Sonntag, 30. Juni 2019

Brief 748 vom 16.06.1944

Mein lieber Ernst !                                                            Konstanz, 16.6.44

Das Schönste ist wohl heute, daß die Vergeltung begonnen hat.  Jedes Mitleid ist durch die unbarmherzigen Fliegerangriffe unserer Feinde ausgelöscht und es beherrscht uns alle nur noch der Gedanke der Rache. Unser Volk hat ja bisher so viel bluten müssen.
Wenn man weiß, es ist alles vergolten, so   (unleserlich)  leichter ertragen. Unsere Feinde werden jetzt uns sicher jetzt auch noch stärker angreifen wollen. Damit müssen wir ja rechnen. Als wir vom Beginn der Vergeltung vorhin durch Hans Fritsche hörten, bin ich gleich zu Vater runter gefahren und habe es ihm gesagt.  Er hat sich auch sehr gefreut.  Von Dir erhielt ich Deinen lieben Brief vom 8.6.  Nr. 15. Wie ich Dir schon inzwischen schrieb, habe ich im Garten alles rechtzeitig schaffen können. Die Reise nach Leipzig hat gar nichts ausgemacht.  Die Kartoffeln stehen dieses Jahr so gut wie noch nie. Kraut haben sie jedenfalls üppig. Dadurch, daß es öfter regnet, hat der Mist seine Wirkung tun können. Im vergangenen Jahr war es zu trocken. Da ist er gar nicht verrottet.  Die Zigarettenlieferungen an den Gagel habe ich fast ganz eingestellt. Es war mir zu frech, wie oft sie gekommen sind.  Das letzte Mal habe ich auch zu dem Mädel gesagt: “Ja, wie denkst Du Dir das eigentlich? Erstens bekomme ich augenblicklich fast keine und dann habe ich auch noch meine Leute zu versorgen.“ Darauf meinte sie „Der (ihr Vater) macht mich auch fast verrückt.“ Soviel ich weiß, habe ich Dir doch mitgeteilt, daß Deine Kartoffeln angekommen sind. Ich danke Dir auch heute nochmals dafür.  So eine Sauna ist doch sicher gut. Ein Soldat, der sie uns in der Ausstellung erklärte, sagte noch, daß ihr Vorgesetzter immer dafür gesorgt hat, daß sie sich hinterher 2 Stunden ausruhen. Könnt Ihr das auch? Es freut mich sehr, daß Dein Schienbein wieder soweit verheilt ist. Du mußt Dir schon sehr weh getan haben, daß es so vereitert war.  Ich glaube, mich machte es sehr kaputt, wenn ich nicht richtig schlafen könnte, denn Schlaf ist mir das Wichtigste bei mir.
Morgen will ich wieder nach unseren Urlaubsbildern fragen. Ich bin am Mittwoch schon wieder dort gewesen, damit er sieht, man wartet darauf.  Einmal werden wir sie doch bekommen.  Ich bin gespannt, ob es am Sonntag mit dem Sportfest etwas wird, denn seit Nachmittag regnet es schon wieder. Wenn morgen auch solch Wetter wird, ist ja der Boden ganz aufgeweicht.  Heute zum Abendbrot hatte ich für die Kinder eine Überraschung, ich hatte einen Rhabarberkuchen gebacken. Da haben sie aber zugelangt.  Ich sende Dir recht herzliche Grüße und Küsse Deine Annie.
Du kannst Dich darauf verlassen, daß wir immer mit viel Liebe an Dich denken.

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