Samstag, 29. Februar 2020

Brief 791 vom 30.9.1944


Mein liebster Ernst!                                                                                         30.9.44 

Wieder einmal Wochenende. Diemal kann ich ja schon etwas besser laufen als am vorigen Samstag. 
Das eine Dumme ist nur, daß der Fuß gleich mächtig anschwillt. Da muß ich ihn dann gleich wieder hoch legen. Aber  im allgemeinen bin ich mit dem Fortschritt zufrieden.  Unser Jörg hat am Morgen 2 Stunden geschafft. Am Nachmittag haben sich Helg und Jörg vom Dienst frei geben lassen und haben 2 Reihen Kartoffeln mit 27 Pfund raus gemacht. Vielleicht hätten sie noch mehr tun können, aber dazwischen mußten sie unter den Brombeeren zwei Vögel begraben, die sie in den Gärten gefunden hatten. Es war eine Meise und ein Rotschwänzchen. Sogar 2 kleine Kreuzchen hat Jörg gezimmert.  Am Mittwoch hatte es bei Tag ein paar Mal gewummert, daß alle Fenster und Türen klapperten. 
Wir wußten garnicht, was los war. In der Schweiz muß es gewesen sein. Heute stand nun in der Zeitung, daß amerikanische Flieger die ThurBrücke bei Felben (zwischen Weinfelden und Frauenfeld) angegriffen hatten. 6 Bomben haten sie geworfen Die Brücke haben sie nicht getroffen. Durch Bordwaffen ist sie noch beschädigt worden. Heute hatt die Schweiz 7 oder 8 mal Alarm. Während eines Alarms hat es wieder in der Schweiz ein paar Mal mächtig gekracht. Was wird da wieder gewesen sein? Wir hatten auch 2mal Voralarm. Vor ein paar Tagen ist auch wieder ein Zug bei Allensbach beschossen worden. Auf alle mögliche Weise versuchen es unsere Feinde jetzt.  Heute haben wir den 6ten Beutel mit Apfelringen gefüllt. Neue Ringe habe ich schon wieder aufgehängt.  Am Dienstag haben wir große Luftschutzübung. Ich kann ja dieses Mal zuschauen, das ist auch mal ganz schön.   
In der vergangenen Nacht habe ich so wunderschön von Dir geträumt. Wenn man doch seine Träume selber bestimmen könnte, dann möchte ich jede Nacht von Dir träumen. In der vergangenen Nacht war ich mit lauter fremden Menschen zusammen. Plötzlich faßt mich jemand am Arm. Ich schaue mich um, da bist Du es. Da durchströmte mich ein ungeheures Glücksgefühl. Ich wußte auch im Traum, ich gehöre zu Dir. Es war dasselbe Glücksgefühl wie an dem Tag, als Du so unverhofft auf Urlaub kamst. Es war heute Nacht eine so glückliche Erlösung, als Du plötzlich bei mir standest. Ich fühle diese Freude jetzt noch und die Sehnsucht, auch nachher wieder von Dir träumen zu dürfen.  Nun laß mich schließen. Bleib immer gesund, mein liebster Mann, und laß Dich herzlich und innig grüßen und küssen von 

Deiner Annie.   

Liebes Vaterle! 
Wir haben jetzt schon über einen Zentner Kartoffeln rausgemacht. Freut Dich das? Einmal habe ich im ganzen 24 Pfund Äpfel mit dem Apfelpflücker runtergemacht. Viele Grüße und 1000000000 Küsse von 

Deiner Helga. 

Liebes Vaterle! 
Morgen mache ich noch Äpfel mit dem Apfelpflücker runter. 
Wie Dir Mutterle schon schrieb, habe ich auch schon einmal 16 Pfund runtergemacht. Viele 1000 Grüße und 1000000 mal 9000000000000000 Küsse von 

Deinem Jörg. 

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