Mein lieber Mann!
18.Oktober 1940
Nun wirst Du also in
Lille sein. Ich weiß nicht, ob Du wirklich ½ 8 Uhr angekommen bist. Etwas
ruhiger bin ich gestern Abend eigentlich erst gegen 10 Uhr geworden. Vielleicht
bist Du da endgültig in Deiner Wohnung gewesen oder bist schlafen gegangen. Ich
freue mich schon jetzt auf Deine Nachricht, daß Du richtig angekommen bist,
wenn ich Dich auch viel lieber bei uns hätte.
Bei Jörg heilt der Finger jetzt endgültig. Der Eiter ist
ganz weg. Jörg sagte heute früh: „Vielleicht kommt Vaterle bald wieder auf
Urlaub. Drum will der Finger schnell ganz gut werden.“ Du siehst also, sogar
der Finger richtet sich nach Dir.
Gestern Nachmittag war ich nochmals im Amt und wollte den
Brief abgeben, aber Frl. A. hat jeden Nachmittag Urlaub, da fahre ich nachher
gleich hin, da wird sie hoffentlich da sein. Ich war gestern auch an der
Wohnung von Frl. A., aber es war niemand daheim. Ich fahre auch nachher noch zum Photografen und werde mir die
zwei Bilder von Dir vergrößern lassen. Ich kann gar nicht genug Bilder von Dir
haben.
Das Geldstück, das Du mir zum Abschied gegeben hast, und
welches Du Dir wieder holen wirst, wenn Du heim kommst, trage ich an einem
silbernen Kettchen um den Hals, natürlich so, daß es niemand sieht. Für mich
ist es ja kein Geldstück, sondern etwas, das Du Dir wieder holen willst. Darum
muß ich auch gut darauf achten.
Als wir Helga mal abholten, haben wir doch gesehen, wie sie
an dem einen Gebäude Pfähle eingeschlagen haben. Da ist jetzt Stacheldraht dran
gemacht worden. Es sind zwei Reihen Pfähle, damit niemand mit den Leuten in
Verbindung treten kann. Die Pfähle gehen um das ganze Gebäude.
Nun will ich mit Jörg in die Stadt fahren und will deshalb
schließen. Sei Du, mein lieber Ernst, recht herzlich gegrüßt und geküßt von
Deiner immer an Dich denkenden Annie.
Mein lieber Ernst!
Konstanz, 18.Oktober 40.
Heute früh habe ich
schon einen Brief an Dich abgeschickt, aber ich muß doch noch heute Abend ein
bißchen mit Dir reden. Ich will Dir unseren Tageslauf berichten. Vorher möchte
ich Dir sagen, daß sich die Briefangelegenheit nach der Schweiz erledigt hat.
Wie, schreibe ich Dir weiter hinten im Brief.
Also, heute früh bin ich mit Jörg in die Stadt gefahren und
haben den Brief an Dich weggeschafft. Dann bin ich ins Amt gegangen und habe
Frl. A. getroffen. Da stellte es sich heraus, daß Du ja nicht mit ihr
gesprochen und ihr das Geld gegeben hast, sondern Frl. Beurer. Ich habe ihr dann den Brief
übergeben. Sie sagte, sie wollte sehen, ob Herr Kreßner ihn besorgen kann. Ich bin dann mit Jörg wieder heim gefahren.
Da Elegast keinen Düngerkalk hatte, bin ich noch zu
Gassner-Knöpfle gefahren. Da habe ich dann einen Sack zu M 1,50 gekauft. Die
Kinder haben ihn dann mit dem Wagen geholt. Ich wollte ihnen entgegen gehen,
aber sie waren schon vorher wieder da.
Nachmittags habe ich gebügelt. Dabei habe ich mir die Sache mit dem
Schweizerbrief nochmals überlegt und bin zu der Meinung gekommen, vielleicht
meinen sie im Geschäft, sie sollen den Brief heimlich über die Grenze bringen.
Winkelzüge wollen wir ja nicht machen und so habe ich mich noch mal aufs Rad
geschwungen und bin nochmals ins Amt gefahren. Da war gerade Frl. Weber bei
Frl. B. und sie empfingen mich gleich mit dem Ruf, daß Herr K. den Brief nicht
besorgen könne, da er nur Dienstsachen über die Grenze bringen kann. Ich
erwiderte, daß ich gerade wegen des Briefes gekommen sei. Ich hätte mich erst
nochmals genau beim Zoll erkundigen wollen, ob das Rübernehmen erlaubt sei,
damit Herr K. keine Schwierigkeiten hat. Frl. W. sagte, sie hätte den Brief schon
an mich zurückgeschickt, bzw. sie hätte ihn mit aufs Rathaus gegeben, damit er
mir gebracht wird. Bei der Gelegenheit habe ich mich gleich nach dem
Gehaltszettel erkundigt. Er lag noch bei Frl. W. Ich bin dann also ohne Brief zum Zoll gefahren und habe dort die
Sachlage geklärt. Man hat mir geantwortet, daß die Beförderung möglich wäre.
Ich solle mit dem offenen Brief zur Post gehen, meinen Absender draufschreiben,
ich müsse 25 Pfennig zahlen und dann wird der Brief befördert. Zunächst bin ich mal aufs Rathaus gefahren
und habe in der Registratur gefragt, wo die Briefe immer hingebracht werden.
Ein älterer Mann ist dann mit mir zum Kreßner gegangen. Da lag der Brief noch.
Nun hatte ich ihn endlich wieder. Da bin ich zur Post gefahren, der Brief ist
vom Postbeamten geschlossen worden, ich habe 25 Pfennig bezahlt. Nun denke ich,
daß er endlich sein Ziel erreicht.
Gleich nach dem Mittagessen, nachdem sie ihre Aufgaben
gemacht hatte, hat Helga einen Brief an Dich geschrieben. Sie hat ihn
eigentlich zwei Mal geschrieben, denn zuerst war er nicht gut genug für Dich
geworden. Als ich wieder von der Stadt kam, hat sie ihn mir ganz stolz
gezeigt. Nun liegen die Kinder schon
eine Weile im Bett und ich will mich noch an den Berg Strümpfe machen, der vor
mir liegt.
Es ist gleich 9 Uhr. Vater ist vorhin gekommen. Er liest die
Zeitung.
Du Lieber! Wie schön waren doch die Tage, als Du hier warst,
jetzt, wo Du fort bist, ist es wieder sehr einsam. Aber Du wirst ja wieder
kommen. Ich glaube es ganz fest. Nun
habe ich wieder einen ganzen Teil geschafft und es ist jetzt Zeit, daß ich
schlafen gehe, es ist 11 Uhr. ¼ 11 Uhr ist Vater heim gegangen. Ob Du jetzt
auch schon schlafen gegangen bist? Bei uns scheint heute hell der Mond, wenn es
auch etwas wolkig ist. Ich habe vorhin gerade daran gedacht, daß auch bei Dir
dort der Mond sicher scheint. Vielleicht hast Du auch an uns gedacht, als Du
ihn gesehen hast. Nun will ich schlafen
gehen. Gute Nacht, mein lieber Schatz.
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