Freitag, 10. Juli 2015

Brief 27vom 5./6.7.1940


Mein lieber Ernst!                                                                       Konstanz, 5.Juli 40.       

 Vorhin kamen Deine beiden lieben Briefe vom 3. Juli. Ich habe nun daraus ersehen, daß Du nun nicht mehr in Köln bist. Ich danke Dir auch dafür, daß Du wieder so oft an mich geschrieben hast. Du hast ja dort in Köln wenig Post von mir erhalten, ich habe aber jeden Tag geschrieben. Deine Briefe an mich sind ja meist auch zwei Tage unterwegs gewesen und so wird es auch mit meinen Briefen gewesen sein. Den ersten vom Montag hast Du ja erhalten, die anderen hättest Du sicher am Donnerstag und Freitag bekommen. Ich warte nun, bis ich Deine neue Adresse weiß. 
Soll ich den zwei Herren, die Du mir angegeben hast, auf Anfrage Deine Adresse auf einer K a r t e  mitteilen?   Die Briefmarke werde ich für Dich und Kurt besorgen. Bis jetzt hat mein Vater keine Briefmarke geschickt. 
(Am Abend.)  Ich habe versucht, die Briefmarke zu bekommen. Die bekommt man aber nur im Hauptamt in Berlin. Weißt Du die Adresse, wo man da hinschreiben muß? 
Meine Gedanken sind heute ganz besonders bei Dir, da ich nun weiß, daß Du unterwegs bist. Vor Montag/Dienstag werde ich ja kaum Bescheid von Dir haben. Ich hoffe mit Dir, daß es eine glückliche Vorbedeutung ist, daß Du gerade an Deinem Geburtstag fahren mußtest. Hoffentlich war die Fahrt nicht gar so umständlich. Ich freue mich schon wieder auf Deinen Brief. Du glaubst garnicht, mit welcher Sehnsucht ich immer eine Nachricht von Dir erwarte. Meine Gedanken suchen Dich immer. Du bist ja so lieb und hast mir immer regelmäßig geschrieben. Dafür kann ich Dir gar nicht genug danken. 
Heute habe ich wieder im Garten geschafft. Die Erdbeerpflanzen habe ich jetzt alle gehackt, also das Unkraut entfernt. Jetzt könnte ich Dir auch diese mit Stolz zeigen. Es war ja eine Heidenarbeit, aber jetzt habe ich es geschafft. Es war ja zwischen den Erdbeeren viel Unkraut, aber während der Ernte konnte ich ja nichts machen. Nun habe ich mich aber gleich dahintergesetzt, denn wenn das Zeug erst blüht, dann wäre ich ja gar nicht mehr Herr über das Unkraut geworden.  Bis über den Sonntag ist der Garten nun in Ordnung und dann fange ich wieder an.  Es hat dieses Jahr 4 Pfund Johannisbeeren gegeben. Voriges Jahr war die Ernte 1 ½ Pfund. Doch schon ein Fortschritt. 
Gestern hat uns Vater schon zum zweiten Mal ein paar Pfund Erdbeeren gebracht. Wenn er kommt, lese ich ihm immer die Stellen aus Deinen Briefen vor, die ihn auch interessieren. Er freut sich jedes Mal, wenn wieder ein Brief kommt.  Der Film „Zwei Welten“ ist hier schon einmal gespielt worden.  Vielleicht kommt er nochmal. Aber ob ich abends allein fort gehen kann?

                                                                                                        6.7.

Nun ist auch der Samstag schon wieder vorbei.
Im Garten habe ich heute nicht geschafft, sondern nur geerntet. Ich habe für morgen zwei Pfund Erbsen abgemacht und habe Möhren geholt. Da habe ich noch das Kraut dran gelassen, infolgedessen habe ich sie noch nicht wiegen können. Es sind schöne große Möhren.  Wenn alle so groß sind, gibt es ziemlich aus. 
Da es diesen Monat Quark ohne Marken gibt, habe ich für morgen einen Quarkkuchen gebacken. Für Dich habe ich kleines Gebäck gebacken, weil ich noch nicht weiß, ob ich größere Päckchen an Dich schicken kann oder nur welche bis 250 g. Da kann ich‘s besser verteilen. Du wirst mir doch nicht böse wegen des Gebäcks sein?
Ein paar Stück werde ich an Kurt schicken, denn wir haben ja meinem Bruder früher auch Päckchen geschickt, da soll Dein Bruder auch nicht ganz stiefmütterlich behandelt werden.
Laß Dir das Gebäck gut schmecken, mein lieber, lieber Ernst! 
Heute Abend haben wir noch gebadet und nun ist auch für mich Feierabend, unsere zwei Kerlchen schlafen.  Ich habe heute auch wieder ein viertel Pfund Pralinen bekommen. Die schicke ich Dir auch bald, denn dort wirst Du so etwas wohl nicht bekommen. Ich kann mir natürlich kein rechtes Bild von den Verhältnissen dort mache. Auf Deiner Fahrt nach Lille wirst Du ja mancherlei gesehen haben, denn Du wirst auch durch zerstörte Gebiete gekommen sein.  In Deinem kommenden Brief wirst Du mir ja sicher auch mitteilen, wo Du untergebracht bist, denn das interessiert mich sehr. Ebenso wie und wo Du verpflegt wirst. 

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