Mein liebster Ernst !
Konstanz, 26.5.44
Siehst Du, nun habe ich gestern doch einmal mit schreiben
ausgesetzt. Gern habe ich es aber nicht getan. Aber ich hoffe, daß Du es
entschuldigst. Eigentlich ist ein Vergnügen,
das Baden, daran schuld. Doch ich will am Morgen beginnen. Ich hatte aufgeräumt
und wollte in die Stadt fahren, da kam Alarm. Starke feindliche Kampfverbände
waren eingeflogen. Wir haben zwar nicht viel davon gehört, aber man stand doch
immer auf dem Sprung und konnte nichts schaffen. Nach der Entwarnung bin ich
dann gefahren und kam kurz vor Mittag heim. Da habe ich schnell gekocht und als
die Kinder kamen, haben wir gegessen. Nun war ja Badetag. Jörg konnte nicht mit
gehen, da er Dienst hatte. Ich wußte nicht recht, was ich machen sollte.
Einesteils hatte ich vom schaffen vom vergangenen Tag fürchterliches Rückenweh,
andernteils hätte ich mir den Staub und Dreck, der mir im Keller angeflogen
war, gern abgespült. Nun, Helga und Ingrid haben so gebeten, daß ich mitgehen
soll, daß ich mich dann doch dazu entschlossen habe. Als wir dann heim kamen,
da habe ich mit Helga noch im Garten geschafft.
Wir haben vor allen Dingen Unkraut rausgerissen und ein
Beet mit niedrigen Erbsen nochmals ausgesät, da fast nicht gekommen war.
Während wir unten waren, kam Resi.
Wir haben noch alles wegen Sonntag besprochen. Wir gehen
nun nach dem Hohentwiel, da Gisela vielleicht nicht so weit bis zum Haldenhof
laufen kann. Am 2. Tag wollen wir
daheim bleiben, denn es kostet zuviel Brot und Marken, wenn man fortgeht. ¾ 1o
Uhr fahren wir fort und kommen abends ¾ wieder hier an. Als Resi fort ging war
es ½ 10 Uhr. Da habe ich dann mit aufräumen und abwaschen angefangen und war
nach 11 Uhr fertig. Da war ich dann zu müd zum schreiben. Heute am Freitag habe ich morgens außer der
Küche alles gründlich geputzt. Dann habe ich Lebensmittelkarten geholt und
angemeldet. Frau N hatte sowas gehört, daß es auf die Karten von Kartoffeln,
(der restliche Zentner, den wir nicht bekommen haben und etwas Lebensmittel
dafür erhielten) nun doch noch etliche Kartoffeln gäbe. Es sind die 62., 63.
und 64 Periode.
Ich habe mich nun genau erkundigt und tatsächlich gab es
auf 62 pro Person 20 Pfund.
Ich habe es nun Frau N. und L. gesagt und Frau Leimenstoll
meinte, 2 Karten könnte ich von ihr bekommen, sie brauchte nicht so viel. Also bin ich dann mit 5 Karten losgezogen
und brachte 1 Ztr. Kartoffeln heim. Ist das nicht wunderbar? Das ist mir eine große
Erleichterung. Da kann ich doch wieder richtig kochen ohne zu befürchten, daß
sie mir gleich ausgehen. Helga war mit ihrer Klasse Waldmeister suchen
gegangen.
Da hatte sie ihre, bzw. meine Einkaufstasche im Wald
hingelegt und dann, als sie gerufen wurden, vergessen. Sie wußte, wo sie sie
hingelegt hatte und hat den Herrn Riester gebeten, daß sie hinlaufen darf. Sie
waren nicht weit entfernt. Sie durfte aber nicht und so sind wir vorhin unter
Mittag nochmals hingefahren und haben die Tasche geholt. Es war im Mainauwald.
Nach dem Essen haben wir den Tornister für Jörg zusammengepackt. Er muß heute
zu einem kurzen Dienst mit vorschriftsmäßig gepacktem Tornister. Ich selbst
habe mich erst mal zu schreiben hergesetzt, denn sonst käme der Brief erst
morgen fort. Das aber will ich nicht. Ich bringe ihn nachher noch fort und
nehme gleich die restlichen Sachen zur Spinnstoffsammlung mit. Dann ist auch
das erledigt. Später will ich noch für Jörg zum mitnehmen einen Kuchen backen.
Gestern erhielt ich Deinen lieben Brief vom 17.5. und heute
den vom 18.5. Ich muß feststellen, daß du trotz Deiner Knappen Zeit in lieber
Weise an uns denkst und schreibst.
Ist Dein Schienbein wieder gut geheilt? Oder hast du noch
Schwierigkeiten damit?
Es ist mir schon recht, wenn Du mir von solchen
Erlebnissen, wie mit dem Flieger, berichtest. Wache hast Du scheinbar ziemlich
viel. Das ist auch eine große Umstellung.
Aber ich weiß ja, daß Du Dich in alles hinein findest. Das
Brausebad war Dir eine gute Erholung gewesen sein. Man fühlt sich ja viel
frischer, wenn man wieder einmal ganz gewaschen ist. Bratkartoffeln mußt Du nun dort auch braten. Ich glaube ja, daß
Dir das nicht so große Schwierigkeiten machen wird. Sowas kannst Du ja gut.
Laß mich jetzt bitte erst mal schließen. Wenn ich dazu komme, fange ich
heute Abend noch mit dem nächsten Brief an. Einstweilen grüße und küsse ich
Dich ganz fest und denke immer an Dich Deine Annie.
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