Freitag, 10. Juli 2015

Brief 28 vom 7./8.7.1940


Mein lieber, lieber Ernst!                                                                     7. Juli 40

 Das war eine Überraschung, als heute am Sonntag Dein lieber Brief von unterwegs kam. Ich habe mir gleich die Orte, über die Du gefahren bist, in der Karte eingezeichnet. Ich hatte, wie ich schon schrieb, erst am Dienstag mit einem Brief gerechnet, da war die Freude nun umso größer. Wir haben uns heute gerade die Karte angesehen. Seit Du beim Militär bist, hast Du schon weite Gebiete durchfahren.  Interessant wird es für Dich ja schon sein.  Wenn alles gut gegangen ist, wirst Du wahrscheinlich heute schon in Lille sein. Hoffentlich erwischst Du halbwegs gute Kameraden. Ich wünsche Dir jedenfalls, daß es Dir gut gehen möge.
Wenn Du irgendwelche Wünsche hast, so schreibe mir nur. Wenn es möglich ist, werde ich sie Dir gern erfüllen.  Das glaube ich, daß die Verständigung mit den Leuten dort schwer ist. Wenn Du länger dort bist, wirst Du sicher bald manches verstehen und auch sprechen, denn Du hast doch eine gute Auffassungsgabe. 
Von Siegfried kam heute früh vom 4.7. aus Maastricht eine Karte an. Da wart ihr am 4. Juli gar nicht so weit von einander entfernt. 
Das wollte ich Dir auch noch schreiben. Du brauchst keine Angst zu haben, daß ich mich an andere Leute anschließe. Da ich gemerkt habe, daß es Dir nicht so recht ist, habe ich auch mit Frau Ehret nicht mehr gesprochen. Du bist also der einzige, mit dem ich rede, höchstens daß ich gelegentlich mit Vater einmal ein paar Worte rede, das ist aber nicht viel, denn er liest meist die Zeitung. 
Wir wollten heute baden gehen, aber das Wetter sieht nicht so gut aus. Vielleicht nähe ich heute Nachmittag mit der Maschine, denn dazu bin ich jetzt nie gekommen. 
¾ 7 Uhr abends.                 So, nun ist der Nachmittag vorbei und ich habe meinen Teil geschafft. Ich habe aus dem Schlafsack von Kurt aus olivgrünem Stoff für Jörg zwei Hosen, eine Arbeitsschürze und für Helga einen Strandanzug gemacht. Die Hosen für Jörg sind Sporthosen zum spielen auf dem Hof. Ich wollte eigentlich Gummizug hinein machen. Da man diesen aber nicht so gut bekommt, habe ich die Hosen oben ziemlich anschließend genäht und Schlaufen für einen Gürtel dran genäht. Hat aber Jörg jetzt einen Stolz. Das war doch immer sein großer Wunsch, Hosen mit Gürtel. Den Strandanzug für Helga habe ich bestickt, so daß er einen sehr freundlichen Eindruck macht. Ich habe heute Nachmittag alles fertig bekommen können, weil ich schon alles zugeschnitten hatte. Ich habe ja noch mancherlei zu nähen, aber es ist doch wieder ein Teil, der fertig ist. Hoffentlich langweilt Dich meine Schilderung von der Näherei nicht. Sollte es doch der Fall sein, so sei mir nicht böse deshalb.  Jetzt will ich die Kinder herein holen, damit sie dann schlafen gehen. 

                                                                                                                      8. Juli.

 Gestern Abend ¼ 10 Uhr kam Vater noch und brachte Erdbeeren. Er war bis gegen 11 Uhr da. Ich war dann wieder sehr müd´, das ist einfach nichts für mich, das lange Aufsein. Da Helga heute früh erst später zur Schule mußte, habe ich heute früh bis ¾ 7 Uhr geschlafen. 
Eigentlich wollte ich heute früh im Garten schaffen, daraus ist aber nichts geworden, denn es hat geregnet was vom Himmel runter wollte. Ich habe da eben noch genäht.
½ 10 Uhr kam auch Dein Paket mit der Wäsche, Schuhen usw. Meine Briefe, die ich noch nach Köln geschickt habe, sind bis jetzt gar nicht zurückgekommen. Du hast sie Dir doch nicht nachschicken lassen können, denn Du hast doch noch keine Adresse gewußt. Na, vielleicht kommen sie noch. 
Helga hat Dir auch einen Brief geschrieben. Das macht sie sehr gern.  Ich will auch noch in die Stadt fahren zum Einkaufen, aber ich warte erst noch auf die Post, ob evtl. doch etwas von Dir kommt. 
½ 9 Uhr Abends.                  Post ist heute keine mehr gekommen. Ich bin noch einkaufen gefahren und habe Deine Urlaubsmarken mit eingelöst. Ich danke Dir auch noch vielmals dafür.
Nachdem es einmal ein bißchen mit regnen aufgehört hat, bin ich nochmals in den Garten gegangen. Nach dem Regen ist wieder alles fest gewachsen. Das Kraut macht sich gut, die Stangenbohnen sind fast bis zur Spitze geklettert, an den Buschbohnen sind schon kleine Bohnen dran und sie blühen noch fest. Ebenso fangen die halbhohen und die Feuerbohnen zu blühen an. Die Gurken blühen übrigens jetzt auch. Sie bedecken jetzt schon das ganze Beet bis runter auf den Boden. Die Tomaten wachsen auch gut. Heute habe ich wieder 2 ½ Pfund Erbsen abgenommen. Die Kinder freuen sich schon wieder drauf.
Diese Woche hat es eine Sonderzuteilung an Butter von je ¼ Pfund gegeben. Jetzt habe ich diese Woche 1 ½ Pfund. Wir leben doch üppig, nicht wahr?
Ich glaube, mit dem Siebenschläfer hat es doch etwas auf sich. Da war‘s halb sonnig, halb regnerisch und so ist es jetzt fast jeden Tag. Immer gibt es ein bißchen Regen.
Am Montag bekommt Helga Ferien. Sie freut sich schon sehr. Am Freitag gehen sie wahrscheinlich mit der Spielschar zu den Verwundeten, aber nur, wenn schönes Wetter ist, da sie weiße Kleider anziehen. 
Helga schreibt Dir übrigens, daß ich nicht böse bin, daß sie Dich am allerliebsten haben. Wie könnte ich das auch, wo ich Dich doch selber über alles lieb habe. Da sind die Kinder und ich ganz der gleichen Meinung, daß Du unser aller liebstes Vaterle, mein allerliebster Ernst bist.

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