Mein lieber Ernst
! Konstanz, 12.7.44 23.
Heute Mittag hatten wir wieder Alarm. In
München waren sie sicher wieder. 2 ½ Stunden lang hat man die Flieger immer
gehört und gewummert hat es auch ziemlich. Durch den Alarm ist man garnicht richtig zum schaffen
gekommen. Wir haben nur Johannisbeeren gepflückt zum Abendbrot, dann habe ich
die Tomaten ausgeputzt und frisch angebunden und hinterher Unkraut raus
gemacht. Außerdem hatte ich natürlich die übliche Hausarbeit. Von Papa bekam ich eine Karte und einen
Brief mit Bildern von den Gräbern in Leipzig und von Ursula zu ihrem ersten
Geburtstag. Die Bilder von den Gräbern habe ich Vater gegeben, denn ihn gehen
sie ja auch viel an und Dir hat Papa ja auch welche geschickt. Diese können wir
ja aufheben. Bei dem Angriff auf Leipzig ist gerade noch alles soweit gut vorbei
gegangen. Man ist jedesmal froh. Heute haben sie die kleine Gerda von Waibels
uns gegenüber ins Krankenhaus geschafft. Sie soll Magen und Darmkatarrh haben.
So ein kleines nettes Ding von 2 Jahren ist sie. Vater hat vom Wehrmeldeamt die Anfrage bekommen, ob Kurt schon
die Ostmedaille bekommen hat. Sonst möchte Vater hinkommen. Er geht auch in den
nächsten Tagen gleich. Mein liebster
Mann! 13.7. GEstern Abend wußte
ich nichts weiter zu schreiben. Da wir den Brief heute Mittag mit in die Stadt
nehmen, schreibe ich gleich noch von heute mit. Vorhin hatten wir wieder Alarm.
Man hat es von weitem wummern hören. Bei uns waren die Flieger nicht. _ Das
kleine Mädel von Waibels ist heute gestorben. Es hatte Magen und
Darmvergiftung. Von was, wissen sie auch nicht. Es ist so traurig, wenn man so
ein liebes kleines Dingl verlieren muß.
Unser Jörg hat sich mit seinen Freunden im Hof ein Zelt aus Decken und
Säcken gebaut. Darin sitzen sie die
ganze Zeit. Jörg hat die Musik mit, welche allen gefällt. Wie viel Freude hat
sie doch schon bereitet. Helga sitzt hier bei mir und malt. Das ist immer noch
ihre Freude. Menschen malen. Am Nachmittag gehe ich mit ihr in die Stadt. Wir
wollen doch wieder nach dem Radio fragen. Jörg bleibt lieber bei seinem Zelt. _
Post habe ich auch heute wieder nicht von Dir bekommen. Vielleicht, vielleicht
habe ich morgen mehr Glück. Ich würde mich sehr freuen. Aber inzwischen hoffe
ich, daß Du ganz gesund bist und daß Du es nicht gar so schwer hast. Daß meine
Gedanken immer bei Dir sind, das darfst Du glauben. Laß Dich recht herzlich
grüßen und küssen von Deiner Annie.
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