Dienstag, 21. November 2017

Brief 445 vom 17.11.1942


Mein liebster Ernst!                           Konstanz, 17.11.42

Wie ja auch nicht anders möglich, habe ich heute noch keinen Brief von Dir bekommen. Man weiß, dass die Frist noch zu kurz ist und wartet doch. So muss ich Dir also vom heutigen Tag erzählen. Viel war ja nicht los. Am Vormittag habe ich erst in der Wohnung geschafft, dann bin ich in die Stadt gefahren, um die Steuerkarte für Kurt zu besorgen. Als ich in der Kartenstelle stand, fiel mir absolut der Geburtstag von Kurt nicht ein. Als ich wieder draußen, und ein kleines Stück gefahren war, dachte ich daran, dass ich es doch im Kalender notiert hatte. Also umgekehrt und wieder hin. In 5 Minuten konnte ich die Karte in Empfang nehmen.
Beim Nähen war ich heute noch nicht. Die sollen nicht denken, sie brauchen nur schreiben, da springe ich schon. Vielleicht gehe ich am Donnerstag oder Freitag mal hin.
Am Nachmittag habe ich wieder im Haus geschafft. Die Kinder sind auch die meiste Zeit drin geblieben, denn es war so richtiges Matschwetter. Weißt Du, es hat geschneit, aber nichts ist liegen geblieben. Beim Fahren war es auch scheußlich, wenn einem das nasse Zeug so ins Gesicht flog. Und kalt wurde es einem gleich. Da ist eine schön warme Küche doch vorzuziehen.
Jörg brachte mir heute auch 15g Margarinemarken für die gesammelten Bucheckern. Er war natürlich froh, dass er auch was bringen konnte und nicht nur Helga. Das Geld bekommen sie morgen noch.
Das wär eigentlich schon alles, was von heute zu berichten wäre. Nein, halt, Granatsplitter haben wir noch gebacken. Wie haben Dir die eigentlich geschmeckt, die wir mitgeschickt hatten? Vielleicht bist Du nicht für sowas?
Ich habe mir schon überlegt, was ich für Leipzig zu Weihnachten kaufen soll. An Siegfried schicke ich Zigaretten, an Papa sicher auch. Nun kommt noch Erna. Und Papas Frau? In nächster Zeit gehe ich mal mit den Kindern in die Stadt und sehe zu, ob ich irgendetwas auftreiben kann. Für die Kinder habe ich ja soweit alles beisammen und für Dich habe ich erst nur eine Kleinigkeit. Es ist schwer, wenn du keinen Wunsch hast. Aber vielleicht freust Du Dich auch über eine kleine Sache.
Ich habe einen Wunsch an Dich. Zeichne mir doch bitte mal das Zimmer auf, in dem Du wohnst. Ich wüsste so gern, wo Du schläfst.
Um ½ 5 sind die Kinder doch noch eine Weile raus gegangen. Aber jetzt, ½ 6 Uhr, kommen sie patschnass und frierend heim. Es hatte wieder fest geschneit. Da mussten sie doch noch draußen bleiben. Aber jetzt fühlen sie sich hier wieder wohler. Nur hängt alles voller nasser Sachen. Mit Hunger sind die Kinder auch heim gekommen und ich werde jetzt gleich Abendbrot machen.
Dich, mein liebster Ernst, grüße und küsse ich wieder recht herzlich, Deine Annie.

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