Dienstag, 13. Februar 2018

Brief 514 vom 10.02.1943


Lieber, guter Ernst!                                                        Konstanz, 10.2.43

Gestern, nachdem ich den Brief an Dich fertig geschrieben hatte, wartete ich auf die Kinder, damit wir essen konnten, denn ich wollte ja zeitig zum Nähen gehen, damit ich auch was Richtiges schaffe. Wenn ich erst gegen ½ 3 Uhr fort komme, bekomme ich nicht einmal 3 Stück richtig fertig. Helga war bald daheim, aber auf Jörg warteten wir lange vergeblich. Endlich entschlossen wir uns, allein zu essen, was wir auch getan haben. Gegen ½ 2 kam er endlich an und war ziemlich erbost, dass wir schon gegessen hatten. Ich habe ihm aber zu verstehen gegeben, dass er froh sein kann, dass ich ihn nicht verwichse, denn ich habe es ihm ein paar Mal gesagt, er soll schnell heimkommen. So hat er schnell allein gegessen und dann sind wir zusammen fort gegangen. In der Nähstube ist es immer gemütlich warm, sodass man es schon aushalten kann. Auch die Kinder haben Platz, wo sie lesen oder spielen können. Wenn sie wollen, können sie auch auf die Straße zum Spielen gehen. Helga und Jörg haben eine Schulkameradin bzw. Schulkameraden in der Nähe wohnen. Gestern war ich nun schon um 2 Uhr beim Nähen und habe bis 6 Uhr sogar 4 Stück fertig bekommen, was mich froh gemacht hat. Wenn man zeitig kommt, sind noch nicht so sehr viele Frauen da und man bekommt noch eine Fußbank. Das ist wichtig, da man da viel schneller nähen kann und sich nicht so runterbücken braucht.
Während des Nähens ist Helga zur Zahnfabrik gegangen und hat die Abschrift der Benachrichtigung der Truppe zum Antrag für die Arbeitsfront hingebracht. Nach dem Nähen sind wir zu Vater hingegangen. Wir trafen ich gerade noch auf der Straße. Ich sagte ihm, dass ich ihm die Formulare von der Kriegsopferversorgung bringen wollte. Er meinte, er habe jetzt gar keine Zeit, da er noch schnell Brot holen müsste. Ich sagte ihm, dass er von mir eins haben könnte. Er war damit einverstanden und meinte, er käme später rauf. Vorher müsste er noch zu Paula, da Nanni heute wegfahren würde. Wir sind dann heimgegangen, haben gegessen und die Kinder sind ins Bett gegangen. Ich war auch sehr müd und bin am Tisch etwas eingeschlafen. Gegen 10 Uhr kam dann Vater. Der Besuch bei Paula wäre gar nicht so eilig gewesen, denn Nanni bleibt doch noch einige Tage da. Ich habe dann Vater die Formulare mit der Maschine ausgefüllt, habe noch einen Brief an die SS für ihn geschrieben, auch dafür ein Formular ausgefüllt und zuletzt haben wir die Danksagung für die Zeitung aufgesetzt. Von der SS will nämlich einer bei Vater vorsprechen. Er war schon am vergangenen Donnerstag da und wollte diesen wieder kommen. Vater hat nun geschrieben, wenn er meint, dass ich die Fragen beantworten könnte, sollte er zu mir hierher kommen, andernfalls sei er am Samstagnachmittag oder Sonntag zu sprechen. Von Frau Frick hat Vater auch einen Brief erhalten, nachdem er ihr geschrieben hatte. Sie hat sehr nett geschrieben, wie sie sich freut, dass sie manches an Kurt tun konnte, denn sie habe ihn sehr gern gehabt. Sie schreibt auch, in einer Beziehung sei ja der Wunsch von Kurt erfüllt, denn sie hätten sich öfter darüber gestritten, weil er immer meinte, lieber wollte er gleich tot, als ein Krüppel sein. Frau Frick meint dann noch, da nun Kurt gefallen sei, wollten sie sich doch nicht mehr ganz fremd werden und sie würde sich freuen, wenn sie Vater in dieser schweren Zeit ab und zu einmal etwas zukommen lassen könnte.
Von Paula erzählte Vater, dass sie zu ihm gesagt hat, wenn seine Kartoffeln nicht langen sollten, so könnte er von ihr welche haben, denn sie bekäme von ihren Verwandten welche.
Als Vater gestern heimging, war es um 12 Uhr. Da bin ich aber dann gleich schlafen gegangen. Wenn es halbwegs möglich ist, gehe ich heute Abend bald ins Bett.
Vorhin war der Briefträger gerade da und brachte mir Deinen lieben Brief vom 15.1.  Der ist aber lange unterwegs gewesen. Außerdem kam noch der große Brief mit Schreibpapier und die Päckchen Nr. 3 und 9 mit Fisch, Haut-Öl, dem Kerzenhalter, einem Buch und dem Mehl. Ganz fest habe ich mich über alles gefreut und danke Dir sehr. Den Kerzenhalter hebe ich selbstverständlich auf, denn es ist doch auch eine Erinnerung für Dich.
Es freut mich, dass Dir der Pullover, den ich Dir vor so langer Zeit gestrickt habe, doch noch gute Dienste tut. Du hast Recht, als ich Dir damals für den Honig dankte, hatte ich ihn noch nicht. Aber inzwischen ist er ja eingetroffen und ich hatte eine doppelte Freude, erstens als Du mir davon schriebst, und dann, als ich ihn hatte. Und bei dem Honig, den Du einem Kameraden mitgegeben hattest, war ich ja doppelt froh, als ich ihn ausgehändigt bekam, und zwar ohne Zoll. Fein ist der Honig, das haben wir schon gemerkt, wenn wir auch noch wenig davon gegessen haben, denn so etwas muss man noch aufheben und gut einteilen.
Die Zeitungen für Dich kann ich leider nicht woanders bestellen. Ich hatte schon mal gefragt. Die Geschäfte und auch der Kiosk am Bahnhof nehmen keine neuen Bestellungen an. Da bin ich darauf angewiesen, ob ich gerade eine erwische. Da ist es mir so, wie es jetzt ist, schon lieber. Den kleinen Ärger nimmt man dann eben mit in Kauf.
Die Schirme, die ich reparieren ließ, sind die, die Du einmal vom Amt kaufen konntest. Wir haben ja drei Stück. Der eine ist noch sehr gut und braucht auch nicht repariert zu werden, und die andern beiden halten jetzt wieder eine ganze Weile. Ihren Preis haben sie schon lange abgegolten. Wir sind auch schon manchmal froh drum gewesen, dass wir sie hatten.
Heute Morgen war ich Brot kaufen, und alte Mehlmarken von Vater in neue umtauschen. Dann bin ich gleich mit zum Kohlenhändler gegangen und habe meine restlichen 14 Zentner Brikett bestellt. Sie werden mir nächste Woche gebracht. Ich hatte bisher in diesem Winter nur 15 Zentner bezogen, sodass ich noch die 14 Zentner zugute hatte. Da es in der Zeitung stand, dass nächstes Jahr die Lieferungen gekürzt werden, nehme ich sie alle und hebe sie auf. Ich habe sie bisher ja auch gut eingeteilt und keine verschwendet. Die Küche hatten wir ja immer schön warm.
Die Flaschen, in denen Du den letzten Honig geschickt hast, benutze ich jetzt als Milchflasche. So etwas Ähnliches werden sie wahrscheinlich auch gewesen sein.
Ich habe noch was vergessen. Vater sprach gestern noch wegen dem Stein für das Grab Deiner Mutter. Ich sollte an Papa schreiben, ob er vielleicht zwei kleinere Steine für Deine Mutter und Deinen Bruder besorgen, bzw. bestellen kann. Auf dem Stein Deiner Mutter soll noch drauf stehen „Zur Erinnerung an unseren im Osten am 16.1.1943 gefallenen Sohn und Bruder Kurt Rosche“. Genau den Wortlaut weiß ich nicht mehr. Vorher soll sich Papa aber erkundigen, wie oft man noch die Gräber erneuern kann. 1935 bzw. 1937 sind sie zum zweiten Mal erneuert worden. Ich werde vielleicht noch heute Abend gleich schreiben, denn heute Nachmittag gehe ich doch nochmals nähen.
Nun, mein liebster Ernst, mein lieber, guter Mann, bleib gesund und denke immer an uns. Sei recht herzlich gegrüßt und geküsst von deiner Annie.

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