorgt wird, daß es etwas festlich ist. Natürlich ist es zuhause am schönsten, aber es geht ja nicht zu ändern und Du sollst deshalb nicht ohne Freude sein, Du mein lieber, lieber Ernst.
Von Siegfried erhielt ich heute einen Brief. Es kann nun doch sein, daß er zu Weihnachten daheim ist. Er ändert sich doch scheinbar etwas, seit er verheiratet ist. Er schreibt z.B. „Ich sehne mich tatsächlich jetzt wieder einmal nach Hause, denn wenn man jung verheiratet ist, möchte man doch ein bißchen was davon haben und wenn mich Erna zu hause so umsorgt, so bin ich wirklich glücklich.“ Er schreibt auch noch, daß er jetzt bis kurz vor Leningrad war und daß dort bis 30 Grad Kälte herrscht. Bei 20 Grad Kälte im Zug sind sie mal eingeschneit und 6 Stunden festgesessen. Da sie für ihren Heizkesselwagen kein Wasser mehr hatten und auch die Lokomotive nicht mehr am Zug war, hatten sie es im Zug so kalt. Jetzt fahren sie nach dem Entladen nach Dresden zur Reparatur. Dort muß auch der Zug entlaust werden, wie jedes Mal nach der Fahrt nach Rußland.
Eben kam Vater und brachte das Weihnachtsgeschenk für uns. 15 Mark für die Kinder und 25 Mk für uns. Ich wollte es gar nicht annehmen, aber Vater gibt nicht nach. Da ich für  die Kinder nichts mehr zu besorgen habe, werde ich das Geld sparen. Unseres sicher auch, denn mehr als 65,- kann ich Dir ja sowieso nicht schicken und das tue ich vom Gehalt. Bist Du damit einverstanden?
Wie Siegfried noch schrieb, hatte Erna am 18.12. Geburtstag. Ich werde Ihr sicher in den nächsten Tagen noch schreiben. Nun möchte ich Dir nochmals ein recht frohes Weihnachtsfest wünschen. Verlebe die Tage so froh als möglich. Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.
Mein lieber Ernst! 
Da ich gerade hier bin, will ich Dir wenigstens meine Weihnachtsgrüße übermitteln. Da Du leider nicht hier sein kannst zu Weihnachten wünsche ich Dir vor allen Dingen gesunde und frohe Feiertage und wollen hoffen, daß wir nächste Weihnachten alle beisammen sein können und gesund sind und der Krieg zu Ende ist. Verlebe die Feiertage so gut es geht und wünsche Dir alles Gute. Herzliche Grüße Dein Vater.


Brief 256 vom 18./19.12.1941


Mein lieber Ernst!                                                            Konstanz, den 18.12.41                         

Post habe ich heute keine von Dir bekommen. Nur eine Karte von Papa, daß ein drittes Paket unterwegs ist mit Zeitungen, einem Muff und einem Tuch von Mama. Da habe ich also über die Feiertage etwas zu lesen, damit es mir nicht langweilig wird.
Heute Morgen habe ich für die Kinder noch je 1 Paar Socken gekauft, damit sie sie jetzt über die Strümpfe anziehen können und später, wenn sie wieder gewachsen sind, so an bloßen Füßen.
Jetzt sind alle Weihnachtsvorbereitungen soweit getroffen. Ich wollte ja eigentlich noch verschiedenes nähen, aber ich kann einfach nicht mehr. Ich bin so kaputt, daß ich am liebsten überhaupt nichts mehr tun möchte. So habe ich jetzt die Maschine weggestellt und mache nur noch die Sachen mit der Hand fertig, die ich soweit vorbereitet habe. Es sind dies 1 gestreiftes Kleid für die zweitgrößte Puppe, 1 Dirndlkleid mit 2 Blusen (die ich noch umhäkeln muß) für die größte, 1 Strampelhöschen und Mütze für die Babypuppe. Da habe ich auch so noch genug zu tun. Helga muß eben mit dem zufrieden sein.
Ich habe heute an Papa noch einen Brief geschrieben, von dem ich Dir den Durchschlag mitschicke. Außer einer Karte, wenn ich das 3. Paket erhalte, werde ich wohl vor Weihnachten nichts mehr schreiben. An Nanni will ich noch eine Weihnachtskarte schicken, damit sie nicht ganz beleidigt ist. Ich weiß einfach nicht, was ich ihr in einem Brief schreiben sollte. Das Briefschreiben machst Du ja. Sonst glaube ich, daß ich mit den Schreiben alles erledigt habe, damit keiner sich zurückgesetzt fühlt.
Laß mich nun für heute schließe. Ich kann heute gar keinen richtigen Gedanken mehr zusammenbringen.
Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                      Konstanz, 19.12.41

Heute habe ich wieder keinen Brief von Dir bekommen. Von Papa kam einer, von dem Du sicher den Durchschlag bekommen hast, denn am gleichen Tag hat er an Dich geschrieben und ich erhielt den Durchschlag davon. Gleichzeitig kam ein Päckchen mit allen 10 Abzeichen, bzw. Kreiseln, die am kommenden Sonntag verkauft werden. Wir alle drei haben schon unsere Freude daran gehabt, denn sie tanzen richtig, und da es jeweils ein Pärchen mit verschiedenen Trachten ist, kann man sie zusammen tanzen lassen. Du hättest nur hören sollen, wie die Kinder heute schon darüber gelacht haben. Ich schrieb Dir ja vorgestern, daß sich die Kinder 25 Pfennig von dem fortgeschafften Papier gespart haben. Nun haben sie dazu wieder ihre Sparbüchse mit noch 30 Pfennig geplündert und sind heute Nachmittag in die Stadt gewandert, um mir noch etwas für Weihnachten zu kaufen. Sie wollen mich unbedingt beschenken. Helga wollte eigentlich Jörg um 3 Uhr von der Schule abholen, aber er kam schon 1/2 3 Uhr wieder. Es ist ihnen nur ihr künftiges Klassenzimmer in der richtigen Schule gezeigt worden, dann durften sie wieder nach hause gehen. Die Schule fängt am 6.1. wieder an. In der Schule ist jetzt große Räumerei, da können sie die Kinder die 2 Tage nicht noch brauchen. Böse sind sie ja deswegen nicht. Jörg ist ganz begeistert von dem neuen Zimmer und jetzt ist es schon 1 Treppe hoch, das ist doch was ganz besonderes.
Wie ich heute in der Zeitung gelesen habe, ist bei Uhink ein kleiner Werner angekommen.
Ich hatte mir ja gestern vorgenommen, nichts mehr vor Weihnachten zu nähen. Nun mußte ich diesem Vorsatz doch untreu werden. Ich ließ gestern Helga ihr gutes grünes Kleid anziehen, um zu sehen, ob alles für den Sonntag klappt. Da war es ihr doch vollkommen zu klein geworden. Sie hatte es längere Zeit nicht mehr angehabt. Was nun? Der Faltenrock, den sie sonst angezogen hätte, war ihr ja auch viel zu kurz geworden und ich habe ihn zum Mantel mit verarbeitet. Da habe ich mich an Deine blaue Hose, in die doch die Motten gekommen waren, erinnert. Ich hatte sie ja im Koffer verpackt liegen. Die habe ich vorgeholt und Helga ein sehr schönes Röckchen draus gemacht. Es hat gerade gereicht, damit die Mottenlöcher nicht stören. Viel größer hätte sie aber nicht sein dürfen. Das Röckchen reicht bis zu den Knien, so daß sie es auch noch nächstes Jahr tragen kann. Helga ist eben schon ziemlich groß, sie braucht bei Kleidern schon 90 cm Länge.
Mein lieber Ernst, ich weiß nicht, wie lange die Briefe jetzt kurz von Weihnachten unterwegs sind. Ich möchte Dir schon heute viele herzliche Weihnachtsgrüße senden. Verlebe die Feiertage gesund und denke recht oft an uns. Ich denke, daß wir am Heiligen Abend so zwischen ½ 6 und 6 Uhr bescheren werden. O Ernst, wie wirst Du uns fehlen. Ich kann es mir gar nicht vorstellen, daß es ein Weihnachten ohne Dich geben kann.
Vater wird wahrscheinlich wieder später am Abend heraufkommen.
Sei Du nun wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.


Samstag, 17. Dezember 2016

Brief 255 vom 17.12.1941


Mein liebster Ernst!                                                                    Konstanz, 17.12.41                               

Ich glaube fast, es bleibt dabei, daß ich immer erst abends zum schreiben komme. Heute haben wir am Nachmittag den Sack mit Papier und eine halbe Tasche mit Knochen weggeschafft. 65 Pfennig haben wir dafür bekommen. Davon haben die Kinder je 25 Pfennig und ich 15 Pfennig gespart. Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 13.12. Die Briefmarken hebe ich mit auf. Das ist fein, daß Du doch noch Puppen bekommen hast. Da sind ja dann alle Wünsche Helga`s erfüllt. Also Mehl schickst Du mir auch. Du bist doch ein ganz lieber Kerl. Für alles sorgst Du.
Als wir heute gegen Abend heimkamen, hatte der Briefträger bei Nußbaumers das Weihnachtspaket von Papa abgegeben. Es war ein großes Paket und auch der Inhalt ist sehr reichlich, so daß ich mit meinem kleinen Paket direkt beschämt bin. Aber es gibt bei uns wirklich nicht viel zu kaufen. Die Fremden haben soviel aufgekauft. Auch Bücher gibt es fast nicht. Du siehst ja, auch die Kuchenplatte konnte ich nicht bekommen. Ich kann es auch nicht ändern. Vielleicht kannst Du dort noch eine Kleinigkeit für Erna besorgen, aber da wirst Du mit der Kleiderkarte auch in Konflikt kommen. Ach, lassen wir es eben bis nach dem Kriege.

- In dem Paket waren drin: (ich schreibe es nach Papa`s Aufstellung:
1. 1 Stolle (Erna hat eine für uns, für Siegfried und für Papa und Erna gebacken)
2. 1 Einkaufstasche für mich
3. 1 Stück gute Seife
4. 3 Scheuertücher
5. 3 Gabeln 3 Messer, 6 große Löffel, 6 Kaffeelöffel, 1 Zuckerlöffel (noch als Erbe von Mama)
6. 1 silberner Drehbleistift für Dich von Papa
7. je 1 Taschenkalender für Dich und mich
8. Bleistifte für die Kinder und uns
9. 1 Bernsteinkette (von Mama)
10. 1 silbernes Kettchen für Helga (von Mama)
11  1 goldene Uhr von Mama für Helga (Papa schreibt: Mama hat es mir einmal gesagt, daß diese Helga als Erbe    haben soll. Du wirst sie sicher noch aufheben, denn sie ist sehr gut und wertvoll.
12. 1 Dominospiel für die Kinder
 13. 1 Sparkasse für Jörg zum zusammenbauen (Die ist noch von uns früher)
14. Zwei Albums für die Beiden (Papa hat die Bilder selber eingeklebt. „Deutsche Märchen“ „Tiere unserer Heimat“
15. 4 große und ein kleines Buch für uns und die Kinder. Ich hebe mir das Auspacken noch ein paar Tage auf. Bis zur Bescherung geht es leider nicht, da ich ja den Kindern die Bücher mit hinlegen will. Auf dem Papier steht nicht, welche für sie sind.
16. Einige kleine Beutel mit Gebäck, die Erna gebacken hat.
17. 1 Glasschale für mich von Erna.
18. 3 Taschentücher für Helga von Erna.
19. Einige Wasserfarben mit Pinsel für Jörg. (Die Farben sind ohne Kasten, eignen
sich also zum Nachfüllen des Kastens, den ich ihm schenken werde)

Erna hat noch ein Bild von sich mitgeschickt. Ich werde es später einrahmen. Erst schicke ich es aber Dir zur Ansicht mit. Das  Bild ist gut getroffen.
Die Sachen, die noch für Dich bestimmt sind, schicke ich Dir nach den Feiertagen zu. Als Papa das Paket wegschickte, wußte er noch nicht, daß Du zu Weihnachten nicht daheim bist.
Die Stolle, die sie uns geschickt haben, wiegt ca. 3 Pfund. Sie ist also ziemlich groß. Ich werde Dir sicher davon ein Stück mitschicken, wenn ich nach den Feiertagen ein Päckchen für Dich fertig mache.
Helga hat morgen vor den Ferien das letzte Mal Schule, während Jörg am Montag zum letzten Mal geht. Das kommt daher, weil sie wieder in die richtige Schule umziehen, da müssen am Freitag nur die 5.Klässler mithelfen, während die anderen heim bleiben können.
Nachdem es gestern Abend stürmte und regnete, hat es sich heute wieder etwas gebessert. Aber trüb ist es immer noch. Da man nicht weiß, wie es noch wird, sind wir heute mit unserem Papiersack mal losgezogen, es waren immerhin 30 kg. Ich wollte dieses Paket nicht noch mit ins neue Jahr reinschleppen. Am meisten Vergnügen hat es den Kindern natürlich gemacht, daß ich sie den ganzen Weg zurück gezogen habe. Wir hatten doch den Wagen von Vater mit. Da haben sie es sich richtig bequem machen können.
Jetzt habe ich bald die erste Flasche Rotwein alle. Heute Abend will ich noch etwas davon trinken.
Immer wenn ich an Weihnachten denke, muß ich auch daran denken, daß Du da nicht bei uns bist. Ich kann es immer gar nicht glauben. Nun geht es ja mit Riesenschritten dem Fest zu. Ich bin nur froh, daß sich die Kinder so freuen und daß ich weiß, daß sie von den Geschenken nicht enttäuscht sein werden. Denn sie bekommen doch noch reichlich geschenkt, nicht wahr? Nun will ich aber schließen. Es ist schon wieder nach 10 Uhr. Wenn ich jeden Abend so spät zum Briefwegschaffen gehe, gebe ich höchstens noch mal Anlaß zu Klatsch.
Sei nun für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Brief 254 vom 15./16.12.1941


Mein lieber, lieber Ernst!                                                          Konstanz, 15.12.41                     

Aber heute habe ich viel von Dir bekommen. 3 Briefe, Zeitungen und die Päckchen 36 und 37. Das hat mich aber gefreut. Ich komme ja sonst auch nicht zu kurz, aber ich lasse mich auch gern mal so recht verwöhnen wie heute. Fein war das. Nun will ich Dir aber auch die Briefe beantworten. Vor allem erst mal, weißt Du, warum ich erst am Abend zum Schreiben komme? Ich war im Kino in „Das andere Ich“. Das war ganz lustig. Vielleicht siehst Du`s dort auch noch. Auf dem Heimweg, die Kinder hatten mich abgeholt, haben wir noch Karten für das Märchen „Aschenputtel“ im Theater besorgt, für Sonntag 14,30 Uhr. Da kannst Du an uns denken. Du wirst sicher auch denken, die gehen ja jetzt öfter fort, erst schon mal in einem Märchenfilm, jetzt in einen Film und nächsten Sonntag ins Theater. Aber das ist nur jetzt bei Weihnachten so, nachher hört es schon wieder auf.
Nun zu Deinen Briefen.
Du mußt nicht denken, daß ich Dir die Briefmarken nicht gern besorge. Wegen des Geldes ist es nicht. Aber früher konnte man sie auf dem Postamt besorgen, während man jetzt fortschreiben muß und da kenne ich mich nicht so aus.
Mit den Briefumschlägen war es gerade, als ob Du schon vorher, ehe ich geschrieben habe, die Schwierigkeiten geahnt hättest. Ich war ganz erstaunt, als so schnell welche ankamen.
Ob Dr. Thomas wohl zu Weihnachten Urlaub bekommt, oder ob Du evtl. zu ihm hinfahren kannst? Wie wirst Du die Weihnachtsfeiertage verleben, und Neujahr?
Meine Feststellung, daß wir dort schon viel Geld ausgegeben haben , ist nicht etwa eine Klage, sondern nur die Zustimmung zu Deinem Brief, in dem DU schreibst, daß wir schon viel Geld ausgegeben hätten und daß Du manchmal gar nicht weißt, wo es hingekommen sei. Erst wenn Du nachrechnest, stimmt es dann doch.
Warum sollen wir dem Geld auch nachweinen. Wir haben doch Gegenwerte dafür, die wir gut gebrauchen können und die teilweise auch sehr notwendig waren. Außerdem war es ja nicht so, daß wir wegen dieser Ausgaben anderweitig hätten Not leiden müssen.
Die Aufstellung, die ich gemacht hatte, war also auch für Dich ganz interessant. Man weiß eigentlich erst mal richtig, was man besitzt.
Warum haben Euch die Leute, bei denen Ihr immer so reichlich zu essen bekommt, so ins Herz geschlossen? Konntet Ihr ihnen schon eine Gefälligkeit erweisen oder kennen sie einen von Euch von früher? Jedenfalls, das Essen war immer ganz gut und eine willkommene Abwechslung.
Das ist schade, daß Euer Hund weggelaufen ist. Euch wird er sehr fehlen, wenn er auch manchmal ein frecher Kerl war und wir hätten ganz gern seine Abenteuer wieder gehört.
Ich glaube auch, daß wir noch mit einem längeren Krieg rechnen müssen. Daß wir siegen werden und müssen, darüber besteht ja kein Zweifel. Mit manchen Einschränkungen werden wir wohl noch rechnen müssen, da hast du recht. Wir werden ja sehen, wie alles kommt. Am besten ist es, man lebt nur von einem Tag zum andern. Da hat man dann keine unerfüllbaren Wünsche und Hoffnungen. Manchmal tauchen diese ja doch noch auf, denn so alt sind wir ja noch nicht. Man möchte sich dann strecken und den Druck, der auf einem liegt, abschütteln und einmal wieder richtig lustig, vielleicht auch ein bißl übermütig sein. Aber das geschieht immer seltener und ich glaube, wenn der Krieg noch lange dauert, werde ich vielleicht so sein, daß ich alles ruhig hinnehme, wie es kommt, ohne aufzumucken. Aber ohne dabei verbittert zu sein. Im Gegenteil, ich hoffe allem noch ein bißchen Humor abgewinnen zu können. Wie es mir jetzt manchmal bei den Kindern geht. Sachen, bei denen ich mich früher furchtbar aufgeregt habe, kommen mir gar nicht mehr so tragisch vor. Vielleicht ist ein bißchen von dem guten Geist meiner Mutter auf mich übergegangen.
Für Puppen willst Du also auch noch sorgen. Das ist lieb von Dir. Ich bin gespannt, ob Du sie noch rechtzeitig bekommst. Große Puppen hat ja Helga genug, da wollen wir ja keine mehr kaufen. Die brauchen bald mehr Platz wie die Kinder. Die kleinen sind für die Puppenküche bestimmt.
Es ist recht, daß Du die Päckchen noch nicht aufgemacht hast. Sonst hast Du ja gar keine Freude am Weihnachtsabend.
Deine Briefe, die ich heute erhielt, waren vom 7. und 2 Mal vom 11.12. Das hatte ich am Anfang zu schreiben vergessen.
Nun zu den Päckchen. Ich danke Dir für die Mandeln, den Käse und die Hausschuhe, sowie für den Tabak. Letzteren gebe ich Vater mit zu Weihnachten. Mit Hausschuhen bin ich jetzt gut versorgt. Da brauche ich die nächsten Jahre keine, was wahrscheinlich ganz gut ist. Da habe ich damit keine Rennerei. Der Käse schmeckt wieder gut. Die Mandeln hebe ich noch auf. Alle brauche ich ja nicht zu Weihnachten.
Da ist übrigens ein interessanter Fall hier passiert. Da hat ein Mann aus Frankreich seiner Frau öfter Lebensmittel geschickt. Nun hatte er, es war in Paris, auch eine Küche unter sich. Schon hat eine Frau hier verbreitet, der Mann würde diese Sachen aus der Küche entwenden und die Soldaten bekämen dafür weniger zu essen. Da wurde bei der Frau des Soldaten eine Haussuchung gemacht und außerdem in Paris Meldung erstattet. Glücklicherweise hatte der Mann alle Rechnungen aufbewahrt und konnte nachweisen, daß er alles für sich gekauft und bezahlt hatte. Die Frau, die den Klatsch aufgebracht hat, wurde, soviel ich noch weiß (es stand in der Zeitung) zu 1 Monat Gefängnis verurteilt.
Du kannst doch auch den Bäcker Thoma aus der Laube, so ein Rothaariger. Der ist jetzt zu Zuchthaus verurteilt worden, da er viele tausende Kilo Mehl zu Unrecht bezogen hat, indem er Bezugscheine fälschte. Ich schicke Dir den Artikel mal mit, wenn Vater die Zeitung wieder rauf bringt.
Ich hatte jetzt immer viel Kummer mit Jörg wegen seinem Dickkopf. Es war schlimm. Bei jedem bißchen dickschte er, warf alles hin und bekam Wut. Ich habe es erst im Guten, dann mit schimpfen versucht. Dann habe ich mal zugehauen. Das half noch am besten. Aber immer schlagen hat auch keinen Zweck. Als er mal wieder brav war, sagt er „Ich wär selber froh, wenn der Dickkopf weg wär. Der soll nach England fliegen“. Da habe ich dann mit ihm gesprochen, daß es doch nicht ginge, daß er immer so bös sein. Wir wollen den bösen Dickkopf ruhig nach England schicken. Er soll zu mir kommen, ich helfe mit. Wenn es aber gar nicht geht, müssen wir ihn doch herausschlagen. Damit war er auch einverstanden und so haben wir in letzter Zeit den Dickkopf mit Zuspruch schon öfter nach England geschickt, weil doch da alles Böse hin soll. Der Stock hat nur ein Mal drohen müssen. Es ging bis jetzt ganz gut und ich hoffe, daß es so bleibt, denn ich war manchmal ganz verzweifelt. Jede schöne Stunde wurde dadurch verdorben. Jörg kann ja vielleicht auch nichts dafür, das liegt so in ihm, aber zusehen kann man auch nicht. Man muß doch sehen, es soweit als möglich wegzubringen.
Unsere Maus im Keller haben wir in der vergangenen Nacht gefangen. Es war eine Feldmaus. Morgen stelle ich nochmals die Falle in den Keller, wenn ja noch eine da ist.
Jörg hat Dir heute auch wieder einen Brief geschrieben. Mit dem Christbaum, von dem die Rede ist, meint er den auf der Markstätte.
Ich hatte den Kindern doch im vergangenen Jahr einen Trainingsanzug mit 2 Hosen gekauft, eine Hose etwas größer. Da bin ich jetzt noch froh. Ich wollte, vor allem für Jörg, noch eine dazu kaufen, weil er sie ja oft anzieht, aber es gab dieses Jahr keine, oder doch so wenig, daß ich keine erhielt. Nun ist bei den Sachen, die Papa geschickt hatte, ein graues Kleid dabei aus Trikot wie die Anzüge. Als Kleid geht es absolut nicht mehr zu tragen, da mache in nun Jörg noch ein paar Hosen draus. Da kann er die Guten für die Schule aufsparen. Die halten dann schon noch länger.
Nun laß mich aber für heute  wieder schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.
Schreibe aber an Jörg bitte keine direkte Mahnung wegen seines Dickkopfs, er soll nicht erst wissen, daß ich`s Dir geschrieben habe. Du kannst ja später mal direkt mit ihm sprechen, wenn Du willst, nicht wahr?

Mein liebster Ernst!                                                           Konstanz, 16.12.41

Heute ist es sogar schon 1/4 10, bis ich zum schreiben komme. Aber heute war ich nicht im Kino, sondern habe Stollen gebacken von 4 Pfund Mehl. Es hat 3 1/2 Pfund und 3 Stück 1 Pfund Stollen ergeben. Ich habe mit Absicht kleinere gebacken, damit wir sie uns besser einteilen können und sie auch länger reichen. Ich hoffe, daß sie gut geworden sind. Der ganze Tag ist heute beim backen vergangen.
Aus Anlaß des Backens möchte ich Dir heute nochmals für alles danken, was Du uns dazu geschickt hast, Zucker, Mandeln und Rosinen. Ich war ja so froh, daß ich das alles hatte. Wenn ich den Zucker von Dir nicht gehabt hätte, wär es mit dem backen nicht so gut bestellt gewesen. Erstens hätte ich weniger backen können und dann hätte ich auch nirgends Zuckerguß drauf tun können, was ich jetzt auch bei den Stollen getan habe, damit sie sich schön frisch halten. Ohne den Zucker von Dir hätte ich auch weniger Kleingebäck backen können und gerade über dieses freue ich mich, da kann ich den Kindern zu Weihnachten einen richtigen Teller füllen.
Als ich heute Abend noch beim backen war, kam Frau Bolu und fragte, ob ich ein großes Backblech habe. Ich sagte, daß ich gerade selber beim backen sei und es ihr nicht borgen könnte. Da kam es dann heraus, daß sie ihre Springerle hier bei mir backen wollte. Nein, weißt Du, das fange ich nicht an. Soviel ich die Frau jetzt kenne, bekommt man sie fast nicht mehr los, wenn man sie einmal in die Wohnung gelassen hat. Als sie jetzt den Krach mit Schwehrs hatte, bei der ihr Frau Schwehr eine mächtige Ohrfeige runtergehauen hat (was ich ja gemein finde) ist sie auch immer ins Haus gelaufen gekommen. Sie hat allen erzählen wollen, aber wir alle haben sie vor der Wohnungstür abgefertigt. Alle haben wohl gesagt, daß das schlagen gemein ist, aber weiter geht uns ja die Sache nichts an. Wir haben ja nichts gesehen.
Heute hat sie ihre Kuchen noch bei Büsings backen lassen. Da ist ihr ja geholfen worden. Ich will so was gar nicht erst anfangen.
Wir hatten den ganzen Tag schönes Wetter, aber seit ca. 2 Stunden stürmt es draußen. Ich bin gespannt, ob es hinterher wieder regnet oder schneit. Mit schlechterem Wetter muß man ja jetzt immer rechnen. Die letzten Tage war es für diese Jahreszeit direkt ungewöhnlich schön, aber vertragen hat man es gut können.
Morgen will ich mich wieder ans Nähen setzen, damit ich auch da mit dem Wichtigsten bis Weihnachten fertig werde. Nun dauert es ja nur noch eine Woche.
Viel Wichtiges habe ich ja heute nicht geschrieben. Aber ich bin heute ein bißchen abgespannt und kaputt, da mußt Du es schon entschuldigen.
Ich will nur noch den Brief wegschaffen, dann gehe ich schlafen. Wie ich gerade festgestellt habe, hat es bereits mit regnen angefangen. Sei nun wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mittwoch, 14. Dezember 2016

Brief 253 vom 14.12.1941


Mein liebster Ernst!                                                              Konstanz, den 14.12.41                                                       

Wie Du aus den beiliegenden Durchschlägen ersehen kannst, habe ich heute schon viel geschrieben. Ich habe mir mal alle meine Briefschulden vom Halse geschafft. Die Karten für Weihnachten schicke ich erst am 16. und 17. fort, damit sie nicht gar so zeitig ankommen. Aber geschrieben sind sie auf alle Fälle einmal. Ich habe ja in den Tagen bis Weihnachten noch so viel zu tun, da will ich das wenigstens erledigt haben. Vor allen Dingen will ich noch etwas backen und dann will ich auch noch verschiedene Puppensachen für Helga nähen. Die Zeit wird mir also nicht lang.
Heute haben Helga und Jörg einen Brief an Dich geschrieben. Jörg hat ihn auch allein geschrieben. Da ist es natürlich nicht zu vermeiden, daß Fehler drin sind, denn er hat ja kaum die Buchstaben gelernt. Aber er wollte Dir doch auch einen Brief schreiben und ich glaube, daß es Dich bestimmt freuen wird. Er hat ja so einen großen Stolz gehabt, daß er schon einen Brief fertig gebracht hat. Wahrscheinlich wird er schon vor meinem Schreiben dort sein, denn sie haben ihn schon am Nachmittag weggeschafft, während ich ihn erst am Abend fortbringen kann.
Wir hatten heute wunderschönes Wetter. Es war so warm. Ich habe, trotzdem ich zuhause war, doch frische Luft gehabt, da ich den ganzen Tag das Fenster offen haben konnte. Wir hätten ja vielleicht fortgehen können, aber ich habe jetzt immer so viel zu rennen gehabt, daß ich ganz froh war, mal sitzen zu können. Außerdem wollte ich eben unbedingt mal das Schreiben an die verschiedenen Verwandten und Bekannten erledigen. Das nimmt mir in der Woche ziemlich viel Zeit weg. Man weiß immer gar nicht, was man alles schreiben soll, so wird es fast immer dasselbe. Aber es geht ja an verschiedene Empfänger.
Ich habe mich heute ganz ausgeschrieben und weiß auch gar nichts mehr zu berichten. Sei mir deshalb nicht böse, wenn ich heute schon aufhöre.
Sei wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.