Sonntag, 2. Juni 2019

Brief 741 vom 24.05.1944


Mein liebster Ernst !                                                            Konstanz, 24.5.44

Das war ein arbeitsreicher Tag heute. Von morgens 8 bis abends 6 Uhr bin ich immer unten gewesen, habe den Verschlag eingeräumt und den Keller umgeräumt. Vater kam gestern gegen Abend noch rauf und hat den Verschlag fertig gemacht. Heute habe ich nun gleich eingeräumt. Es hat ziemlich viel Platz drin. An den vorderen Pfählen des Gestells welches du gemacht hast, habe ich einen Verschlag genagelt. Dahinter habe ich nun alle Hauspäne geschüttet, so daß ich die Säcke leer bekam. Eine Kiste für Zapfen steht auch noch mit drin. Auf den Hauspänen steht noch der kleine gelb/rote Wagen. Oben auf dem Gestell stehen Schlitten, Deine Steinsammlung, das Gestell von der Kartoffelhorde, einige Körbe. Vorn im Verschlag steht noch die große Badewanne und der Roller von Jörg. Nun kommt noch Jörg‘s Schaukelpferd rein. Obern auf dem Verschlag stehen Schachteln, Holzkisten usw.  Da die Latten an der Gartentür am Verschlag sehr weit auseinander standen und man hindurchfassen konnte, habe ich noch Latten dazwischen genagelt. Jetzt sieht alles sehr ordentlich aus. Altes Holz habe ich auch noch zerhackt.  Vater habe ich gestern zum Dank ca. 10  15 Zigarren gegeben. Etwas anderes würde er ja auch nicht nehmen. Vater hat sich wirklich große Mühe gegeben und hat sehr ordentlich geschafft.  Nun möchte ich Dir vor allen Dingen für Deinen lieben Brief vom 16.5. danken. Du bist sehr liebe, daß Du Dir trotz des strengen Dienstes noch Zeit zum schreiben genommen hast. Du weißt ja wie ich mich immer freue. Aber benutze nur Deine knappe Freizeit zum ausruhen.  Ich kann schon einmal warten. Du hast ja gerade an diesem Tag bald 21 Stunden hintereinander munter sein müssen. Das ist doch sehr anstrengend. Der Übergang vom erst zum jetzt ist doch sehr kraß und plötzlich.  Deine Bitte nach einem kleinen Leinensäckchen, einigen Putzlumpen und einer alten Zahnbürste erfülle ich gern. Soviel ich weiß, dürfen Zeitungssendungen jetzt auch nur 20g wiegen. Ich will mich aber morgen nochmals erkundigen. Bei 20g könnte ich natürlich kaum etwas zwischen die Zeitungen stecken.  Ich könnte höchstens ein 100g Päckchen mit Zulassungsmarke schicken.  Unser Osterpäckchen an Dich ist übrigens wieder an uns zurückgekommen, dann kam eine Karte von Nanni und die 100 Mk von dem Frl. Kuper aus Bremen. Von Siegfried erhielt ich einen Brief zum Muttertag und vom Restock vom Marinesturm eine Karte, in der er mir im Namen aller Kameraden herzliche Glückwünsche übermittelt.  Feldpostbriefe habe ich noch da und kann sicher auch welche bekommen. Ich schicke Dir nach und nach noch welche mit.  Gestern habe ich an Erna, Alice und Elsa geschrieben. Soweit es das Gewicht erlaubt, schicke ich Dir die Durchschläge heute mit.  Bei den Buben ist es mit dem Dienst ganz verrückt.
Diese Woche haben sie heute morgen und übermorgen Dienst. Zum helfen kommen die Buben gar nicht mehr. Hoffentlich geht das nicht immer so, sonst behalte ich Jörg ab und zu daheim. Heute hat er eine ganze Aufstellung von den Sachen gebracht, die er am Samstag mitnehmen muß. Es ist gar nicht wenig. Gleich 2 Brote, wo seine ganze Wochenration nicht viel mehr beträgt. Eine Taschenlampe sollen sie auch mitbringen, wo man doch gar keine Batterien bekommt. Ich glaube, die leben im Mond. Doch das soll mich nicht aufregen.  Weiß Du übrigens das wir einen Kühlschrank besitzen?
Da staunst Du, nicht wahr? Vielleicht erinnerst Du Dich noch an die P-Kiste mit Blech ausgeschlagen. Die haben wir jetzt im Korridor stehen und es hält sich alles wunderbar kühl darin. Der Gedanke war mir mal so gekommen und ich habe es ausprobiert. In der Not könnten wir sogar Brot usw. hineintun, die Kiste an den Rändern verkleben und die Sachen wären gasdicht aufgehoben. Da hast Du wieder mal ein gutes Werk getan, als Du mir die Kiste mitbrachtest.  Du schreibst in einem Brief, daß der Ort Lobno noch in unserem Besitz sei, daß wir uns also keine Sorge um das Grab von Kurt machen brauchten. Ich weiß nun gar nicht, ob ich Dir schon geschrieben habe, daß wir auf unsere Reklamation wegen des Schreibfehlers auf dem Kreuz von dem Gräberoffizier einen Brief erhielten. Er schreibt darin, es täte ihm leid, daß dieser Fehler unterlaufen sei. Leider könnte man es jetzt nicht abändern, da der Friedhof nicht mehr in unserem Besitz sei. Durch Flugzeugaufnahmen sei aber festgestellt worden, daß die Gräber bisher unversehrt seien.  Nun laß mich wieder schließen. Morgen schreibe ich ja schon weiter. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

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