Freitag, 15. September 2017

Brief 418 vom 12.9.1942


Mein lieber Ernst!                                       Konstanz, 12.9.42

Gestern bin ich nicht zum Schreiben gekommen, aber nun will ich gleich damit anfangen, damit es nicht erst wieder Abend wird. Gestern war ich den halben Tag nähen, weil ich die 2 kommenden Wochen nicht gehen kann, wenn Papa kommt. Nachmittags habe ich geputzt und bin einkaufen gefahren. Heute hatte ich es in der Hauptsache mit dem Luftschutz zu tun. Vor allem habe ich den Speicher in Ordnung gebracht und das Kaspertheater auf den Trockenspeicher gestellt. Bei uns war es einfach zu eng, während es auf dem Trockenspeicher gar nicht im Wege steht. Ich habe auch Sandtüten in die Wohnung gestellt, wie es jetzt Vorschrift ist. An der Haustüre, an dem linken kleinen Stück, habe ich neues Verdunklungspapier dran gemacht, die Gasmasken stehen auf dem Korridor. Ich denke, daß soweit alles in Ordnung ist. Wir haben jetzt noch ein neues Warnungszeichen bekommen. 3x gleichmäßiger Entwarnungston bedeutet „Allgemeine Luftwarnung“, und wird dann gegeben, wenn die Flieger eingeflogen sind, aber nur mit einzelnen Abwürfen gerechnet wird. Es geht dann alles einen Gang weiter, aber man richtet alles zum in den Keller gehen her. Wenn man dann Flieger hört, saust man los.
Heute erhielt ich das Päckchen Nr.35 mit Fisch. Die anderen 4 Päckchen, die noch fehlen, sind sicher verloren. Entweder sind sie einem Angriff in Karlsruhe zum Opfer gefallen (wie der Briefträger meinte), oder aber noch wahrscheinlicher sind sie gestohlen worden, denn gestern ist ein langjähriger Beamter der hiesigen Post wegen Diebstahl von Feldpostpäckchen verhaftet worden. Der Name wurde noch nicht bekannt gegeben. (Ich habe gerade den Briefträger gefragt, der mir Deinen Brief vom 30.8. brachte. Buchinger heißt der Dieb. er war bei der Bahnpost.)
Unsere Kinder sind wieder beim Baden. Ich konnte leider nicht mit. Es ist heute wieder sehr heiß. Nur morgens haben wir immer Nebel. Es wird eben doch Herbst.
Nun zu Deinem lieben Brief. Im Theater hat es dir also gefallen. Es wundert einen wirklich, daß es sowas dort gibt. Ob die Bevölkerung bisher auch etwas davon hatte?
Die Fahrt auf den Pfänder war schön, aber die Aussicht war nicht ganz so gut, wie Du sie beschreibst. Dem See zu sah man nicht sehr viel. Vielleicht ist es ein andermal besser.
Siegfried hat die Telefonnummer von Webers schon seit seinem letzten Besuch. Er hätte auch sicher angerufen, aber sie haben nur ausgeladen und sind gleich wieder ab.
Wie ich dir schon schrieb, hat Helga jetzt genau so viel Geld auf der Sparkasse, wie Jörg. Er hatte erst nur durch seinen Geburtstag etwas mehr, was sie ja nun aufgeholt hat.
Ja, Jörg ist ein richtiger Lauser. Ich habe manchmal mit ihm zu tun. Gut ist nur, dass er im Grund gutmütig ist. Aber einen harten Kopf muss ich manchmal haben, denn er versucht auf jede Weise seine Meinung und seine Wünsche durchzudrücken. Bis jetzt hatte ich immer noch den härteren Willen. Ich muss auch aufpassen, dass er recht bleibt. Gestern, als er vom Baden kam, brachte er zwei kleine Holzstangen, so ca. 50cm hoch mit. Ich fragte, woher? Da haben sie sie beim Ellegast geholt. Der Richard von Büsings hatte gesagt, es sieht niemand, wir nehmen sie mit. Als ich das hörte, habe ich mir unseren Jungen vorgenommen. Ich habe zu ihm gesagt: “ Du weißt doch, dass man nichts nehmen darf, auch nicht das Geringste, wa einem nicht gehört. Du weißt doch, dass es bei Büsings heißt, man darf nichts liegen lassen, weil sie stehlen. Soll man das bei dir auch sagen? Wenn auch die Stöcke nur ein paar Pfennig Wert sind, so ist das ganz gleich. Ich will, dass man bei Euch jederzeit alles liegen lassen kann, ohne dass ihr was nehmt.“ Ich habe ihm noch ins Gewissen geredet. Er hat dann sehr geweint und eingesehen, dass es Unrecht ist. Wenn er es aus Dummheit genommen hätte, wäre es nicht so schlimm gewesen, aber weil der Büsing gesagt hat:“…es sieht niemand, da könne wir es nehmen“. Ich will nicht, dass sie unsere Kinder zum Stehlen verleiten. Es ist schlimm genug, dass man vor Büsings nicht liegen lassen kann, ohne dass es weg kommt. Aber deren Mutter findet ja nichts dabei
Aber sonst ist Jörg ein lieber  Kerl. Er lernt gut in der Schule, ist auch aufmerksam. Außerdem ist er ja unser Raupenfänger. Darauf ist er stolz.
Helga hat es jetzt am meisten mit dem Schwimmen. Sie übt unermüdlich.
Nun laß mich schließen. Es ist gleich ½ 5 Uhr. Der Brief soll noch fort. Ich grüße und küsse Dich recht herzlich  Deine Annie.

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