Samstag, 23. Januar 2016

Brief 120 vom 23./24.1.1941


Lieber Ernst.                                                                                                  23.1.                               

Heute hat sich Siegfried erst einmal ausgeschlafen, nachdem er von vorgestern Nacht 2 Uhr bis gestern Abend unterwegs war. Jörg spielt heute schon die ganze Zeit wieder mit den neuen Soldaten. Helga ist ja noch in der Schule. Sie wollte sich gar nicht von ihrer Puppe trennen. Die Puppe ist 58 cm groß. Weiß Du, wie viel sie gekostet hat? 17,45 M, ich habe den Zettel gesehen.
Am Sonntag bekomme ich wahrscheinlich Einquartierung. Ein Freund von Siegfried kommt wahrscheinlich zwei Tage her. Er schläft dann auf dem Sofa. Der Soldat ist mit bei dem Lazarettzug und ist mit Siegfried gefahren bis Tübingen, wo er seine Großeltern besucht. Auf dem Rückweg kommt er hier mit vorbei.
Am Nachmittag muß sich Siegfried anmelden und die Karten holen. Da fahre ich gleich mit in die Stadt  und besorge mir erstens den Zahnschein für mich und zweitens kann ich gleich einkaufen gehen. Da brauche ich nicht extra in die Stadt.
Heute ist wieder trübes, nebliges Wetter. Da ist wieder alles so feucht, scheußlich. Siegfried schreibt auch noch ein paar Zeilen. Sei nun von mir recht herzlich gegrüßt und geküßt  Deine Annie.

Lieber Ernst! Nun bin ich wieder mal nach langer Zeit hier in Konstanz und werde mich hier wieder mal eine Zeit lang erholen. Schade ist es nur, daß Du nicht gerade da bist. Ich bin wirklich mal froh, daß ich von dem ganzen Küchenkram mal eine Zeit lang nichts sehe und hoffe nur, daß es bald einmal wieder los geht, damit man wenigstens weiß, zu was man da ist. Na ich glaube das wird wohl nicht mehr lange  auf sich warten lassen. Hoffentlich geht es Dir den Umständen entsprechend gut. Ich werde in den nächsten Tagen wieder ein paar Zeilen schreiben. Sei Du inzwischen herzlich gegrüßt von Deinem Schwager Siegfried.

Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga und Jörg.

Mein lieber Ernst!                                                               Konstanz, den 23. Januar 1941

Nun will ich Dir noch vom heutigen Tag berichten. Am Nachmittag hatte sich das Wetter aufgeklärt, sogar die Sonne schien. Da sind wir alle zusammen, auch die Kinder mit,  in die Stadt gefahren. Wenn es noch so neblig gewesen wär wie am Vormittag, hätte ich sie lieber zu hause gelassen. Wir haben die Karten, die Lebensmittelkarten, von Siegfried besorgt und sind noch einkaufen gegangen. Dann hat sich Siegfried noch angemeldet. Gegen 1/4 6 Uhr waren wir wieder zuhause. Wir haben dann Abendbrot gegessen und hinterher sind die Kinder ins Bett gegangen. Helga schläft ja mit in meinem Bett. Am Abend habe ich noch gestrickt und gelesen. Siegfried liest den Roman „Das vergessene Dorf“. Der hat Dir doch auch so gut gefallen.
Als wir heimkamen hoffte ich, daß ein Brief von Dir gekommen ist. Aber es war leider nicht der Fall. Jetzt hoffe ich wieder sehr auf morgen. Denn seit dem 13., von dem der letzte Brief ist, den ich bekommen habe, sind fast zwei Wochen vergangen. Vielleicht bekomme ich morgen doch wieder Nachricht von Dir.
Ich will nun schlafen gehen. Wach recht gesund wieder auf, lieber Ernst, und schlaf auch Du gut.

Mein lieber Ernst!                                                                                           24.1.

Nun ist der Briefträger wieder vorbei, ohne mir einen Brief von Dir zu bringen. Jetzt warte ich schon fast eine Woche und bin schon ganz unruhig. Du wirst doch hoffentlich gesund sein.
Den beiliegenden Zeitungsausschnitt hat mir Papa mit den Zeitungen geschickt. Vielleicht interessiert er Dich.
Am Tisch wird gerade das Frage- und Antwortspiel gespielt, da werde ich immer abgelenkt und gebe mit Antwort. Sechs Karten habe ich mir schon verdient.
Nun spielt Siegfried mit den Kindern Bilderlotto. Da sind sie dabei. Ich will dann mal nach dem Essen sehen, es ist gleich 1/2 1 Uhr. Wir haben heute Möhren. Den Rest des Briefes schreibe ich auf der Post. Siegfried schläft und ist deshalb nicht mitgekommen.
Ich habe mich heute mit Siegfried unterhalten, da habe ich erfahren, daß es weniger die Sehnsucht zu uns ist, die ihn herführt, als etwas anderes. Er will nicht nach hause wegen - Erna. Das wird bald in die Brüche gehen. Die Eltern dürfen aber noch nichts davon wissen. Siegfried sagt „die Verlobung war ganz übereilt, ich habe ja Erna noch gar nicht richtig gekannt. Aber da ist man aus dem Krieg gekommen und hat gemeint, man versäumt was.“ Er könnte sich mit ihr nicht aussprechen, sie ginge auf nichts ein, mündlich wie schriftlich. Na, es spielt noch allerhand mit, das erzähle ich Dir, wenn Du mal auf Urlaub kommst. Erwähne aber nicht in Deinem Antwortbrief, daß ich Dir davon geschrieben habe.
Nun möchte ich für heute schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

Mein liebster Ernst!                                                                    24.1.41

Ich möchte Dir noch ganz besonders liebe Grüße senden. Wenn du nur auch hier sein könntest. Aber ich will froh sein, daß wir Dich doch ein paar Tage bei uns haben durften.
Siegfried hat mir doch Pralinen geschenkt. Er sagte, ich soll sie allein essen. Das tue ich aber nicht, sondern ich schicke Dir die Hälfte davon. Ich möchte doch gern alles mit Dir teilen.
Solange Siegfried da ist, schläft Helga mit bei mir, denn Dein Bett soll immer frei bleiben, bis Du wieder kommst. Deinen Sofaplatz und Deine Filzschuhe habe ich sowieso hergeben müssen.
Siegfried soll nicht wissen, daß ich Dir das Päckchen mit diesem Brief geschickt habe. Bestätige den Empfang also bitte vor dem 5.2. nicht.
Sei nun recht, recht oft und herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Mein liebster Ernst!                                                            24.Januar 1941 abends

Recht viele herzliche Grüße will ich Dir heute Abend noch senden. Ich denke immer an Dich und ich überlege mir immer wieder, warum ich wohl solange keinen Brief  von Dir erhalte. Hoffentlich bist Du nicht krank. Ich will mir ganz fest wünschen, daß ich morgen einen Brief bekomme.
Heute bin ich seit langer Zeit das erste Mal wieder mit dem Rad gefahren. Der Regen von heute früh und die Sonne haben fast den ganzen Schnee vertilgt. Da habe ich wieder gemerkt, was man mit dem Rad doch für Zeit spart. Ich bin Dir immer wieder dankbar, daß Du seinerzeit mit dafür gesorgt hast, daß ich ein Rad bekomme.
Ich gehe nun schlafen. Gute Nacht, mein lieber Ernst!

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