Samstag, 24. Februar 2018

Brief 522 vom 20.02.1943


Mein liebster Ernst!                                                                           Konstanz, 20.2.43

Die Briefe, die Du nach dem 31.1. bis zum 9.2.geschrieben hast, habe ich bisher noch nicht erhalten. Dafür kam heute aber schon Dein lieber Brief vom 12.2., den Deine Kameraden von der Feldpost mitgenommen haben. Ich freue mich sehr und danke Dir dafür. Vor allem hat es mich gefreut, dass Du auch wieder Post von mir erhalten hast. Man wartet doch immer sehr darauf. Mir geht es so, und ich weiß auch, dass es bei Dir nicht anders ist.
Lieber Ernst, Du schreibst, Du weißt, dass ich Verständnis dafür habe, dass Du um Kurt trauerst. Schau, ich trauere ja selbst mit. Kurt ist mir immer fast wie ein Bruder vorgekommen. Ich muss auch immer wieder an ihn denken, schon von früher her, wo ich ihn das erste Mal in Leipzig gesehen habe. Weißt Du, er ging doch immer am Straßenrand und suchte, ob er etwas finden würde. Als Du ihn herriefst, da war er so schüchtern und traute sich kaum, aufzusehen. Und klein war er damals noch. Dann später die Zeit , als wir in Konstanz waren. Er schaffte dann in der Hiag, bis die Firma wegging. Später ging er zu dem Artamanen, und plötzlich ging er so in die Höhe und wurde so groß und breit. Wir haben uns doch damals alle gefreut, weißt Du noch? Er hatte dann auch eine Fahrt nach Österreich gemacht und brachte mir aus Gosau die getrockneten Blumen mit. Das freute mich damals auch. Er wollte doch einmal Photograf in Lubmin werden. Daraus wurde aber nichts. Dann fing er den Vertrieb der Salbe an. Das kam aber auch schnell zum Abschluss. Dann kam er zur Zahnfabrik. Da verdiente er zum ersten Mal richtig Geld, dass er sich verschiedene Sachen anschaffen konnte, was er auch getan hat. Einmal hatte er doch auch das Pech, dass er auf dem Schienerberg festgenommen wurde, weil sie meinten, er habe dort photografiert. Ja, ich erinnere mich an so manches, und Dir wird es genauso gehen. Jetzt ist er schon über einen Monat tot, und es will einem gar nicht in den Kopf. Du hast Dich im Krieg, soviel ich weiß, nur einmal mit Kurt getroffen. Wir haben dann die Fahrt entlang am See zusammen gemacht.  Davon haben wir ja auch noch ein Bild. Siehst Du, aus unserer gemeinsamen Feier auf dem Haldenhof wird es nun nichts. Es tut mir wirklich leid, dass Kurt fallen musste.
Siehst Du Ernst, wenn ich Paula nun unterwegs treffe, dann spricht sie immer mit mir von Kurt und fragt mich, ob es mir auch immer schwerer würde. Dann weint sie. Sie meint dann vielleicht, ich empfinde gar nichts, aber ich kann davon nicht so sprechen oder immer weinen. Deswegen meine ich es genauso ehrlich, das weißt Du doch. Zuletzt sagte Paula auch, dass sie mit dem Mädel aus dem Geschäft gesprochen hätte, von dem Kurt immer sagte, sie sei hässlich. Die würde so fein empfinden. Sie habe auch sehr geweint und sich darüber beklagt, dass sie im Geschäft, nachdem sie die Nachricht erfahren hätte, eine Weile davon geredet haben und sagten, er sei ein guter Kerl gewesen. Aber nach einer halben Stunde hätte sie schon wieder von was anderem gesprochen. - Was soll ich dazu sagen. Weißt Du, ich verstehe das. Es geht einem ja genauso. Hört man von jemandem dass der Sohn oder der Mann gefallen ist, so tut einem das wohl leid, aber es trifft einen nicht hart. Anders ist es, wenn es in der Familie ist. Die Mädel in der Firma haben auch meist ihren eigenen Mann oder Bräutigam, um den sie sich sorgen.
An was wir hier auch immer wieder denken, ist die Frage, ob die Bolschewiken die Gräber wohl unberührt lassen. Es wäre später vielleicht doch einmal möglich, dass man dorthin gehen könnte. Aber wenn sie alles zerstören, wüßte man ja überhaupt nicht mehr, wo Kurt liegt. Wir hatten erst an den Leutnant schreiben wollen, ob er nicht das Grab photografieren könnte. Aber das ist ja jetzt nicht mehr möglich. Es ist nur gut, dass Kurt von nichts mehr etwas spürt. Er ruht.
Ich werde das schnell noch in die Stadt fahren und den Brief fortschaffen. Bei unserem Kasten wird erst wieder morgen Mittag geleert. Das ist etwas spät. So kommt der Brief vielleicht noch morgen früh mit weg. Ich muss nur noch warten, bis der Kuchen gebacken ist. Ich habe zwei einfache Hefekuchen gebacken. Da spart man schon den Brotaufstrich.
Nun lass mich schließen. Halt nochwas habe ich vergessen. Am nächsten Dienstag wird der Kurt von Paula eingezogen. Dann wollte ich Dich nochwas fragen: Hatte ich Dir früher, als ich eine Karte von Alice erhielt, schon geschrieben, dass sie jetzt in der Eisenbahnstraße 187 II wohnt? Es fiel mir gerade so ein.
Nun bleib gesund mein lieber Mann und lass Dich recht herzlich grüßen und küssen von Deiner Annie.

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