Mittwoch, 12. August 2015

Brief 55 vom 28.8.1940


Mein lieber Ernst!                                                                      Konstanz, 28.8.40

 Heute ging kein Brief von Dir ein, was ich ja schließlich auch nicht verlangen kann, nachdem ich gestern gleich vier Stück erhalten habe. 
Geschafft habe ich heute wieder im Garten, wenn auch nicht ganz soviel, als ich eigentlich vor hatte. Immerhin habe ich das Stück, wo die Erdbeeren hinkommen sollen, umgegraben.  Morgen setze ich die Erdbeeren. Es regnet heute, d.h. eigentlich ist es Hochnebel und es rieselt so. Zur Not könnte ich also schon noch weiterschaffen, aber, nachdem es nicht so sehr eilt, habe ich für heute aufgehört. 
Es waren gestern ½ Ztr. Kartoffeln, die ich raus gemacht habe, schöne, ziemlich große. Ich habe sie in den Keller getan. Wir werden sie bald verdrückt haben. 2 Pfund Brombeeren habe ich gestern noch geerntet und 4 Pfund Falläpfel, früh 2 Pfund und nachmittags 2 Pfund. Heute hat es wieder 3 Pfund gegeben. Im Ganzen habe ich bis jetzt 70 Pfund Äpdel gehabt und dabei hängt der Baum noch dick voll. Ich esse fast jeden Tag eine ziemliche Schüssel Apfelmus, außer dem, was wir auf‘s Brot schmieren. Da brauche ich gar nicht so viel Obst zu kaufen, wenigstens für mich nicht. Helga ißt ja Apfelmus nicht so gern, sie ißt lieber Äpfel roh, was ja auch für ihre Zähne gut ist. Jörg ißt beides gern, da habe ich keine Sorge.
Heute Mittag haben wir die beliebten rohen Kartoffelpuffer gehabt. Jetzt wünschen die Kinder sich schon wieder Quarkkeulchen. Die muß ich also auch bald machen. Sultaninen gibt es ja jetzt auch wieder, da kann ich welche rein tun. 
Ich weiß nicht, ob‘s Dich interessiert. Der Verein Konstanzer Paddler ist aufgelöst, er tritt geschlossen in die Paddlerabteilung des Turnvereins über, der auch das Bootshaus übernimmt und herrichten läßt. Übrigens habe ich von den Paddlern in den letzten Tagen wieder jemand gesehen. Da war doch früher so ein langer Kerl dabei, er war, soviel ich weiß, aus München. Er war viel mit dem Geo und dem Haisch zusammen. Ich weiß nicht, ob Du Dich erinnern kannst. Sein Vater hatte eine Motorradfabrik oder sowas?  Jedenfalls grüßte er mich, als ich auf dem Rad vorbei fuhr. Er hatte seine Braut oder Frau bei sich. Er hat sich gar nicht viel verändert.  Ich habe gerade im Photoalbum nachgesehen. Der war ja mit auf unserer großen Fahrt nach Karlsruhe.  Jetzt weißt Du vielleicht schon, wen ich meine. Das war doch auch eine schöne Fahrt damals.
Überhaupt das ganze Paddelbootfahren war schön.
Den Butgereit habe ich jetzt auch mal gesehen. Das ist auch immer noch derselbe Lottel.  Das habe ich übrigens gestern noch vergessen. Vater werde ich ausrichten, daß er öfter mal schreiben soll. Er hat eben auch immer zu tun. Augenblicklich macht er Jagd auf Mottenmaden, von denen er bisher schon über zweihundert vernichtet hat, wie er mir sagte.  So, jetzt will ich mal wieder losfahren, damit ich zum Abendessen wieder da bin, wir essen immer zwischen 5 und ½ 6 Uhr.  Sei Du, lieber Ernst, für heute wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.


Lieber Ernst!                                                        Konstanz, 28.8.40. abends

Heute schreibe ich Dir nochmals, nachdem ich heute Nachmittag schon einen Brief weggeschafft habe. Es handelt sich nämlich um die Besorgung des Gesetzes über Wehrmachtsbeamte. Ich wollte erst nicht gern ins Geschäft, d.h. aufs Amt gehen und habe versucht, das Gesetz durch eine Buchhandlung zu bekommen. Das ging aber nicht, da diese auch das  Datum haben müssen, an dem das Gesetz herausgegeben wurde.  Ich bin da nun heute aufs Amt  gegangen. Herr Wolf hat Ferien, da bin ich zu Herrn Schilling gegangen. Ich habe ihm was von Kameraden erzählt, die das Gesetz brauchen, die aber keine Gelegenheit haben, es sich besorgen zu lassen und daß Du Dich dazu erboten hast. Er ist dann mit mir zu  Herrn Maier gegangen, da die Gesetze und die Nachweise dort liegen. Ich habe dann nachgesehen, habe aber nichts finden können. Dann kam Herr Schilling wieder runter und hat sich erkundigt, ob ich was gefunden habe. Er hat dann auf dem Wehramt angerufen und hat sich dort erkundigt. Die haben gesagt, daß es ein besonderes Gesetz für Wehrmachtsangehörige nicht gibt, sondern daß dafür das Deutsche Beamtengesetz vom 26.1.37 vom Verlag Ph. Reklam, Leipzig, maßgebend ist. Was soll ich nun machen? Ich weiß nicht, habe ich mich nun recht dumm angestellt?
Nachdem diese Angelegenheit erledigt war, haben mich Herr Maier und Schilling nach Dir gefragt. Dann hat Herr Maier angefangen vom Krieg zu erzählen.  Wie es im Weltkrieg war und wie es diesmal war. Demnach haben wir diesmal einen Spaziergang nach Frankreich gemacht. Von  Lille hat er auch erzählt. Daß dort ziemlich miese Bevölkerung wäre, weil es meist Grubenarbeiter seien, aber sonst die Franzosen wären sehr gastfreundlich, daß dort so viele Mädels krank wären. Schon im vorigen Krieg hätten sie die Mädels in den Städten zusammengezogen, damit recht viel Soldaten angesteckt würden. Sie hätten sie aber nur angesehen. Darauf habe ich gesagt, daß ich das nicht ganz glaube. Darauf sagte Herr Schilling: Tatsächlich, es ist so, in allem Ernst. Wir hatten zuviel Respekt davor, daß wir uns anstecken und krank machen. Das hätte sich nicht gelohnt. Dann sagte er noch zu Herrn Maier, er solle mir nicht solche Sachen erzählen, sonst bekäme ich Angst um Dich. Ich antwortete darauf, daß ich dazu zuviel Vertrauen zu Dir habe.  Ich habe mich dann aber gleich verabschiedet, denn Du weißt ja, für solche Gespräche bin ich nicht zu haben. Herr Maier hat  auch noch mal den Senf aufgewärmt von wegen, wie die Franzosen die badischen Regimenter gemocht haben und die preußischen nicht leiden konnten.
Also weißt Du, so Männer reden doch manchmal einen Stuß zusammen, wenn ich mir das jeden Tag anhören sollte, um Himmels willen.  Nun mal Schluß damit.
Da muß ich Dir auch noch was erzählen, über das ich hab lachen müssen. Vorhin sagt Jörg: Gell, wenn Helga wieder in die Schule muß, haben wir‘s wieder schön. Darauf fing Helga natürlich an zu heulen und ich habe sie trösten müssen. Dann fingen die Kinder an, sich verschiedenes zu erzählen, u.a.  auch davon, daß Helga mal länger in der Schule sein mußte und Jörg umsonst hingegangen war und allein heimgehen mußte. Eine Weile nachher fing Jörg auf einmal jämmerlich an zu heulen. Ich wußte gar nicht, was los war und fragte ihn darum. Was kam da raus. „Ich weine halt, weil ich soo alleine hab heimgehen müssen.“ Trotz der vielen Tränen, die geflossen waren, habe ich doch so lachen müssen. Jörg ist doch manchmal ein Kerl. Damals hat er nicht geheult, und jetzt, bald ½ Jahr später, gehts‘s los. So habe ich manchmal meine kleinen Erlebnisse mit den Kindern. 

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