Donnerstag, 16. Februar 2017

Brief 284 vom 16./17.2.1942


Mein lieber Ernst!                                                                      Konstanz, 16.2.42                                               

Es ist nun bereits Mitte Februar geworden. Als Du zum ersten Mal in diesem Jahr um Urlaub nachgesucht hast, wollten sie Dich Mitte Februar gehen lassen. Das war Dir zu spät und Du hattest es dann soweit gebracht, daß Du hättest Mitte Januar gehen dürfen. Leider kam die Sperre dazwischen und nun bist Du auch Mitte Februar noch nicht da. So werden manchmal die Wünsche durchkreuzt. Ich bin ja gespannt, ob wir Dich wenigstens noch in diesem Monat bei uns sehen werden. Manchmal meint man, daß man es gar nicht mehr erwarten kann.
Heute Morgen haben die Kinder den vorhergehenden Brief an Dich weggeschafft. Gestern Abend war es zum auf die Post gehen zu spät. In die Schule müssen sie noch nicht. Diese Woche wird also wohl noch frei sein.
Nachher gehe ich mit den Kindern noch in die Stadt zum einkaufen. Zum Rad fahren ist es immer noch nichts. Manche versuchen´s ja doch, aber man sieht auch oft welche hinfallen. Das möchte ich nicht gern.
Heute sagte mir Helga: „Morgen ist ja Fastnacht!“ Ich war ganz erstaunt. Daran denkt man eigentlich gar nicht mehr. Was war da früher für ein Trubel. Kaum waren die Kinder munter, da wollten sie auch schon als Rotkäppchen und Holländer angezogen werden und in die Stadt wollten sie auch. Wie stolz sind sie da durch die Straßen gelaufen. Und am Sonntag hat man sich dann den Umzug angesehen. Ich war ja von Fastnacht nie sehr begeistert, aber ich habe immer an den „Tauchscher“ denken müssen. Da bin ich auch als Rotkäppchen oder Junge herumgelaufen und war genau so begeistert wie unsere Kinder vor einigen Jahren. Helga kaspert ja auch heute noch in ihrem langen Rock, den sie gestern als „Braut“ an hatte, herum und kann sich nicht davon trennen. Sie spielt also auch ein bißchen Fastnacht für sich.
Jörg hat heute etwas anderes vor, er näht. Erst hat er sich Stoffblumen aufgenäht und jetzt hat er es schon bis zu einer Schürze für Helga`s kleine Puppe gebracht. Er ist doch tüchtig, nicht wahr?
Nun laß mich für heute wieder schließen. Sei recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Anni.

Mein lieber, lieber Ernst!                                                                       17.2.42

Einen Brief habe ich ja auch heute nicht von Dir bekommen. Dafür erhielt ich aber das Päckchen mit der Butter. Ich habe es mir am Vormittag von der Post geholt. Die Butter ist noch gut, nur das Äußere hatte ein bißchen einen Geschmack. Aber ich habe einen ziemlich dicken Rand abgeschnitten und ausgelassen. Alles hätten wir ja sowieso nicht gleich essen können. Ich danke Dir vielmals für die Butter. Du hast mir viel Freude damit gemacht. Etwas mehr Butter zu haben, schadet ja nicht. Wenn Du hier wärst, würde ich Dich einmal fest abküssen dafür, aber nun kann ich Dir nur so dafür danken.
Ich hatte Dir ja wegen Salz  geschrieben. Wenn Du noch keins gekauft hast, brauchst Du es nicht mehr tun. Webers haben, glaub ich, ihren Kunden ganz unnötigerweise Angst gemacht. Seit gestern haben sie wieder Salz.
Du bist beim vorigen Urlaub  von Friedrichshafen aus mit dem Schiff gefahren. Ich habe mir heute mal den Fahrplan angesehen, da mußte ich feststellen, daß der Schiffsverkehr wegen Eisbildung eingestellt worden ist. Ich wollte es Dir nur mitteilen, wenn Du bei Deinem evtl. Urlaub wieder mit dem Schiff fahren wolltest.
Von Elsa erhielt ich heute einen Brief. Sie schreibt, daß Gerhard noch nicht wieder ganz gesund ist. Er hat eine Art Venenentzündung und außerdem hat er sich die Zehen angefroren.
Heute habe ich mir mal wieder die Nähmaschine in die Küche geholt. Ich hatte das Nähen immer hinausgeschoben, da ich meinte, Du kämst in Urlaub. Da das ja aber noch nicht sicher ist, will ich lieber damit anfangen.
Bei uns hat es in den letzten Nächten immer ein wenig geschneit. Aber es war wenigstens nicht so kalt dabei. Da ist man schon wegen der Heizung froh. Solange die Kinder jetzt keine Schule haben, stehen wir wieder erst mit dem Hellwerden auf. Da brauchen wir kein Licht, müssen erst später Feuer machen und sparen das 2. Frühstück. Das ist doch was wert, nicht wahr? Oder sind wir da Faulpelze?
Heute hat mich der Ernst Hagenauer angehalten. Er erzählte mir natürlich wieder vom Mayer. Dessen Frau ist in der Wessenbergstraße voller Wut auf ihn zugegangen und hat ihn angespuckt. Das hatte natürlich wieder eine Eingabe zur Folge. Der Hagenauer sagte, wenn Du mal auf Urlaub kämst, solltest Du doch auf das Wirtschaftsamt zu ihm kommen. Er hätte Dir manches zu erzählen.
Es ist zwar erst 9 Uhr durch, aber ich will doch schlafen gehen. Ich sitze gar nicht mehr gern allein da. Ich kann machen, was ich will, immer horche ich, ob Du nicht kommst. Geht es dem Morgen zu, da ist es schon öfter vorgekommen, daß ich es ganz deutlich habe klingen hören. Ich fahre dann im Bett hoch und horche, ob sich das Klingeln wiederholt, was natürlich nicht der Fall war. So geht das nun schon die ganze Zeit, seit ich hoffe, daß Du auf Urlaub kommst. Es wird direkt eine Erlösung sein, wenn Du wirklich eintriffst. Wir warten ja alle schon sehnsüchtig darauf, Dich wieder einmal hier zu haben, Du lieber Ernst.
Nun gute Nacht, lieber Mann, bleib uns gesund und komm recht bald auf Urlaub. Nimm viele Grüße und Küsse von Deiner Anni.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen