Donnerstag, 19. März 2020

Brief 797 vom 8.10.44


Mein liebster Schatz !                                                                                          8.10.44      

Es ist Sonntagabend. Die Tage sind jetzt immer bald vorbei, nachdem es schon gleich nach 6 Uhr dunkel wird. Am Morgen sind wir nicht so spät aufgestanden. Ich kann in den letzten Nächten schlecht schlafen, träume schwer und bin früh ganz zerschlagen. Da bin ich immer froh, wenn Morgen ist.  Wir haben ziemlich zeitig Mittag gegessen, sodaß wir den Nachmittag noch vor uns hatten. Die Kinder sind hinters Haus zum spielen gegangen. Es war ganz schön warm und sonnig. Ich habe Radio gehört und dabei gestopft und gestrickt.  Als mir heute einmal der Fuß besonders weg tag, habe ich die Binde abgewickelt. Da sah ich, daß die obere Wunde zugewachsen ist. Natürlich noch nicht ganz fest, aber sie war doch zu. Warum sie da zwar weher tut als erst ist mir auch unbegreiflich. Aber vielleicht hängt das mit dem Heilen zusammen. Jedenfalls bin ich froh, daß sie zu ist.  Ich hatte jetzt einen Schal für Jörg in Arbeit. Damit bin ich heute fertig geworden. Nun fange ich ein Paar Handschuhe für mich an.  Gestern hatte ich die Kinder gefragt, ob wir einen Kuchen für heute kaufen wollten oder ob ich heute Abend Rohrnudeln machen sollte. Sie haben sich für letzteres entschieden und so haben wir am Abend Rohrnudeln gegessen. Das war wieder gut. Den gestrigen Brief schicke ich mit diesem zusammen weg. Heute fährt doch kein Schnellzug und hier bei uns wird der Briefkasten nicht geleert.  Den Priemelstock von Dir habe ich jetzt an der Seite auf dem Küchenfenster stehen.  Er hat sich wieder schön rausgemacht und bekommt sogar neue Blüten. Das macht mir große Freude. Wie jeden Tag, so schicke ich Dir auch heute zum Schluß wieder recht viele liebe Grüße und Küsse. 

Deine Annie.


Brief 796 vom 7.10.44


Mein liebster Ernst !                                                                                               7.10.44        

Zwei liebe Briefe habe ich von Dir erhalten, Nr. 65/66 vom 26.  und 27.9.  Bei uns ist es auch schon manchmal ziemlich kühl. Einzelne warme Tage kommen zwar ab und zu, aber man merkt doch, daß es Herbst wird.  Bis jetzt hatte Helga ja wenig Zeit, sich um Schulaufgaben zu kümmern, da sie zu viel zu tun hatte. Jetzt werde ich mich öfter einmal mit ihr hinsetzen und verschiedenes durchsehen.  Ingrid nimmt jetzt Privatstunden in Englisch, Rechnen, Deutsch. Sie kann das noch eher, denn sie ist noch nicht 12 Jahre und noch nicht zum Kriegseinsatz verpflichtet.  Auf Deine Urlaubskarte haben wir auch noch Obst bekommen. Das haben wir nicht verfallen lassen. Was mit meinem Fuß los war, wirst Du ja aus den inzwischen erhaltenen Briefen ersehen haben. Wenn aber nicht, wenn also der betreffende Brief verloren gegangen sein sollte, so schreibe ich Dir‘s nochmals kurz. Als mir Jörg die Gartengabel zuwerfen wollte, ist mir ein Zinken ganz durch den Fuß gefahren. Jetzt geht es mit der Heilung ja gut vorwärts. Ich kann wieder ziemlich gut stehen und so habe ich heute die letzten 2 ½ Reihen Kartoffeln ausgegraben. Auf die Gabel  kann ich natürlich beim einstechen nicht treten, aber es ging auch gut so. 90 Pfund habe ich geerntet. Im ganzen haben wir 420 Pfund geerntet. Ohne die, die wir geholt haben, als Du noch hier warst. Das ist doch schön, nicht wahr?  Am Nachmittag, als die Kinder im Dienst waren, habe ich mir an den Pflücker eine riesige Bohnenstange genagelt und habe noch 1 Korb und einen Eimer voll Äpfel gepflückt. Schade ist es, daß die Äpfel jetzt nur locker hängen. Es fallen soviel gleich ab, wenn man einen anderen abpflückt. Bald 30 Pfund sind so abgefallen. Es verdirbt ja deshab doch nichts, denn ich mache Ringe und Apfelmus und außerdem essen wir welche.  Den Grätner verleugnest Du auch dort nicht, denn immer siehst Du zu, wo Du ernten kannst, damit nichts verdirbt.  Jetzt wirst Du also dort mit flöhen geplagt. Das muß wirklich eine Plage sein.  Ich stelle mir das ganz schlimm vor, wenn es überall beißt.  Ich danke Dir sehr für die mitgesandten 2 Akeleiblüten. Ich hebe sie mit auf und sie sind mir ein lieber Gruß von Dir.  Heute haben wir alle tadellosen grünen Tomaten gepflückt. Ich packe sie in Papier und dann in einen Karton, damit sie nach und nach rot werden. Am Stock platzen sie nur auf. Bei Tag hatten wir 4 mal Voralarm. Scheinbar waren Tiefflieger in der Nähe.  Ehe ich den Brief schließe, grüße und küsse ich Dich recht oft und fest. 

Deine Annie.

Brief 795 vom 6.10.1944


Mein liebster Ernst !                                                                             6.10.44       

Heute erhielt ich Deinen lieben Brief vom 19.9. Nr. 53 Der hat doch lang gebraucht, bis er mich erreichte. Doch ist er auch jetzt noch wichtig, denn nun weiß ich erst richtig, wie Ihr dort erst in Reserve wart, dann ich den vorderen Graben gekommen seid.  Ich habe schon oft am Abend nach dem großen Wagen geschaut und dabei gedacht, daß Du ihn vielleicht auch gerade siehst. Die Entfernung zwischen Dir und uns kommt mir dann nicht mehr so unermeßlich vor. In den letzten Woche konnte ich ja leider nicht ins Freie, aber auch so habe ich immer an Dich gedacht.  Heute haben die Kinder wieder 4 Reihen Kartoffeln ausgegraben mit 60 Pfund. Ich habe im Waschhaus unsere Winterkartoffeln inzwischen ausgelesen. Im Garten, auf dem unebenen Boden kann ich noch nicht richtig stehen und also auch noch nicht schaffen.  Gestern habe ich 10 Nelkensetzlinge gekauft. Es sind winterharte. Es würde mich freuen, wenn sie etwas würden, denn sie haben immer solch schönen Duft. Ich habe ihn am Rosenstock gesetzt.  Von Papa erhielt ich einen Brief mit neuen Briefmarken. Ein bißchen hat er sich wieder mit Erna versöhnt.  Von Siegfried erhielt ich eine Karte vom 26.9. Er schreibt, daß er meine Karte mit Deiner neuen Fp.Nummer erhalten hat. Er mußte am 26. wieder zum Einsatz nach vorn.  Da denke ich gerade daran, daß Du ja auch die Nummer von Siegfried haben wolltest. Sie lautet: 28 291.  Am Nachmittag war Jörg beim schaffen. Helga hat erst den Brief an Dich auf die Post geschafft, dann ist sie zur Ingrid gefahren. Dort ist sie eine ganze Weile geblieben, dann ist sie mit ihr hergekommen und sie haben mit den Puppen gespielt und hinterher geturnt. Nachdem Ingrid heimgegangen war, haben wir Abendbrot gegessen. Nun werden wir bald schlafen gehen. Das war heute ein Gekichere, als Helga und Ingrid beieinander waren. Haben die Zwei einen Unsinn geschätzt. Man mußte gerage selber lachen.  Na, Du kennst es ja.  Vater hatte zu Anfang, als ich nicht laufen konnte, gesagt, daß er käme zum Äpfel runter machen. Vor einigen Tagen meinte er, er käme jetzt bald, wenn er den Schuppen ganz fertig hätte. Inzwischen haben wir nun aber schon selber geerntet. Jetzt könnte man‘s auch garnicht mehr richtig tun, weil die Äpfel ganz lose hängen und beim berühren gleich mehrere runterfallen.  Mit der Leiter hatte ich diese Jahr auch Ärger. Scheinbar war es den Leuten zu wenig, was sie an Äpfeln bekommen hatte. Ich meine die Leute bei Steinmehls. Der Junge hatte doch mit pflücken wollen. Als er ca. 25 Pfund runter gemacht hatte in 2 Tagen, ließ er gleich fragen, was er von den Äpfeln bekommen könnte. Ich sagte, ich müßte sie erst einmal aussortieren. Inzwischen haben Helga und Jörg oben noch gepflückt. Am nächsten Abend kam der Junge und sagte, er müßte die Leiter mitnehmen. Seine Mutter hätte gesagt, es könnte ja ein Angriff kommen, da brauchte man die Leiter. Wenn wir sie wieder brauchten, könnten wir sie ja wieder holen. Es hängen ober nicht mehr viele und ich lasse sie am besten fallen. Betteln mag ich nicht jedes Mal. Ich habe eine Tasche Äpfel rüber geschickt fürs Borgen und pflücken, damit mir niemand was nachsagen kann.  Abgesehen davon hat der Junge schon auf dem Baum genug gegessen. Frau Leimenstoll sagte mir schon, daß die Buckenleibs so profitlich sind. Es scheint auch wahr zu sein. Doch da ärgere ich mich nicht lange.  Nun laß mich wieder schließen. Ich grüße und küsse Dich recht, recht oft. 

Deine Annie.

Brief 794 vom 5.10.1944


Mein lieber Mann!                                                                               5.10.44      

Ich glaube, ich kann hurra rufen. Der Arzt hat heute gesagt, ich kann wieder versuchen, richtig auf dem ganzen Fuß zu laufen, natürlich nicht gleich Paradeschritt. Na, das lasse ich ja schon selber sein. Ich freue mich schon, daß ich wieder richtig auftreten kann. DAs heißt, kann ist zu viel gesagt, kann kommt von können und da haperts noch. Die Zehen erreichen beim besten Willen nicht den boden. ABer das wird sich auch noch geben.  Für den Anfang habe ich im Garten mit dem Pflücker 19 Pfund Äpfel runtergeholt. Fast 8 Pfund sind dabei so runter gefallen, denn sie sind schon gut reif. Wenn man nur dran rührt , sind sie schon unten. Das meiste haben wir unten, ca. 138 Pfund. Die Falläpfel sind nicht immer mitgerechnet.  Während ich beim Arzt war, haben die Kinder 4 Reihen Kartoffeln mit 72 Pfund ausgegraben. Jetzt sind noch 6 Reihen drin. Insgesamt haben die Kinder bisher 270 Pfund geerntet.  Für jörg habe ich heute beim Geß ein Buch  für Weihnachten bekommen. „Robinson“ heißt es. Für Helga erhalte ich sicher auch noch. Ich soll wieder fragen.  Von Deiner Dienststelle habe ich heute einen Brief erhalten, daß Du wieder bei der Kompanie eingetroffen bist und daß die Verlustmeldung auf einem Irrtum beruht, Gottseidank!  Ich bin doch heute nochmals bestrahlt worden, d.h. mein Fuß. Die vorigen Male habe ich dabei immer die Hände vors Gesicht gehalten, diesmal nicht. Da hats mich aber gebraten. Ganz rot bin ich im Gesicht, nur da nicht, wo die Brille gesessen hat. Es sieht lustig aus Schaden kann so ein bißchen Sonne ja nichts.  Nun ist die Schlafenszeit wieder da. Ich will Dir darum noch viele, viele Grüße und Küsse schicken und bin immer 

Deine Annie.

Brief 793 vom 3.10.1944


Mein liebster Ernst !                                                                              3.10.44         

Denk Dir, heute habe ich wieder 3 Briefe von Dir erhalten. Nr. 62, 63, 64 vom 23./24./25.9 . Ich bin doch in den letzten Tagen richtig verwöhnt worden, nicht wahr? Aber dafür werde ich sicher auch wieder einige Tage vergeblich warten müssen. Aber die Freude wird dadurch nicht geringer. Du bist so lieb, daß Du sogar bei ganz knapper Zeit an mich geschrieben hast.  Blühende Astern hattest oder hast Do dort vorm Haus. Hier standen welche neben Deinem Bild. Ich mag Astern sehr gern und sie bleiben auch in der Vase so lange frisch.  Dieses Jahr erntest Du persönlich mehr als ich. Ich lasse mir alles ernten und faulenze. Lieber wäre es mir zwar auch, ich könnte es selber tun. Wenn nur der Fuß erst wieder richtig mitmacht.  Heute habe ich zwar überall ein bißchen mitgeholfen, denn es war sehr viel zu tun und alles kann ich ja den Kindern auch nicht aufladen. Sie haben heute 60 Pfund Kartoffeln und 36 Pfund Äpfel geerntet. Da mußte ich doch wenigstens auslesen mithelfen und die Hausarbeit tun. Nun muß ich zwar wieder sitzen, da der Fuß noch weh tut und angeschwollen ist. Aber es freut mich so, wenn ich auch ein bißchen helfen kann.  Es ist lieb von Dir, daß Du mir das Schreiben an Frau Frick abnimmst. Ich kenne ja die Frau überhaupt nicht.  Die Rosegger Bücher, die ich gelsen habe, waren aus der Leihbücherei. Wir selber haben nur 2 Bücher. Mama hatte alle WErke. Wo die sind? Wer weiß. Vielleicht noch daheim, aber danach fragen mag ich nicht gern. Das ist ja jetzt auch nicht das wichtigste.  Vater hat nun auch seine Kartoffeln im Gemüsegeschäft bestellt. Morgen müssen wir sie holen. Er geht mit den Kindern zum Petershäuser Bahnhof und holt sie, ich kann noch so schlecht . Man bekommt ja einstweilen nur die Hälfte, 1 Ztr.  pro Person.  Nachher haben wir noch Luftschutzübung, das wird wieder was werden. Jörg hat sich einen neuen Drachen gebaut. Der fliegt jetzt prima.  Nun ist er ganz stolz und sagt, selber gebautes macht doch mehr Freude als gekauftes. 4.10. Heute sind nun die Kartoffeln geholt worden. Um 7 Uhr sind die Kinder fortgegangen. Um 1 Uhr sind sie mit den Kartoffeln heim gekommen. VAter hatte mit raufschieben geholfen. Zuerst hatten sie den einen Zentner zu Vater gebracht. Diesen Brief konnte ich noch nicht fortbringen lassen, denn Jörg ist vorhin schaffen gegangen und Helga hat vorhin zusammen mit Ingrid die Kartoffeln in einem Eimer ins Waschhaus geschafft, wo sie austrocknen können. Nun möchte ich ihr ein Ausruhen gönnen.  Wahrscheinlich wird mich nachher noch Resi besuchen. Sie ist auch ein Invalide.  Sie hat Blutvergiftung an einem Arm. sie hatte eine kleine Brandblase am Arm und hat damit noch Wäsche gewaschen. Da ist eine Blutvergiftung draus geworden. Von Fritz hat Resi noch keinen Brief seit dem 23. August mehr bekommen.  Resi war vorhin da.  Wir haben uns ganz gut unterhalten. Resi quält sich jetzt sehr mit den Gedanken, was wohl mit Fritz ist. Ob es ihm schecht geht, ob er hungern oder frieren muß, ob er gequält wird. Es ist auch so furchtbar, wenn einem das Schicksal des liebsten Menschen so ungewiß ist.  Ich hatte mich schon gewundert, warum mich Resi nicht mehr besucht, nachdem sie es mir versprochen hatte. Heute fragte sie so, ob ich von Dir Nachricht hätte und von wann. Als ich es sagte, meinte sie „Ich habe mich garnicht her getraut. Da ist überall erzählt worden, Ernst sei vermißt. Ich dachte, vielleicht weiß Du noch garnichts davon. Der Ortsgruppenleiter Blochwitz hat es erzählt“. Ich habe ihr dann erzählt, wie alles zusammenhing. ABer daß der Blochwitz schwätzen muß, weiß ich nicht.  Ca. 15 Pfund Äpfel haben die Kinder heute wieder runter geholt. Jörg war bis beim Starenkasten oben.  Heute hat Jörg einen Fuchsienstock vom Gärtner mitgebracht. Er hat ihn geschenkt bekommen. Er hatte gefragt, wie viel er kostet und der Gärtner hat gesagt, für ihn nichts. Das ist was für unseren Jörg, Blumen. ABer der Fuchsienstock ist auch wirklich schön.  Nun laß mich schließen. Nimm wieder recht viele Grüße und herzliche Küsse   entgegen von Deiner Annie.

Brief 792 vom 02.10.1944


Du lieber Ernst !                                                                                                  2.10.44           

Viel Freude habe ich heute gehabt, denn ich erhielt Deine lieben Briefe Nr. 58, 59 60 vom 18., 20. und 21. 9. Und daß du nun in einem schreiben konntest, daß Du einen Brief von mir erhalten hast, das hat mich besonders gefreut. Nun haben wir doch wieder Verbindung miteinander. Für mich ist immer das schönste Erlebnis, wenn ein Brief von Dir kommt.  Ich finde es eigentlich nicht richtig, daß man einfach einen Soldaten zum Gottesdienst kommandiert. Das hat doch gar keinen Wert. Ich mag ja das Reden der Pfarrer auch nicht. Schließlich empfindet ja jeder Gott anders. Und mancher inniger, als es so ein Pfarrer daherredet.  Für das Päckchen schon im Voraus Dank. Die Schuhcreme und das Hautöl werde ich gut verwenden können. Die Zigarren und Zigaretten hebe ich auf. Du kannst Dir bei Deinen Kameraden die Rauchwaren wohl nicht gegen etwas umtauschen, was Du gebrauchen kannst?  Mit den schönen Herbsttagen ist es nicht weit her. Es wäre besser, es gäbe etwas mehr trockene Tage. Da könnte man ehe die Gartenarbeit erledigen. Ich persönlich faulenze ja immer noch. Am Ende der vergangenen Woche bin ich ja schon etwas mehr umhergelaufen. Der Doktor hatte nichts extra gesagt und ich hatte nicht gefragt.  Heute war ich nun wieder beim Arzt. Der Fuß ist bestrahlt worden. Ich sagte zu ihm, es würde doch sicher nichts ausmachen, wenn der Fuß beim laufen anschwillt, das würde sich doch sicher wieder geben. Da meinte er „was, was, der Fuß darf nicht anschwellen und sie dürfen überhaupt noch nicht viel herumlaufen, auf keinen Fall.“ Als ich fortging mit Helga und im Korridor war, sagte er nochmals „Also auch nicht unnötig auf dem Fuß stehen.“ Nun bin ich also wieder zur Untätigkeit verurteilt. Der Fuß war ja auch immer gleich sehr angeschwollen, aber ich dachte wirklich, das gäbe sich bald wieder. Am Donnerstag muß ich wieder hinkommen. Praktisch ist auch diese Woche futsch, schon die vierte. Manchmal muß man sich richtig zusammennehmen, damit man nicht ungeduldig wird. Aber was nützt es, abwarten, nichts als abwarten. Auf dem Weg zum Arzt bin ich bei der Sparkasse vorbeigefahren und habe den Gehalt (oder heißt es das Gehalt) geholt. Davon habe ich den Kindern für ihre Hilfe einmal 2 Mk gegeben.  Bis jetzt können wir immer noch hier bleiben. Sollte der Fall wirklich einmal eintreten, daß wir fort müßten, nun, so werde ich es auch ertragen müssen wie viele, viele andere. Und jammern wollte ich dabei auch nicht, damit ich mich nicht vor mir selber und vor Dir schämen müßte. Wenn ich nur Euch, meine drei Lieben, gesund behalten kann. Das ist das größte Glück.  Viel Freude macht es mir, daß Dich meine Briefe erfreuen. Wenn nun weitereBriefe bei Dir angekommen sind und Du lesen mußtest, daß ich doch nicht ganz gesund bin, so hoffe ich, daß du doch nicht erschrocken bist. Wozu ja auch kein Grund vorhanden war, denn ich konnte Dir ja gleich mitteilen, daß alles soweit noch gut gegangen ist. Du willst nun scheinbar nicht, daß ich nicht mehr ins Kino gehe. Aber schau mal, Du hast doch dort auch gar kein Vergnügen. Im Gegenteil, Du hast es dort viel schwerer als ich hier. Warum soll ich dann ein Vergnügen haben? Wenn ich wieder gesund bin und gehe nähen, habe ich ja sowieso nicht viel Zeit. Ich möchte es nicht besser haben als Du.  Nun fange ich gegen Abend wieder an zu schreiben. Am Nachmittag ist der Hansi von Buckenleibs (bei Steinmehls), später Helga und Jörg auf den Baum gestiegen und haben Äpfel gepflückt. Ich sitze ja hier oben und schaue in tausend Ängsten zu. Daß nur keiner runterfällt. Ca. 20 Pfund haben die Kinder runtergeholt.  Heute erhielt ich den Brief von Papa vom 22.9. Er schreibt, daß bei dem letzten leichten Luftangriff auf Leipzig mehrere Luftminen geworfen wurden, die leider auch bei ihnen Schaden angerichtet haben. Außer eingedrückten Türen und kaputten Fenstern ist auch ihr Radioapparat ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden. Außer einigen Röhren sind auch die Condensatoren zerstört worden. Ich möchte doch zusehen, ob ich hier zwei bekäme.  Nun ist wieder Feierabend. Wir haben uns jetzt angewöhnt, ziemlich früh schlafen zu gehen. Solange ich noch nicht richtig laufen kann, ist Vater immer zeitig heim gegangen, damit Helga die Haustür zuschließen konnte.  Laß Dich wieder recht herzlich grüßen und küssen von Deiner Annie.

Brief 764 vom 16./18.7.1944


 Mein liebster Ernst !                                                               Konstanz, 16.7.44          

Heute früh wollten wir in die Wochenschau gehen. Es ist aber nichts draus geworden. Gerade als wir bald beim Petershauser Bahnhof waren gab es Voralarm. Da man schon die Flieger und auch das Schießen hörte, sind wir umgekehrt. Als wir daheim waren, kam richtiger Alarm. ¼ 12 Uhr war dann Entwarnung. Ich habe dann Essen gekocht und am Nachmittag habe ich wieder einmal verschiedene Briefe beantwortet. Ich lasse das meist bis Sonntag liegen. Da habe ich etwas mehr Zeit dazu.  Die Kinder haben zuerst in der Stube gespielt, d.h. sie haben auf dem Sofa gelegen und gelesen. Als es dann mit regnen aufhörte, sind sie noch eine Weile zum spielen auf die Straße gegangen. Ich habe inzwischen ein paar Johannisbeeren fürs Abendbrot gepflückt.  Es war ganz gut, daß es heute wieder einmal geregnet hat. Sonst hätte man bald wieder gießen müssen. Verschiedenes hin schon ganz lahm da.  Vater war heute nicht da. Am liebsten wär Jörg zu ihm runter gefahren und hätte ihm gedagt, daß wir wieder unser Radio haben. Er möchte doch zu gern wissen, was Vater dazu sagt. Er konnte es garnicht begreifen, daß ich sagte, das hätte doch alles Zeit. Vater würde es schon noch hören. 17.7. Ich bin gestern Abend gleich mit den Kindern schlafen gegangen. Es war aber auch schon gegen ½ 11 Uhr, denn die Kinder bleiben jetzt in den Ferien meist etwas länger munter, da es ja auch lange hell ist. Das Wetter ist heute wieder schöner. Aber der Platz unter dem Baum ist noch etwas naß. Da können unsere 2 Lauser das Zelt noch nicht aufbauen. Das betrübt sie sehr. Jörg ist gleich einmal runtergerannt und hat die Erde angefaßt. Er meinte, sie sei garnicht so feucht wie sie aussieht. Ich muß erst mal unterbrechen. Es ist Fliegeralarm. Es ist ½ 11 Uhr.  Nach 11 Uhr war wieder Entwarnung.  Vorhin sagte mir Frau Leimenstoll, daß Frau Röpke die Tochter von Frau Waibel, der die kleine Gerda gestorben ist nun auch ins Krankenhaus gekommen ist. Sie hat dieselbe Krankheit wie ihre Kinder. Sie muß immer brechen und im Stuhlgang ist Blut. Die Ärzte wissen nicht, was es ist.  Der kleine Horstle von Leimenstolls ist heute wegen eines Furunkels auch ins Krankenhaus gekommen. Der Arzt hat gesagt, früher hätter man das nicht getan, aber in letzter Zeit seien einige kleine Kinder daran gestorben. Darum gibt man jetzt doppelt acht.  Jörg geht heute mit Ingrid ans Horn zum baden. Helga hat vom Beeren essen etwas Durchfall. Da will sie lieber daheim bleiben. Ich fahre am Nachmittag in die Stadt einkaufen. Auch heute erhielt ich keine Post von Dir. Bleib recht gesund und laß Dich recht, recht oft grüßen ud küssen von Deiner, immer an Dich denkenden, Annie.


Mein liebster Ernst!                                                                Konstanz, 18.7.44            

 Es vergeht ein Tag nach dem andern und es kommt keine Post von Dir. Du bist mir doch nicht böse, wenn ich Dir sage, daß mich das unruhig macht. Aber Du mußt keine Angst haben, ich werde nicht mutlos. Sicher erlauben es die jetzigen Umstände nicht, daß Du schreiben kannst. Vielleicht aber hast Du geschrieben und die Beförderung klappt bnur nicht so. Ich hoffe jedenfalls, daß Du gesund bist, Du Lieber.  Wir hatten heute wieder Alarm. In F. hat es wieder ziemlich gewummert. Alle Fenster und Türen haben hier gezittert.  Gestern Nachmittag ist Helga doch noch zum baden gegange, während ich in die Stadt gefahren bin. Es gab gestern die ersten neuen Kartoffel. 5 Pfund pro Person hat man bekommen. Wir haben heute Mittag davon gekocht. Das war ein Genuß.  Am gestrigen Abend kam Vater rauf. Er hat gestrahlt, als das Radio wieder ging. Er meinte, da sei es gleich nicht mehr so still bei uns.  Ich bin heute mal ganz zeitig aufgestanden und habe gebügelt. Ich dachte, vielleicht kommt wieder Alarm, da kommt man zu nichts. Und so war es dann ja auch. Der Vormittag war da bald herum. Am Nachmittag haben wir wieder das Zelt aufgebaut. Die Kinder waren erst eine Weile drin. Dann sind sie mal zum baden gefahren und nun sind sie wieder unten. In unserem Garten kann sie ja niemand stören. Ich habe wieder mal alle Luftschutz und eingemotteten Sachen nachgesehen, damit sie mir nicht kaputt gehen. Dabei geht die Zeit herum.  19.7. Auch heute wieder keine Post von Dir. Es steckte etwas im Briefkasten und ich bin schnell hinaus gelaufen. Da war es ein Brief von Papa. Die Enttäuschung war groß. Wenn ich mich auch über einen Brief von Papa freue, so warte ich doch nicht so drauf, wie auf einen Gruß von Dir. Aber ich muß eben wieder auf morgen hoffen. Ich schreibe jetzt wieder, während wir Alarm haben. Um 8 waren schon Flieger gemeldet, ½ 9 gab es Voralarm und gleich darauf Alarm. Etwas richtiges kann man während dieser Zeit doch nicht schaffen. Meist muß man Flieger achten.  ½ 12 Uhr gab es Vorentwarnung, jetzt ½ 1 Uhr haben wir erneut Alarm.  Aber ich glaube, jetzt sind die Flieger auf dem Rückflug.  ¾ 1 Uhr haben wir Entwarnung.  Bis jetzt war es doch immer so, daß Jörg fast keine Bücher gelesen hat. Das ist anders geworden. Vor allem holt er sich jetzt immer Grimms Märchen vor. Helga dagegen will jetzt bald wieder aus der Bücherei austreten. Sie hat keine Lust mehr, sich immer Bücher zu holen. Es ist ihr zu umständlich. Im übrigen ist Helga ein kleiner Invalide. Sie hat sich gestern beim baden in den Fuß geschnitten. Es ist aber nicht schlimm.  Jörg hat sich gestern so Blätter mitgebracht, aus denen wir früher uns „Nasen“ gemacht haben. Eigentlich ist es die Frucht vom Ahorn. Da hat sich Jörg Segelflugzeuge drausgemacht. Es sieht ungefähr so aus:  (Zeichnung) Vorn 2 Blätter, in der Mitte eine Stecknadel durchgesteckt. Hinten ein Blatt für breit und dahinter eins hoch gesteckt. Es sieht wirklich nett aus. Ganz Geschwader kann man sich da bauen.  Heute Nachmittag gehen wir sicher baden. Vielleicht an Wasserwerk. Heiß ist es ja sehr. Lust habe ich ja nicht gerade, aber das baden tut doch gut. Man ist wieder einmal richtig erfrischt. Vielleicht kommt bald ein Gewitter. Da kühlt es sowieso.  Laß mich jetzt schließen. Ich hoffe, daß ich bald einen Brief von Dir bekomme und grüße und küsse Dicht recht oft und fest Deine Annie.