Mein lieber Ernst!
Konstanz, 29.5.40
Heute Nachmittag kam Dein lieber Brief vom 24.5. Ich warte
schon jedes mal auf den Briefträger. Ich danke Dir, daß Du so oft
schreibst.
Inzwischen wirst Du ja endlich etwas von uns bekommen haben,
sonst schreibst Du immer und weißt nichts von uns.
Seid Ihr eigentlich in einer richtigen Kaserne oder nur in
Baracken. Nach Deinem Bericht von der Reitbahn werden es wohl Kasernen sein.
Der Uhink sagte nämlich heute, die Kasernen wären von den
Tschechen noch so verlaust, daß unsere Soldaten nur in Baracken könnten. Das
wird wohl wieder so eine Rederei sein.
Du mußt ja tatsächlich ein ganz guter Soldat werden, wenn
Dir der Dienst so in Fleisch und Blut übergeht. Meinst Du mit Deiner Schwäche
das Kommandieren? Das ist ja keine schlimme Schwäche.
Auf das Bild freuen wir uns schon so sehr. Helga wollte Dir
deshalb schon öfter schreiben. Ich habe sie aber immer vertröstet.
Es war gut, daß ich zum Zahnarzt gegangen bin. Unter einer
Plombe von 1933 hatte sich unterm Zahnfleisch ein Defekt gebildet. Es ist
Nervbehandlung erforderlich. Am Dienstag muß ich noch mal hin, da wird der Zahn
fertig gemacht. Jetzt habe ich wenigstens nicht mehr solche Schmerzen.
Was sagst Du zu Belgien? Die von London haben gut über den
König urteilen, denn die sind ausgerückt. Der belgische König ist eigentlich
der einzige von allen Ländern jetzt, der bei seinen Soldaten geblieben ist. Das
ist eigentlich der einzige, der einem noch Achtung abfordert.
Die anderen waren ja alle solche Feiglinge.
Heute haben wir einen richtigen Dauerregen. Seit gestern
Abend regnet es in einem fort. Da habe ich heute gleich mal meine Hausarbeiten
wie bügeln usw. erledigt, damit ich bei
schönem Wetter wieder in den Garten kann.
Helga hat heute gar nicht zur Schule brauchen, da die Zimmer
bei der starken Benutzung nachmittags gereinigt werden. Die 2. Hälfte der Woche
muß sie jetzt um 8 Uhr zur Schule. So wird abgewechselt.
29.5.40 Lieber Ernst!
Wie gut war‘s, daß
ich gestern den ganzen Garten noch in Ordnung gebracht habe. Gestern Abend hat
es noch mit regnen angefangen und heute früh regnet es immer noch. Für den
Garten ist es ja sehr gut. Ich habe ja überall den Boden gelockert, so daß der
Regen gut eindringen kann.
Heute schicke ich Dir noch ein bißchen Gebäck. Laß Dir‘s gut
schmecken. Ich habe Dir nicht alles auf einmal geschickt, damit Du immer ein
bißchen hast.
Heute schreibe ich Dir nicht so viel. Ich habe nämlich seit
2 Tagen Zahnweh. Erst habe ich gedacht, es wäre Rheumatismus. Heute ist es aber schlimmer geworden und so
ist sicher an einer Plombe was nicht richtig, denn ich habe schon ein paar Mal
so Sand zwischen den Zähnen gespürt.
Ich nehme jetzt das Päckchen mit und gehe gleich zum
Zahnarzt.
Nun schließe ich für heute. Sei vielmals recht herzlich
gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.
Viele Grüße und Küsse von Deiner Helga. Jörg.
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