Montag, 7. November 2016

Brief 234 vom 7./8./9.11.1941


Mein liebster Ernst!                                                                   Konstanz, 7.11.41                 

Dein lieber Brief vom 3.11. kam heute an, ebenso das Päckchen mit dem Käse und den Filzschuhen. Auf den Käse sind die Kinder schon wild. Die Filzschuhe passen mir ganz genau. Ich danke Dir nochmals recht herzlich dafür. Ich freue mich sehr.
Schlecht seid Ihr ja bei Eurem Besuch am Sonntag nicht bewirtet worden. Die Leute haben Euch ja direkt gemästet. Das hat doch sicher ein paar Tage vorgehalten? Vor allen Dingen bei Pudding und bei dem vielen Kuchen hätten wir gern dabei sein mögen.
Wie ich Dir schon gestern schrieb, habe ich mir den Film „Annelie“ angesehen. Er hat mir sehr gut gefallen.
Ich schicke Dir heute das Programm mit. Ich habe es mit von Leipzig bekommen. Es ist also schon viel gereist.
Die Kinder haben mich abgeholt und ich war froh, daß alles gut geklappt hatte.
Auf dem Heimweg traf ich den Ernst Hagenauer. Er fragte mich nach der Sache mit dem Maier. Ich sagte, daß ich nichts weiter wüßte.
„Der kommt nicht mehr aufs Amt“ meinte er. „In mir hat er einen Feind gefunden, mit dem er nicht fertig wird.“ Ich meinte darauf: „Vielleicht redet er sich doch raus.“ „Nein, nein, aber den einen Fehler hat man gemacht. Man hätte ihn festsetzen und gleich Haussuchung halten müssen, da hätte man verschiedenes feststellen können. Aber es läuft noch eine andere Sache bei der Gestapo. Na, wir werden uns später wieder sprechen“. Ich bin wirklich gespannt, was da noch wird.
Heute war bei uns Flaschensammlung. Ich habe 17 Stück geben können. Da erfüllen sie doch noch einen guten Zweck. Die werden doch für unsere Soldaten im Osten gefüllt.
Ich habe heute mal nachgesehen und habe den Ort gefunden, wo Kurt ist. Wenn Vater rauf kommt, werde ich es ihm zeigen. Er freut sich bestimmt.
Nun wieder Schluß für heute. Sei recht oft und fest geküßt und vielmals gegrüßt von Deiner Annie.
Jetzt habe ich noch etwas vergessen. Nanni hat geschrieben und mir ihr Beileid zum Tode meiner Mutter ausgesprochen. Sie fragt an, warum Du gar nicht schreibst. Sie wartete immer auf einen Brief von Dir. Aber Du hattest ihr doch geschrieben. Sie würde sich freuen, auch von uns wieder etwas zu hören.

Mein liebster Ernst!                                                                   Konstanz, 8.11.41

Einen Brief habe ich heute nicht bekommen, es sei denn, der Briefträger kommt noch. So will ich Dir so berichten von heute. Viel ist es ja nicht.
Ich schrieb Dir ja gestern wegen Weihnachtsgeschenken für die Kinder. Heute ist mir nun selber Verschiedenes eingefallen. Da ich nicht erst in letzter Stunde, wenn es nichts mehr Rechtes gibt, einkaufen will, bin ich heute gegangen. Ich hoffe, daß es Dir recht ist. Ich habe für Helga 1 Strickkleid und ein anderes Kleid gekauft, dazu noch 1 warmen Schlüpfer und Unterrock. Alles etwas reichlich, damit sie es nicht nur dieses Jahr anziehen kann, sondern noch länger. Für Jörg habe ich einen Pullover gekauft. Dazu bekommt er ja noch das Spielzeug von Dir und ich will ihm noch Handschuhe stricken. Seine sind nichts mehr Rechtes. Evtl. nähe ich ihm dazu noch eine Hose. Ich denke, daß das zusammen mit etwas zum Naschen für Weihnachten reichen wird. Wenn ich noch dazu komme, stricke ich für Beide noch je 1 Paar Socken.
Für Helga will ich aus alten Sachen einen Mantel für alle Tage nähen. Den anderen kann sie noch länger tragen, wenn wir später zum Verlängern einen Pelzbesatz dran machen. Der Stoff ist mir einfach noch für alle Tage zu schade. Jörg hat ja 2 Mäntel.
Ich bin sehr froh, daß ich voriges Jahr noch für Beide je 3 Paar lange Strümpfe gekauft habe. Man bekommt jetzt so schlecht welche. So sind doch die Kinder mit allem gut versorgt. Dank Deiner Mühe auch mit Schuhen.
Nachdem Du mir noch Filzschuhe gekauft hast, brauche ich dieses Jahr auch nichts mehr.
Wir haben doch jetzt die 3. Kleiderkarte bekommen. Als ich nun heute mir der 2. Kleiderkarte der Kinder einkaufen gegangen bin da hättest Du mal dabei sein müssen. Bei Jörg war doch überhaupt noch keiner und bei Helga nur ganz wenige Punkte weg. Die Verkäuferinnen haben es gar nicht glauben können, daß es so was gibt. Eigentlich wäre die Karte doch jetzt schon abgelaufen, wenn sie nicht bis Dezember 42 verlängert worden wäre.
Heute Vormittag hat mir Jörg das Stück am Gartenzaun noch umgegraben, wo die Kresse stand. Auch beim Treppeputzen hat er mit geschafft, da er doch am Samstag keine Schule hat. Haben wir nicht schon einen großen Buben?
Ich glaube, bei der Flaschensammlung wird ziemlich viel zusammenkommen. In der Ortsgruppe Süd- Ost sind gestern allein 10 000 Flaschen gesammelt worden. Was wird da im ganzen Reich zusammen kommen?
Laß mich nun für heute schließen. Sei Du, Mein lieber Ernst, wieder recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein liebster Ernst!                                                              Konstanz, 9.11.41

Einen Sonntagsgruß habe ich heute von Dir erhalten, Deinen lieben Brief vom 4.11. Ich danke Dir sehr dafür. Wenn es sich um die langen Briefe handelte, könntest Du wirklich immer OvD haben, denn Du weißt ja, Deine Briefe sind mir immer lieb. Aber das wäre ja kein guter Wunsch von mir, denn dann hättest Du ja überhaupt keine freie Zeit. Da bin ich lieber auch mir kürzeren Briefen froh. Die Hauptsache ist ja, daß ich immer wieder welche bekomme.
Bis jetzt hat die  Wurmkur bei Helga eigentlich keinen Erfolg gehabt.  Es kann ja aber auch sein, sie hat keine Würmer mehr, denn so nervös, wie sie eine Zeit lang war, ist sie jetzt nicht mehr. 
Vom eisernen Sparen habe ich Dir alle Artikel aus der Zeitung herausgeschnitten und schicke sie Dir heute mit. Was ich monatlich frei bekommen könnte, richtet sich danach, was ich Dir schicken muß. Denn auf unser bisheriges Sparbuch habe ich ja in letzter Zeit nichts tun können, da ich das Geld, was ich außer meinen Ausgaben noch hatte, Dir geschickt habe. Es muß ja auch nicht unbedingt sein, daß wir eisern sparen, ich wollte Dich aber doch gerne fragen, was Du meinst. Es geht doch schließlich uns Beide an.
Wie ist es nun evtl. mit dem Geld von der Zusatzversorgung. Sollte ich es Dir so schicken, wie ich geschrieben habe oder würden wir evtl. davon etwas sparen? Schreibe mir`s bitte genau.
Nun wollte ich noch etwas fragen. Hast Du eigentlich die beiden Päckchen mit Gebäck und das Päckchen mit Inspirol erhalten? Kurt hat mir ja vor einigen Tagen schon den Erhalt des einen Gebäckpäckchens bestätigt, das ich ihm am gleichen Tag geschickt hatte. Es wär nur schade, wenn sie weggekommen wären.
Es ist heute ein ganz sonniger Tag. Etwas kalt ist es ja. Heute Morgen war am Küchenfenster zum ersten Mal ein bißchen Eis. Man könnte ja etwas spazieren gehen, aber ich habe in dieser Woche so viel zu tun gehabt, daß ich mich gern ein wenig ausruhe. Die Kinder mögen auch nicht raus. Jörg spielt den ganzen Tag mit seinen Soldaten. Um seine Kaserne hat er sich einen großen Hof gebaut, auf dem sie exerzieren müssen. Die Kapelle marschiert augenblicklich gerade zum Tor hinaus. Helga stickt an 2 Lätzchen für ihre Puppe zu Weihnachten. Auf dem einen ist ein putziges Entchen, auf dem anderen 2 Schweinchen. Die Vorlagen haben wir aus einem Heft von mir aufgebügelt. Es macht Helga viel Spaß.
Ich sticke noch an meiner Jacke. Morgen werde ich sie wahrscheinlich zusammennähen können. Ich freue mich, wenn sie fertig ist. Ich glaube, daß sie ganz nett aussehen wird.
Übrigens haben wir die Butter von Dir doch gegessen bezw. wie essen noch daran. Ich habe dafür andere ausgelassen. 1 1/2 Käse haben wir auch schon verdrückt. Er schmeckt auch mir gut. Ich esse doch sonst nicht jeden Käse.
So, nun will ich mich noch ein bißchen ausruhen und stricken. Wenn ich nicht so viel mache, ist es ja nicht anstrengend. Sei Du, Mein lieber Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt und denke immer an Deine Anni und Helga und Jörg.

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