Montag, 26. Oktober 2015

Brief 77 vom 23.10.1940


                                                                               23.  Oktober                                                     

 Nun ist es schon Mittwoch. Vergangene Woche bist Du nachmittags weggefahren. Hoffentlich vergehen die kommenden Wochen schnell, damit Dein nächster Urlaub rascher heran kommt, denn dieser leuchtet als glückliche Verheißung über den kommenden Wochen.  Vielleicht kommt heute von Dir ein Brief. Ich werde es ja sehen, wenn ich vom Zahnarzt wiederkomme, ich muß um 10 Uhr dort sein. Da wird es Zeit, daß ich mich fertig mache.  Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt, mein lieber Mann, von Deiner Annie.


Mein lieber Ernst!                                        Konstanz, 23.Oktober 40. 

Nun ist der Mittwoch bald vorbei. Vor einer Woche habe ich gewartet, bis Du in Stuttgart warst. Inzwischen habe ich ja aus Deinem ersten Brief ersehen, daß Du dort gut angekommen bist. Weitere Nachricht habe ich von Dir noch nicht erhalten. Ich habe mir schon überlegt, ob Du wohl den ersten Brief jemand mitgegeben hast, da er mit einem so großen Vorsprung vor den anderen (denn Du wirst doch am nächsten Tag wieder geschrieben haben) angekommen und außerdem in Freiburg am 20. abgestempelt ist. 
Frau Nußbaumer  hatte mir gestern gesagt, daß Luftschutzvollübung sei. Es hat sich nun herausgestellt, daß diese nur für die Laienhelferinnen ist. So habe ich heute Abend Zeit, mich auszuruhen.
Ich habe heute Nachmittag das gestern begonnene Stück im Garten drüben umgegraben. Dann habe ich das Weißkraut raus gemacht, die Kinder haben mir dabei geholfen, und haben auch dieses Stück noch umgegraben. Jetzt habe ich mich schon wieder an die Arbeit gewöhnt, ich habe nicht ein bißchen Rückenweh und bin auch nicht kaputt. Das Kraut lasse ich bis Sonntag ablagern und hole es dann ein.  Im Großen und Ganzen bin ich jetzt drüben mit dem Garten fertig. Rotkraut und Wirsing lasse ich sowieso so lange als möglich draußen, wenn´s nicht zu kalt wird, evtl. ganz. Schwarzwurzel lasse ich auch noch eine Weile draußen, ebenso rote Rüben und Möhren. Ich muß erst im Keller ein bißchen Platz bekommen. Nun werde ich mich an den Garten hinterm Haus machen. Ich bin gerade so schön drin. 
Beim Zahnarzt war ich heute früh. Es hat wieder ziemlich weh getan, trotz der Einlage. Ich bin knapp um eine Nervbehandlung rum gekommen. Jetzt hat er den Zahn fertig gemacht. Es ist doch gut, wenn man gleich zum Zahnarzt geht. 
Den Kindern habe ich heute noch je eine Trainingshose gekauft, damit sie wechseln können. Die Jacken halten immer viel länger.  Ich habe sie jetzt schon gekauft, weil gerade einzelne vorrätig waren, was selten vorkommt, weil meist nur ganze Anzüge verkauft werden. Ich schenke sie den Kindern aber erst zu Weihnachten. Sonst kaufe ich ihnen hier ja nichts weiter zum anziehen. 
Mir besorge ich noch einen Bezugschein für Filzschuhe. Die Bezugscheinstelle ist aber nur nachmittags auf und liegt so abseits, daß ich es immer wieder hinausgeschoben habe. Ich den nächsten Tagen fahr ich aber doch mal hin, sonst überrascht mich erst noch die Kälte. 
Siegfried hat mir von einer Besichtigung der Feengrotte in Saalfeld eine Karte geschickt. Er bittet mich, ich soll ihm bald mal wieder schreiben. Da werde ich mich doch bald mal zu einem Brief aufraffen müssen, nachdem ich ihm gestern nur eine Karte geschrieben habe. Ich habe inzwischen drei Stück von ihm bekommen.
Heute Abend ist ein Volkskonzert im Radio. Da höre ich gern zu. Es werden u.a. Märsche und bekannte Lieder gespielt. Jetzt spielen sie gerade „An der Weser“. 
Jetzt muß man ja schon wieder zeitig Licht machen. Da haben mich die Kinder gebeten, ich möchte doch wieder öfter die Kerze anbrennen. Das wär so gemütlich. Da hast Du doch schon früher manchmal lachen müssen, wenn wir bei Kerzenlicht beieinander gesessen sind. 
Mein lieber Ernst! Ich gehe nun schlafen. Morgen muß Helga um 8 Uhr in die Schule, da kann ich nicht so faulenzen wie die letzten Tage, wo ich, und die Kinder natürlich auch, ersten gegen ½ 8 Uhr aufgestanden sind. Da haben wir früh immer kein Licht gebraucht. Gute Nacht, mein lieber Ernst.
Lieber, lieber, lieber Vater! Jetzt bin ich aufgestanden und habe mich fertig gemacht und jetzt schreibe ich Dir noch einen kleinen Brief. Weißt Du lieber, lieber, lieber Vater ich kann nicht so viel jetzt schreiben. Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga. Jörg Rosche.

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