Mein liebster Ernst ! Konstanz, 24.5.44
Das war ein arbeitsreicher Tag heute. Von morgens 8 bis
abends 6 Uhr bin ich immer unten gewesen, habe den Verschlag eingeräumt und den
Keller umgeräumt. Vater kam gestern gegen Abend noch rauf und hat den Verschlag
fertig gemacht. Heute habe ich nun gleich eingeräumt. Es hat ziemlich viel
Platz drin. An den vorderen Pfählen des Gestells welches du gemacht hast, habe
ich einen Verschlag genagelt. Dahinter habe ich nun alle Hauspäne geschüttet,
so daß ich die Säcke leer bekam. Eine Kiste für Zapfen steht auch noch mit
drin. Auf den Hauspänen steht noch der kleine gelb/rote Wagen. Oben auf dem
Gestell stehen Schlitten, Deine Steinsammlung, das Gestell von der
Kartoffelhorde, einige Körbe. Vorn im Verschlag steht noch die große Badewanne
und der Roller von Jörg. Nun kommt noch Jörg‘s Schaukelpferd rein. Obern auf
dem Verschlag stehen Schachteln, Holzkisten usw. Da die Latten an der Gartentür am Verschlag sehr weit auseinander
standen und man hindurchfassen konnte, habe ich noch Latten dazwischen
genagelt. Jetzt sieht alles sehr ordentlich aus. Altes Holz habe ich auch noch
zerhackt. Vater habe ich gestern zum
Dank ca. 10 15 Zigarren gegeben. Etwas
anderes würde er ja auch nicht nehmen. Vater hat sich wirklich große Mühe
gegeben und hat sehr ordentlich geschafft.
Nun möchte ich Dir vor allen Dingen für Deinen lieben Brief vom 16.5.
danken. Du bist sehr liebe, daß Du Dir trotz des strengen Dienstes noch Zeit
zum schreiben genommen hast. Du weißt ja wie ich mich immer freue. Aber benutze
nur Deine knappe Freizeit zum ausruhen.
Ich kann schon einmal warten. Du hast ja gerade an diesem Tag bald 21
Stunden hintereinander munter sein müssen. Das ist doch sehr anstrengend. Der
Übergang vom erst zum jetzt ist doch sehr kraß und plötzlich. Deine Bitte nach einem kleinen
Leinensäckchen, einigen Putzlumpen und einer alten Zahnbürste erfülle ich gern.
Soviel ich weiß, dürfen Zeitungssendungen jetzt auch nur 20g wiegen. Ich will
mich aber morgen nochmals erkundigen. Bei 20g könnte ich natürlich kaum etwas
zwischen die Zeitungen stecken. Ich
könnte höchstens ein 100g Päckchen mit Zulassungsmarke schicken. Unser Osterpäckchen an Dich ist übrigens
wieder an uns zurückgekommen, dann kam eine Karte von Nanni und die 100 Mk von
dem Frl. Kuper aus Bremen. Von Siegfried erhielt ich einen Brief zum Muttertag
und vom Restock vom Marinesturm eine Karte, in der er mir im Namen aller Kameraden
herzliche Glückwünsche übermittelt.
Feldpostbriefe habe ich noch da und kann sicher auch welche bekommen.
Ich schicke Dir nach und nach noch welche mit.
Gestern habe ich an Erna, Alice und Elsa geschrieben. Soweit es das
Gewicht erlaubt, schicke ich Dir die Durchschläge heute mit. Bei den Buben ist es mit dem Dienst ganz
verrückt.
Diese Woche haben sie heute morgen und übermorgen Dienst.
Zum helfen kommen die Buben gar nicht mehr. Hoffentlich geht das nicht immer
so, sonst behalte ich Jörg ab und zu daheim. Heute hat er eine ganze
Aufstellung von den Sachen gebracht, die er am Samstag mitnehmen muß. Es ist
gar nicht wenig. Gleich 2 Brote, wo seine ganze Wochenration nicht viel mehr
beträgt. Eine Taschenlampe sollen sie auch mitbringen, wo man doch gar keine
Batterien bekommt. Ich glaube, die leben im Mond. Doch das soll mich nicht
aufregen. Weiß Du übrigens das wir
einen Kühlschrank besitzen?
Da staunst Du, nicht wahr? Vielleicht erinnerst Du Dich noch an die
P-Kiste mit Blech ausgeschlagen. Die haben wir jetzt im Korridor stehen und es
hält sich alles wunderbar kühl darin. Der Gedanke war mir mal so gekommen und
ich habe es ausprobiert. In der Not könnten wir sogar Brot usw. hineintun, die
Kiste an den Rändern verkleben und die Sachen wären gasdicht aufgehoben. Da
hast Du wieder mal ein gutes Werk getan, als Du mir die Kiste
mitbrachtest. Du schreibst in einem
Brief, daß der Ort Lobno noch in unserem Besitz sei, daß wir uns also keine
Sorge um das Grab von Kurt machen brauchten. Ich weiß nun gar nicht, ob ich Dir
schon geschrieben habe, daß wir auf unsere Reklamation wegen des Schreibfehlers
auf dem Kreuz von dem Gräberoffizier einen Brief erhielten. Er schreibt darin,
es täte ihm leid, daß dieser Fehler unterlaufen sei. Leider könnte man es jetzt
nicht abändern, da der Friedhof nicht mehr in unserem Besitz sei. Durch
Flugzeugaufnahmen sei aber festgestellt worden, daß die Gräber bisher
unversehrt seien. Nun laß mich wieder
schließen. Morgen schreibe ich ja schon weiter. Sei recht herzlich gegrüßt und
geküßt von Deiner Annie.
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