Mein liebster,
bester Ernst ! Konstanz,
4.7.44
Heute ist Dein
Geburtstag, der 36ste. Wie schnell vergehen doch die Jahre. Als Du fort
mußtest, warst Du noch 31 Jahre alt. So lange geht nun schon der Krieg. Daß wir
die vielen Jahre getrennt sein würden, dachten wir damals noch nicht. Aber
alles ist ja nicht so schlimm, wenn Du nur wiederkommst. Am ersten Ferientag habe auch ich einmal
ausgeschlafen. Gegen 8 Uhr bin ich aufgestanden. Die Kinder sind bis um 9 Uhr im Bett geblieben. Dann haben wir
Dir zu Ehren eine Tischdecke auf den Tisch getan und Dein Bild, mit Rosen
umrahmt, an Deinen Platz gestellt. Wir haben immer an Dich gedacht. Die Feinde
sind ja nahe bei Euch und vielleicht hast Du selbst nicht einmal Zeit gehabt,
an Deinen Geburtstag zu denken. Unsere Gedanken waren aber immer mit den besten
Wünschen bei Dir. Vater kam heute Abend auch rauf und wir haben einen Cognac
auf ein gesundes Wiedersehen getrunken.
Geschafft habe ich heute nicht vbiel. da ich von vorgestern und gestern
noch kaputt war. Außerdem regnete es, sodaß man auch draußen nicht viel tun
konnte. Gegen Abend habe ich noch Johannisbeeren gepflückt, von denen ich Vater
5 Pfund abgegeben habe. Die anderen koche ich zu Marmelade. 15 Pfund haben wir
bisher geerntet. 5.7. Lieber Ernst!
Beim lesen des Wehrmachtsberichtes bin ich heute doch erschrocken. Die Russen
waren ja schon an der Bahnlinie, an der Du bist. Wie wird es jetzt wohl dort
sein, denn es wird von schweren Abwehrkämpfen gesprochen. Am 3.7. sei die
Bahnlinie wieder freigekämpft worden. Es wird ja vielleicht jetzt so sein, daß
Ihr gar keine Post bekomme und auch nicht zum schreiben kommt. Zum Post
tranportieren werden sie sicher wenig Zeit haben. Aber ich werde immer mit
meinen Gedanken bei Dir sein. Ich
wünsche Dir von ganzem Herzen recht viel Soldatenglück und grüße und küsse Dich
recht fest Deine Annie.
Mein liebster Schatz
! Konstanz, 5.7.44
Gleich 3 Briefe habe
ich heute von Dir erhalten, denk, gleich drei auf einmal. Ich habe mich sehr
gefreut. Sie sind vom 24./26. Nr. 28/30. Du hast recht, wenn Dur schreibst, daß
wir durchhalten müssen, auch wenn es heiß hergeht und wir die Zähne zusammenbeißen
müssen. Leicht wird es ja gerade Dir jetzt nicht sein, denn wenn Ihr dort
geblieben seid, bist Du ja gerade jetzt im Kampfgebiet. Ich denke immer daran, wie es Dir jetzt wohl
gehen mag. Bis ich von diesen Tagen Nachricht habe, wird wohl noch einige Zeit vergehen.
Wenn Du nur gesund bleibst, dann wir ich gern warten. Du wunderst Dich, wo ich
die Körbe noch unterbringe, die ich von Vater habe. Das sind doch kleine Körbe,
die leicht unterzubringen sind. Einen habe ich ja auch nur in der Wohnung, der
andere ist im Verschlag. Durch den Korb liegen die Puppensachen nicht mehr
überall herum, sondern sind aufgeräumt. Dadurch wird manches frei. Siehst Du, so schlecht schießt Du garnicht,
wenn Du gleich eine Elster abschießen kannst. Das schießen ist ja auch gerade
bei Euch draußen in Feindesland wichtig.
Wenn ich Dein Päckchen erhalte, werde ich eine Zahnbürste für Dich
aufheben. Ich habe ja sowieso noch für Jeden eine Ersatzbürste da.
Wie ich aus Papa‘s Brief, der heute auch ankam, lesen konnte, hat er ja
schon Bindfaden an Dich geschickt. Vor 10 Tagen habt Ihr nun Geschützdonner
gehört. Und jetzt sind ja schon Kämpfe an Eurem Platz. Die Zuversicht wegen der
allgemeinen Lage verliere ich nicht, aber um Dich sorge ich mich. Du hast mir in Deinem Brief vom 26.6. ein Bild davon gemalt, wie es um Dich herum
aussieht und was Du so beim Postenstehen siehst. Es hat mich sehr interessiert
und auch gefreut, daß ich durch Deine Schilderung einen kleinen Begriff davon
bekommen habe. Für die mitgeschickten Blumen danke ich Dir sehr. Diese kommen
zu den schon vorher geschichten, die wir ja alle aufheben. Vom heutigen Tag ist nicht viel zu
berichten. Am Vormittag war ich in der Stadt einkaufen, am Nachmittag habe ich
die verschiedenen Körbe zu Vater geschafft. Einen Wirsing habe ich ihm
mitgenommen. Er hat mir (für die Johannisbeeren von gestern) 2 Pfund Mehl
mitgegeben. Die Kinder waren inzwischen bei Ingrid zum spielen. Als wir alle
wieder daheim waren, haben wir erst mal Abendbrot gegessen. Dann sind wir in
den Garten gegangen und haben Johannisbeeren gepflückt. 25 Pfund haben wir
bisher geerntet. Heute früh habe ich auch noch Marmelade gekocht. Sie ist sehr
schö und fest geworden. Das größte Vergnügen für die Kinder ist ja, daß sie
zwischen dem pflücken auch essen dürfen. Ganz geleert werden ja die Sträucher
auch nicht, denn der Rest gehört den Kindern. Da können sie sich bei Appetit
immer etwas holen. Heute Morgen hatte ich mich geärgert. Ich hatte von der
Marmelade Schaum abgeschöpft. Es war ganz lockerer Schaum und schmeckte
herrlich. Die Kinder waren begeistert. Da kam Ingrid und meinte: Sowas essen
wir nicht, das schmeißen wir immer gleich in den Abort.“ Vor kurzem waren wir
auch mal bei Resi. Da lagen mehrere Stücke trockenen Brotes im Abfalleimer.
Helga meinte „oh, das schöne Brot“. Da sagte Resi „Das ist schon zu trocken,
das kann man nicht mehr essen.“ Als Ingrid einmal hörte, daß wir Brotsuppe und
Auflauf essen, hat sie es scheinbar daheim erzählt. Sie sagte später zu Helga
„meine Mutter hat gesagt, da müßte sie sich brechen, wenn sie sowas essen
müßte.“ Was sagst Du dazu? Uns hat es bisher immer geschmeckt und ich bin sehr
froh um das trockene Brot, welches Du uns immer geschickt hast. Wir lassen es
uns auch nicht verleiden. Nun laß mich wieder schließen. Dein Bild mit den
Rosen steht immer noch neben mir auf dem Tisch und Du lächelst mir zu. Bleib
uns weiterhin gesund und sei recht herzlich gegrüßt und vielmals geküßt von
Deiner Annie.
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