Lieber, guter Ernst! Konstanz, 10.2.43
Gestern, nachdem ich den Brief an Dich fertig geschrieben hatte,
wartete ich auf die Kinder, damit wir essen konnten, denn ich wollte ja zeitig
zum Nähen gehen, damit ich auch was Richtiges schaffe. Wenn ich erst gegen ½ 3
Uhr fort komme, bekomme ich nicht einmal 3 Stück richtig fertig. Helga war bald
daheim, aber auf Jörg warteten wir lange vergeblich. Endlich entschlossen wir
uns, allein zu essen, was wir auch getan haben. Gegen ½ 2 kam er endlich an und
war ziemlich erbost, dass wir schon gegessen hatten. Ich habe ihm aber zu
verstehen gegeben, dass er froh sein kann, dass ich ihn nicht verwichse, denn
ich habe es ihm ein paar Mal gesagt, er soll schnell heimkommen. So hat er
schnell allein gegessen und dann sind wir zusammen fort gegangen. In der
Nähstube ist es immer gemütlich warm, sodass man es schon aushalten kann. Auch
die Kinder haben Platz, wo sie lesen oder spielen können. Wenn sie wollen,
können sie auch auf die Straße zum Spielen gehen. Helga und Jörg haben eine
Schulkameradin bzw. Schulkameraden in der Nähe wohnen. Gestern war ich nun
schon um 2 Uhr beim Nähen und habe bis 6 Uhr sogar 4 Stück fertig bekommen, was
mich froh gemacht hat. Wenn man zeitig kommt, sind noch nicht so sehr viele
Frauen da und man bekommt noch eine Fußbank. Das ist wichtig, da man da viel
schneller nähen kann und sich nicht so runterbücken braucht.
Während des Nähens ist Helga zur Zahnfabrik gegangen und hat die
Abschrift der Benachrichtigung der Truppe zum Antrag für die Arbeitsfront
hingebracht. Nach dem Nähen sind wir zu Vater hingegangen. Wir trafen ich
gerade noch auf der Straße. Ich sagte ihm, dass ich ihm die Formulare von der
Kriegsopferversorgung bringen wollte. Er meinte, er habe jetzt gar keine Zeit,
da er noch schnell Brot holen müsste. Ich sagte ihm, dass er von mir eins haben
könnte. Er war damit einverstanden und meinte, er käme später rauf. Vorher
müsste er noch zu Paula, da Nanni heute wegfahren würde. Wir sind dann
heimgegangen, haben gegessen und die Kinder sind ins Bett gegangen. Ich war
auch sehr müd und bin am Tisch etwas eingeschlafen. Gegen 10 Uhr kam dann
Vater. Der Besuch bei Paula wäre gar nicht so eilig gewesen, denn Nanni bleibt
doch noch einige Tage da. Ich habe dann Vater die Formulare mit der Maschine
ausgefüllt, habe noch einen Brief an die SS für ihn geschrieben, auch dafür ein
Formular ausgefüllt und zuletzt haben wir die Danksagung für die Zeitung
aufgesetzt. Von der SS will nämlich einer bei Vater vorsprechen. Er war schon
am vergangenen Donnerstag da und wollte diesen wieder kommen. Vater hat nun
geschrieben, wenn er meint, dass ich die Fragen beantworten könnte, sollte er
zu mir hierher kommen, andernfalls sei er am Samstagnachmittag oder Sonntag zu
sprechen. Von Frau Frick hat Vater auch einen Brief erhalten, nachdem er ihr
geschrieben hatte. Sie hat sehr nett geschrieben, wie sie sich freut, dass sie
manches an Kurt tun konnte, denn sie habe ihn sehr gern gehabt. Sie schreibt
auch, in einer Beziehung sei ja der Wunsch von Kurt erfüllt, denn sie hätten
sich öfter darüber gestritten, weil er immer meinte, lieber wollte er gleich
tot, als ein Krüppel sein. Frau Frick meint dann noch, da nun Kurt gefallen
sei, wollten sie sich doch nicht mehr ganz fremd werden und sie würde sich
freuen, wenn sie Vater in dieser schweren Zeit ab und zu einmal etwas zukommen
lassen könnte.
Von Paula erzählte Vater, dass sie zu ihm gesagt hat, wenn seine
Kartoffeln nicht langen sollten, so könnte er von ihr welche haben, denn sie
bekäme von ihren Verwandten welche.
Als Vater gestern heimging, war es um 12 Uhr. Da bin ich aber dann
gleich schlafen gegangen. Wenn es halbwegs möglich ist, gehe ich heute Abend
bald ins Bett.
Vorhin war der Briefträger gerade da und brachte mir Deinen lieben
Brief vom 15.1. Der ist aber lange
unterwegs gewesen. Außerdem kam noch der große Brief mit Schreibpapier und die
Päckchen Nr. 3 und 9 mit Fisch, Haut-Öl, dem Kerzenhalter, einem Buch und dem
Mehl. Ganz fest habe ich mich über alles gefreut und danke Dir sehr. Den
Kerzenhalter hebe ich selbstverständlich auf, denn es ist doch auch eine
Erinnerung für Dich.
Es freut mich, dass Dir der Pullover, den ich Dir vor so langer
Zeit gestrickt habe, doch noch gute Dienste tut. Du hast Recht, als ich Dir
damals für den Honig dankte, hatte ich ihn noch nicht. Aber inzwischen ist er
ja eingetroffen und ich hatte eine doppelte Freude, erstens als Du mir davon
schriebst, und dann, als ich ihn hatte. Und bei dem Honig, den Du einem
Kameraden mitgegeben hattest, war ich ja doppelt froh, als ich ihn ausgehändigt
bekam, und zwar ohne Zoll. Fein ist der Honig, das haben wir schon gemerkt,
wenn wir auch noch wenig davon gegessen haben, denn so etwas muss man noch
aufheben und gut einteilen.
Die Zeitungen für Dich kann ich leider nicht woanders bestellen.
Ich hatte schon mal gefragt. Die Geschäfte und auch der Kiosk am Bahnhof nehmen
keine neuen Bestellungen an. Da bin ich darauf angewiesen, ob ich gerade eine
erwische. Da ist es mir so, wie es jetzt ist, schon lieber. Den kleinen Ärger
nimmt man dann eben mit in Kauf.
Die Schirme, die ich reparieren ließ, sind die, die Du einmal vom
Amt kaufen konntest. Wir haben ja drei Stück. Der eine ist noch sehr gut und
braucht auch nicht repariert zu werden, und die andern beiden halten jetzt
wieder eine ganze Weile. Ihren Preis haben sie schon lange abgegolten. Wir sind
auch schon manchmal froh drum gewesen, dass wir sie hatten.
Heute Morgen war ich Brot kaufen, und alte Mehlmarken von Vater in
neue umtauschen. Dann bin ich gleich mit zum Kohlenhändler gegangen und habe
meine restlichen 14 Zentner Brikett bestellt. Sie werden mir nächste Woche
gebracht. Ich hatte bisher in diesem Winter nur 15 Zentner bezogen, sodass ich
noch die 14 Zentner zugute hatte. Da es in der Zeitung stand, dass nächstes
Jahr die Lieferungen gekürzt werden, nehme ich sie alle und hebe sie auf. Ich
habe sie bisher ja auch gut eingeteilt und keine verschwendet. Die Küche hatten
wir ja immer schön warm.
Die Flaschen, in denen Du den letzten Honig geschickt hast,
benutze ich jetzt als Milchflasche. So etwas Ähnliches werden sie
wahrscheinlich auch gewesen sein.
Ich habe noch was vergessen. Vater sprach gestern noch wegen dem
Stein für das Grab Deiner Mutter. Ich sollte an Papa schreiben, ob er
vielleicht zwei kleinere Steine für Deine Mutter und Deinen Bruder besorgen,
bzw. bestellen kann. Auf dem Stein Deiner Mutter soll noch drauf stehen „Zur
Erinnerung an unseren im Osten am 16.1.1943 gefallenen Sohn und Bruder Kurt
Rosche“. Genau den Wortlaut weiß ich nicht mehr. Vorher soll sich Papa aber
erkundigen, wie oft man noch die Gräber erneuern kann. 1935 bzw. 1937 sind sie
zum zweiten Mal erneuert worden. Ich werde vielleicht noch heute Abend gleich
schreiben, denn heute Nachmittag gehe ich doch nochmals nähen.
Nun, mein liebster Ernst, mein lieber, guter Mann, bleib gesund
und denke immer an uns. Sei recht herzlich gegrüßt und geküsst von deiner
Annie.
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