Samstag, 6. Juni 2015

Brief 13 vom 6.6.1940 und Karte im Päckchen


Lieber Ernst!                                                                                                        6.6.40

Vielleicht hast Du heute im Radio gehört, daß Schweizer Gebiet an der Grenze bei Konstanz bombardiert worden ist. Ich wollte Dir erst gar nicht schreiben, daß wir Alarm hatten, damit Du Dir keine Sorgen machst. Nun ist es ja gleich. Wir hatten in der Nacht vom 4. zum 5. nun 2-  ¼ 4Uhr Fliegeralarm.  Über uns ist auch ein Flieger weggeflogen, man hat es auch bumsen hören, aber wir haben gedacht, die Schweizer schießen. Am nächsten Tag haben wir gehört, daß bei Tägerwilen Bomben gefallen sein sollen. In den Rhein bei der Stadtmiste sollen auch welche gefallen sein, aber das weiß ich nicht bestimmt. Bis jetzt ist wieder alles ruhig gewesen.
Nun mach Dir aber um uns keine Sorgen. Ich habe es Dir nur geschrieben, weil es im Radio bekannt gegeben wurde und Du Dir‘s nicht schlimmer vorstellst als es war.
Heute Nachmittag kamen Deine beiden Briefe vom 2. und 3.6. Da ist mir gleich ein großer Stein vom Herzen gefallen. Gott sei dank bist Du doch gesund.  Du hast dort ja allerhand zu tun, da glaube ich gern, daß Du redlich müde abends bist. Es hat mich recht gefreut, daß die Blumen noch soweit frisch waren, so ist es doch ein kleiner Gruß gewesen.
An das Getrenntsein haben wir uns schon soweit gewöhnt, aber ich habe doch oft Sehnsucht nach Dir, wie wäre es auch anders möglich. 
Es ist doch eigenartig, daß manche Tschechen noch so gehässig sind, die sollten doch froh sein, daß sie so gut davon gekommen sind. Da ist es aber wie bei Kindern, ehe sie nicht fest drauf gekriegt haben werden sie nicht gescheit. Nur sind Kinder nicht so bösartig.
In den Film gehe ich von jetzt ab nicht mehr, ich habe nicht die Ruhe, abends von den Kindern fortzugehen, auch wenn Vater da ist. Ich habe ja die Verantwortung für die Kinder und ich möchte da auch bei ihnen sein. Vielleicht schaue ich mir mal wieder vormittags mit den Kindern die Wochenschau an. 
Vater hat sich wieder erholt, er schafft nach wie vor fest.  Die Leute über uns sind bis jetzt sehr nett und ruhig, das ist die Hauptsache.  Das habe ich mir denken können, daß der Uhink wieder Unsinn geschwätzt hat, das macht der ja gern. Da sieht man aber, was für dummes Zeug geredet wird.
Jetzt muß ich wieder ziemlich gießen, denn es ist Sonnenschein und ziemlich windig. Der Wind trocknet alles aus. Vor allen Dingen halte ich die Gurken feucht, aber auch die anderen Sachen gieße ich immer. Gestern Abend habe ich 200 g Erdbeeren geerntet. die haben wir heute gegessen. Helga hat schon gefragt, ob wir Dir nicht ein paar schicken könnten, das geht ja nun leider nicht. Sie sagte, sicher haben sie dort auch einen Garten, wo sie Erdbeeren haben. 
Ich bin ganz glücklich, daß ich wieder Post von Dir habe, da sieht die Welt gleich viel lustiger aus.  Wir essen jetzt gleich  Abendbrot, dann schaffe ich den Brief noch weg, damit Du ihn bald erhältst. Sei für heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.  
Lieber Vater! Wir haben schon lang auf einen Brief gewartet und waren so froh, daß heute gleich 2 Briefe gekommen sind. Ich bin jetzt den ganzen Nachmittag unten gewesen, weil so schönes Wetter ist.  Sei herzlich gegrüßt und gekußt von Deiner Helga. Jörg. 

 Lieber Ernst!    6.6.40

Ich lege hier keinen Brief bei, weil Du ihn sonst so spät bekommst. Ich weiß, daß Du Zimtsterne so gern ißt und habe Dir ein paar gebacken. Ich habe Mandeln dagehabt und die kosten ja keine Marken, also kannst Du gar nicht schimpfen. Laß Dir sie recht gut schmecken.  Recht viel herzliche Grüße und Küsse von Deiner Annie.

 Lieber Ernst!         6.6.1940                                                                                                                             
 Ich wollte Dir doch eine Freude machen und hatte vor ein paar Tagen unsere Wohnung photografiert, davon waren aber nur die 2 Bilder von der Stube und das Schlafzimmer ein bißchen etwas geworden. Das hat mich aber nicht befriedigt und so habe ich es nochmals versucht. Die beiliegenden Bilder sind das Ergebnis. Ich möchte Dir doch Dein Heim wenigstens im Bild nahe bringen. Zwei Bilder von den Kindern sind auch noch dabei. Die Bilder, die ich Dir vor ein paar Tagen geschickt habe, wirst Du inzwischen erhalten haben. Hoffentlich habe ich Dir mit den Bildern auch wirklich eine kleine Freude gemacht.
Ich möchte Dir gern Liebes tun, wo ich nur kann.
Heute war wieder hellster Sonnenschein und auch jetzt , es ist ½ 10 Uhr, ist ganz klarer Himmel und ich kann noch ohne Licht schreiben. 
Kurt war vorhin mal einen Moment hier, er ist aber gleich wieder fort zum schlafen gegangen, weil er morgen eine Stunde zeitiger im Geschäft anfangen muß. 
Mit Eiern werden wir jetzt gut versorgt, gestern haben wir pro Person 5 Stück bekommen. Ich habe gleich wieder welche eingelegt. 
Nun muß ich Dir noch etwas schreiben. Ich habe doch das kleine Schränkchen von Dir für die Eßwaren. Nun kommt doch keine Luft zu den Sachen und wir haben uns doch immer überlegt, was wir da machen.
Evtl. wollten wir doch in der Rückwand Löcher aussägen und Drahtgaze davor nageln. Nun habe ich mir die Sache hin und her überlegt, denn wenn es nun wieder heiß wird mußte etwas geschehen, da konnte ich doch nicht mehr den Schrank öfter offen lassen, wenn jetzt die Fliegen kommen.
Nun bin ich auf eine Idee gekommen, höre und staune.
Ich habe bei der Türfüllung die Leisten vorsichtig entfernt, habe die Türfüllung herausgenommen und statt dessen Drahtgaze dahinter genagelt. Hinter die Gaze habe ich einen schönen Vorhang gespannt, jetzt sieht es prima aus, als wäre Glas davor. Nun kommt genug Luft dazu, wir haben nichts aussägen brauchen und die Türfüllung kann man jederzeit mit ein paar einfachen Hammerschlägen wieder einsetzen.
Was sagst Du nun?
Mir war es zu schade, etwas auszusägen. 
Ich muß gerade staunen, was Ihr alles putzen müßt, wenn ich könnte, würde ich Dir gern einen Teil davon abnehmen, auch das Stiefel putzen.
Das ist doch nicht Deine Lieblingsbeschäftigung, oder hat sich das geändert?

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