Mein liebster
Ernst! 2.8.44
Heute bekam ich
meinen Brief vom 14.7. zurück mit der Bemerkung „Neue Anschrift abwarten“. Nun
weiß ich, daß Du nicht mehr beim Lehrgang bist. Aber sonst weiß ich auch jetzt noch nichts weiter. Ich wäre so
froh, wenn ich wieder einmal einen Brief von Dir erhielte. Solange ich aber
noch keinen bekomme, schreibe ich die wichtigsten Tagesereignisse kurz auf.
Viel kann ich ja nicht schreiben, sonst wird der Brief zu schwer und ich kann
ihn nicht wegschicken. Heute war ich im Kino. Der Film „Der Verteidiger hat das
Wort“ mit Heinrich George wurde gespielt. Am Abend habe ich noch die Socken für
Jörg zum Geburtstag fertig gestrickt. Heute erhielt ich die Todesanzeige von
Alfred Seifert. Am 21.7. hat er bei einem tödlichen Unglücksfall in Ausübung
seines Dienstes sein Leben geofpert. Die Beerdigung hat am 31.7. in Lindenberg
stattgefunden. Um diesen Menschen ist es doch auch schade. 3.8. Heute hatten wir Alarm. In F. und, wie
ich hörte, in Meersburg, seien sie gewesen. Ob das letztere stimmt, weiß ich
nicht. Fr. ist aber gewiß wahr. Heute geht hier das Gerücht um, es sdeien
Flugblätter abgeworfen worden, morgen kämen sie zu uns. Wir werden ja sehen,
was daran wahr ist. Vorläufig gehe ich erst mal schlafen. Für Jörg habe ich
heute noch ein Schlauchboot genäht. Diesmal ein schwarzes. Es sieht ganz echt
aus. Jrög freut sich ja schon mächtig aufden Geburtstag. Gebacken habe ich heute schon 2 Kuchen. Heute ist noch unser Clo kaputt gegangen.
Genau wie das vorige Mal. Es läßt sich nicht mehr abstellen. Jetzt haben wir
einstweileneinen Draht dazwischengeklemmt, damit es wenigstens bis morgen früh
hält. 4.8. Nun ist der Geburtstag von
Jörg auch vorbei. Am Morgen haben wir beschert und ich habe ihm auch in Deinem
Namen gratuliert. Er hat 1 Flieger, 1 Schlauchboot, 1 Bogen mit Pfeil (von
Helga) 1 kl. Tasche für seinen Ausweis, 1 Paar Socken, 1 kl. Säge, Postkarten,
1 Teller Gebäck (von Ingrid)2 Mk. (von Vater bekommen. Er hat sich riesig
gefreut. Jörg meinte, so viel Geschenke habe er sich nicht vorgestellt. Morgens
haben wir STreußelkuchen gegessen. Dann haben die Kinder das Zelt aufgebaut.
Helga und Ingrid haben es Jörg zu Ehren mit Blumen ausgeschmückt. Auf einer mit
einem weißen Tuch bedeckten Kiste haben sie alle nochmals im Zelt Kaffee
getrunken und Kuchen gegessen. Am Nachmittag gab es dann Marmorkuchen und
Pudding. Der Geburtstag ist doch wirklich gefeiert worden, nicht wahr? Aber wer
weiß, ob man es nächstes Jahr noch kann. Vater kam erst gegen Abend. Alarm hatten wir heute keinen. Ja, die
Gerüchtemacher. Ich zerbreche mir bald
den Kopf, warum ich keinen Brief von Dir erhalte. Hoffentlich bist Du ganz
gesund. Es wird hier so manches erzählt, wie schlimm es dort sei, daß es einem
manchmal ganz verzweifelt wird. Ich meine manchmal, der Kopf will mir
zerspringen. Aber man kann grübeln und kommt doch zu keinem ERgebnis. Ach
Ernst, wie glücklich wäre ich, wenn ich wieder eine Nachricht von Dir
bekäme. 6.8. Der große, große Wunsch
ist in Erfüllung gegangen. Heute, am Sonntag, erhielt ich Deinen lieben Brief
vom 1.8. Wie bin ich dumm, statt daß ich lache, kommen mir fast die Tränen vor Freude. Nach so langer
Zeit wieder ein Brief. ERnst, lieber, lieber Ernst! Ich hoff nur, daß Du nicht
noch heftig Diphterie bekommen hast sondern , daß es Dir wieder besser geht.
Sicher wirst Du mir bald wieder Nachricht geben, wie es Dir geht. Vielleicht
hat die Spritze doch etwas ausgemacht, daß es nicht gar so schlimm wird. Du
hast es ja auch schwer gehabt, wenn Du krank noch marschieren mußtest. Es ist
nur gut, daß Du öfter irgendwo aufsitzen konntest. Ich bin direkt dankbar
dafür. Deinen Brief vom 24.7. haben wir
noch nicht erhalten. Der letzte Brief, den wir bisher erhalten hatten, war vom
28.6. Wo Du jetzt bist, bei der Truppeund wie es Dir in den letzten Wochen gegangen
ist, davon habe ich keine Ahnung. Die größte Sorge habe ich mir gemacht, ob Du
auch den Russen entkommen bist. Gottseidank ist das der Fall. Ich bin ja so
froh darüber. Leider ist es ja so, daß in den letzten Tagen immer feindliche
Flieger nach Ostpreußen kommen.
Hoffentlich bleibt Ihr davon verschont.
Heute bekam ich meinen Brief vom 12.7. zurück. Ich schicke ihn mit. Da
ich nicht weiß, welche Briefe Du gekommen hast, schreibe ich Dir heute nochmals
mit, daß unser Radio, bei dem der Widerstand kaputt, vollständig kaputt war,
wieder repariert worden ist. Ein neuer Widerstand ist gleich eingebaut worden.
Ich hatte den Apparat bei Andres in der Paradiesstraße. Ich weiß nicht, ob Du die Zeugnisabschriften
bekommen hast. Die Zeugnisse waren bei Beiden gut ausgefallen. Eine 4 war nirgends dabei. Nur 2 und
einzelne 3, welche ja für normale Leistung jetzt gegeben wird. Heute werde ich Resi sicher wieder besuchen,
die mit Sehnenentzündung im Bett liegt. Sie hatte vorzeitig vom
Kirschenpflücken heimkommen müssen, da sie nicht mehr stehen konnte. Sie hat
schon immer danach gefragt, ob ich Nachricht von Dir hätte. Von Papa erhielt ich einen Rundbrief und
verschiedene neue Briefmarken. Den einen Brief schicke ich Dir mit. Jörg schafft den Brief jetzt gleich mit dem
Rad in die Stadt. Vielleicht erhältst Du ihn doch noch dort. Werde wieder ganz gesund. Ich weiß nicht,
soll ich „recht schnell“ wünschen. So hast Du doch noch einige Tage für neue
Kräfteschöpfen. Leicht wird es dann sicher auch wieder nicht werden. Immer
wieder wünsche ich Dir viel, viel Soldatenglück. Laß Dich für heute recht, recht oft grüßen und küssen von Deiner,
immer Deiner Annie.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen