Sonntag, 30. Juni 2019

Brief 755 vom 27.06.1944

Mein liebster Ernst!                                                                    Konstanz, 27.6.44      

 Heute habe ich die Freude gehabt, wieder 2 leibe briefe von Dir zu erhalten. Es sind die Nr. 23 und 24 vom 17. und 18.6. Ich muß immer wieder staunen und freue mich natürlich darüber, daß Du trotz Deiner knappen Zeit immer an mich schreibst. Ich möchte Dir immer wieder dafür danken, denn Du machst mir eine sehr große Freude damit. Dein Brief an Jörg ist heute angekommen.  Wohin die Fahrt von Jörg gehen sollte, weiß ich auch nicht genau. Es ist auch in letzter Zeit nicht mehr davon geredet worden. Sobald etwas bekannt gegeben wird, schreibe ich es Dir.  Nun hast Du wieder ein Päckchen mit verschiedenen Sachen auf den Weg gebracht. Ich kann diese schon verwenden. Da mußt Du keine Angst haben.  Interessiert haben mich die dortigen Preise und die Tauschmöglichkeiten. Von den Zigaretten hier könntest Du ja manches Ei für Dich eintauchen, wenn ich sie Dir nur schicken könnte. Einmal könnte ich es ja vielleicht schon. Du müßtest mir eben darüber schreiben. Von Nanni finde ich die Art, wie sie Dich eingeladen hat, nicht gerade schön. Sie tut so, als seien wir garnicht vorhanben. Es weiß jetzt doch Jeder, daß man die wenigen Tagebei seiner Familie verleben will, höchstens dann nicht, wenn man sich nicht versteht. Und das ist ja glücklicherweise bei uns nicht der Fall. Aber Nanni wie Paula haben ja für uns keine besondere Vorliebe und meinen sicher, wir wären Dir genau so gleichgültig. Ich jedenfalls würde nicht einmal Siegfried jetzt einladen, weil es mir selbstverständlich ist, daß er zuerst seiner Frau und seinem Kind gehört.  Dann kommt es mir so vor, als neideten sie Dir in der Verwandtschaft das bißchen Glück, was Du bisher im Leben gehabt hast. Bei Paula weiß ich es ja gewiß. Du hast ja schließlich auch nichts in den Schoß geworfen bekommen, sondern hast dich bisher redlich plagen müssen, um etwas zu erreichen. Ach, ärgern wir uns nicht weiter.  Heute Morgen bin ich gleich mit Jörg zum Hogg, Kartoffeln holen gefahren. Mit den 2 Karten von Leimenstolls, die sie mir früher gegeben hatten, habe ich wieder 1 Ztr. Kartoffeln bekommen. Die sehen besser aus als die letzten von BeyerBaer. Vater habe ich wieder ein paar davon abgegeben, denn ich komme jetzt gut damit aus.  Heute haben wir 4 Pfund Erdbeeren geerntet. Das sind nun ca. 44 Pfundzusammen. Das Wetter war heute nicht gerade gut zum reifen. Es stürmte ziemlich. Die Kartoffelstauden hat es ganz umgelegt. Das Rosenbäumchen haben wir stützen müssen, sonst wäre es glatt umgedrückt worden mitsamt dem Stecken.  Ich habe nun unsere Photoplatten ausssortiert. 8 Schachteln sind zum wegtun, 6 Schachteln voll tue ich unten in die große Kiste zum Album und 1 Schachtel voll mit den wichtigsten Filmen habe ich zu den wichtigsten Papieren getan.  Bei unsrem Keller habe ich einige sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Da das Schloß nur 1 X zuzuschließen geht, habe ich inwendig noch einen Riegel angebracht. Durch die Latten kommt eine Männerhand wohl nicht durch. Dann habe ich noch eine Klingel angebracht. Die läutet, wenn man öffnet. Bei Tag hänge ich sie aus. Wenn es auch kein riesiger Schutz ist, so ist es doch besser, als wenn jemand nur einfach einmal aufschließen muß.  Meinst Du nicht auch?  Nun laß mich schließen. Ich sende Dir viele herzliche Grüße und liebe Küsse und bin immer Deine Annie.

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