Mittwoch, 20. April 2016

Brief 146 vom 18./20.4.1941


Mein lieber Ernst!                                                                         Konstanz, 18.4.41                                               

Gestern erhielt ich Deinen lieben Brief vom 16.4. Ich danke Dir sehr dafür. Du bist ja ein rechter Leichtsinn. Gehst vor der Prüfung nicht schlafen, sondern bummelst. Die Hauptsache ist ja, daß Du am nächsten Tag einen klaren Kopf hattest, so daß Du die Aufgabe bewältigen konntest.
Ich dachte es mir schon, daß der Mariner bald ruhig geworden ist, denn ich habe in den letzten Minuten gemerkt, wie er immer seinen Vater angesehen hat und wie er ihm den Abschied nicht so schwer machen wollte. Auch als er sagte „fahrt doch nur bald ab, damit man bald aus diesem Kaff raus kommt“ hat er immer seinen Vater angesehen und es war ihm nicht leicht.
Du schreibst von einem Brummschädel. Ist der vom Arbeiten  oder von dem abendlichen Ausgang gekommen. Morgen ist ja nun der letzte Tag der schriftlichen Arbeiten. Ich glaube, Du wirst auch froh sein, wenn es diesmal Sonntag ist.
Ich habe gestern und heute Vormittag im Garten geschafft. Du wirst es ja sehen, wenn Du herkommst. Heute Nachmittag waren wir im Wald und haben nochmals viel Tee gefunden. Auch Zapfen haben wir mitgebracht. Draußen haben wir gerade eine Übung der Soldaten gesehen. Das war ganz interessant. Etwas unangenehm war nur, daß man überall auf Soldaten gestoßen ist, wenn man beim Tee sammeln war.
Ich wollte Dir eigentlich schon gestern schreiben, aber ich bin nicht dazu gekommen. Erstens war ich so müd und dann hatte ich die ganze Zeit mit Deines Vaters Kopf zu tun. Heute kommt er auch wieder rauf.
Kohlrabisetzlinge habe ich heute besorgt, 30 Stück. Hoffentlich wachsen sie gut an. Die Setzlinge kosten jetzt einheitlich 2 Pfennig das Stück.
Nun schließe ich wieder, ich will den Brief noch an den Kasten schaffen und hinterher muß ich noch den ganzen Tee schneiden. Da ist der Abend gleich vorbei. Nach meiner Müdigkeit zu rechnen, ginge ich am liebsten jetzt schon schlafen.
Verlebe den Sonntag gesund und froh. Ich freue mich schon, daß wir uns bald wiedersehen.
Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.



Mein liebster Ernst!                                                                      Konstanz, 20.4.41

Der Sonntag ist nun gleich wieder vorbei. Wir waren heute nicht zu Hause. 1/4 11 Uhr sind wir nach Hegne gefahren. Die Kinder waren ganz glückselig, daß sie einmal wieder mit der Eisenbahn fahren konnte. Die ganze Zeit haben sie am Fenster gestanden und gejubelt. Von Hegne aus sind wir zu unserer Wiese gegangen. Wir haben auch Schlüsselblumen gefunden, aber wir müssen schon noch einmal gehen, denn viele fangen erst an mit blühen. Wir sind dann durch den Wald noch zu der anderen Wiese gelaufen, wo es auch immer Himmelsschlüssel gibt. Etliche haben wir dort auch gefunden. Wir sind dann wieder nach Hegne zu gelaufen, nachdem wir erst etwas gegessen hatten. Da es noch ziemlich zeitig, 2 Uhr, war und der Zug erst ¼ 5 Uhr fuhr, haben wir uns noch ins Gras gesetzt und uns ausgeruht. Da es schönes Wetter war, sind wir noch bis nach Allensbach gelaufen. Vor dort sind wir dann zurückgefahren, die Kinder haben mich fast umgebracht vor Begeisterung, daß wir noch eine Station weitergefahren sind. Der Tag war sonst schön, aber es ist doch nicht so gut, dort hinzugehen, wo wir sonst mit Dir gegangen sind. Es war  mir oft recht wehmütig und man merkt in solchen Fällen ganz besonders, wie Du uns fehlst.
Ich weiß ja nicht, wie Du den Sonntag verbracht hast. Die schriftlichen Arbeiten für die Prüfung hast Du ja nun sicher hinter Dir. Ich wüßte ja gern, wie es gegangen ist. War es recht schwer? In wenigen Tagen werden wir Dich ja noch einmal bei uns haben, bevor Du wieder weit von uns fortfährst. Da wirst Du uns, bzw. mir ja von Deinen Arbeiten erzählen. Ich bin schon sehr gespannt. Hoffentlich geht die mündliche Prüfung gut vorbei. Es ist dann auch für mich, die ich ja eigentlich nichts dabei schaffe, eine Entspannung, denn ich denke ja immer an Dich und sorge mich um Dich.
Nachher will ich mich ans Teeschneiden machen, denn später kommt Vater, da habe ich wieder mit seinem Kopf zu tun. Er hat immer noch Schmerzen. Etwas besser ist es ja geworden, aber es eitert immer noch.
Unsere Wohnung gleicht jetzt wieder einem Blumen- und Teeladen. Alle Vasen sind mit Schlüsselblumen und Gänseblümchen gefüllt, denn vor allen Dingen Jörg kann ja nie genug Blumen haben. Auch Tee steht überall herum. Aber wie froh sind wir wieder im Winter darüber. Was wir bis jetzt gesammelt haben, ist ja ein guter Anfang für dieses Jahr.
Ich freue mich, daß ich wenigstens den Garten hinter dem Haus fertig habe. Im großen Garten müssen ja noch die Kartoffeln rein. Herr Steinmehl hat sie ja schon rein getan, aber er sagte, er macht den ganzen Garten deshalb schon fertig, weil er glaubt, daß sie wieder fort kommen.
Wir werden uns ja bald wiedersehen und es ist der letzte Brief vorher, den ich heute schreibe.
Sei nun recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Annie.

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